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Montag, 30. März 2020
Chruschtschow Bus Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang M. Buchta   

Heft bestellen - Chruschtschow Bus

Ein Stück Weltpolitik auf Räder steht heute in Zell am See!

Innerhalb von nur 6 Wochen wurde der Konferenzbus von einer Handvoll Mitarbeiter der Zeller-Postbus Garage in sämtliche Teile zerlegt und wieder perfekt zusammengebaut.

  ImageZahlen machen noch keine Geschichte. Sie sind Fakten, Informationen oder Wegweiser, mehr jedoch nicht. Gar keine große Rolle spielen sie im automobilen Lebenslauf jenes Busses, von dem hier die Rede sein wird. Und da liegt schon der erste Teufel im Detail. Die genaue Bezeichnung wäre eigentlich Konferenzbus. Aber damit würde man dem Saurer 5 GVPU ein großes Unrecht antun. Die Geschichte zeichnet hier nämlich eine ungewöhnliche Begegnung auf. Denn der 1951 gebaute Nobeltransporter kreuzte 1961 in Wien die Wege des damaligen russischen Staatschefs Nikita Chruschtschow. Und der Russe wusste von Beginn weg die angenehmen Eigenschaften des speziell für seinen Staatsbesuch umgebauten Saurer-Bus zu schätzen. Er diente der russischen Delegation als Hauptquartier für Konferenzen, als Gipfeltreffen mit dem damaligen US-Präsidenten Kennedy, und als Reisebus quer durchs Land. Unter anderem besuchte die politische Truppe rund um den charismatischen Chruschtschow das Kraftwerk Kaprun. Seit jenen Tagen ist der zuverlässige Saurer unauslöschlich als "Chruschtschow-Bus" in die Geschichte eingegangen.
ImageMarkanter Kühlergrill, der einem US-Schlitten aus den 50er Jahren nahe kommt, filigrane und vertikal eingebaute Doppelscheinwerfer, die durch dezente Blinker unterteilt sind, sowie die dreifach angeordnete Stoßstange, die die imposante Erscheinung des Bus nochmals massiv unterstreicht. Beeindruckend auch das Innenleben des 1959 umgebauten Luxusliners. Zwischen Fahrerkanzel und Konferenzraum trennt eine schusssichere Glaswand mit einer absperrbaren Türe die Reisenden zum Fahrer. Ein zusätzlich eingebauter Sitz hinter der Fahrerkanzel diente damals dem Sicherheitssoldaten als Sitzgelegenheit. Für Extravaganz im Fahrerraum sorgt eine kleine Bordküche, die - man höre und staune - aus einer abschließbaren Metallbox hochgefahren wird. Erstaunt entdeckt man dabei eine winzige Plakette am Kühlschrank, welche die Herkunft der Bordküche preisgibt: SWISSAIR. Genauer gesagt, ein aussortierter Flieger der ehemaligen Schweizer Airline diente damals als Teilespender. So stammen auch die Drehsessel im Konferenzraum aus dem Regal des Fliegers. Alles Sessel aus den First-Class-Kabinen, jeder einzelne Sitz drehbar, und mit einer integrierten Tischablage ausgestattet, die bei Bedarf in die Seitenlehne verschwindet. Für den noblen "Touch" im Innenraum sorgen auserwählte Stoffelemente und schöne Teppiche. Auch 48 Jahre nach dem Staatsbesuch hat der Nobeltransporter nichts von seinem Glanz eingebüßt. Im Gegenteil: Mit der Aura und dem Stolz, ein ganz besonderer Konferenzbus zu sein, führt er heute seine Gäste zu den unterschiedlichsten Orten und diversen Events. Und das auf seine ganz persönliche Art: Er fährt sie nicht dahin, er stolziert mit seinen Passagiere durch die Gegend!
So schön nostalgisch das alles auch klingen mag, beinahe hätte die Geschichte des Chruschtschow- Busses ein völlig anderes Ende genommen. Nach dem russischen Staatsbesuch führte er eine Zeit lang weitere Staatsgäste durchs Land. Im Laufe der Jahre waren seine Dienste jedoch immer weniger gefragt - es wurde langsam still um den einstigen Vorzeigebus, bis er eines Tages ganz von der Bildfläche verschwand. Sein Dornröschenschlaf dauerte bis zum Frühjahr 2007, als ein Mitarbeiter der Verkehrsstelle Zell am See in Wien unterwegs war. Er entdeckte in einer abgelegenen Flugzeughalle inmitten anderer verlassener Busse das ehemalige Luxusmodell der Saurer Werke. In einem erbärmlichen Zustand und von allen vergessen stand er da, staubbedeckt und teilweise vom Rostvirus bereits angefallen. Vom Glanz jener Chruschtschow Tage war nichts mehr vorhanden. Da, wo einst der Russe im geschmeidigen Sessel Platz nahm, um mit Kennedy stundenlang über die Weltpolitik zu debattieren, oder auf der Fahrt nach Kaprun die Pinzgauer Bergwelt bestaunen konnte, türmte sich nun ein stechend stinkender Müllberg.
ImageViel Licht, und ein wenig Schatten - so ähnlich philosophisch muss derjenige Zeller Postbus- Mitarbeiter seinem Chef den Zustand seines einzigartigen Fundes umschrieben haben. Also genug Licht, um den Saurer Bus in einer spektakulären Aktion via Tieflader von der dunklen Flugzeughalle in Wien in die lichtdurchfluteten Hallen der Postbusgaragen in Zell am See zu überstellen. Gerade rechtzeitig, dachte man sich im Kreise der Zeller Retter. Denn es stand das 100-jährige Firmenjubiläum des Postbus vor der Haustüre. Der ideale Event, um so einen geschichtsträchtigen Koloss wieder auf Vordermann zu bringen und einem breitem Publikum vorzustellen. Doch bevor der 1951 gebaute Saurer sich wieder in Glanz und Gloria präsentieren konnte, musste er sich einer tiefgehenden Restauration unterziehen. Die Spuren seines vergessenen Daseins waren erschreckenderweise ersichtlich. So ziemlich alle Elemente waren entweder vom Rost angegriffen, vom Schimmel befallen, oder sonst wie in arge Mitleidenschaft gezogen. Innerhalb von nur 6 Wochen wurde der Konferenzbus von einer Handvoll Mitarbeiter der Zeller-Postbus Garage in sämtliche Teile zerlegt und wieder perfekt zusammengebaut. Nahezu alle mechanischen Elemente, der komplette Motor, einfach alles, was möglich war, wurde repariert und wieder eingesetzt.
Die Aufgabe war klar definiert: die Originalität des Busses sollte so gut wie möglich erhalten bleiben. Und das erwies sich Dank der robusten Saurer-Technik als Glücksfall. Außer ein paar Chromelementen und Verzierungen an der Außenhaut blieb die Substanz von 1951 bestehen. Schwieriger erwies sich die Restauration im Innenraum des "Chruschtschow-Bus". Der Glanz sämtlicher Holzelemente in den Fensterrahmen, Deckenverstrebungen, und die Abdeckungen der eingebauten Geräte war einer hässlichen, nicht näher definierbaren Farbe gewichen. Doch Stück für Stück holten die Mitarbeiter den Schimmer vergangener Tage wieder in den Innenraum des Busses zurück. Auch die Sessel wurden einem "Lifting" unterzogen. Dank eines Insidertipps besorgte sich die fleißige Truppe neue Stoffbezüge, die farblich den alten aufs Haar glichen. Der gesamte Innenraum schaute am Ende der Restauration genau so aus, wie 1959, als der Chruschtschow-Bus die Hallen der beauftragten Umbaufirma Rohrbacher in Wien verließ. Wenige Wochen später strahlte der Luxus-Konferenzbus an den 100 Jahren Postbus-Feierlichkeiten in Zell am See mit dem herrlichen Sonnenschein um die Wette.
ImageMit Sicherheit gäbe der Bus auch heute noch Anlass für viele interessante Anekdoten während seiner Zeit als nobler Transportmittel von Chruschtow im Jahr 1961. So zum Beispiel als mitten in Wien der Schalthebel des Saurer Bus mit einem lauten, metallischen Knall abbrach. Der mitgereiste russische Geheimdienst vermutete sogleich ein Attentat, und befahl, dass sämtliche Insassen, allen voran der russischen Staatschef Chruschtschow, sich zum Schutz gegen den westlichen Feind auf den Boden legen sollten. Minuten später endete der Spuk für die Insassen, als ein verdutzter Fahrer auf den defekten Schalthebel aufmerksam machte. Sicherheit war zu jener Zeit ein tägliches Thema für die Russen. So durften nur ausgewählte Personen am Bus arbeiten, und der Fahrer wurde ausschließlich vom russischen Geheimdienst bestimmt. Als Nikita Chruschtschow das Kraftwerk in Kaprun besuchte, war der Bus in der Verkehrsstelle Zell am See eingestellt. Für die Zeller Mitarbeiter ein unvergessliches Bild: Um den Bus herum standen ein Heer an Männern des Sicherheitsdienstes, die jeden "Fremden" unmissverständlich mit dem Gewehr darauf hinwiesen, wie gefährlich es war, sich dem Bus zu nähern. Die Sicherheit des russischen Gastes hatte damals einen hohen Preis. Was den heutigen Wert des Saurer Bus betrifft, so schwanken die Zahlen beträchtlich. Aber das schöne daran ist, dass Zahlen keine Geschichte machen. Schon gar nicht im Lebenslauf des "Chruschtschow"-Busses.
 
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