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Donnerstag, 26. November 2020
Hilde Maria Kipper Drucken E-Mail
Geschrieben von Harald Hofbauer   

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Besuch bei einer alten Dame - vor 27 Jahren.  Die "Herrenfahrerin" Hilde Maria Kipper (1902-1992)

Text: Harald Hofbauer
Bilder: Familienbesitz Kipper (wenn nicht anders bezeichnet)

 

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Photo Hofbauer
Viele Jahre lang
verbrachte mein Freund als Kind die Sommerfrische in Gams, südlich von Graz bei Stainz am Fuße der Koralpe direkt an der weststeirischen Schilcherstraße.  Mit seiner Familie wohnte er immer im Haus Kipper und schon damals faszinierte den 10-Jährigen, dass seine Pensionsvermieterin in ihrer Jugend gar Autorennen fuhr; die vielen Pokale und Plaketten und Ehrennadeln bewiesen es und sie schmückten den Frühstücksraum, wie anderswo etwa Kalenderbilder.  Eine Sehnsucht, angeregt durch einen Zufall, packte meinen Kollegen im Februar 1984, als er in Graz weilte, seine Kindheitserinnerung noch einmal wachzurütteln und Frau Kipper zu besuchen - und ich durfte mit von der Partie sein.
Natürlich hat sich der Ort, der sich seit 1980 Bad Gams nennt, stark verändert und der schneelose Vor-Frühlingstag zeichnete ein ödes Bild von der ihm im warmen Sonnenlicht bekannten Sommerfrische. So manche bauliche Veränderung wollte nicht gefallen und aus der Kindheit in der Erinnerung erhaltene Größenvorstellungen konnten kaum eingeordnet werden.  Aber zu Frau Kipper fanden wir wohl.
Zuvor stärkten wir uns im Dorfwirtshaus, dessen Innenleben sich nicht verändert zu haben schien.  Peter und ich kannten einander als Studienkollegen bereits 10 Jahre lang und unternahmen oft - während des Semesters - kleinere Spritztouren, ins Elsass nach Mülhausen zu den Bugattis der Gebrüder Schlumpf (siehe Bild- u. Textreportage im KURIER), nach Nesselsdorf (Tatra) und Maffersdorf (F. Porsches Geburtsort) ins Böhmische oder einfach nach Venedig ins Casino ..., meist Automobilhistorischem auf der Spur und stets begleitet von Peters rotem und später grauem Volvo Amazon P121.
Sonntag, 26. Februar 1984: Das Haus in Bad Gams Nr. 39 stand offen da und als wir eintraten, dauerte es keine 2 Sekunden und Frau Kipper erkannte "Ihren Peterle" nach mehr als 10 Jahren sofort wieder!  Gleich wurden wir bewirtet und das Gespräch lenkte bald zum Thema "Automobil".  Mit ihren damaligen 82 Jahren, geboren am 2.  Mai 1902 hier in Gams/Steiermark, fährt Frau Hilde Maria Kipper noch selbst ihren Peugeot 504 Kombi und wundert sich immer wieder, dass man das Differenzial nicht mehr regelmäßig über die (nicht mehr vorhandenen) Schmiernippel warten müsse.
ImageWir wollen aber etwas mehr aus ihren Renntagen mit ihrem Austro Daimler ADM II und dem Gräf und Stift wissen.  Freudig darauf angesprochen erzählt uns Frau Kipper, wie sie im Jahre 1926 als einzige Frau auf einem Puch VIII ihre Führerscheinprüfung abgelegt hat; eine Frage dabei lautete, wer einen Automobilisten aufzuhalten berechtigt sei: Frau Kipper antwortete damals: "a) der Polizist, b) der Straßenmeister" und in der Zusatzfrage hieß es, wie diese beiden Organe zu erkennen wären: "Der Polizist trägt Uniform und den Straßenmeister würde sie erkennen am Besen", antwortete Frau Kipper, was großes und langes Gelächter bei der Prüfungskommission hervorrief, wie sie uns beiden mit funkelnden Augen erzählte.  Somit war Frau Kipper, die sich das Fahren aus dem Buch selbst lehrte, stolze Lenkerberechtigte.

Rennkarriere beginnt. Bald nach dem "Schein" bewarb sich Hilde Maria Kipper als ÖTC-Mitglied bei Wertungsfahrten und trug viele Auszeichnungen davon, die sie in zwei Wandvitrinen zur Erinnerung aufbewahrt und unsere Bewunderung gefunden hat: Den Silberbecher erhielt sie als Siegerin der "Bergland-Jubiläumsfahrt 1928", die Inschrift am Pokal lautet: "7. Nationale Berglandfahrt 1929 des St.M.C.-Ehrenpreis des Opern Cafe u. Bar, Kategorie 3 "Beste Zeit" Flachprüfung, 2 Plaketten "Zielfahrt nach Wien 1929", Gesellschaftsfahrt-Budapest 1931, Tourenfahrten und "1. Damen Wertungsfahrt 4. 10.  1931", Auto-Motores-Het 1931 des K.M.A.C.  Budapest B.S.E., Fahrt um den Österr. Alpenpokal Kartell, Automobil-Club Österreich ...
In ihrer Art hat sie vom Altersgram gar nichts angenommen, im Gegenteil: Frau Kipper ist lustig und unternehmungsfreudig geblieben, hat nichts gegen Altsein, will aber von der Vergangenheit nichts wissen.
In einem großen Wäschekorb lässt uns Frau Kipper dann nach alten Photos aus den Renntagen wühlen. Beim Betrachten dieser Dokumente fallen ihr dann verblüffende Einzelheiten ein, wie z. B. das Anhängen und Verplomben an das Lenkrad nach der Abwaage, oder der Irrtum bei der Budapest-Fahrt, als sie Wasser statt Benzin im Kanister hatte und daher ausfiel, u.a.m.  Unsere Hilde Maria Kipper steht also wie Frau Elisabeth Junek aus Prag (Bugatti - 1927 als erste Frau fuhr sie die Targa Florio und kam auf Platz Zwei), Frau Suzanne Koerner (NSU ), Frau Erna Richter (Brennabor) und Frau Hanni Köhler (auf Motorrad) auf einem gebührenden Podest.
ImageAm 28. Oktober 1923 fand in Wien (Praterallee, Start beim Lusthaus) das Erste Damen-Automobilrennen statt. "Damen am Volant zu sehen ist keine Seltenheit", so schreibt die illustrierte Zeitschrift "Das interessante Blatt"- und die Automobil-Zeitung "Motor" titelte im Juli 1927: "Die Dame am Steuer, Endlich erreicht - auch das Auto erreicht".  Frau Kipper sagt dann so zwischendurch, dass sie sich "heute jenseits zwischen Gut und Böse fühle"- und überhaupt sage sie alles, was sie sich denke, - sie dürfe sich das erlauben.  Täglich macht Frau Kipper auf dem Flügel Fingerübungen und pflegt dabei ihre musische Ader.
Ohne zu zögern erzählt sie uns dann, dass sie eigentlich keinen Beruf erlernt habe, da sie nichts interessiert habe, außer Zeitungsberichte zu verfassen und sich der Musik zu widmen; sie hat am Konservatorium in Graz Klavier studiert.  In den Jahren vor 1930 lebte Hilde Maria mit ihrem Mann Hans kurzfristig in Hollabrunn (daher auch das NÖ-Kennzeichen B 15.214) beim Schwager und Gymnasialprofessor Heinrich Kipper, der dort im Weinviertel an der seinerzeit bestandenen Lehrerbildungsanstalt seit 1918 unterrichtete und als Erzähler, Lyriker und Dramatiker zum Kreis der Volks- und Heimatschriftsteller zählt. Ihr Mann, Hans, Offizier im 1.WK - von Beruf Volksschullehrer - und 13 Jahre älter als Hilde Maria sowie Schwager Heinrich waren von Geburt Buchenland-Deutsche aus Illischestie/ehem. Kronland Bukowina (heute Rumänien). Das alte Familienwappen aus der Bukowina existiert heute noch.
Als Steirerin hat sie die Gegend um das heutige Hollabrunn nur als "grässlich, öd und eben" in Erinnerung, das betonte uns gegenüber Frau Kipper sehr bestimmt.  Die Tätigkeit als Chefautorin ihrer Frauenzeitung der 30er Jahre "Lachen und Weinen" beendete sie aber dann und die Familie zog 1935 von Hollabrunn nach Gams, wo ein neuer Lebensabschnitt begann.
Der Herausgeber der Unabhängigen völkischen Wochenzeitung für Deutsch-Österreich (1919-1934 erschienen) "Michel wach auf" (Herr Hans Kipper) und die Herausgeberin vom Familienblatt "Lachen und Weinen" (bis 1937 erschienen) Frau Hildemaria Kipper wurden Gastwirte in Gams.  Die Fremdenpension wurde sehr erfolgreich, der Tourismus nahm zu und auch die Gegend um Gams begann zu blühen.
ImageDas Gästehaus "Hilde-Maria" steht 1984 bereits leer und manches Mal kommt Besuch von ehemaligen Sommerfrischlern, die sie alle noch erkennt, obwohl das Augenlicht leider schon sehr nachlässt, wie sie uns verrät.  Vis-á-vis von ihrem Haus baute Sohn Michel Kipper mit seiner Frau Dr. med. Herta Kipper, das "Kurhotel Dr. Kipper", jetzt "Gesundheitshotel MR. Dr. Kipper" benannt, und auch im Parkhotel, von Tochter Hiltrude geführt, findet der anspruchsvolle Kurgast alles, was zur Gesundung und Erholung förderlich ist, ob beim Kneippen oder bei den Trinkkuren der Eisenheilquellen.  Der Namenszusatz "Kurort Bad" Gams (seit 1.  Juli 1980 amtlich) ist auf Grund der vor mehr als (jetzt) 78 Jahren von Hilde Marias Mann, Hans Kipper, entdeckten heilenden Wirkung des eisenhältigen Wassers und der erfolgten Anerkennung der "Michel-Quelle" zur Eisenheilquelle durch das Amt der Steiermärkischen Landesregierung im Jahre 1957 zustande gekommen.  Nach Tochter Gudrun, die ebenfalls in Bad Gams lebt, wird die zweite Kipperquelle benannt.
Das berühmte "Kipper-Wasser" wird als Trinkkur in Flaschen einerseits als "Michel-Quelle" (gegen Blutarmut) oder andererseits als Natürliches Mineralwasser "Gudrun-Quelle" (natriumarm) gegen Magenübersäuerung abgefüllt oder dient als Badequelle bei Hauterkrankungen.  Trinkzeiten (jeweils für 15 min) in der Kipper- Trinkhalle: täglich zu den Zeiten 7:30 Uhr, 10:00, 15:00 u. 17:00.
Die Familie Kipper machte damit Gams als Kurort Bad Gams weltbekannt.  Und, wäre es nicht wahr, so käme die Geschichte dem Stoff eines Rosamunde-Pilcher-Romans gleich:
Peter heiratete bald nach dem Besuch bei der alten Dame seine langjährige Freundin Angelika in Bad Gams; bei den vielen gemeinsamen jährlichen Sommerurlauben in Gams in ihrer Kindheit haben sie sich regelmäßig getroffen, später jedoch aus den Augen verloren, und wieder gefunden.  Ich durfte als Chauffeur des Brautpaares das weiße Mercedes-Cabrio 300 SEC am 29.  Juni 1985 lenken, das war vor 27 Jahren.  Frau Kippers Rennfahrerkarriere ist in der heute aufgelegten Automobil-Fachliteratur aber auch in Bad Gams selbst relativ unbekannt.
Hildemaria Kipper ist im 91. Lebensjahr am 19. August 1992 verstorben; ihre Urne liegt im "Kipperpark" in der evangelischen Familienkapelle beigesetzt.
Wir Sammler alter Vehikel und Bewunderer alter kraftfahrender "Automobilistinnen und Automobilisten" erlauben uns hiermit, uns nachträglich noch ins Kondolenzbuch mit großer Hochachtung an Frau Hildemarie Kipper mit den Initialen der typischen Austro Daimler-Radnabe einzutragen und verneigen uns, sie dem Vergessenwerden zu entreißen.
 
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