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Sonntag, 8. Dezember 2019
Österreichische Luftfahrtgeschichte Drucken E-Mail
Geschrieben von Robert Krickl   

Heft bestellen - Österreichische Luftfahrtgeschichte

Österreichs Griff nach dem Himmel

Die vergessene Geschichte der "Avis"

Text: Robert Krickl
Photos: ishootpeople.at

 

ImageÖsterreich hat eine große Vergangenheit in Sachen Luftfahrt. Unter den Pionieren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Entwicklung der frühesten Motorflugzeuge und ihrer Motoren beteiligt waren, finden sich einige allseits bekannte Namen wie etwa Wilhelm Kress, Igo Etrich, Karl Illner oder Ferdinand Porsche.  Es ist ihr Verdienst, dass Österreich-Ungarn als eine der absolut führenden Luftfahrtnationen galt, in der viele internationale Rekorde gehalten wurden. Dann kam der Erste Weltkrieg, der die Entwicklung der Flugzeuge ungeheuer beschleunigte.  Die Hochleistungsapparate an seinem Ende hatten nur mehr wenig mit den primitiven Maschinen an seinem Anfang gemein.
Das eindrucksvollste Relikt aus jener Zeit ist der Aviatik Berg DI Doppeldecker, der heute im Technischen Museum Wien ausgestellt ist.  Nach dem verlorenen Krieg war jedoch nichts wie zuvor - in politischer, wirtschaftlicher, aber auch technischer Hinsicht. Der Verlierernation Österreich wurde zunächst die gesamte Luftfahrt rigoros verboten. Es war das Ende aller bestehenden Fabriken, alle vorhandenen Flugzeuge wurden ausgeliefert, der Neubau untersagt und die Flugplätze unter Aufsicht der Sieger gestellt.
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Buch & Information www.avis-werke.at
Das war zu jener Zeit sehr empfindlich, da die Technik erstmals so weit war um einen internationalen Luftverkehr zuzulassen. Es hieß "Jetzt oder nie!", wenn man sich ein Stück dieses zukunftsträchtigen Kuchens sichern wollte. Nach sehr langsamer Lockerung der Verbote konnten die Verlierer Österreich und Ungarn erst 1923 ihre eigenen Betriebe ins Rennen schicken. Dies war die Geburtsstunde der ÖLAG (Österreichische Luftverkehrs AG), aus der später die AUA hervorgehen sollte. Der patriotische Name ist jedoch ein wenig täuschend: Das Unternehmen wurde damals in Medien und Öffentlichkeit eher als deutsch angesehen, denn es verwendete in Deutschland gebaute Flugzeuge, die AG gehörte de facto zur Hälfte dem deutschen Junkers-Konzern und man war auch nur ein kleines Glied in der Kette der von Junkers organisierten Flugvereinigung "Trans-Europa-Union". Es ist interessant, dass die Geschichte sich immer wieder zu wiederholen scheint: Aus der ÖLAG wurde die AUA und die Junkers-Luftfahrt ging in der Lufthansa auf. Heute gehört die AUA wieder der Lufthansa, mit allen Begleiterscheinungen über die wir gerade in den Zeitungen lesen können...
Parallel dazu entstand hierzulande jedoch ein Mitbewerber, der sich rühmte als einziges österreichisches Unternehmen, mit österreichischen Flugzeugen und österreichischem Personal, die Interessen der jungen Republik in dem sich gerade etablierenden Luftverkehr zu vertreten: Die "Avis", die in den 1920er Jahren für Furore sorgte, heute jedoch in vollständige Vergessenheit geriet. In dieser G.m.b.H. wurden alle damals vorhandenen Kräfte gebündelt, die das Land aufbieten konnte: Organisatoren, Flieger- und Konstrukteurslegenden aus dem Ersten Weltkrieg (die Flugzeuge entsprangen etwa der Feder von Julius von Berg, ebenso wie der bereits oben erwähnte Doppeldecker im Technischen Museum).
ImageFrankreich, England, Deutschland,... überall wurde voll Anerkennung über die Aufsehen erregenden Apparate aus der ersten, neuen Flugzeugfabrik der Republik Österreich in Brunn am Gebirge (Bezirk Mödling, Niederösterreich) berichtet. Darunter befand sich auch das erste österreichische Großflugzeug, das bis zum heutigen Tag auch den Titel der einzigen dreimotorigen Maschine hält, die in der Republik hergestellt wurde. Von ihrem legendären Einsatzflugplatz Wien-Aspern brachen die "Avis"-Flieger zu spektakulären Flügen auf, die durch halb Europa führten. Ruf und Ansehen waren aus heutiger Sicht unglaublich: Sogar aus weit entfernten Ländern wie Ägypten kamen eigens Flugschüler hierher um in der renommierten Flugschule des Unternehmens zu Piloten ausgebildet zu werden. In Deutschland bot ein namhafter Modellflugzeughersteller kleine Standmodelle ihrer Flugzeuge an (wohlgemerkt: in den 1920er Jahren!), hierzulande waren die Flugzeuge Motive für Postkarten und sogar Kinofilme.  Luftpostbeförderung, Einsätze fürs Militär, Flugmotorenbau,... das und noch einiges mehr wurde betrieben, während man sich anschickte, ein Global Player im sich gerade erst etablierenden internationalen Linienverkehr zu werden.
Die guten Ideen fielen aber leider auf den denkbar ungünstigsten Boden. Trotz technischer Erfolge platzte der Traum an der politischen und wirtschaftlichen Situation in der Ersten Republik. Es war ein tödlicher Cocktail aus den Auswirkungen von ausländischem Protektionismus, fehlender Unterstützung durch den eigenen Staat und der bald eintretenden Weltwirtschaftskrise, die das Unternehmen zwangen die Luftfahrt aufzugeben. Flugzeuge und Gebäude sollten aber bis in den Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle für die österreichische Luftfahrt spielen. An ihre Erfolge und Ansehen konnte hierzulande lange Zeit niemand anschließen.
ImageDanach geriet die "Avis" praktisch vollständig in Vergessenheit. Eine 2010 am einstigen Werksstandort durchgeführte Umfrage ergab, dass über 99% der dortigen Bevölkerung keinerlei Ahnung von der nur wenige Generationen zurückliegenden Flugzeugproduktion besaß.  Aus diesem Grund wurde das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet, mit viel Akribie alle noch verfügbaren Dokumente zusammengetragen und die letzten Zeitzeugen befragt. Das Ergebnis ist die erste umfassende Monographie, die zu diesem Thema erhältlich ist. Darin finden sich nicht nur zahlreiche vollkommen neue und verblüffende Erkenntnisse zur "Avis", sondern durch Einbeziehung des gesamten Umfelds auch viel bisher Unbekanntes über den Flugplatz Aspern, die ersten Fokker-Verkehrsflugzeuge in Österreich, die Anfänge der ungarischen Luftfahrt, erste Luftpostbeförderung, zeitgeschichtliche, wirtschaftliche und politische Verhältnisse in der Ersten Republik u.v.m. Der Autor hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses vergessene Kapitel rot-weiß-roter Luftfahrtgeschichte wieder ins allgemeine Gedächtnis zurückzubringen und bietet hierzu Multimedia-Vorträge (etwa auch mit detailgetreuen 3D-Simulationen der Flugzeuge und Gebäude), Schulprojekte, Ausstellungen und Veranstaltungen an. Wie in dieser Zeitschrift bereits letztes Jahr berichtet wurde, wurden die Flugzeuge hierfür eigens nach Originalplänen als ferngesteuerte Modelle im Maßstab 1:10 nachgebaut. All das erinnert nach knapp einem Jahrhundert an die großartigen Leistungen von Luftfahrtpionieren.
 
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