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Sonntag, 8. Dezember 2019
Radrennsportgeschichte aus Österreich Drucken E-Mail
Geschrieben von Franz Pulkert   

Heft bestellen - Radrennsportgeschichte aus Österreich

Von Fliegern und Stehern

Als in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg langsam wieder die Normalität in die zerstörten Städte Österreichs Einkehr hielt, waren die Möglichkeiten Sport auszuüben aus heutiger Sicht bescheiden.  Dafür aber war das Interesse in der Jugend groß und den Athleten ein dankbares Publikum stets sicher.

Text: Franz Pulkert
Pressephotos: Franz Fink

 

ImageAls Sohn eines arbeitslosen Herdschlossers 1933 in Wien-Ottakring geboren - die Mutter arbeitete bis zu seiner Geburt als Dienstmädchen bei einer Lehrerfamilie - erlebte Alfred Reiter die Kriegstage und die unmittelbare Nachkriegszeit als Tage voller Abenteuer und Herausforderungen.
Das Fahrrad spielte in seinem jungen Leben bereits eine wichtige Rolle: sein schweres schaltungsloses Rad benutzt er, um über die halbzerstörte Floridsdorfer Brücke in die Umgebung Wiens bis ins Weinviertel zu gelangen. Dort "hamstert" er für seine Mutter Lebensmittel.  Das Wien dieser Monate ist eine harte Schule für Burschen wie Alfred, aber er lernt seinen Willen durchzusetzen und in schwierigen Lebenslagen zu improvisieren. Eigenschaften, welche Alfred Reiter später noch von großem Nutzen sein sollten.
Als Lehrling besucht er die Berufsschule in der Wiener Mollardgasse und im Sommer 1947 veranstaltet die Schule ein Radrennen. Alfred nimmt daran teil und lässt am Schwadorfer Berg seine Konkurrenten trotz seines plumpen Nicht-Renners mit Wulstreifen einfach stehen - eine Platzierung unter den Ersten ist die Überraschung des Tages! Im allgemeinen Trubel und in seiner verständlichen Aufregung überlässt er im Gedränge der Preisverleihung einem Unbekannten kurz sein Rad zum Halten. Als er es wieder übernehmen will sind Rad und Helfer verschwunden. Der Schock ist groß, die Verzweiflung ist dem 14-Jährigen ins Gesicht geschrieben - was wird die Mutter sagen wenn er das für die Versorgung der Familie so wichtige Fahrzeug verloren hat!? Aber auch die Hilfsbereitschaft damals ist groß und so beginnt nun ein beispielloses Unterstützungsprogramm zu laufen. Zuerst lässt die Schule eine Spendenschachtel zirkulieren - mit dem Erlös lassen sich neue, leichte Laufräder beschaffen. Der Radhersteller Hamedl in der Zieglergasse im 7. Bezirk ist auf den jungen Mann aufmerksam geworden - Alfred erhält einen RI H-Rennrahmen zur Verfügung gestellt und von der Fa. Schaffer in der Wiener Neubaugasse bekommt er einen Lenker ... alles auf Lieferschein! So unterstützte man damals unkompliziert und unbürokratisch junge Talente.
ImageSo beginnt für Alfred Reiter eine Zeit der Rennerfahrungen und die Teilnahme auch an internationalen Rennen. Er gewinnt im Mai 1952 den Internationalen Bäderpreis auf der Weinbergstrecke um Bad Vöslau in Niederösterreich.
Als sich die französische Militärverwaltung unter Hochkommissar General Béthouart an die Österreichische Radsportkommission in Wien wendet einen Sportler auszuwählen, um ihn nach Westösterreich zur Teilnahme an der Kitzbühler Alpenrundfahrt zu entsenden (Österreich ist ja noch "besetzt" und in vier Militärverwaltungszonen aufgeteilt) wird Alfred Reiter ausgewählt.  Dieses Rennabenteuer über 240 km Alpenpässe wird für den noch jungen Sportler zum wichtigen Wendepunkt. Zwar absolviert er das Rennen innerhalb der Kontrollzeiten aber ein Platz am Podest scheint in weiter Ferne. Er erkennt aber, dass er auf Grund seiner Anlagen und seiner Physiognomie nicht für die Langstrecke geeignet ist. Seine Stärke liegt im Sprint und im kräftigen Antritt.
Das hat wohl auch sein Trainer - der ehemalige Bahnrennfahrer und österreichische Meister Alfred Mohr - erkannt, denn er bringt Alfred nun ganz gezielt die Tugenden des Bahnsportes bei.  Reiter, der den Trainer stets respektvoll per "Sie" und mit "Herr Mohr" anspricht, profitiert ungemein vom Wissen des erfahrenen Sportlers. Dieser begleitet ihn auf seiner BSA Golden Flash auf den Trainingsausfahrten, fordert ihn etwa am Anstieg zum Tulbinger Kogel immer wieder sein stark beschleunigendes Motorrad zu verfolgen und zu versuchen es einzuholen. So entwickelt Reiter einen kraftvollen Antritt welcher nicht nur seine Gegner demoralisiert, sondern auch oft genug das Material demoliert. Rahmen biegen sich, Kurbeln, Pedale und sogar Lenker brechen. Den "Spruch" der Golden Flash hat er noch heute im Ohr. Und auch an die "Alkohol-JAP" erinnert er sich gerne, die ihm der Motorradrennfahrer Josef Kamper borgt, um auf der Sandbahn in Eisenstadt ein paar Runden mit der "Eisensohle" zu drehen.
Bereits in diesen Jahren wird den Sportlern ein Grundwissen über Ernährung vom Verband vermittelt, und es wird bereits auf Muskelaufbau, Belastungs- und Ruhezyklen etc. geachtet. So ist etwa den Sportlern im Winter das Trainieren am Rad im Freien verboten: Da wird dann in der Wiener Boxschule im Dianabad Schnurgesprungen und mit dem schweren Medizinball geübt.
ImageNatürlich ist nicht alles davon auch heute noch anerkannte Trainingsmethode. Manches hat sich bald als der Gesundheit wenig zuträglich erwiesen.  Reiter aber hat das nicht geschadet, mittlerweile fährt er eine RI H-Bahnmaschine und feiert im offenen Beton-Oval im Wiener Prater große Erfolge.  Reiter wird 1954 und 1955 Österreichischer Meister der "Flieger". Bei diesen in Turnierform abgehaltenen Sprintrennen auf Bahnrundstrecken wird Sieger, wer als erster die Ziellinie überquert, wobei die gefahrene Zeit nicht relevant ist. Dies führt dazu, dass die Fahrer in der Regel während der ersten Runden extrem langsam fahren, sich belauern und teilweise sogar Stehversuche machen. Verständlich dass diese Rennen ein großes Publikum fanden!
Auch bei Steher-Rennen kann Reiter Erfolge aufweisen. Simpel ausgedrückt hat hier der Rennfahrer einen Motorradfahrer vor sich, welcher den Wind durch aufrechtes "Stehen" brechen soll. Noch heute erinnert er sich mit leichtem Schaudern an schwere Unfälle die er damals miterleben mußte. Schließlich fuhren auch die Motorräder ohne Bremsen und immer an der Rolle hinter dem Hinterrad der Maschine zu bleiben um ja nicht "abzureißen" war eine ziemliche Kunst. So hatten die Fahrer der Motorräder (meist selbst ehemalige Bahnrennfahrer) nach hinten offene Klappen in ihren Lederhelmen damit sie die Anweisungen ihrer Radfahrer besser hören konnten.
ImageSein letztes offizielles Rennen bestreitet er 1957 rund um die Montanistische Hochschule in Leoben in der Steiermark. Man wollte dem steirischen Publikum wohl die Attraktion bieten, dass der Lokalmatador Franz Deutsch einen Wiener Meister besiegt. Das Rennen führte über 80 Runden. Jede zehnte Runde wurde mit einer großen Bronzeglocke eingeläutet. Der erste Fahrer erhielt dann 6 Punkte, der zweite 5 usw. Die "Welt am Montag" berichtete damals: "Am Start waren bekannte Fahrer wie Deutsch, Schweiger und Lanzmeier ... der zumindest auf steirischem Boden unbekannte Wiener Reiter fuhr unauffällig, war bei den Wertungen jedoch stets mit dabei und zeigte einen unerhört schnellen Antritt.  Sein Sieg war verdient."
Alfred Reiter war damals bereits sehr mit den Schritten in den nächsten Lebensabschnitt beschäftigt.  Der Besuch der Abendschule an der Berufsgewerbeschule in der Schellinggasse neben dem Beruf des Elektromonteurs ließ dem jungen Ehemann wenig Zeit und Kraft für den Spitzensport. Mit Gattin Edeltraude wurde er nach einem Rennen bekannt. Sie saß zuvor im Publikum, es "funkte" und sie ließ sich ihren Fredi nie wieder nehmen - noch heute, 53 Jahre später sind sie glücklich verheiratet.
Der Radsport war ein wichtiges Kapitel und legte wohl ein besonders tragfähiges Fundament für ein aufregendes Leben das nun folgte. Es soll hier nur in Stichworten erwähnt sein: erfolgreicher Bauingenieur, Flugschein, Wüstenexpedition, Segelpatent, Restaurieren eines mittelalterlichen Turmes als Zweitwohnsitz in Spanien, Studium an der philosophischen und juridischen Fakultät an der Universität Wien ... und so fort.  Für Alfred Reiter galt schon seit jeher der Begriff "Unruhestand".
Dr. Alfred Reiter lebt mit Gattin und zwei Hündinnen in Haus und Garten in Wien Floridsdorf und im Turm in Villajoyosa (Provinz Alicante) an der spanischen Südküste.
 
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