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Freitag, 6. Dezember 2019
Bürserberg Rennen Vorarlberg Drucken E-Mail
Geschrieben von Dietmar Gasser   

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Donnergrollen im Brandnertal

Vor 66 Jahren fand das letzte von insgesamt fünf Motorradrennen von Bürs nach Bürserberg statt.

Text: Dietmar Gasser
Photos: Bildarchiv Manfred Noger

 

ImageDie Bürserbergrennen liegen schon so lange zurück, dass heute selbst gebürtige Bürserberger jüngeren Jahrgangs noch nie davon gehört haben!  Die Geschichte der Bürserbergrennen beginnt in den "Roaring Twenties", den goldenen 1920er-Jahren. Im Ländle "donnerte" man erstmals 1926 mit Rennmotorrädern beim Achrainrennen von Haselstauden nach Alberschwende, dann folgten die beiden Arlbergrennen und 1929 gesellte sich dann am 11. August das erste Bürserbergrennen dazu. Die Sektion Bludenz des Österreichischen Touring Clubs (ÖTC) hatte damals zuvor schon im Jänner das erste Motorrad-Skijöring in Vorarlberg organisiert und wagte sich nun an eine größere Aufgabe heran.
Mit der geschotterten Straße von Bürs nach Bürserberg hatte man eine ideale Bergrennstrecke auserkoren. Die Piste war 3,71 Kilometer lang.  Sie begann hinter den letzten Häusern von Bürs und endete vor den ersten Häusern in Bürserberg.  Der Strecken-Telefondienst wurde durch den Telegrafenzug des Alpenjägerbataillons besorgt.  Zur ersten Teilnahme hatten sich 38 Fahrer dem Starter gestellt. Die damalige Créme de la Créme der Vorarlberger Motorradrennfahrer fieberte dem Rennen entgegen: Der Bregenzer Herbert Kiene auf einer BMW, Rudolf Schweitzer (Bludenz/Norton), Franz Ellensohn (Feldkirch/Puch), Anton Markl (Bludenz/Sunbeam), Albert Schlachter (Lochau/BMW), Karl Vormaier (Dornbirn/BSA), der Lokalmatador Rudolf Mähr (Bürs/Sunbeam) oder der Dornbirner Walter Hölzl auf seiner Douglas-Maschine. Zu den Lokal-"Kapazundern" gesellten sich auch noch bekannte Fahrer aus Tirol und der Schweiz dazu.
Es gab vier Klassen: Maschinen mit stehenden Ventilen, mit hängenden Ventilen, Sportmaschinen und Motorräder mit Beiwagen, die wieder in ihre jeweiligen Hubraumklassen unterteilt wurden. 28 Firmen oder Privatpersonen hatte Preise gespendet, die zuvor öffentlich ausgestellt waren, um das Interesse zu steigern. Das offizielle Training fand am Freitag und Samstag jeweils in der Früh von 4.00 bis 6.00 Uhr statt.  Am Rennsonntag strömte aus allen Teilen des Landes ein Menschenstrom nach Bürs und Bürserberg, der erst um 14.00 Uhr - dem Beginn des Rennens - abriss. Tagesbestzeit erreichte der Schweizer Josef Zuber mit 4:30,20 min auf seiner Condor, was einen Schnitt von 49,40 km/h bedeutete. Dahinter landeten Walter Hölzl und Rudolf Mähr auf den Plätzen zwei und drei. Am Abend fand im Fohrenburgsaal in Bludenz die Preisverteilung statt.

ImagePrämie für Streckenrekord.
Für das zweite Rennen am 29. September 1930 wurde die Strecke auf 4,08 km verlängert. Es meldeten sich nur noch 27 Fahrer zum Rennen. Die große Begeisterung der Zuschauer aber blieb: Besonders an der letzten Kurve vor Bürserberg waren die Wiesenhänge schwarz vor Zuschauern. Vorjahressieger Josef Zuber war wieder nicht zu bezwingen und drückte seinen Rekord auf 4:20,16 min. Ihm am nächsten kam der Bludenzer Anton Markl mit zehn Sekunden Rückstand. Dritter wurde der Innsbrucker Fritz Neuner. Im Jahr darauf wurde das Rennen in der herrlich gelegenen Gebirgsgegend bereits im Juli ausgetragen. Der ÖTC hatte zuvor für die Unterbietung des Streckenrekords 300,- öS und für den besten Vorarlberger Fahrer 200,- öS ausgesetzt. 34 Fahrer waren "heiß" auf das Preisgeld. In der Nennliste fanden sich immer bekanntere Namen. So waren jetzt auch der amtierende Ländle-Bergmeister Rudolf Wlcek (Bregenz), Willy Schweitzer (Bludenz), Hans Häfele (Hohenems) oder Hermann Mäser (Feldkirch) mit von der Partie. Aus Innsbruck reiste der allseits bekannte Otto Mathé an. Erneut siegte zum dritten Mal in Folge der Condor-Werksfahrer Zuber aus dem Kanton Glarus, der seinen eigenen Streckenrekord um weitere drei Sekunden drückte. Acht Sekunden dahinter wurde Rudolf Wlcek mit seiner englischen Triumph Zweiter und kassierte die 200,- öS Prämie.  Mathé musste wegen Maschinenschaden aufgeben.

Image4000 Fans, Pech für Lokalheld. Das vierte Rennen nach Bürserberg wurde nach vier Jahren Unterbruch am 8. September 1935 ausgetragen.  Wieder ging der Tagessieg außer Landes, dieses Mal nach Tirol: Der Innsbrucker Toni Untermarzoner (Sunbeam) siegte, verfehlte aber die Zuber-Rekordzeit um knappe zwei Sekunden, weil sich der Zustand der Straße mittlerweile arg verschlechtert hatte. Der Bludenzer Willy Schweitzer hatte zwar im Training auf seinem "Hausberg" mit seiner Norton den Rekord mit 4:16,07 min inoffiziell unterboten, im Rennen ging ihm aber in einer Kurve die Straße aus, was viel Zeit kostete. So wurde Hans Häfele (Hohenems) als Zweiter bester Ländle-Vertreter. Häfele gewann 1935 auch die separat ausgeschriebene Vorarlberger Motorrad-Bergmeisterschaft. Gesamtdritter: Franz Ellensohn, der sich mittlerweile eine 500er Sunbeam zulegte. 4.000 Zuschauer feuerten auch die einzige Dame im Feld, die Lokalmatadorin Maria Wachter, an, die in der Klasse bis 250 ccm Neunte wurde. Bei ihrem Gasthaus "Traube" in Bürs befand sich der Start sowie das Fahrerlager.

Image1946 war die Hölle los. Die beginnenden Kriegswirren und der Zweite Weltkrieg sorgten dann nochmals für eine elfjährige Unterbrechung, ehe am 15. September 1946 das fünfte und letzte Bürserbergrennen zur Austragung kam, weil danach die Rundstreckenrennen in Lustenau, Dornbirn und Rankweil aufkamen. So kurz nach dem Krieg war das Bürserbergrennen 1946 sogar die größte Motorsportveranstaltung Österreichs! Die Zuschauer waren nach den vielen Jahren der Entbehrungen gierig auf dieses Ereignis, lechzten nach Sensationen. Fahrer reisten von Wien, Salzburg, Tirol, der Schweiz, Liechtenstein und Deutschland in die kleine Ortschaft Bürs. Mit über 90 Fahrern war es das bestbesetzte aller Bürserbergrennen. Es wurde im wahrsten Sinne des Wortes ein höllisches Rennen. Aus den Auspuffrohren knallte es den ganzen Tag. Zu den Ländle-Stars gesellten sich u. a. "Rennsportkanonen" wie der Speedway- Europameister Martin Schneeweiß oder der spätere, mehrmalige Motorrad-Staatsmeister Leonhard Faßl, beide aus Wien. Vieles hatte sich in den vielen rennlosen Jahren geändert. So war es kein Wunder, dass die Bestzeiten aus dem Jahre 1935 erblassten. So schraubte Leonhard Faßl mit seiner 350er NSU als Tagessieger den Streckenrekord auf unfassbare 3:56,80 min (62 km/h Schnitt) herunter. Als Gesamtsechster wurde der rothaarige Bürserberger Lokalheld Josef Graß mit seiner 500er BMW bester Vorarlberger. In der großen Beiwagen-Kategorie hätte es allerdings einen Ländle-Sieg gegeben, wenn der Frastanzer Julius Beer nicht in einer Kurve seinen "Schmiermaxe" verloren, nicht kurz anhalten hätte müssen, um den Beifahrer wieder einsteigen zu lassen ...
 
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