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Mittwoch, 28. Oktober 2020
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Geschrieben von Siegfried C. Strasser   

Heft bestellen - Rossfeld Bergpreis - Legenden am Rossfeld: Sepp Greger

Originalton Greger: "Schau da de heitign formö ans foara au, de haum jo a gummibandl um eana rundum, do muas ana schau gauns depad sei waun a si do wos duat. Oba mia haum nix ghobt, links bam, rechts a föswaund, Bergrennen woan oiwei gfeali, bei uns do woa nix do, oiss woa improvisiat, wie mia augfaunga haum, do hot si hoit jeda beheaschn miassn."

Text: Siegfried C. Strasser
Photos: Edition Snowfish

  ImageVielleicht ist es nicht wirklich das Beherrschen gewesen, das den Sepp immer so sicher und schnell zum Gipfel getrieben hat.  Da gehören wahrscheinlich auch ein gerüttelt Maß an Fingerspitzengefühl, absolute Konzentration, phänomenale Reflexe im Grenzbereich und jene Portion Glück dazu, die jeder erfolgreiche Sportler braucht. Das galt wohl besonders für eine Epoche, in der der Sepp seine beste Zeit hatte, die sechziger Jahre, die man zu den gefährlichsten zählen muss in der Geschichte des Motorsports. Ein Beispiel? Kaum war er so richtig auf den Geschmack gekommen und schickte sich an, die sehr guten Resultate, die er als Privatfahrer erzielte, auf berühmten Rennstrecken mit immer stärkeren Autos noch zu verbessern, da ereilte ihn ein schwerer Unfall, der ihn beinahe auf einen Schlag um mehr als eine stolze Karriere gebracht hätte.
Beim Klagenfurter Flugplatzrennen 1960 kollidierte er in seinem Porsche RS K mit David Pipers Lotus 15. Dieser rutschte ihm ins Cockpit und dabei wurde Greger der linke Arm abgerissen.  Wenn man das Wrack des Greger-Porsche sieht, kann man kaum glauben, dass der Pilot dem Blechhaufen lebend entrinnen konnte.  Doch ärztliche Kunst schaffte es sogar, aus den Knochenteilen ein funktionsfähiges Gelenk "zusammenzubasteln".  Gott sei Dank kam der Sepp später nie mehr in eine solch lebensbedrohliche Situation, der Unfall in Klagenfurt war sein schwerster.
Wer war dieser Joseph "Sepp" Greger, der am Rossfeld sagenhafte fünfzehnmal am Start stand, also bei jedem Rennen?
Anlässlich der Rossfeld Historic 2002 sprach ich mit einem rüstigen, hochgewachsenen, sehr dünnen 87-Jährigen, der mit einem hellblauen Porsche 356 C dabei war. Als ich ihn bei der Feier auf der Solitude zum 80er von Hans Herrmann sechs Jahre später wieder traf, wirkte er allerdings schon sehr gebrechlich. Aber seine Vita klingt fast wie das Märchen von "Hans im Glück", auch wenn dieser Hans Josef heißt.  "Ich komme aus ganz armen Verhältnissen. Ich war ein uneheliches Kind, wurde am 4. Februar 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, in Klosterscheyern bei Pfaffenhofen geboren, als einer von drei Buben, eine Schwester starb schon im Kindesalter, meine zwei Brüder sind schon lange tot.
ImageJa, ich bin übriggeblieben. Es war eine Zeit, in der die Kinder ranmussten, der Stiefvater war arbeitslos, also musste der Bub arbeiten gehen.  Meine Mutter zog nach München, ich war zwei Jahre im Allgäu als Hirterbub. Mit 12 hab ich fortmüssen, war bei den Bauern, aber mit 14 hab ich heim dürfen zum Lernen. Wir waren drei Buben, und ein jeder hat einen Beruf gelernt. 1930 also hab ich eine Lehre als Mechaniker in Pasing angefangen. Mein Meister hatte eine Norton, und wir Lehrbuben durften die Maschine putzen und herrichten. Da hab ich halt Feuer gefangen.
Dann hab ich mir eine gebrauchte Villiers 175 gekauft, hat nur ein paar 100 Mark gekostet, ich hab mir ja alles selber richten können. Und mit der Maschin bin ich Grasbahnrennen und Betonbahnrennen gefahren, in Moosburg gab’s eine solche Bahn. Naja, ich hab nie viel erobert, bin halt meist am Oasch glegen. Wenn man ein schlechtes Material hat, dann möchte man mit Gewalt was zsammbringen, und da fliegt man halt runter.
Dann musste ich einrücken, 2 Jahre Arbeitsdienst, 2 Jahre Militär. Dann war ich ein Jahr heraußen, ich hab mir einen alten LKW gekauft, einen Kipper, und hab damit am Bau gearbeitet und mir a bissl a Geld verdient.
Dann kam der Krieg. Mein LKW wurde mir weggenommen, als kriegswichtig eingezogen, und ich selbst wurde auch eingezogen. Zuerst war ich in Jugoslawien, aber dann die ganze Zeit in Russland. Und eines Tages habe ich lauter junge Burschen mit langen Gewehren gesehen, ich ahnte, was mit ihnen geschehen würde. Ich lernte einen Major kennen, der meine Gesinnung teilte, mei, der Krieg war ja damals, 1944, schon längst verloren.
Wir haben uns gegenseitig die Versetzungspapiere unterschrieben, ich bestieg das Schiff dort in Liba, es fuhr nach Danzig, und von dort schlug ich mich nach Hundsdorf durch, ich sagte dort, ich sei da hingeschickt worden, die wussten natürlich nichts, ja mei, ist halt a Fehler passiert.  Beim Rückmarsch hab ich ein Armeeauto aufgegabelt, mit dem bin ich in die Tschechei, dann zu Fuß mit der Berliner Feuerwehr zum Obersalzberg, der Hitler hat sie dorthin beordert, ich war also gut behütet, von dort bin ich heim und hab mich bis Kriegsende versteckt, wann’s mich gefunden hätten, dann hätten’s mi aufghängt.
ImageNach dem Krieg hab ich halt wieder neu angefangen, hab in München einen Betrieb aufgebaut, später in Dachau, am End hab ich vier Betriebe gehabt, alles VW-Niederlassungen, in München und Umgebung. Die hab ich dann verpachtet, meine zwei Söhne wollten nix mit Autos zu tun haben, also hab ich mir um gutes Geld Supermärkte in die alten Betriebe reingeholt, den Lidl in Dachau zum Beispiel.
Mein Heiligtum ist meine kleine Wohnung in Florida, ein Condominium, so heißt das, in Fort Lauderdale, dort verbringe ich die Winter, da fließt ja der Golfstrom, das Meer hat 25-28°, da geh ich baden und spiele Golf.
Ich war zeitlebens Privatfahrer, hab alles selber bezahlt, meine Autos selber hergerichtet, keiner hat mir dreingeredet, ich konnte tun und lassen, was ich wollt, war mein eigener Herr. Der Sport war die beste Werbung für’s Geschäft, wenn ich am Sonntag wo gewonnen hab, sind die Leute am Montag ins Geschäft gekommen und wollten ein Auto von mir kaufen.
Der Motorsport musste nebenbei mitlaufen. Ich war sehr erfolgreich, dreimal Europabergmeister (bei den GT und Sportwagen), dreimal Vize, dreimal Deutscher Meister. Bekam vom Bundespräsidenten Lübke das silberne Lorbeerblatt, die höchste Auszeichnung für einen Sportler in Deutschland. Und ich bin viel in der Welt herumgekommen, ich fuhr die Zwölf Stunden von Sebring, die 24 Stunden von Daytona, auch einmal, 1956 zusammen mit dem Paul-Ernst Strähle, die Mille Miglia von Brescia nach Rom.  Es regnete, es goss wie aus Kübeln, der Castellotti hat das Rennen solo (!) mit einem Ferrari gewonnen, wir fuhren einen bescheidenen Porsche 356 A 1300 Super und klassierten uns als Vierte bei den Spezial-Tourenwagen und GT bis 1300 ccm, insgesamt wurden wir, ich hab nachgeschaut, 23.
Warum war ich bei Bergrennen so gut? Ich mochte sie, weil sie so kurz waren, meistens jedenfalls, außer am Mont Ventoux oder in Trento, kein großer Aufwand, ich hatte ja als Geschäftsmann wenig Zeit, da waren Bergrennen optimal, und das Rossfeldrennen lag ja praktisch vor meiner Haustür!"
ImageGreger fuhr immer auf Porsche. Besonders in Erinnerung bleiben die Zweikämpfe mit dem jungen Vorarlberger Rudi Lins. Beide saßen in Carrera 6, der Sepp war allerdings schon 51, 52 Jahre alt, hatte aber nichts von seinem Feuer eingebüßt. 1970 gelang ihm mit einem 910 der Tagessieg auf dem Rossfeld, und beim allerletzten Rennen" 77 gewann er mit einem solchen Porsche 910 die Klasse der zweisitzigen Rennwagen.  Im Alter von 62 Jahren!
Die einheimischen Zuschauer benannten sogar eine Kurve nach ihm. Aber nicht, weil er diese "Gregerkurve" besonders eindrucksvoll nahm, sondern weil sie sein Können immer auf eine harte Probe stellte. Oft flog er dort hinaus, in dieser Haarnadel nach der Enzianhütte, zum Gaudium der Fans. Ernsthafte Schäden oder gar Verletzungen gab’s Gott sei Dank nicht. Aber so etwas haftet im Gedächtnis, auch 45 Jahre danach.
Sein breites Bayerisch, seine fröhliche Art, sein ruhiges Auftreten, all das machte ihn für die Fans sympathisch. Und er war immer dabei, der Sepp. Ob mit dem sagenhaft unvermeidlichen 356 in all seinen Varianten, dann mit dem Elva-Porsche im Jahr 1964, den man eher mit Edgar Barth im Cockpit verbindet, ähnlich wie mit dem 718 RS, den er im Jahr zuvor einsetzte.  Ab 1965 taucht ein 904 GTS mit Sepp am Steuer bei den Läufen zur Europa-Bergmeisterschaft auf, und liefert sich beinharte Kämpfe mit Weber, Stommelen oder Schütz im gleichen Kaliber. Dann folgen die glorreichen Carrera-6-Jahre, bevor diverse 911T oder S als Untersatz dienen. Nur zweimal saß Sepp auf dem Weg zum Ahornkaser in einem auch bei betuchten Privatfahrern so beliebten Sportwagen vom Schlag eines Porsche 910.
Er hielt die Fahne der Stuttgarter Edelschmiede eisern hoch, er füllte eine Zeile in der Nennliste des Rossfeldrennens ein wie das Amen im Gebet, sein allseits bekanntes Gesicht lächelte verschmitzt unter dem silbernen Helm hervor, bevor er die Brauen zusammenzog und sich auf die Aufgabe konzentrierte, seinen Feuerstuhl so schnell wie möglich hinauf zu katapultieren, schneller als die Konkurrenz jedenfalls, denn Siegen war ihm Lohn und Pflicht.
Am 2. August 2010 starb Sepp Greger im Alter von 95 Jahren in München.
 
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