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Samstag, 14. Dezember 2019
Der Duce, die Dollfuss-Kinder und ihre „Baby-Bugattis“ Drucken E-Mail
Geschrieben von Walter Blasi   

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Recht bald nach der Erfindung des „echten“ Automobils erblickte eine andere Spezies von Fahrzeugen das Licht der Welt, nämlich deren verkleinerte Ableger in Form von Kinderautos. Eigentlich eine logische Entwicklung, denn es wurden Anfang des 19. Jahrhunderts auch noble Pferdekutschen im kindergerechten Maßstab nachgebaut.

 

Tatsächlich lassen sich in Deutschland die ersten Automobile in Kleinformat bereits um 1900 nachweisen. Wohlhabende Eltern ließen sie von Handwerkern und Fahrradherstellern für ihre Söhne anfertigen, die mit den mit Muskelkraft betriebenen exklusiven Einzelanfertigungen „über die Schlosshöfe bretterten“. Damals waren Automobile noch ein Luxusartikel - heute würde man es als „Lifestyleprodukt“ bezeichnen -, sie waren daher sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt dementsprechend teuer, was den potentiellen Kundenkreis, nämlich die betuchte Kundschaft, klein hielt. Das Automobil war ein Symbol für Reichtum schlechthin und viele, die dem neuen Fort-bewegungsmittel an sich mit geringem Interesse gegenüberstanden, legten sich aus reiner Geltungssucht ein solches zu. Wurde nun ein solches Vehikel (auch) für die Sprösslinge angeschafft, mag durchaus schon der automobilistische Virus oder eben Snobismus pur dafür verantwortlich gewesen sein. Gerade in den zwanziger Jahren entdeckten die Hersteller von Automobilen mit klingenden Namen die mobilen Miniaturen als wirksames Instrument zur Markenbildung in der Kinderstube. Bereits 1906 hatte der amerikanische Automobilhersteller Reo Motor Company dies als erster erkannt und stellte ab diesem Zeitpunkt präzise Repliken seiner eigenen Fahrzeuge her.


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Auch Ettore Bugatti stellte in den zwanziger Jahren ein Kinderauto her, das von einem „echten“ Bugatti (dem Typ 35) abgeleitet wurde. Nur in diesem Fall war die Sache anders gelagert; am Beginn stand nicht eine unterschwellige Produktwerbung im Kinderzimmer oder eine bloße Geschäftsidee. Bugatti hatte drei Kinder, von denen das jüngste, sein Sohn Roland, stets nur „Baby“ gerufen wurde. Sein erstes Spielzeug war natürlich ein Automobil. Jeder andere Vater hätte seinem Sohn das beste Spielzeugauto besorgt, das man damals in Paris kaufen konnte - nicht so Ettore Bugatti. Roland sollte ein richtiges Rennauto haben, mit demselben Rahmen, demselben Kühlergrill und derselben Motorhaube, denselben Leichtmetallrädern und Bremsen, demselben Reserverad auf der Seite und dieselbe starre Vorderachse, wie sie von den damaligen Größen des Automobilrennsports verwendet wurde.


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Es handelte sich um eine exakte verkleinerte Kopie eines Bugatti-Rennautos, wobei im „Prototyp“ für Roland ein kleiner Verbrennungsmotor eingebaut war. Bei den „Serienmodellen“ wurde ein von einer Batterie angetriebener Elektromotor (genauer gesagt ein Startermotor der Firma „Paris-Rhone“) verwendet; es soll auch welche mit Benzinmotor gegeben haben. Die Masse der damaligen Kinderautos waren übrigens in der Regel Tretautos. „Baby Roland“ - der sehr wahrscheinlich als Namensgeber für diese „Modellreihe“ fungiert hat - machte damit zuerst die Wohnräume der Familie Bugatti unsicher, um dann außerhalb des Hauses damit herumzukurven. Ettore Bugatti warf übrigens öfters unvermittelt seinen Hut vor den Wagen, um seinen Sohn beizubringen, wie man Hindernissen ausweicht. Schließlich erregte der „Baby-Bugatti“, der erstmals auf einer Ausstellung in Mailand (einer anderen Quelle zufolge im „Haus Bugatti“ in Molsheim) gezeigt wurde, so viel Aufmerksamkeit, dass Bugatti von betuchten Eltern nach einem solchen Fahrzeug für ihre Kinder geradezu bedrängt wurde. Schließlich entschloss sich der „Zauberer von Molsheim“ eine Serie dieses Fahrzeugtyps herzustellen. In Deauville und in anderen mondänen Ferienorten wie Nizza und Cannes entwickelten sich Grand Prix-Rennen mit „Baby-Bugattis“ zu einer wahren Attraktion. Rund 250 Exemplare (andere Quellen sprechen von ca. 100 bzw. 500; was eher unwahrscheinlich ist) sollen zwischen 1927 und 1936 das Werk in Molsheim verlassen haben. Die Fahrzeuge waren für Kinder von sechs bis etwa acht Jahren gedacht.


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Zu den Betuchten, die sich für das „Baby-Bugatti“ interessierten, zählte auch Benito Mussolini. Er selbst war ein ausgewiesener Anhänger der Marke Alfa Romeo – ein „Alfista della prim’ora“, also ein Alfafan der ersten Stunde - und hatte nie einen Bugatti besessen, obwohl Ettore Bugatti italienischer Staatsbürger (mit Fabrik und Wohnsitz im Elsass) war. Neben dem Interesse am Kinderauto war ein Berührungspunkt zwischen Bugatti und Mussolini übrigens der Bau eines speziellen Schnellbootes, das den herrschenden Geschwindigkeitsrekord der Transatlantiküberquerung einstellen sollte. Bugatti war auf der Suche nach einem Sponsor für dieses ambitionierte Unternehmen und der Duce dürfte das Potential sowohl für das nationale Prestige als auch für ihn als Person durch ein solches Hi-Tech-Abenteuer erkannt haben. Bugatti erwähnte auch eine Produktion von Bugatti-Automobilen in Italien. Dieser Vorschlag dürfte allerdings nur dazu gedacht gewesen sein, dem Duce das Sponsoring des Schnellbootprojektes schmackhaft zu machen.


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Sicher ist jedenfalls die Tatsache, dass Mussolini zwei „Baby-Bugattis“ für seine Söhne Vittorio und Romano erworben hat. Wann das war, konnte leider nicht geklärt werden. Denkbar wäre, dass die Bestellung 1927 anlässlich der Gespräche über das Rekordboot erfolgt ist. Jedenfalls trat ein kleines Problem auf: Vittorio, der ältere Sohn (1916 geboren), war für die „Bugattina“ zu groß und es wurde daher ein längeres Exemplar (196 cm anstatt der üblichen 160 cm) angefertigt. Allerdings wurden beide Längen bzw. Radstände handelsüblich. Da viele Kinder für die frühen, kurzen Fahrzeuge zu groß waren, verlängerte Ettore Bugatti auf vielfältigen Kundenwunsch den Radstand bei allen späteren Modellen. Diese waren dann durch ein „A“ im Anschluss an die dreistellige Fahrgestellnummer gekennzeichnet. Beide Fahrzeuge der Mussolini-Söhne haben den Zweiten Weltkrieg überlebt und zumindest über den Verbleib von jenem Vittorios weiß man Bescheid, es befindet sich bei einem italienischen Sammler. Ansonsten gab es keine Unterschiede zur Standardausführung bis auf die Tatsache, dass beide Fahrzeuge statt in französischem Blau wie die Werks-Bugattis in italienischem Rot lackiert waren. Ein Schwarz-Weiß-Foto vom Juli 1931 zeigt Romano und Anna Maria in einem „Baby-Bugatti“ im Garten der Villa Torlonia, der offiziellen Residenz Benito Mussolinis in den Jahren 1925 bis 1943; dabei wird es sich sehr wahrscheinlich um das Auto Romanos in der (damals) handelsüblichen Länge gehandelt haben.


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Für das kleine Österreich war das faschistische Italien unter Mussolini zur Schutzmacht gegen die Begehrlichkeiten des nationalsozialistischen Deutschlands geworden. 1932 wurde Engelbert Dollfuss österreichischer Bundeskanzler, der sich als Kämpfer für das Christentum und damit als Gegner des Nationalsozialismus sah. Zu Ostern 1933 trafen sich Mussolini und Dollfuss erstmals in Rom, dem noch weitere Treffen folgen sollten. Österreich geriet in der Folge immer mehr in die Abhängigkeit Italiens. Im Juli 1934 waren die Gattin von Bundeskanzler Dollfuss, Alwine, und ihre beiden Kinder Eva und Rudi das erste Mal in Riccione. Engelbert Dollfuss wollte nachkommen. Bei diesem Besuch kamen Eva und Rudi mit den Baby-Bugattis in Berührung. In jenem Juli in Riccione durften beide mit den elektrischen Autos fahren, wie sich Eva Dollfuss erinnerte.

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 Am 25. Juli 1934 erfolgte durch die österreichischen Nationalsozialisten ein Putschversuch, bei dem Bundeskanzler Dollfuss tödlich verwundet wurde. Zu diesem Zeitpunkt weilten, wie vorhin erwähnt, Alwine und ihre Kinder gerade in Riccione. Im Sommer 1935 reiste die Witwe des ermordeten österreichischen Bundeskanzlers mit ihren Kindern nochmals nach Riccione. Eva und Rudi erhielten vom Duce, der bis März 1938 seine schützende Hand über die Familie Dollfuss hielt, je einen roten „Baby-Bugatti“ als Geschenk. Aus welchen Gründen dies geschah, als Trost über den Verlust des Vaters oder weil er es ohnehin vorhatte, ist unbekannt. Beide Fahrzeuge überdauerten den Zweiten Weltkrieg am Dachboden eines Bauernhofes in Niederösterreich. Einer davon existiert noch heute (der Wagen von Eva mit der Nummer 142 aus der früheren Serie mit kurzem Radstand); der andere von Rudi ist leider verschollen. An dem überlebenden Automobil wurden nachträglich Änderungen durchgeführt; so wurde eine elekt-rische Hupe eingebaut und auch der Schalter am Armaturenbrett (Vorwärts – Stop – Rückwärts) entspricht nicht mehr dem Original. Interessant ist die niedere Karosserie- oder Fabrikationsnummer 142 für ein Fahrzeug aus dem Jahre 1934, das nur bis 1936 produziert wurde. Was daher die Stückzahl der Produktion an „Baby-Bugattis“ angeht, erscheint daher eher die kolportierte Zahl von „rund 250“ Exemplaren plausibel. Keinesfalls kann es sich um die Autos der beiden Mussolini-Kinder gehandelt haben, die einfach weitergegeben wurden, denn deren Verbleib lässt sich nachvollziehen. Durch ein Zählen der Kühlschlitze auf der Motorhaube der beiden Autos der Dollfuss-Kinder auf einem historischen Foto konnte übrigens der Beweis erbracht werden, dass auch Rudis Wagen ein kurzes Modell war (Herzlichen Dank an Helge Hauk für die Mühe!). Irgendwann landete jedenfalls der „Baby-Bugatti“ von Eva dann im Technischen Museum in Wien, wo er zehn Jahre blieb. Derzeit ist er im Automobilmuseum Koller in Kleinwetzdorf ausgestellt. Damit handelt es sich wirklich um ein Unikat, denn soweit bekannt ist, waren die beiden von Benito Mussolini geschenkten Baby-Bugattis die einzigen, die es in Österreich je gab.

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