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Montag, 24. April 2017
Kaiserwetter in Steyr Drucken E-Mail
Geschrieben von Theo Galee   

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Präsentation der Funktionsreplika des zweiten Marcus-Wagens am 16. April 2016 in Steyr

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Schauplatz ist vorerst der Festsaal der mehr als 140 Jahre bestehenden HTL in Steyr, deren Leistungen schon Kaiser Franz Josef I. besonders gewürdigt hat.

Fahnen, Blumen und Begrüßungstransparente umrahmen die heutige Veranstaltung und das ambitionierte Schulorchester sorgt für die musikalische Untermalung. Prominente Gäste halten Festreden, das zahlreiche Publikum spendet Beifall. Hauptdarsteller ist jedoch der originalgetreue und funktionsfähige Nachbau des zweiten Marcus-Wagens, entstanden hier in Steyr.

Über Jahre hinweg haben engagierte Schüler unter der hervorragenden Führung und Leitung dieser HTL eine unglaubliche Ingenieursleistung vollbracht. Ehrfürchtig stehen wir heute vor der voll fahrtüchtigen Replika, dessen Original dem ÖAMTC gehört und der es bereits vor mehr als 100 Jahren als Leihgabe an das Technische Museum Wien vergeben hat. Für Ausfahrten wird dieser unersetzliche, unter Denkmalschutz stehende Wagen begreiflicher Weise nicht mehr genutzt. Umso erwartungsvoller freuen sich alle Anwesenden auf die ersten Zündungs- und Auspufftakte des Nachbaues.


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Behutsam wird das Fahrzeug über provisorische Rampen ins Freie geschoben. Umringt von den Gästen und Reportern nimmt Bundespräsident Dr. Heinz Fischer neben dem die Lenkung führenden HTL-Schüler vorne auf dem Wagen Platz. Das Wetter spielt mit: blauer Himmel und strahlender Sonnenschein – es gibt tatsächlich Kaiserwetter heute in Steyr!

Nur wenige Umdrehungen genügen, schon läuft der riesige Einzylinder rund; erstaunlich für eine derart archaische Konstruktion. Es riecht nach Schmieröl, Metall und Benzin, wie es sich für alte Motoren gehört. Das Fahrzeug, das mit seinen großen, eisenbeschlagenen Holzspeichenrädern noch eher wie eine stabile, offene Kutsche aussieht, ist zweifellos ein Benzinautomobil: keine Deichsel, keine vorgespannten Pferde, dafür der beeindruckend stampfende Mittelmotor mit magnetelektrischer Zündung und Spritzbürstenvergaser. Mehrere gedrehte Lederriemen bringen die Kraft über die Antriebstransmission zur Hinterachse. Die wesentlichen Organe, auf die auch heutige Autobauer noch immer zurückgreifen, sind bereits vorhanden, bis hin zum Lenkrad, das hier klein und gusseisern auf steiler Lenksäule thront und mittels Schneckenübertragung die Richtung vorgibt.


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Ich schließe im Trubel der vielen Menschen, die begeistert die erste Demonstrationsfahrt der Replika hier in Steyr miterleben möchten, kurz die Augen und versuche mir vorzustellen, wie das alles im vorvorigen Jahrhundert gewesen sein muss. Zu Lande gab es für weitere Strecken ja praktisch nur die Eisenbahn. Und die Dampflokomotiven mussten langwierig vorgeheizt werden, um losfahren zu können. Diese Eigenheit hatten sie mit den verschwindend wenigen und nur äußerst selten anzutreffenden Dampfautomobilen gemeinsam, die nicht nur sündhaft teuer waren, sondern überdies mit einem miserablen Straßenzustand zu kämpfen hatten. Der Individualverkehr beschränkte sich somit, wie lange Jahrhunderte vorher, auf Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren.

In diese Zeit hinein baute Siegfried Marcus sein selbst fahrendes Fortbewegungsmittel mit Explosionsmotor – ein Automobil. Aus damaliger Sicht muss diese technische Errungenschaft wie aus einer anderen Welt gewirkt haben, ein kaum fassbarer Blick in die Zukunft. Ich sehe in Gedanken die staunenden Gesichter der Passanten jener Zeit vor mir, die das Wunderwerk der Kutsche ohne Pferde nicht begreifen können. Doch weder Menschen in ihrer Furcht vor Lärm und Geschwindigkeit, noch scheuende Tiere vermochten den Siegeszug des Automobils, wie wir es heute kennen, aufzuhalten.

Großer Applaus holt mich schlagartig in die Jetztzeit zurück: Der Marcus-Wagen fährt los! Die im Stand gewaltigen Chassis-Vibrationen lassen merklich nach, als sich das Fahrzeug in Bewegung setzt. Dafür erschüttern die eisernen Radreifen das Pflaster des Schulhofes wahrscheinlich genauso wie damals die Straßen im Wiener Stadtteil Mariahilf. Und das Automobil fährt. Es fährt tatsächlich. Aus eigener Kraft. Welch ein Meilenstein der Automobilgeschichte, den Siegfried Marcus hier bei uns in Österreich gesetzt hat! Und dessen Nachbau ist bravourös gelungen. Die HTL-Schüler haben dieses Kunststück geschafft, ohne auf  Pläne und brauchbare Zeichnungen zurückgreifen zu können. Sie mussten die Maße aufwändig vom Original abnehmen um die Replika im Maßstab 1:1 nachbauen zu können, und zwar unter Verwendung der originalen Materialien und - soweit möglich - der traditionellen Handwerkstechniken. Auf den ersten Blick ist die Replika nicht vom Original zu unterscheiden. Man bedenke, wie schwierig es allein schon ist jemanden aufzutreiben, der noch mit der alten Tradition des Wagnerhandwerkes vertraut ist und der noch Holzspeichenräder anzufertigen versteht – zu Marcus’ Zeiten Alltagsarbeit. Auch die aus mehreren gedrehten Lederriemen bestehende Kraftübertragung stellte eine Herausforderung dar. Es brauchte einige Zeit und viele Versuche, ehe sich die Riemen endlich dazu überreden ließen, das relativ schwere Fahrzeug anzutreiben.


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Doch heute klappte alles wie vorgesehen und die erste kurze Ausfahrt auf dem Hof der HTL Steyr war ein voller Erfolg, sie verlief ausgezeichnet und ohne Zwischenfälle. Wegen der kaum vorhandenen Federung zwar etwas durchgeschüttelt kam das Marcus-Auto samt Besatzung wohlbehalten wieder zum Stillstand.

Wer die Funktionsreplika des Marcus-Wagens gerne aus der Nähe betrachten möchte: Sie ist in den Monaten Juli und August 2016 in den „Ferdinand Porsche Erlebniswelten fahr(T)raum“ in 5163 Mattsee, Passauerstraße 30, -  http://fahrtraum.at/ -  zu sehen.

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