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Freitag, 17. August 2018
Mit 77 Jahren noch einmal um die Welt Drucken E-Mail
Geschrieben von Jürgen Schelling   

Heft bestellen - Mit 77 Jahren noch einmal um die Welt

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Eine Schweizer DC-3 flog in sechs Monaten rund um die Welt – und das im Alter von 77 Jahren. Kurz vor Schluss der Reise landete sie auch in Wien.

In 55 Etappen ging es von Genf aus durch 28 Länder via Südeuropa, Balkan, Arabien, Südostasien, Japan, USA, Grönland und Nordeuropa zurück in die Schweiz. Mit einer ganz besonderen Begleitung traf die DC-3 Mitte September nach 45.000 geflogenen Kilometern wieder in der eidgenössischen Heimat ein: Die Jets der italienischen Formation Frecce Tricolori eskortierten den 77 Jahre alten Klassiker am Tag vor Beginn einer großen Airshow in Sion. Die Zweimotorige war im März in Genf gestartet und ist damit das derzeit älteste Flugzeug, das eine Weltumrundung absolvierte. Die 1940 gebaute Douglas DC-3 ist offiziell für Passagiertransport und Instrumentenflug zugelassen. Sie fliegt sogar noch mit ihren Originaltriebwerken Pratt&Whitney vom Typ 1830-92.

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Kurz vor dem Abschluss ihrer Reise landete die DC-3-Crew Anfang September auf dem Wiener Flughafen und verbrachte eine Nacht in der Hauptstadt. Nach einem Sightseeing-Flug über Wien ging es dann am nächsten Tag weiter Richtung Italien. Gesteuert wurde der Oldie im Wechsel von insgesamt sechs Piloten, wobei der Initiator der Reise, der Genfer Francisco Agullo, die meiste Zeit auf dem Sitz des Flugkapitäns zu finden war.


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Trotz penibler Vorbereitung bleiben Überraschungen bei einer Weltumrundung mit einem derart betagten Flugzeug natürlich nicht aus. Gleich nach dem Start in Genf spielte das Wetter nicht mit, sodass statt über die Schweizer und französischen Alpen ein Umweg übers Rhonetal geflogen werden musste. Bei einem vorbereiteten Spritdepot auf dem Airport eines südostasiatischen Landes war plötzlich das dort gelagerte Flugbenzin vom Typ Avgas verschwunden, so dass das Leg verlängert und auf einem Ausweichplatz getankt werden musste. Ein Zylinder an einem der beiden Sternmotoren wurde unterwegs ebenfalls gewechselt, um keinerlei Risiko einzugehen. 


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Auch die längste Nonstop-Etappe war trotz mitgeführter Zusatztanks im Rumpf angesichts von elf Stunden Flugzeit über Wasser ein spannendes Unterfangen. Die DC-3 hat keine sogenannte Enteisungsanlage mehr, um beim Flug durch Wolken an der Tragfläche und den Propellern entstehendes Eis zu entfernen. Da auf dieser Etappe aber tiefe Temperaturen und schlechtes Wetter herrschte, musste die Crew in gerade mal 300 bis 600 Metern über dem Pazifik von Nordjapan bis auf die Aleuten fliegen, um Vereisungsbedingungen zu entgehen. Glücklich am Flugplatz der US-Streitkräfte auf Shemya Island angekommen, entwickelte sich das Wetter auf den Aleuten so schlecht, dass bereits nach nur vier Stunden Aufenthalt zum Tanken und Aufwärmen wieder in Richtung Alaska gestartet werden musste. Etwa 40 Stunden musste die Crew deshalb auf Schlaf verzichten. 

Pünktlich zu Beginn des Rückflugs von den USA über den kalten Nordatlantik streikte auch die Bordheizung, so dass die beiden Piloten und der Bordmechaniker trotz dicker Pullis im kalten Cockpit frierten. Angesichts der gewaltigen Strecke, die der beinahe acht Jahrzehnte alte Oldie zurücklegte, waren das aber lediglich Lappalien. Sogar das Wetter spielte meistens mit.


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Highlights der Reise waren für Francisco Agullo und seine Crew-Kollegen nicht nur einmalige Landschaften, die gerne mal im Tiefflug überflogen wurden und viele faszinierende Begegnungen mit beeindruckenden Menschen auf der Weltreise, sondern auch mehrere Flüge mit begeisterten Kindern in Japan, die zuvor durch den verheerenden Tsunami in Mitleidenschaft gezogen waren. Auch Formationsflüge mit unterschiedlichsten Flugzeugtypen waren jeweils Höhepunkte der Reise.


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Bei der umfangreichen Logistik für den Flug hatte vor allem die Versorgung mit dem dort wenig verbreiteten Flugbenzin Avgas in Südostasien und das aufwändige Einholen der jeweiligen Überfluggenehmigungen für Probleme gesorgt. Schwierigkeiten gab es auch, als die eigens montierten Zusatztanks für Langstreckenflüge mitten in der Kabine Benzinausdünstungen bewirkten, die den Piloten in ihrer Konzentration zu schaffen machten. Lediglich die DC-3 zeigte sich von allem ziemlich unbeeindruckt. Sie bekam aber sowohl in Asien als auch in den USA jeweils zweiwöchige Ruhepausen für umfangreiche Wartungs-Aufenthalte spendiert, um den Oldie topfit zu halten. Außerdem flogen auf zahlreichen Etappen jeweils erfahrene Bordmechaniker mit, die nach jeder Landung sofort Triebwerke, Propeller, Hydraulik und Struktur auf mögliche Mängel überprüften.


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Die Wartung des 77 Jahre alten Airliners erfordert allerdings einen immensen Aufwand: Bis zu 100 Mechanikerstunden können pro Flugstunde erforderlich sein, um einen sicheren Flug des Oldtimers zu gewährleisten. DC-3-Kapitän Francisco Agullo lacht, wenn er die Reaktion von Airline-Chefs beschreibt, die von diesem Aufwand hören. Die sagen dann unisono zu den Oldie-Enthusiasten: „Ihr müsst verrückt sein!“

500 Uhren des Schweizer Herstellers Breitling waren die ganze Weltreise über ebenfalls mit an Bord – allerdings die ganze Zeit gut verborgen. Sie sind jetzt als Sonderedition mit einem Zertifikat samt der Unterschrift der Piloten im Handel. Flugkapitän Agullo gab zwar bis zum Schluss der Reise nicht preis, wo die Uhren versteckt waren, meinte aber, es hätte mindestens zwei Stunden Arbeit für einen Mechaniker bedeutet, um sie aus ihrem Versteck an Bord zu bekommen.  


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Bei der Ankunft im schweizerischen Sion im Rahmen einer Airshow wurden Agullo und seine Cockpitkollegen sowie Bordmechaniker ausgiebig gefeiert. Auch die Crew zeigte sich begeistert, dass ihre Weltreise mit dem umjubelten Auftritt bei der Airshow auf Schweizer Boden ein derart perfektes Ende fand.

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