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Donnerstag, 17. Januar 2019
Grande nation, grande fête Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Villinger   

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Alle zwei Jahre feiern die Franzosen samt internationaler Gäste  in Lapalisse ein Fest. Dabei wird ein gewaltiger Verkehrsstau  quer durch die beschauliche französische Gemeinde mit Fahrzeugen  aus der damaligen Zeit inszeniert. Das musste ich mir anschauen.

Als Bewohner des stark befahrenen Inntals machte mich das einerseits skeptisch, andererseits fühlte sich der Oldtimerfan in mir magisch angezogen von dieser ungewöhnlichen Zusammenkunft von Oldtimer-Liebhabern. Das musste ich mir anschauen.

Am 12. Oktober 2018 war es endlich soweit;  meine Tochter Theresa und ich fuhren mit unserem (alten neuen) Fiat Multipla die 870 km zum Oldtimer-Stau nach Lapalisse. Der Ort liegt ca. 150 km westlich von Lyon.


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Alle zwei Jahre wird dort ein Verkehrsstau produziert mit Fahrzeugen bis Baujahr 1970. Dieser Stau ist aber nicht etwa nur ein fahrendes Oldtimer-Treffen, das ist ein Oldtimerfest an der mythischen Route nationale 7, wie sie Michel (Fahrer eines Citroen Traction Avant) nennt.

Die ehemalige Route nationale 7 (kurz RN 7 bzw. N7 oder auch Route Bleue) ist eine der 14 Nationalstraßen, welche wie alle anderen vom „Point Zero“, am Vorplatz von Notre Dame in Paris starten. Die RN7 führt eben gen Süden. Sie war die Urlauberstrecke der Pariserinnen und Pariser zu den bekannten Ferien-Domizilen Nizza, Cannes oder Monte Carlo. In Lapalisse führte diese „Sehsuchts-Strecke“ ehemals über eine schmale Brücke, die einem Flaschenhals gleich regelmäßig für einen Stau sorgte.

Vor einigen Jahren hat die Gemeinde Lapalisse mit dem französischen Karikaturisten Thierry Dubois, der leidenschaftlich Verkehrssituations-Darstellungen auf französischen Landstraßen zeichnet, ein Oldtimerfest ins Leben gerufen, das seinesgleichen sucht. Damit haben die Veranstalter den Nerv der französischen OldtimerSzene getroffen. Aber nicht nur den, sondern auch den vieler Franzosen an der RN 7 bzw. von den Menschen, die sich nach der vermeintlich ruhigen, vergangenen Zeit sehnen. Heuer wurden mehr als 1.000 Fahrzeuge gezählt und bis zu 30.000 Besucher.


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Ich war schon sehr neugierig, was mich da erwartet, trotz einer gelesenen Reportage in einer deutschen Oldtimer-Zeitung und den betrachteten YouTube-Videos. Ich wollte die Oldtimer hören, sehen und riechen.

Wir nächtigten im ca. 20 km entfernten Vichy und lernten im Hotel beim ersten Frühstück gleich eine Oldtimer-Truppe aus Nordfrankreich kennen. Drei ältere Paare und zwei Einzelkämpfer machten sich aus Nordfrankreich in drei Citroen Traction Avant, einem Simca Aronde P60 und einem „nicht zeitgemäßen“ VW Scirocco auf den Weg in Richtung Süden auf der RN7. Die Truppe will nach dem Oldtimerfest zum Endpunkt der Route Bleue bis nach Menton fahren.

Michel ist einer der drei Traction-Fahrer und meint, dass die Reise nach Menton für ihn nicht nur die Arbeit der Hotelbuchung gekostet hat,  sondern auch eine intensive Vorbereitung seines Autos: „Für eine so lange Strecke habe ich mich für meinen Traction Avant 11 BL entschieden, er ist angenehm zu fahren und kann mit dem heutigen Verkehr mithalten, erfordert aber etwas Pflege. Während meiner letzten Oldtimerausfahrt nach Sussex habe ich ein ungewöhnliches Spiel am Schalthebel bemerkt. Ein Synchronring hat sich gelöst. Zu dieser recht aufwendigen Reparatur habe ich bei der Gelegenheit gleich die Hinterradbremse überholt, Radbremszylinder, Beläge und Hinterradlager …“


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Michel hat mir dann nach der Tour stolz berichtet, dass das einzige Problem der gerissene Keilriemen beim Simca Aronde P60 war.

Frankreich ist eigentlich das ideale Oldtimer-Reiseland. Mit den seit Jänner 2018 verordneten 80 km/h (bis dahin 90 km/h) schwimmt man mit nahezu jedem Oldtimer mit. Das beklemmende Gefühl, ein Verkehrshindernis zu sein, schleicht sich am ehesten in größeren Städten beim Beschleunigen von der Ampel ein. Generell haben die Franzosen aber Verständnis für Oldtimerfahrer.

Eine charmante Polizistin weist uns beim Kreisverkehr am Ortseingang von Lapalisse den Weg und teilt uns mit, dass es jetzt eh noch genug Platz zum Parken gibt.


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Mit meiner Tochter, die fließend Französisch spricht, einem Diktaphon und einem Fotoapparat in der Hand stürmten wir in Richtung der Hauptstraße. Nach und nach trafen die Oldtimer ein. Viele Teilnehmer hatten sich artgerecht im Stil der 50er- und 60er-Jahre gekleidet. Am Tag zuvor gab es in Lapalisse die Möglichkeit, sich vom Veranstalter Kleidung aus dieser Zeit auszuleihen. Von dieser Gelegenheit machten viele Teilnehmer Gebrauch, zumal es bei diesem Fest recht locker zugeht. Hier trifft man auf echte falsche Polizisten, die mit ihrer Trillerpfeife mitunter gerne den Damen nachpfeifen und einen Priester mit Sonnenbrille, der mit reichlich Wasser eine ausgelassene Mädchen-Kompanie auf einem Traktoranhänger „besprengt“.

Fahrzeuge samt Bemannung aus Luis de FunesFilmen treten hier ebenfalls in Erscheinung. Die Nonne auf der Beiwagenmaschine aus dem Film „Der Gendarm von St. Tropez“ fährt, das Lied „Douilou, Douilou St. Tropez“ trällernd, schlängelnd durch die Straße (wenn’s der Verkehr erlaubt).

Oder der graue Renault-Lastwagen, der mit Kohlesäcken bestückt um die Ecke fährt, aus dem Film „Balduin der Ferienschreck“.


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Aber auch ein Renault-Leichenwagen fährt mit Sarg und drum herum sitzenden feiernden Partygästen durch die Stauzone. Ein alter Citroen-Lastwagen fährt mit unzähligen Hupen bestückt und einem selbsternannten Deejay durch die Straße, der uns mit Gehörschutz am Kopf bekannte „Ohrwürmer“ lautstark näher bringt (oft zu nahe).

Bei den Autos waren no, na, die französischen Marken vorherrschend. Die häufigsten Fahrzeuge waren sicher Citroen Traction Avant, 2 CV, AMI 6, Renault 4CV, Dauphine, R8 (relativ viele davon Gordini mit wirklich coolem Sound) und einige Floride, sowie Peugeot 202, 204 Limousine, Coupé, Break und Cabriolet, 403 Limousine und Break, 404 und Simca Aronde P60, 1300/ 1500 und einige Panhard PL17. Besonders habe ich mich gefreut über einen seltenen Facel Vega Facel III und einen Renault Fregate, das einstige Spitzenmodell von Renault, den ich noch nie live und in Farbe gesehen habe.

 Ebenso eine Rovin D4, der vom Kinder-Karussell gesprungen zu sein scheint, erheitert unser Gemüt.

Es gab natürlich zahlreiche Motorräder, wie Peugeot, Terrot – die Polizeimaschinen aus den Louis de Funes-Filmen – und Mofas, Velosolex und Peugeot, sogar als Tandem. Zudem gab es Lastwagen, Citroen, Berliet, Willeme und Saviem.

Ich wollte von den Teilnehmern nun mehr über das Oldtimerland Frankreich erfahren und so haben wir zu einer Mitfahrt in einem der schönen Oldtimer angeheuert.

Aufgrund der häufig vollbesetzten Karossen war das gar nicht so leicht möglich.

Der erste war Bernard, ein älterer Urfranzose, der allein in einem schwarzen Peugeot 403 saß. Theresa und ich durften im Fond einsteigen – und da war es wieder da, das Gefühl wie in meinen Kindertagen. Als kleiner Junge bat ich sämtliche Verwandte, Bekannte oder sonstige Besucher mit mir eine kleine Runde in ihrem Auto zu drehen – das war schön!

Ich sah mich in Bernards Auto um, während Theresa meine Fragen stellte. Toll sind diese Autos, und alle so unterschiedlich. Die häufig verbauten, elfenbeinfarbenen Lenkräder, die phantasievoll geformten Armaturenbretter und die Stoffe … Und nicht zu vergessen die Gerüche.

Dabei erinnere ich mich gerne an die „Schrottautos“, die in den 70er-Jahren häufig nahe unseres Heimathauses an der Bus-Remise für ein halbes Jahr ohne Kennzeichen geparkt waren und bei denen die Türen offen waren. Darin Autofahren zu spielen war wunderbar und die Gerüche vielfältig, hie und da etwas modrig bei Wassereintritten.


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Bernard hat vor einigen Jahren diesen wundervollen Peugeot 403 in Originallack mit erst 70.000 km am Tacho gekauft (kaum zu glauben, wenn man das Foto ansieht). Sein voriger Peugeot 403 war mit seinen über 400.000 Kilometern am Tacho zu kaputt an vielen Teilen, wie er sagt. So stellte dieser umtriebige Pensionär die Teile des Wagens Gleichgesinnten im Oldtimerclub „Anciennes Auto“ zur Verfügung. Bei diesem Club wird viel getauscht und gegenseitig unterstützt. Eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft muss jedoch erfüllt werden, der Oldtimer muss bereits 30 Jahre im Besitz des Clubmitgliedes sein.

Bernard nützt seinen 403er nahezu täglich (trotz seinem Alltags-Peugeot jungen Datums!) und ist letztes Jahr 22.000 km gefahren – beachtlich! Nach einigen schönen Minuten im Fonds des Peugeot verabschieden wir uns vom lieben Bernard.

Beim Oldtimerfest herrschte große Betriebsamkeit; jeder spielte irgendwie seine Rolle, da war es schwer, neben den vollbesetzten Autos willige Interviewpartner zu finden. Ein blauer Simca Aronde wurde unsere nächste Mitfahrgelegenheit. Ein älteres Ehepaar lässt uns in ihren restaurierten Simca einsteigen. Das ist nicht mein erster Oldtimer, sagt Jean-Paul, das ist ein Citroen Ami 6 gewesen, von meinem Onkel. Mit diesem Auto sind das Schrauben und Fahren zur Leidenschaft geworden. Die Patina war bei diesem blauen Simca etwas zu exzessiv und verlangte nach einer Restauration, inklusive neuer Lackierung.   

Der freundliche Simca-Fahrer wusste außerdem zu berichten, dass die Simca Aronde zu ihrer Zeit teilweise ohne Stoßstangen an die Händler ausgeliefert wurden, weil die Zulieferfirmen mit der Autoproduktion nicht Schritt halten konnten. Die Stoßstangen waren auch häufig schlecht verchromt (fehlende Schichten im Aufbau), sodass diese auch schnell rosteten. So komplettierten die Autohändler die Fahrzeuge zum Verkauf.

Nun verließen wir auch dieses wunderschöne Auto und schauten uns nach Essbarem um.

Auf dem Markt in einem Seitengässchen mit Köstlichem aus den verschiedenen Gegenden Frankreichs fanden wir unser Glück. Salamiwürste vom Wildschein, Salamis mit Pilzen oder mit Kräutern verfeinert gab es hier, neben Weichkäse aller Art. Es gab auch gebrannte Mandeln und Nougat aus Montélimar (ein Ort südlich von Lapalisse an der RN7) zu kaufen.

Auf der langen Reise in den Süden wurde das gerne gekauft. Gerne wurden auch die „Sterne“- Restaurants von Leuten aufgesucht, die es sich leisten konnten bzw. wollten.

Laut dem schön zu lesenden Buch „In die Sonne, in die Ferne“ von Michael O. R. Kröher/Wolfgang Groeger-Meier liegen überproportional viele prämierte Restaurants an der Route Bleue und hier vor allem um das Städtchen Roanne, ca. 50 Kilometer von Lapalisse entfernt.


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Nach unserer Pause schauten wir zum Schloss hinauf und fanden auf dem Weg dorthin und am Parkplatz wieder zahlreich fahrende Zeitzeugen dieser goldenen Zeit (in Mitteleuropa).

Am nächsten Tag, am Sonntag, machte ich mich alleine auf den Weg. Der Stau hat sich aufgelöst und es waren in der ganzen Stadt Aktionen rund um die Oldtimerei zu sehen. Am großen Parkplatz hinter der Hauptstraße prämierte der „Club du Automobile de Lapalisse“ diverse Fahrzeuge, weiteste Anreise, ältestes Auto, etc.

Ein Michelin-Stand war aufgestellt mit einem Peugeot 202-Werbeträger, ein Oldtimermarkt war neben dem sehr attraktiven Campingplatz aufgestellt und natürlich wieder Fahrzeuge aus dieser Zeit.

Dann besuchte ich noch Frau Couraud, Betreiberin der ältesten Tankstelle in Lapalisse (Enkelin des Gründers der ersten Tankstelle 1937 in Lapalisse), die mir von der wirtschaftlichen Blütezeit, den großzügigen Zuwendungen einiger Pariser, aber auch von den Schattenseiten, dem unerträglichen Verkehr und Gestank dieser damaligen Zeit erzählte. Jetzt freuen sie sich immer auf die Emboutaillage und auf die schönen Seiten von damals, der Betriebsamkeit und Geselligkeit.

Am Nachmittag wurde ich am Flohmarkt doch noch fündig. Bei einem der Modellautostände fand ich neben unzähligen China-Nachbauten ein paar alte, seltene französische Modellautos: einen Simca 1000 der Fa. J.R.D., einen Peugeot 403 der Fa. Quiralu und einen Renault Dauphine der Fa. CIJ – Compagnie Industrielle du Jouet. Ein schöner Abschluss für dieses Fest.

 Als Resümee dieser Reise möchte ich anmerken, dass mir die Lockerheit der französischen Oldtimer-Liebhaber schon sehr imponiert hat. Spielerisch hüpfen Menschen in verschiedene Rollen in eine Phantasiezeit vergangener Tage.

Ein bisschen so etwas würde ich mir in heimischen Landen auch wünschen.

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