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Freitag, 19. Juli 2019
Porsche(?) Typ 64 - Ahnherr aller Sportwagen aus Zuffenhausen Drucken E-Mail
Geschrieben von Alexander Korab   

Heft bestellen - Porsche(?) Typ 64  - Ahnherr aller Sportwagen aus Zuffenhausen

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Im Jahre 1936 präsentierte Ferdinand Porsche den „KdF-Wagen“ (Kraft durch Freude), der nach 1945 als „VW Käfer“ die Welt eroberte. Dieses Kapitel der Automobilgeschichte dürfen wir bei unseren Lesern als bekannt voraussetzen. Der preisgünstige Kleinwagen (Typ 60) mit Heckmotor sollte die Motorisierung Deutschlands rasch vorantreiben. 1938 plante NSKK-Korpsführer Adolf Hühnlein, verantwortlich für den Motorsport im Deutschen Reich und inspiriert von der berühmten Rallye Lüttich–Rom–Lüttich, eine Fernfahrt von Berlin nach Rom, die im Herbst 1939 stattfinden sollte. Natürlich musste auch ein KdF-Wagen auf der Starterliste stehen und seine Qualitäten unter Beweis stellen. Als Porsche anmerkte, dass das Auto nicht für motorsportliche Einsätze konzipiert wäre und bei dieser Veranstaltung wohl kein großartiges Ergebnis erzielen würde, forderte Hühnlein den Bau einer Sportversion.

 

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Der KdF-Wagen wird zum Rennauto


Erwin Komenda, Karl Fröhlich und Josef Mickl, Mitarbeiter des Porsche-Konstruktionsbüros in Stuttgart, machten sich sogleich ans Werk und entwarfen eine strömungsgünstige Karosserie aus Aluminium. Dieses Projekt erhielt die Konstruktionsnummer 64 (ursprünglich 60/K10). In die Entwicklung war auch der damals 30 Jahre alte Porsche-Sohn Ferry involviert. Ziel war ein Fahrzeug, das man sowohl optisch als auch technisch mit dem KdF-Wagen in Verbindung bringen konnte. Um einen möglichst schmalen Dachaufbau zu erhalten, rückte man den Fahrersitz beinahe in die Mitte des Rennsportwagens, der Beifahrersitz konnte daher nur etwas versetzt dahinter angeordnet werden. Ein Modell aus Holz diente für die Tests im Windkanal der Universität Stuttgart. Gegenüber dem KdF-Wagen wurden mehr als 30 Prozent Gewicht eingespart und ein sensationeller Luftwiderstandswert von 0,385 erzielt. Mit der deutlich verbesserten

Aerodynamik und einem stärkeren Motor (40 statt 24 PS) war rechnerisch eine Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h möglich – eine beachtliche Leistung für die Mitte des 20. Jahrhunderts. Drei Fahrzeuge des Typs 64 baute das Karosseriewerk der Firma Reutter & Co. unweit des Porsche-Büros. Die Fertigstellung der Volkswagen-Fabrik bei Fallersleben („Stadt des KdF-Wagens“, später Wolfsburg) ließ noch auf sich warten.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Die Fernfahrt Berlin–Rom wurde abgesagt. Ein Typ 64 war auftragsgemäß bereits im August 1939 einsatzbereit. Ein zweites Fahrzeug wurde noch im Dezember fertiggestellt. Typ 64 Nr. 1 wurde im Herbst 1939 bei einer Probefahrt von KdF-Leiter Bodo Lafferentz zu Schrott gefahren. Das Chassis diente im Frühjahr 1940 als Basis für den Bau eines letzten Wagens. Ferdinand Porsche und Sohn Ferry stellten die beiden verbliebenen Sportwagen für Dienstreisen in Deutschland zur Verfügung.

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Refugium in Kärnten


Um den heftigen Bombenangriffen der Alliierten zu entkommen, wurde das Konstruktionsbüro Porsche 1944 nach Gmünd in Kärnten verlegt. Die beiden Typ 64-Wagen übersiedelten ebenfalls nach Österreich. 1945 beschlagnahmten amerikanische Soldaten die Nummer 3 und verwandelten sie in ein viersitziges Cabrio. Nach einem Motorschaden wurde das Auto verschrottet. Ferrys Sohn „Butzi“ (Ferdinand Alexander) und sein Cousin Ferdinand Piëch – zu Kriegsende 10 und 8 Jahre alt, borgten sich die Nummer 2 gelegentlich für unerlaubte Fahrversuche auf dem Firmengelände und in der näheren Umgebung von Gmünd. Ferry nutzte das Auto für Fahrten von Kärnten nach Zell am See, dem Stammsitz der Familie Porsche. Nach der Kapitulation Deutschlands wurden Ferdinand Porsche und Sohn Ferry festgenommen. Man warf ihnen eine Mitschuld an der Deportation von französischen Arbeitern und den Direktoren der Peugeot-Fabrik in ein deutsches Konzentrationslager vor. Ferry entließ man bereits nach drei Monaten, der Vater verblieb bis August 1947 in französischer Kriegsgefangenschaft. Erst 1948 wurde Ferdinand Porsche von einem ordentlichen Gericht freigesprochen. Er überlebte die Haft nur vier Jahre und verstarb am 30. Januar 1951. Ferry fiel die Aufgabe zu, das Porsche-Büro weiter zu führen.

Er konzentrierte sich zunächst auf die Entwicklung eines Traktors. Pläne und Prototypen dazu waren bereits vor dem Krieg entstanden. Der Porsche-Diesel ging 1950 in Manzell am Bodensee in Produktion. Gleichzeitig war die Belegschaft in Gmünd mit dem Entwurf eines Rennwagens für Piero Dusio (Cisitalia) und mit dem Bau eines modernen Porsche-Sportwagens (Konstruktionsnummer 356) beschäftigt. Am Typ 64, der 1946 mit dem Kennzeichen „K 45.240“ in Österreich für den Verkehr zugelassen worden war, verlor Ferry das Interesse und veräußerte ihn 1949 an den Rennfahrer Otto Mathé nach Tirol.

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Motorsportgeschichte mit Otto Mathé


Das Auto erhielt das Kennzeichen „T 2222“, mit dem es im Motorsport der frühen 50er-Jahre zu einer Legende wurde.

In der an Lustbarkeiten armen Nachkriegszeit waren Autorennen eine willkommene Abwechslung. Eine überschaubare Anzahl von Akteuren kämpfte mit selbst gebastelten Konstruktionen oder Fahrzeugen aus den 30er-Jahren, die in Scheunen versteckt den Krieg überstanden hatten, um Lorbeerkränze. Tausende strömten an den Wochenenden zu den Stadtkursen (Krems, Korneuburg, Linz, etc.) und Flugfeldern (Salzburg, Innsbruck, etc.), um ihre Stars zu bejubeln. Der „Einarmige“ war mit seinem futuristischen Typ 64 eine schillernde Figur. Otto Mathé konnte seit einem Motorradunfall 1934 seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Er baute den Typ 64 auf Rechtslenkung um. Beim Gangwechsel steuerte er mit dem Knie. Trotz seiner Behinderung gelangen ihm beachtliche Erfolge – Klassensiege bei der Alpenfahrt 1950 und bei der Coppa d’Oro delle Dolomiti in Italien. 1952 gewann Mathé alle 22 Rennen, bei denen er an den Start ging, fuhr jedoch die meisten Veranstaltungen mit einem seiner beiden Porsche 356. Am Ende dieses Jahres war er der erste österreichische Staatsmeister im Automobilrennsport nach dem Krieg.

Um Otto Mathé ranken sich zahlreiche Abenteuergeschichten, darunter jene, bei der er an einer Felswand entlang schrammte, um die Türe des Typ 64 zu schließen, die sich während eines Rennens geöffnet hatte. 1959 beendete er seine Karriere mit einem sensationellen Sieg bei einem Eisrennen auf dem Zeller See. Mit dem „Fetzenflieger“, einem auf Monoposto umgebauten Porsche 356, kam er vor den Porsche-Werksfahrern Huschke von Hanstein und Richard von Frankenberg ins Ziel. Den im Rennsport malträtierten Typ 64 ließ Mathé restaurieren und nahm damit sogar noch in den 1980er-Jahren bei Oldtimer-Rennen auf dem Salzburgring teil. Er behielt das Fahrzeug bis zu seinem Tod im Jahre 1995.

Über Umwege gelangte der Berlin-Rom-Wagen in den Besitz eines Porsche-Enthusiasten in Wien, der den Wagen neuerlich restaurieren ließ. Mit viel Liebe und Verstand wurde der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt, ohne dass die Patina der 40er-Jahre dabei verloren ging. Danach war das Auto Star beim Festival of Speed in Goodwood 1998 und wurde bei mehreren Events in Österreich und im benachbarten Ausland eingesetzt. Seit 2008 ist der letzte überlebende Typ 64 als Teil einer Dauerausstellung in der Hamburger HafenCity zu bewundern.

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 Ahnherr oder Porsche?


Nun mag sich mancher Leser die Frage stellen, ob man den Berlin-Rom- Wagen als ersten „Porsche“ bezeichnen darf und warum das einzigartige Fahrzeug nicht schon längst im Porsche-Museum präsent ist. Mit seinem unverwechselbaren Design sowie von einem Vierzylinder-Boxermotor im Heck angetrieben, scheint er doch den ersten Porsche-Baureihen, die bis in die 60er-Jahre produziert wurden, sehr verwandt. Das große Fragezeichen wird der Typ 64 seit Jahrzehnten nicht los.

Ferdinand Porsche, der „Professor“, hat sich seinen Ruhm mit Auftragskonstruktionen erarbeitet. Eine vollwertige Autofabrik mit dem Namen Porsche gab es bis zu seinem Tod nicht. Der Prototyp des KdF-Wagens wurde bei NSU gebaut, frühe 356er bei Reutter. Vielleicht war Ferry schon vor 1940 von der Idee getrieben, einen Porsche-Sportwagen auf den Markt zu bringen. Mit dieser Absicht wurde 1947/48 in Gmünd in Handarbeit ein Roadster mit Mittelmotor gebaut (Konstruktionsnummer 356/1), der als Vorstufe des Porsche 356 gilt. Der Typ 64 ist nicht als „Porsche“ auf die Welt gekommen! Den Porsche-Schriftzug brachte Ferry angeblich erst nach dem Krieg über dem ovalen Frontgrill an. Ferry dürfte das Auto nach 1945 als reines Nutzfahrzeug und als mehr oder weniger unbedeutenden Teil der an Entwürfen reichen Vergangenheit betrachtet haben, sonst hätte er es nicht bedenkenlos an Otto Mathé verkauft.

Zu einer Produktionsstätte, die alle Stücke spielt, reifte Porsche erst in den späten 50er-Jahren heran. Das berühmte Porsche-Wappen mit dem springenden Pferd auf gelbem Grund im Zentrum (vgl. Ferrari) entstand 1952/53. Die meisten Porsche-Historiker betrachten Gmünd und den Mittelmotor-Porsche als Beginn der späteren Porsche-Geschichte. Immer wieder hört man, dass Porsche kein Interesse am Typ 64 hätte. Doch das stimmt nicht, wie ein Brief aus Stuttgart an Otto Mathé aus dem Jahr 1960 beweist. Mathé selbst bezeichnete seinen Berlin-Rom-Wagen gerne als „Ahnherr“.

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Porsche Heritaga


Die Porsche-Historie ist äußerst umfangreich und die Teilung in das Wirken des „Professors“ und die Aktivitäten von Ferry durch die Zäsur des Krieges naheliegend. Das Konstruktionsbüro „Dr. Ing. h.c. F. Porsche“ wurde bereits 1931 gegründet und war ständig – auch während des Krieges – mit Aufträgen ausgelastet. Die Entwicklung des Modells 356 war sozusagen ein Luxus, den sich Ferry mit Konstruktionen für externe Auftraggeber finanzierte. So könnte man den Typ 64 als „Missing Link“ bezeichnen. Die Frage nach dem ersten „Porsche“ scheint also genauso schwer zu beantworten, wie jene nach dem ersten Menschen.
Das Gesamtwerk der Familie Porsche ab 1893 mit Originalen zu dokumentieren ist ein Unding, das selbst Stuttgart nicht bewältigen kann. So dürften unter anderem Flugzeugmotoren aus dem Ersten Weltkrieg und diverse Kriegskonstruktionen aus dem Zweiten Weltkrieg mit Sicherheit verloren sein. Zahlreiche andere, teilweise unbezahlbare Raritäten, sind über die ganze Welt verstreut. Ernst Piëch, Sohn von Louise Piëch (geb. Porsche), hat sich der ehrgeizigen Lebensaufgabe gestellt, Werke seines 1875 geborenen Großvaters Ferdinand Porsche zusammenzutragen. In seinem sehenswerten Museum „Fahr(T)raum“ in Mattsee bei Salzburg sind ein Porsche-Lohner „Mixte“ (1901), mehrere Austro Daimler, ein KdF-Wagen (1939) sowie eine umfangreiche Sammlung von Porsche-Traktoren ausgestellt.

Eine Reise nach Stuttgart lohnt allein schon wegen dem spektakulären Porsche-Museum (Entwurf Delugan/Meissl Wien), das sich der „Idee Porsche“ widmet und die Historie ab 1948 behandelt. Damit hat sich das Haus eindeutig positioniert. Ein Typ 64 findet sich dennoch in der beeindruckenden Sammlung. Es handelt sich allerdings um einen Nachbau.

 
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