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Samstag, 14. Dezember 2019
Brot und Spiele – historischer Automobilrennsport vor 1939 Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Winterle   

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Wer der Schnellste ist, wird als der Mutigste bewundert, galt bereits in der Antike als großer Held. Ihm winkte das Ende seines Sklavendaseins, dazu Ruhm und Ehre sowie gesellschaftlicher Aufstieg.

Ben Hur kennen wir alle

Soweit die geschichtlichen Überlieferungen aus Griechenland und Byzanz, von den Etruskern und Römern. Wagenrennen mit Streitwagen waren in der Spätantike eine beliebte, weil prestigeträchtige Sportart, für die eigene Anlagen wie das Hippodrom in Konstantinopel oder der Circus Maximus in Rom erbaut wurden. Nach 680 vor unserer Zeitrechnung waren Wagenrennen sogar Teil der Olympischen Spiele. Die Rennen wurden wahlweise mit zwei oder vier Pferden ausgetragen. Die teilnehmenden Mannschaften hatten, gleich wie heute, ihre Sponsoren aus der gesellschaftlichen, politischen wie wirtschaftlichen Führungsebene. Diese ließen sich nur zu gerne von tausenden, zu den Veranstaltungen gepilgerten Untertanen feiern und als Wohltäter huldigen. Viele, der durch die kompromisslose Härte des rauen Fahrstils verursachten Unfälle, waren mutwillig, also absichtlich herbeigeführt.

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2000 Jahre später


Wer der Schnellste ist, wird als der Mutigste bewundert, gilt als großer Held! Sein Lohn ist neben Ruhm und Ehre auch materieller Wohlstand. Eigene Rennstrecken werden ebenfalls angelegt. Statt olympischen Lorbeers gibt es Pokale und Meisterehren. Die ersten motorgetriebenen Vehikel haben ebenfalls nur wenige Pferde(stärken). Die Sponsoren sind anfangs die Autofabriken selbst. In dunklen Jahren aber auch politische Tyrannen und Herrscher. Diese lassen sich nur zu gerne von zigtausenden als Wohltäter huldigen. Heute stehen nicht immer klar erkennbare Mächte hinter dem (bereits in der Antike so genannten!) Zirkus.

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Anno 1894


Das erste Wagenrennen moderner Prägung, also ein Rennen mit selbstfahrenden Wägen, fand am 22. Juli 1894 in Frankreich statt. Veranstaltet von der Zeitschrift „Le Petit Journal“ nach einer Idee des Journalisten Pierre Giffard. Die 126 km lange Strecke führte von Paris nach Rouen. Angemeldet hatten sich 100 „pferdelose“ Wagen – am Start standen letztlich nur 21 Fahrzeuge. Als erster Sieger in einem Autorennen gilt Graf Albert de Dion auf dem von ihm konstruierten Dampfwagen.

Bereits ein Jahr später wurde neben Frankreich auch in Italien und Amerika ein solches Spektakel veranstaltet. Frankreich, als die damals federführende Nation auf diesem Gebiet, hatte mit dem 1895 gegründeten Automobile Club de France, die weltweit erste Interessensvertretung erhalten. Der Club erstellte das erste Reglement in der Geschichte der Rennautos mit der Bedingung auf, dass ein Fahrzeug Platz für vier Passagiere bieten musste. Dieser ersten Regelung folgten bis heute tausende von immer neuen Verordnungen. Die anspruchsvolle, 1178 km lange Strecke von Paris nach Bordeaux und zurück versuchten 22 Fahrzeuge zu schaffen. Von den sechs mit Dampfantrieb erreichte genauso keiner das Ziel, wie das einzige Elektromobil.

Der Explosionsmotor hatte gesiegt. Alle damit angetriebenen Fahrzeuge gingen in ihrer Grundkonstruktion auf Daimler und Benz zurück, waren aus ihnen weiter entwickelt worden. So werbewirksam für die Popularität des Automobiles diese von Stadt zu Stadt führenden Rennen auch waren, sie waren der reine Selbstmord. Absolute Unerfahrenheit im Umgang mit solch gefährlichen Situationen auf Seiten der Zuschauer so wie Selbstüberschätzung der Fahrer in Kombination mit permanenten technischen Gebrechen der Fahrzeuge führte zu grausamen Unfällen mit zahlreichen Toten und ungezählten Verletzten. Mit dem Rennen von Paris nach Madrid im Jahre 1903 endete die Ära der berühmten Rennen von Stadt zu Stadt. Das berühmteste Todesopfer unter den Rennfahrern war damals der bekannte Fabrikant, Konstrukteur und Rennfahrer Marcel Renault.

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Ab 1904 nur noch Rundstreckenrennen


Nicht nur die Form der Fahrzeuge hatte sich geändert, sondern auch die Straßen, auf welchen sie ihre Wettkämpfe austrugen. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden der Gordon-Bennett-Cup, der Grand Prix von Frankreich, das Kaiserpreis-Rennen, der Vanderbilt-Cup in Amerika, die Targa Florio auf Sizilien zu den berühmtesten Veranstaltungen. Hunderttausende Besucher pilgerten zu den Austragungsorten, die Zeitschriften berichteten seitenweise über diese Veranstaltungen und die Sieger wurden herum gereicht, beschenkt, geehrt und bejubelt – daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die zahlreichen kleineren, lokalen Bewerbe fanden keinen so großen Zuspruch. Zudem gab es noch einmalige, spektakuläre, ja sensationelle Zuverlässigkeitsfahrten, die nicht nur quer durch ganz Europa führten, sondern 1907 von Peking nach Paris und ein Jahr später sogar von New York ebenfalls in die französische Metropole. Es war die Geburtsstunde späterer Rallyes. Die Initiatoren waren bedeutende Zeitschriften wie die New York Times oder Le Matin. Die laufende exklusive Berichterstattung über den spannenden Verlauf solcher Wettfahrten sicherte hohe Auflagen (würde man heute Einschaltziffern dazu sagen?).

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Erstmals Automobil-Weltmeisterschaften ab 1925


Das Völkerringen war zu Ende und dem Automobil endgültig der Durchbruch und die Akzeptanz in der Gesellschaft gelungen. Die vier Hauptrennen fanden 1925 in den USA (Indianapolis), in Belgien (Spa-Francorchamps), in Frankreich (Autodrome de Linas-Montlhéry) sowie in Italien (Monza) statt. Daneben fanden besonders in Italien und Spanien Rennen statt, welche international von Bedeutung waren. In den Folgejahren kamen immer neue Grand Prix-Austragungsorte dazu und auch die teilnehmenden Mannschaften aus Frankreich, England, Italien, Deutschland und den USA wurden mehr, damit das Bild bunter, die Wettkämpfe spannender. Neben den Rundstreckenrennen mit reinen Rennfahrzeugen gab es zahllose Sportwagen-Veranstaltungen und bereits vor dem Ersten Weltkrieg viel beachtete Bergrennen. Letztendlich war der jährliche Rennkalender mit Grand Prix-Rennen so ausgefüllt, das beschlossen wurde, jedes Land könne jährlich nur eine Veranstaltung so betiteln. Die späteren Jahre wurden zu einem Politikum, speziell in Italien und Deutschland.

Bevor der dunkle Vorhang der Geschichte sich erneut auch über das rennsportliche Leben senken sollte, verewigten sich in den 1920er- und 1930er-Jahren aber große, unvergessliche Namen. Neben den legendären Bugattis waren anfangs noch FIAT, Sunbeam, Duesenberg und Itala Wagen erfolgreich. Delage, Talbot und ERA hielten ebenfalls tapfer mit. Den ab Mitte der 1930er-Jahre unschlagbaren Mercedes-Benz und Auto Union-Rennwagen konnten nur noch Alfa Romeo und Maserati die Stirn bieten.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die Schnellsten, die Mutigsten, die großen Helden!

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