Peking Paris 2016 in einer Lambda von 1927
Geschrieben von Emma Vos   

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Ich erinnere mich noch gut an die Reaktion aus der Familie und von Freunden, als ich ihnen begeistert von meinem geplanten Abenteuer erzählte. Nach einer Pause mit offenem Mund klopfte man mir freundlich auf die Schulter mit den Worten „ja“, „toll“, und danach gab es wieder eine Pause. „Die muss verrückt sein“, dachten sie, zumindest ihr Gesichtsausdruck sagte es. 13.695 km von Peking nach Paris in einer Lambda von 1927 und das mit keinem anderen als mit dem eigenen Vater, und das wollte ich machen? 

Ich, die bekannt dafür war, einen Citroen nicht von einem Renault unterscheiden zu können, die zuhause immer wieder erinnert werden musste, die Musik leiser zu stellen oder beim Fahren nicht zu telefonieren, ich, der ich als Fahrerin Anfängerin war und immer noch bin? Meine Kenntnis von Autos und Rallys war nicht nur gering – sie war nicht vorhanden.

Das Gefühl, eine Anfängerin zu sein, blieb in den ersten Tagen bestehen. Der Tag vor Beginn der Rally, als die Wagen überprüft wurden, war für mich wie die Situation 5 Minuten vor Beginn einer Prüfung. Du hast die „stillen Streber“, die extrem gelassen antworten, wenn sie zu der Vorbereitung ihres Fahrzeugs gefragt werden, aber auf mindestens 10 Arten von Dokumenten in farblich unterschiedlichen Plastikhüllen verweisen können. Dann hat es die anfänglich Langsamen, die aber dann in Stress geraten und den Mechanikern auf den Füßen stehen oder diejenigen, die an der Bar darüber diskutieren, was an ihren Fahrzeugen hervorragend funktioniert oder was in den kommenden 36 Tagen hoffentlich nicht ausfällt. In diesen ersten Tagen ging es mir nicht gut; ich unterhielt mich mit den Navigatoren aus einigen anderen Fahrzeugen (soweit sie mich überhaupt als Teilnehmerin anerkannten) über ihre bisherigen Rallykenntnisse und Erfahrungen und musste feststellen, dass sie nicht nur um den Faktor 2 bis 3 älter waren, sondern weit mehr wussten, als ich.

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Plötzlich kommt die Veränderung im Verhalten und in der Atmosphäre, wenn alle 107 Fahrzeuge in den Kategorien „Vintage“ und „Classic“ vor der großen chinesischen Mauer aufgereiht sind. Für viele, die sich drei Jahre technisch und emotional vorbereitet haben, ist der Start überwältigend und gleichzeitig erleichternd. Es gibt begeisterte Familienangehörige, Freunde und neugierige Zuschauer, die den Drachentänzern und den startenden Fahrzeugen applaudieren. Dann ist es 8.10 Uhr, der Motor wird angelassen, die Flagge fällt, und schon sind wir weg.

Für diejenigen, die wie ich zu Beginn des Jahres keine Ahnung davon hatten, wie eine Rally funktioniert: Es gibt kein Tom Tom! Als Navigator bekommst du ein Buch mit Diagrammen von Straßen und Distanzangaben, die du abhakst, wenn du die Distanz passiert hast. Unser erster Tag nach Datong ist eine Art „Versuchstag“ mit wenig Kilometer und einem Stop an einem Bergkloster.

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Die zwei Tage in China öffneten mir das erste Mal die Augen. Auf dem Weg von Datong nach Ehrenhot sahen wir endlos große Häuserkomplexe, alle noch unbewohnt, sowie große breite Straßen mit fast keinem Verkehr; alles deutete auf die Vorbereitung für eine Masseneinwanderung hin. Diese Städteplanung macht einen etwas enttäuschenden und gleichzeitig ungewöhnlichen Eindruck, es wirkt künstlich, wie Städte, die wie aus der Retorte ins Land gestellt werden. Es passt nicht zu unserer Erfahrung, dass Städte natürlich wachsen. „Wir alle warten darauf, dass die Träume, die uns in die Köpfe gepflanzt wurden, Wirklichkeit werden“, sagte man mir in einem Hotel, das im letzten Halbjahr zweimal seinen Standort ändern musste. Diese Art der Planung ist möglich, da es kein Land im Privateigentum gibt, der Staat kann die Bewohner kurzfristig zum Umzug zwingen.

Das Schöne in China liegt in der Freundlichkeit der Leute, die ich treffe (jeder will mindestens 10 Selfies mit mir machen – natürlich mit dem obligaten „Frieden“-Symbol) und in der angenehmen unberührten Landschaft. Die großen bevölkerungsreichen Städte, wie Peking oder Shanghai, werden durch ruhige Naturlandschaften ausgeglichen. In keiner anderen Kultur hat die Natur eine so große Rolle gespielt wie in China. Schon in der Frühzeit haben Dichter und Maler die Schönheit der Landschaften gepriesen und gemalt. Und das mit Recht: Chinas Landschaft ist atemberaubend.

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 Für mich startet die wirkliche Rally in der Mongolei. Nicht nur, weil jeder rätselt, was in der Wüste Gobi passieren wird. Nein, in der Mongolei ist alles anders: Es gibt keine Straßen (wenigstens sagt das Roadbook das). Ich muss mich jetzt mit Gamin, dem digitalen Kompass, anfreunden, der mich von einer Koordinatenkombination zur nächsten (unter der Annahme einer geraden Linie) leitet. Und das mit der geraden Linie stimmt eben nicht.

Ängstlich zähle ich die Distanz zu unserer ersten Zeitprüfung herunter (man denke: eine große Flagge, ein Herunterzählen, wettbewerbsbegierige erfolgreiche Geschäftsleute, die jetzt über Naturstraßen gehetzt werden). Ein roter Fleck wird beim Näherkommen ein rotes Fahrzeug mit zwei Marschalls, jetzt habe ich Schmetterlinge im Magen. In den nächsten 5 Minuten gibt es Zwischenschritte in Metern und ich werde extrem konzentriert die Meter- und Richtungsangaben schreien müssen, etwa in der Art: „nach 500 m rechts abbiegen, noch 200 m, JETZT RECHTS“, und da darf es keine Rückfragen der Art „bist du sicher, was sagst du, meinst du jetzt?“ geben. Die freundliche „Hi Love“-Begrüßung des Marschalls beruhigt meine Nerven für einen Moment, aber dann kommet die Frage nach der Zeitkarte und ob ich bereit bin. „Großer Gott, bin ich? Ja! Nein! Was mache ich?“ „Das Gleiche, was du in den letzten Tagen gemacht hast, nur zehnmal schneller und ein wenig Glück, wenn du die Richtung wählst“, ist die Antwort. Ok, es bedrückt mich. „10, 9, 8, …“ und schon geht’s los, mit leichtem Schock, zwei Garmins, ein Roadbook und eine Karte auf dem Schoß, die linke Hand mit einem Stift im Wagen abgestützt, mit der rechten Hand an der Kappe und gelegentlich die Distanzen anpassen, wenn wir die Koordinaten passieren. Ich schlucke schwer, es ist wirklich Stress, über das steinige und unebene Gelände mit 100 km/h zu fahren und dabei keine Fehler zu machen. „In 500 Metern sind wir am Ziel“, schreie ich, um den Lärm des Motors zu übertönen. Wir bremsen, und nach einer Staubwolke zeigt der Marschall ein anerkennendes Nicken: „Bisher Schnellster.“ Wir verstecken unsere Euphorie hinter einem zufriedenen „ok“.

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Im Rückblick ist die Mongolei für mich der beeindruckenste Teil der Rally. Es ist ein Land mit sehr freundlichen Menschen und einfachstem Lebensstil. Junge Frauen, die in bunt gefärbten Kitteln Schafe hüten, junge Männer, die mit ihren Pferden lange Strecken durch unberührtes Land reiten. Der Wind, der durch die langen schwarzen Mähnen der Pferde pfeift, die über das Weideland galoppieren. Der freundliche Gesichtsausdruck der mongolischen Kinder, die uns mit ihren schmalen Händen winken, während wir vorbeifahren; sie leben geschützt in einem weiten Land und wissen nichts von den Problemen der restlichen Welt, wie in einer Hülle sind sie weit entfernt von unserem Leben, das so standardisiert geworden ist. Es ist wie ein Baumhaus aus unserer Kindheit, wo wir uns unentdeckt wohlgefühlt haben; aber wenn es entdeckt wurde, war es nicht mehr das Gleiche. Es macht mir ein wenig Angst, wie sich die Mongolei verändert, wenn das Weideland bebaut wird und die galoppierenden Pferde durch heulende Motoren ersetzt werden.

Es ist dieses Land, das mich mit dem Wesentlichen dieser Rally in Berührung brachte (zumindest was es 1907 war, als die Rally das erste Mal startete). Hier liegt die eigentliche Schönheit der Rally. An einem kalten Januarmorgen 1907 erschien in der französischen Zeitung „Le Matin“ der Aufruf: „Jetzt soll überprüft werden, ob ein Mensch alles tun und überall hinkommen kann, solange er ein Auto hat. Hat jemand den Mut, in diesem Sommer mit dem Auto von Peking nach Paris zu fahren?“ 40 Equipen meldeten sich an, 4 starteten von Peking. So rollen unsere Fahrzeuge durch die Mongolei, die Teilnehmer und die Mechaniker arbeiten bis zum frühen Morgen, ein Bier in der Hand. Bis nach Paris zu kommen, ist nicht eine Frage des ob, sondern des wie. An einigen Tagen lebst du von Snickers und einigen Stunden Schlaf, aber das macht nichts – in Paris ankommen ist das einzige, was du im Sinn hast. Diese Rally ist – wie 1907 – eine riesige Herausforderung und, abgesehen von den Hightech-Zelten, ist die Situation, die wir in der Mongolei antreffen, ähnlich wie 1907.

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 Unsere Fahrt zum wunderschönen Chjargas-See markiert den Punkt, wo wir fast alles verloren haben. Wir beginnen den Tag und diskutieren, dass wir es heute etwas langsamer angehen wollen, es reicht, den 5. Platz im Gesamtklassement und die Führung in unserer Klasse zu halten.

Aber nach dem Start erwacht wieder unser Wettbewerbsgeist: Wir rasen wieder über die holprige Landschaft der Wüste Gobi, mit Bentleys, Vauxhalls und einem American Nash um die Wette. Etwa um 2 Uhr nachmittags, gerade vor der letzten Zeitprüfung, setzt unsere Lambda aus. Wir halten das erste vorbeifahrende Fahrzeug an. Sie wollen uns – natürlich erst nach einer Anzahl Fotos – ins letzte Dorf zurückschleppen.

Ich setze mich in ihren Wagen, und bald sind die 500 m bis zum Dorf geschafft. Innerhalb von einer Minute stehen 20 Männer um unser Auto, und es gibt die Fragen nach der Automarke usw.; meine Antwort auf an mich gerichtete Fragen ist nur ein Lächeln. Ich weiß nicht, was der Defekt der Lambda ist, und auch wenn ich es wüsste, ich könnte nicht helfen. Ich fühle mich sehr hilflos und frage mich, ob wir wohl den Rest der heutigen Distanz ohne ein Ladefahrzeug schaffen können. In den nächsten 20 Minuten schwärmen die Männer im Dorf aus, um nach einer Schraube, die den Defekt beheben kann, zu suchen. Sie kommen zurück, aber keine der gebrachten Schrauben passt.

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Ich sehe die Enttäuschung in den Gesichtern der Männer. Sie sind begierig, uns zu helfen. Das ist der Punkt, wo ich nach einem Ladefahrzeug im Dorf oder in der Nachbarschaft frage, mit dem man uns etwa 100 km bis zu unserem Tagesziel bringen kann. Es dauert etwa eine Viertelstunde, bis ich mich verständlich machen kann, dann nickt derjenige, der uns abgeschleppt hat, und mit ihm – seinen Namen kann ich einfach nicht behalten – fahre ich zu seinem Haus, nicht weit von unserer defekten Lambda entfernt; seine Frau hat eine Karaoke-Bar, der Duft von hochprozentigem Alkohol liegt in der Luft.

Geschützt durch eine staubige Plastikplane wird unser Held sichtbar: Ein altes Hyundai-Ladefahrzeug, mit dem Pferde und Vieh transportiert werden. Unser Helfer springt auf die Ladefläche und montiert schnell das Gitter für den Tiertransport ab. Seine Frau bereitet in der Karaoke-Bar Getränke und Süßigkeiten für die Reise vor. Es packt mich die Begeisterung, als wir mit ihren drei Mädchen und dem Proviant in den Hyundai steigen und losfahren. Ich sitze mit den drei Mädchen vorne, lächle sie an und bald spielen wir Tic Tac Toe und werden Freunde. Die Lambda wird aufgeladen und festgezurrt, und wir fahren los. Ich realisiere, dass wir die 100 km bis zum Tagesziel bestenfalls noch vor der Tagesschlusszeit schaffen können. Ich versuche, das unserem Helfer zu vermitteln, und er gibt kräftig Gas. Die Lambda schaukelt auf der Ladefläche hin und her, manchmal müssen wir anhalten, um sie wieder festzuzurren, aus dem Autoradio singt die Rapperin Iggy Azalea, und wir singen mit und hoffen das Beste. Es kostet eine Menge Schweiß, Schreien, Singen und Lachen, aber als wir die Schlange der Wagen, die beim Camp auf Benzin warten, passieren, weiß ich, dass wir es geschafft haben. Ich springe über meinen Vater und alle unsere Freunde hinweg und renne zur Zeitkontrolle: 4 Minuten vor Schluss sind wir heute am Ziel!

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 Obgleich dieses nicht der letzte Defekt der Lambda war, er öffnete mir die Augen für einen der Gründe, warum ich an der Rally teilnehmen wollte: Die Erkundung des Neuen, Ungewissen. Die schönsten Erfahrungen waren die ungeplanten, die uns den unmittelbaren Kontakt mit einem Ort und seiner Bevölkerung brachten. Man kann die Rally als eine Art Kunstwerk sehen. Nicht jeder versteht es, manchmal wirkt es langweilig, aber es gibt Momente, wo einem neue Einsichten einer Stadt, einer Kultur oder einer Bevölkerung vermittelt werden. Die Rally Peking – Paris war ein Abenteuer, das meine Ideen bereichert, das mich zwingt, den Horizont zu erweitern oder ganz neue Einsichten zu gewinnen, wenn man sich hilflos in einer fremden Umgebung befindet. Wettbewerbsdenken kann mitunter unseren Blick trüben, wir sehen nur die Zeit, die wir erreichen müssen, die angestrebte Platzierung, den Platz in der Zeitprüfung.

Von den 11 Ländern, die wir auf unserem Weg nach Paris durchquerten, war Russland mit Abstand das größte; die Mongolei hatte mir die Sicht der physischen und mechanischen Herausforderung der Rally gegeben, Russland brachte die Zeit der emotionalen Belastung. Ja, die Rally ist herausfordernd und sehr hektisch, aber sie dauert 36 Tage – in einem Auto, und das kann auch langweilig werden. In Russland war es tatsächlich so, dass ich das Gefühl hatte, vor einer Scheibe mit immer der gleichen grünen Landschaft zu sitzen. Es waren Asphaltstrecken, bei denen du das Gefühl hattest, das einzige was sich ändert, ist der Bruce Springsteen-Song im Lautsprecher. Diese langen Strecken des Nichts wären eine gute Gelegenheit für interessante Gespräche, würde man denken.

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Es gab eine Reihe von Vater-Tochter- und Vater-Sohn-Teams in der diesjährigen Peking-Paris-Rally, und ich glaube, man kann für alle diese Teams sagen, dass es Belastungen der Beziehung brachte. Du fragst Dich manchmal, ob es wirklich eine gute Idee war, mit deinem Vater diese Rally zu fahren, ob die Beziehung wirklich funktioniert und welche therapeutische Hilfe du nach der Ankunft in Paris brauchst. Ab und zu gibt es gute Gespräche, aber auch hitzige Diskussionen. Ich habe festgestellt, dass man am besten nicht alles in einer hitzigen Diskussion zu ernst nimmt und dass kleine Gesten, wie den Morgenkaffee für den anderen mitbringen oder eine Bemerkung über die vorbeigleitende Landschaft machen, durchaus helfen.   

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Wenn man nach Europa kommt, beginnt die Zeit zu fliegen. Fast jeden Tag überquert man Grenzen, und man muss sich fast zwingen, Notizen und Fotos zu machen. Wenn man mit hoher Geschwindigkeit reist, vergisst man schnell Details, und alles vermischt sich. Wettbewerber, mit denen du in Peking nur Smalltalk gemacht hast, sind Freunde geworden, ja sie gehören fast zur Familie; es entsteht ein großes Gemeinschaftsgefühl. Je näher man Paris kommt, reift die Erkenntnis, dass vieles an dieser Rally einzigartig ist. Der emotionale, monetäre und physische Aufwand für diese Rally ist nur ein kleiner Teil dessen, was man als Erkenntnis und Gewinn zurückbekommt.

 Die Peking-Paris-Rally hat mir etwas gegeben, das in der heutigen Welt von Google maps und Google earth selten ist; das gleichzeitige Auftreten von (bewusstem) Entdecken und Zufall. Jede große Geschichte braucht ein Stück Verdrehtheit, eine (un)glückliche Wendung der Ereignisse, die zu etwas Magischem führt. Zufall ist nicht etwas, das man erzwingen kann, aber die Anlage der Rally ermöglicht, dass Wagemut und Offenheit an jedem Tag Überraschungen bringen können. Die Rally Peking-Paris ist also nicht schwarz oder weiß, sich besteht aus unendliche vielen Grautönen – ein Raum für wirkliche Entdeckungen.

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