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Samstag, 14. Dezember 2019
Als Böhmen noch bei Östreich war... Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans-Roland Zitka   

Heft bestellen - Als Böhmen noch bei Östreich war...

Wo Ferdinand Porsche zuhause gewesen ist.

Text & Photos: Hans-Roland Zitka

ImageStaatsgrenze bei Nikolsburg. Freie Fahrt, keine Grenzschranke, keine Warteschlange, niemand da, der einen hindert. Egal, ob man die Spurensuche nun auf der Autobahn über Brünn und Prag (das tschechische Pickerl kostet ca. 23 Euro) oder über Linz und Budweis beginnt, Grenzschikanen sind Vergangenheit. Als ich nun doch zum Geldwechseln stehen bleibe heißt es "Nádherny!", was so viel wie "prächtig!" bedeutet - die Leute bestaunen den schicken gelben Boxster. Mein erstes Ziel ist Liberec, das alte Reichenberg, etwa 100 Kilometer nördlich von Prag. Von Wien sind das gut vier Stunden auf der Landstraße, über Zwittau und Pardubitz etwa ebenso viel. In den Dörfern frisch verputzte Häuschen neben maroden alten, Neues neben Verfall. Und das fällt umso mehr auf, je näher man den ehemaligen Sudetengebieten kommt. Weite Wiesen, bewaldete Berge, schattige Alleen - eine grüne, in sich ruhende Landschaft. Um Reichenberg zu umfahren, hätte ich besser einen Cayenne gewählt, denn es folgt Baustelle auf Baustelle; aber nicht etwa abgesperrt, alles fährt nach Arbeitsschluss einfach durch. Ich frage eine Frau mit Einkaufstasche wie ich nach Vratislavice komme. Sie erklärt das richtig nett, und ich taste mich weiter vor. Nun werden Sie fragen: Was will der in Vratislavice? Nun, Vratislavice war einmal Maffersdorf, und hier wurde Ferdinand Porsche geboren. Ja, Sie lesen richtig. Von hier, nahe am Iser- und Riesengebirge, wo sich Moldau und Elbe vereinen, stammen die Porsches. Nicht aus Wien oder Wiener Neustadt oder Gmünd oder Zell am See. Sie stammen aus Maffersdorf. Und da bin ich auch schon beim Ortseingang. Vor mir ein stattliches, ehemals wohl sehr schönes bürgerliches Eckhaus heute ist es verfallen muss einmal einer reichen Unternehmerfamilie gehört haben, vielleicht einem Textilfabrikanten oder so, die gabs hier ja reichlich. Mir schauert es ein wenig über den Rücken. Wie soll ich jetzt das Haus finden, in dem der große Porsche geboren wurde? Ja: Professor Dr. h.c. Ferdinand Porsche, der geniale Konstrukteur, den sie alle haben wollten, in Österreich wie in Deutschland, in der Sowjetunion und anderswo ...
ImageWie von einem Magneten gezogen fahre ich in die lange Dorfstraße ein, und siehe da, plötzlich durchzuckt es mich: Das da links, das ist es doch! Sieht doch aus wie auf den alten Fotos, die ich mitgenommen habe! Ein Hund bellt mich an, Vorbeigehende drehen sich um, sehen das fremde Kennzeichen. Scheint nicht oft vorzukommen, so ein Besuch. Porsche-Freunde aus Zittau in Sachsen aber waren schon hier, erzählten, dass die Leute aus Maffersdorf, aus Gablonz und Haindorf früher gerne nach Zittau ins Theater kamen. Heute, aus Vratislavice, kommt niemand mehr.
ImageWie die hundert Jahre dieses Haus verändert haben! Es ist restauriert, sieht bewohnt, ja sauber aus. Erst beim Nähertreten erkennt man eine kleine Kupfertafel mit dem skulpturhaften Kopf Ferdinand Porsches. Sie wurde vor einigen Jahren von der Porsche AG Stuttgart gestiftet und in Anwesenheit der Bürgermeisterin von Vratislavice angebracht, es ist schon die zweite, sie wurde fester verankert, nachdem die erste von einem Porsche-Fan (oder von einem Buntmetallsammler?) geklaut wurde. Hier also, in diesem Haus, hat Ferdinand Porsche am 3. September 1875 das Licht der Welt erblickt, hier also wuchs er auf, ist zu einem ungemein begabten, technisch interessierten jungen Mann herangewachsen, dem die Spenglerlehre im väterlichen Handwerksbetrieb zu wenig war, sodass sich der Vater dazu entschied, den vor Ideen sprühenden Sohn in die Meisterklasse der Staatsgewerbeschule nach Reichenberg zu schicken. Ferdinands liebstes Experimentierfeld ist die Elektrizität, ohne Wissen des Vaters zieht er in diesem Haus, vor dem ich nun stehe, elektrische Leitungen ein, verbindet sie, bis der Funke überspringt ... der junge Ferdinand macht es zum ersten elektrifizierten Gebäude in Maffersdorf. Dann hält es ihn nicht mehr in der dörflichen Enge, es zieht ihn nach Wien in die Elektrowerkstatt von Bela Egger, von wo er in die Lohner-Werke wechselt, wo man sein außergewöhnliches Talent sehr schnell erkennt. Hier erfindet er die ersten Radnabenmotoren und baut sie in den Lohner-Elektrowagen ein, der 1900 auf der Weltausstellung in Paris Aufsehen erregt, baut den Mixte mit Elektro-Benzinantrieb, praktisch das erste Hybridtriebwerk, also eine Technik, die heute, ein Jahrhundert später, in aller Munde ist, und nimmt mit seinen Autokonstruktionen erfolgreich an Rennen teil. Ferdinand heiratet, bekommt zwei Kinder, seinen späteren Nachfolger Ferry (geboren 1909) und Tochter Louise (sie heiratet später den Wiener Advokaten Dr. Anton Piëch, er stammt aus einer südmährischen Familie). Vor dem ersten Weltkrieg geht Porsche zu Austro Daimler nach Wiener Neustadt, konstruiert geländegängige Militärfahrzeuge, wird nach dem Krieg Generaldirektor in einem Unternehmen mit 6.000 Mitarbeitern, baut für den Filmproduzenten Sascha Graf Kolowrat den Sportrennwagen Sascha, den niemand anderer als der spätere Rennleiter von Mercedes, Alfred Neubauer (auch ein Sudetendeutscher), vorführt, geht dann vorübergehend zu Daimler und gründet in Stuttgart 1931 sein eigenes Konstruktionsbüro, arbeitet für verschiedene andere Auftraggeber, wird wieder vor den Rüstungskarren gespannt, denn ein neuer Krieg steht vor der Tür. Wichtiger bleibt für ihn aber die Verwirklichung einer langjährig gehegten Idee, nämlich die Motorisierung breiter Massen. Das Resultat ist bekannt: Er baut die Prototypen des späteren Volkswagens, des Käfers.
Maffersdorf ist immer noch das langgezogene Straßendorf wie früher. Wenige hundert Meter vom Geburtshaus Ferdinand Porsches steht in einer Wiese die schöne Dreifaltigkeitskirche. Hier wurde er getauft, hier ging die Familie Sonntag für Sonntag zur Kirche. Den nicht enden wollenden Ort zu fotografieren gelingt mir nicht, auch nicht oben vom Berg, da ist ein Wald davor. Doch da entdecke ich einen Friedhof! Ja, den alten Friedhof von Maffersdorf!
ImageFriedhöfe sind Zeugen der Vergangenheit. Sie sind wie ein Geschichtsbuch. Das eiserne Gittertor quietscht. Neben Grabstätten neuer Bewohner die Reste der früheren Gräber, meist verfallen wie das stolze Bürgerhaus am Ortseingang. Man könnte nun geradeaus hineingehen oder nach rechts, doch wieder wie von einem Magnet gezogen gehe ich nach links und stehe vor dem Familiengrab der Porsches. Und siehe da: Es ist gepflegt, sogar ein Blümchen steht da. Viel Marmor, eine riesige Grabplatte in der schönsten Ecke des Gottesackers. An den Wänden Gedenktafeln derer, die hier gestorben und bestattet sind: Ferdinand Porsches Vater Anton, seine Mutter Anna, geborene Ehrlich, sein schon mit 15 Jahren verstorbener Bruder Anton. Dann die Tafeln von Angeheirateten, einer Familie Glaser. Das alles aus der Zeit von 1845 bis 1919. Wie ich später aus Stuttgart höre, wird die Grabstätte von der Familie Porsche weiter bezahlt.
Image"Porsches hat es dort viele gegeben", erzählt mir später ein alter Freund, er stammt aus dem nahen Haindorf und muss es wissen. Die Menschen hier verdienten sich ihr Geld durch den Bau von Musikinstrumenten, durch die Fabrikation von Textilien und Glas. Eigenartige Gefühle, die einen da umfangen. Ja, die Porsches stammen aus Böhmens Hain und Flur, aus dem wohl mitteleuropäischsten Kronland der damals blühenden österreichischen Monarchie, einem Reich mit 80 Millionen Menschen. Das alte österreichische Element blieb in den Porsches tief verwurzelt. Als Ferdinand Porsche während des Zweiten Weltkriegs mit seinem Konstruktionsbüro evakuiert werden sollte - Stuttgart geriet in die Reichweite der allierten Bomberverbände, und Porsches Ideen waren im Kriege noch wichtiger als im Frieden - schlug man ihm vor, in das damals sichere Böhmen zu gehen, er aber lehnte ab. Klugerweise. Und ersparte sich das Schicksal, wie es Millionen seiner Landsleute widerfuhr oder seinem mährischen Kongenius Hans Ledwinka (der Kopf von Tatra). Porsche ging 1943 lieber nach Gmünd in Kärnten, wo heute das sehenswerte private Museum von Helmut Pfeifhofer an jene Entscheidung erinnert. Als er später von den Franzosen interniert wurde, führte Sohn Ferry sein Werk fort und entwickelte 1948 in Gmünd den ersten Porsche Sportwagen. Doch als der Vater frei kam und in Österreich kein Bleiben war, ging er wieder nach Stuttgart, wo der von Sohn Ferry konstruierte 356 in der Karosseriefabrik Reutter erst richtig in Serie ging.
ImageFerdinand Porsche hat seine Vergangenheit niemals verleugnet, im Gegenteil, die meisten seiner engsten Mitarbeiter und Ingenieure waren aus Böhmen. Immer wieder kehrte er, solange es möglich war, gern nach Maffersdorf zurück, fühlte sich wohl bei der einfachen Kost seiner Familie und freute sich später, wenn ihm Stuttgarter Mitarbeiter von dort heimatlichen Speck und eine Flasche Sliwowitz brachten. Er starb 1951 und ruht in der Familiengruft in Zell am See.
Als ich neulich mal einen Porsche Club im Hotel Sonngastein zu Gast hatte, lauter funkelnde Elfer und Boxster und Cayman, feixte ein tschechischer Mitarbeiter: "No jö, sind das lauter tschechische Autos!" Er hat es nicht ernst gemeint, aber in seinem Land weiß man offenbar sehr gut, woher die Porsches kommen.
 
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