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Donnerstag, 12. Dezember 2019
Goodwood Revival 2009 Drucken E-Mail
Geschrieben von Alexander Trimmel   

Goodwood Revival 18.19.20.September 2009

Wo die Vergangenheit die Gegenwart erobert…….

Text: Alexander Trimmel

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Schon im Zuge der Reisevorbereitungen zum "Goodwood Revival"  wird einem rasch bewußt, daß es sich hierbei um ein ganz spezielles Ereignis handeln wird. So wird etwa in den Presseakkreditierungsunterlagen eindeutig darauf hingewiesen, dass angemessene Kleidung, Anzug oder Sakko, Krawatte oder Mascherl, Hut oder Kappe im Stile der ersten 65 Jahre des 20. Jahrhunderts Bedingung sei, um dem Stil der Veranstaltung gerecht zu werden. Höflichkeitshalber hat man von Seiten des Veranstalters gleich einen Link auf der Goodwood-Homepage eingerichtet, der den lernfähigen Jeans-and-Sweatshirt-Uniformisten aus der Sackgasse der fehlenden Kreativität locken sollte. Nun denn, gleich stöberte ich im wohl sortierten Schrank mit meinen spätpubertären Requisiten nach den passenden Kleidungsstücken. Rasch gefunden, musste ich aber alsbald feststellen, daß die Zeit ihre wohlgenährten Spuren hinterließ, vor allem im Taillen- und Kragenweitenbereich, und außer Krawatten und Mascherln eigentlich nichts mehr passte. Stichwort Second-Hand-Shop half in weiterer Folge bei der richtigen Dimensionierung. Die Verkleidungsorgie nahm ihren Lauf, bis der Koffer satte 18 Kilogramm wog.
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Somit bekleidungsmäßig bestens ausgestattet und wohlbehalten in London-Gatwick gelandet, begann die eigentliche Reise im Mietwagen an die Südküste Englands. Die Suche nach dem vorbestellten Privatzimmer, in einem kleinen Küstenort nahe Bognor Regis - welch klangvoller Name - endete im Zuge einer immer schmäler werdenden heckengesäumten Straße vor einem 500 Jahre alten, patinierten und unregelmäßig erweiterten Landhaus unverkennbarer britischer Tradition! Echt herrlich! Die beiden doch schon betagteren älteren Damen, die uns Logis gewährten, Schwestern übrigens, luden unmittelbar nach unserer Ankunft zum Tee mit Milch, um uns auch gleich in die Geschichte des Hauses einzuweihen. War der Keller doch Fässerlager des über das nahegelegene Meer geschmuggelten Weines, später das Haus mit dem aus dem Weinverkauf erwirtschafeten Geld um einige Zimmer erweitert worden, um Damen und gelegentlich wechselnden Herren lustvolle Stunden und Momente zu bereiten. Die Romantik fand kein Ende, nur Krimibelesene hätten vielleicht keine so angenehme träumerische Nacht verbracht.
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Nun endlich, nach dem sehr liebevoll vorbereiteten opulenten englischen Frühstück, das keinerlei Hungergefühle bis zum späten Nachmittag aufkommen ließ, ging’s endlich zur etwa 20 Meilen entfernten Rennstrecke von Goodwood, gelegen im weitgestreuten Besitztum des Earl of March, nahe der Ortschaft Chichester.
Gleich am Parkplatz nahm die Überforderung des ersten Tages seinen Lauf, standen doch Hunderte von äußerst bemerkenswerten historischen Fahrzeugen auf einem überdimensionalen Feld vor den Rennstreckenzugängen. Würde man eine Open-Air-Oldtimermesse veranstalten wollen, wäre man ob der Vielfalt und Qualität der am Parkplatz dargebotenen Autos die absolute Number One. Hillman Imp, Bristol, Ferrari California, Morris Minor, Aston DB5, Jowett Jupiter, Rochdale, Bentley, Maserati A6G54 Zagato, Riley, Jaguar, Healey,….sorry, Ende, wir wollen doch endlich einmal zur Rennstrecke.
Ebendort angekommen, fühlt man sich dank der zeitgerechten Verkleidung eins mit dem Charakter der Veranstaltung. Stilecht, nicht kitschig, schwappt die Gefühlswelle der 50er und 60er Jahre über, jeder Besucher ein Komparse oder aktiver Schauspieler einer perfekten Inszenierung.
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Ausgewählte historische Rennfahrzeuge, nicht zu verwechseln mit den dem FIA-Reglement entsprechend verbastelten historischen Silhouetten oder gar neuwertigen gesichts-und geschichtslosen "Continous-Production-Klonen" der diversen "historischen" FIA-Rennserien, nein, wirklich historische Rennwagen mit Goodwood-Historie. Was auf einmal möglich ist, wenn nicht Industrie, Aftermarket-Industrie und vorsätzlich oberflächliche wirtschaftliche Interessen regieren, die unserer Oldtimer-Rennleidenschaft leider den manchmal unsympathischen Stempel aufdrückten.
Nein, nicht wie bei anderen hochklassigen Veranstaltungen, wo der Hauptsponsor der Veranstaltung den Stempel aufdrückt, sei es Mercedes, BMW, Porsche,…. in unglaublicher Vielzahl und Wiederholung und Unterjubelung ihrer neuesten Kreationen im Begleitstil.
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Nein, ein breites Spektrum an eingeladenen Pretiosen und ihren stolzen Besitzern, die Rennen auf einer wirklich historischen Rennstrecke, ohne den neumodischen gezirkelten überrechneten Biegungen, extremen Kiesbetten, Curbs und Dreifachleitschienen fahren durften. Ein wirklich schönes Schauspiel, historische Rennwagen auf einer historischen Rennstrecke kämpfen zu sehen.
Jetzt kann man mir sentimentale Romantik unterstellen. Ist es auch, wenn man die gelungene Inszenierung zum in Goodwood gefeierten 80sten Geburtstag von Stirling Moss erlebt hat.
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Die Gänsehaut ist mir über den Rücken gelaufen, die Tränen standen mir in den Augen, als unter dem tobenden Applaus des tollen Publikums Sir Stirling im Aston Martin DBR1 das Feld mit seinen über 80 gefahrenen Rennwagen über den Kurs führte…. Darunter Maserati Birdcage Longtail Le Mans, Mercedes 300SLR Mille Miglia, Maserati 250F, Ferrari 250 GTO, den er noch im Training, vor seinem verhängnisvollen Crash, beim Easter Goodwood 1962 fuhr, bis zum Cooper JAP mit dem er seine Rennkarriere im Jahre 1948 begann.
Danke Stirling Moss, danke an den Earl of March, ich konnte wirklich unglaubliche Tage in Goodwood genießen, fühlte mich wie im Traum, und freute mich, dass ich in einem unglaublichen Drehbuch eine ganz winzige Nebenrolle spielen durfte. Bis bald einmal, Goodwood.

P.S. Zahlen, Fakten, Ergebnisse und weitere Details zu dieser Veranstaltung gibt's unter http://www.goodwood.co.uk/site/content/revival

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