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Sonntag, 8. Dezember 2019
Austro Motorette Drucken E-Mail
Geschrieben von Hannes Denzel   

Heft bestellen - Austro Motorette

Die wirtschaftlich kargen Zeiten nach den beiden Weltkriegen ließen aus der Not beide Male eine ganz besondere Fahrzeuggattung entstehen: die hilfsmotorisierten Fahrräder.

Text & Photos: Hannes Denzel

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ImageDie wirtschaftlich kargen Zeiten nach den beiden Weltkriegen ließen aus der Not beide Male eine ganz besondere Fahrzeuggattung entstehen: die hilfsmotorisierten Fahrräder. Das Fahrrad, dessen Zeit als Renommierobjekt der besseren Gesellschaft schon seit der Jahrhundertwende vorbei war, wurde so wieder zum Transportmittel Nummer 1. Zahlreiche Firmen sahen das Geschäft mit der Möglichkeit, günstig herzustellende Motoren niederer Kubatur – billig im Verbrauch – an ja aus Zeiten vor dem jeweiligen Krieg übergebliebene Drahtesel anzubringen und damit den persönlichen Aktionsradius seines Besitzers dramatisch zu erweitern.
In jedem europäischen Land, das in die Kriege involviert war, entstanden solche Motortypen, auch in Österreich. War es nach dem zweiten Weltkrieg der Fuchs FM, so war sein Pendant aus den zwanziger Jahren die Austro Motorette, die sich technisch allerdings stark vom Fuchs unterschied. Hatte dieser seinen angestammten Platz über dem Hinterrad, so trieb die Motorette das Vorderrad an, an dessen Nabe sie platziert war. Linksseitig saß der Dreikanal-Zweitaktmotor, natürlich ein Einzylinder, auf der rechten ein Gehäuse mit Schwungscheibe und der Niederspannungs- Abreißzündung.
Produziert wurde die Motorette in Zusammenarbeit zweier gemeinwirtschaftlicher Unternehmen: die österreichischen Werke Arsenal in Wien bauten den Motor, der Rest entstand in Graz- Puntigam bei der Steririschen Fahrzeugwerke G.W.A. 1920 erhielt K. Schübler ein Patent auf diesen Motor samt Hilfsgabel, die ersten Modelle wurden im Frühjahr 1922 an den Mann gebracht. Diese Ausführung hatte einen Hubraum von 72ccm und entwickelte eine Leistung von 0,7 PS. Ab 1924 wurde die Produktion überhaupt nach Graz verlegt, der Motor hatte jetzt ein Volumen von exakt 81,6 ccm und 1 PS Leistung. Geliefert wurde die Motorette in unterschiedlichen Ausführungen: als reiner Anbaumotor samt Hilfsgabel, Tank und Vorderrad, der "in wenigen Minuten" (Prospektzitat) an jedes handelsübliche Fahrrad angebracht werden konnte, oder bereits fahrbereit an einem Rad montiert, und sogar eine Version mit einem eigens dafür bei den Steirischen Fahrzeugwerken entwickelten besonders stabilen Fahrrad wurde angeboten.
ImageAm Berg muss mangelnde Motorleistung durch Muskelkraft kompensiert werden, bergab verzögert die Rücktrittsbremse – und ein Gebet. Der Einfüllstutzen am Tank der Motorette, der sogenannte "Fingerhut", zeigt, woher unsere Altvorderen einst das Benzin beziehen konnten - nämlich vom Apotheker. Benzinhähne, wie man sie an der Tankstelle findet, passen hier nicht hinein. Aber Tankstellen sind sowieso nur sehr spärlich gestreut im Österreich der 20er Jahre. Ein Kampfpreis von nur 220,- Schilling sorgt für reißenden Absatz, sogar im Ausland wird die Motorette entweder in Lizenz gefertigt (beispielsweise Eichlers "Fifi" in Berlin), oder einfach frech kopiert, wie von Alcyon in Frankreich. Jedenfalls ist die Motorette ein Erfolg, weshalb Ing. Karl Schübler, ihr geistiger Vater, schon bald an einer neuen Konstruktion werkelt – aber diesmal sollte es ein richtig "erwachsenes" Motorrad werden, Titan war sein Name – eine andere Geschichte.
1924 kam auch eine Zweizylinder-Ausführung, der Typ II Z, hier wurden zwei Motorette Motoren gekoppelt und mit einer Lederkonuskupplung verbunden. Allerdings kann man hier nicht mehr von einem Hilfsmotor sprechen. Bis 1927 wurden Austro Motoretten gebaut, dann wurde die Produktion eingestellt. Die Firma bestand bis 1933 weiter, die Fahrzeuge hießen jetzt aber Titan. Das Model Ia ist wahrscheinlich aus dem ersten Produktionsjahr 1922, dafür spricht die niedrige Motornummer (4177), eine der wenigen bekannten vierstelligen. Montiert ist der Motor auf einem Fahrrad aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, einem Alfa aus 1913. Über die Marke Alfa (hat nichts mit Alfa Romeo zu tun) ist nichts weiter bekannt, es darf aber vermutet werden, dass es sich um ein Exportmodell des Wiener Fahrrad- und Nähmaschinenerzeugers Panzer handelt. Weil es in Deutschland ebenfalls eine Marke Panzer gab, hat das Wiener Unternehmen seine Produkte gerne auch unter anderem Namen auf den Markt gebracht (z. B. Gloria), jedenfalls ist ein identisches Rad als "feinster Halbrenner mit Außenlötung" im Katalog der Firma von 1913 abgebildet, auch die technischen Details entsprechen diesem Modell: Doppelglockenlager, F & S Torpedo "Wien-Berlin", leicht nach vorn abfallendes Oberrohr, Sternkettenrad 60 Zähne mit Jugendstilornamenten verziert. Die "tiefschwarze Lackierung mit Goldlinien und Verzierungen" ist noch gut erhalten.
Das Modell M 23 aus dem Jahr 1924 ist eine der wenigen Motoretten, die noch (oder wieder) läuft. Interessant die Aufschrift auf der Typenplakette des Modells 23: "patentiert in allen Kulturstaaten" - ein Hinweis auf die rege Exporttätigkeit der Motorette!?! 

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