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Mittwoch, 10. August 2022
Chang Jiang 750 M1 Drucken E-Mail
Geschrieben von Victor Kovalsky   

Heft bestellen - Chang Jiang 750 M1

Jurassic Park - oder das Motorrad aus Mao’s Mottenkiste ...

Text & Photos: Victor Kovalsky ImageIch hatte wohl ein paar Gläser über den Durst, als ich in einer stürmischen Dezembernacht die Enter-Taste meines Computers drückte und damit ein Mail nach Peking losschickte. Angestiftet hatte mich ein alter Freund, der mir eine Woche zuvor wilde Geschichten von einem chinesischen Motorrad erzählte. Zuerst hörte ich nur mit halbem Ohr zu, aber dann zeigte er mir Bilder und eine Preisliste. Chang Jiang nennt sich die archaische Maschine mit 750er Boxermotor und sie kostet nicht mehr als ein größerer Flachbildschirm im nächsten Elektrofachmarkt. YouTube-Filmchen von begeisterten Besitzern machten mir Appetit auf dieses Abenteuer.
Es gibt in China einige Firmen, die alte Changs restaurieren und über Internet in die ganze Welt verkaufen. Benchmark in diesem neuen Marktsegment soll ein gewisser "Big Bill" sein. Mich überzeugte seine Website jedenfalls und man kann sich mit ihm ganz gut auf Englisch verständigen.  Die meisten Chang Jiangs werden als Gespann bestellt. Ich entschied mich jedoch für eine Solo-Maschine, da ich mir den schweren Ballast eines Beiwagens nicht antun wollte.
Die Chang Jiang 750 (M1) ist - wenn man so will - ein direkter Nachfahre der legendären BMW R-71, die von 1938-41 in Deutschland gebaut wurde. Anfang der 40er Jahre wurde die R-71 von den Russen kopiert. Angeblich sollen fünf Motorräder dieses überaus robusten und zuverlässigen Typs über einen schwedischen Mittelsmann in die Sowjetunion verbracht worden sein und dienten als Baumuster für die Ural und die Dnjepr. Dass die Lizenz - wie man da und dort lesen kann - Teil des Hitler-Stalin Paktes von 1939 gewesen sein soll, scheint mir wenig glaubhaft.  Wie auch immer, nach dem Krieg war eine Genehmigung aus München für den Nachbau ohnehin kein Thema mehr.
ImageIn den 50er Jahren gelangten die Pläne als "brüderliche Entwicklungshilfe" nach China, wo die Nanchang Aircraft Manufacturing Company mit dem Bau von Solo-Krafträdern und Gespannen für Militär und Behörden betraut wurde. 1956 erschien die Boxermaschine zunächst unter dem Namen "Yangtzee" und wurde etwas später auf "Chang Jiang" (Langer Fluss) umbenannt. Der seitengesteuerte Motor war wegen der schlechten Treibstoffqualität im fernen Osten nur 5,7:1 verdichtet und leistete etwa 22 PS. Anfang der 80er Jahre kam eine OHV-Version mit 32 PS hinzu.  Beide Modelle wurden möglicherweise bis zur Jahrtausendwende gebaut. Wann genau die Produktion eingestellt wurde, ist schwer zu sagen, da man aus dem Reich der Mitte widersprüchliche Informationen erhält. Während die russischen Ural und Dnjepr nach und nach modernisiert wurden, ist die Chang Jiang, abgesehen von der 12V-Anlage und dem Elektrostarter, auf dem Entwicklungsstand der 30er Jahre stehengeblieben.
Big Bill bietet ausschließlich historische Changs aus den 60er und 70er Jahren an, damit man sie bei uns als Oldtimer zulassen kann. Man darf sich bei ihm alle Farben bis zur Military-Lackierung auswählen. Die Überweisung von 1000 US-Dollar auf ein Konto in Hongkong gilt als Auftrag.  Bill verspricht, die Restaurierung in 4-5 Wochen durchzuführen. Verzollung und Schiffstransport dauern dann nochmals 1-2 Monate. Ich rechnete ja nicht damit, dass sich das ausgeht, aber lassen wir uns überraschen.
Nach einigen Mails sind alle Details geklärt, das Projekt ist auf dem Weg.
Im Laufe der nächsten Wochen bekomme ich eine Flut von Warnungen aus dem Bekanntenkreis was die Verarbeitungsqualität der Chinesen betrifft. Ich höre sogar, die Maschinen müssten nochmals komplett zerlegt werden, ehe sie halbwegs funktionieren. Manche meinen, ich hätte die Dollars besser in ein paar edle Rotweine investiert.  Ich bin auf alles gefasst.
ImageInzwischen versuchte ich vom regionalen Ural-Vertreter in Linz nähere Informationen zur Typisierung zu bekommen. Er teilte mir mit, ich hätte keine Chance und ich solle das Eisen am besten gleich postwendend nach Peking zurückschicken.  Zu Ostern werde ich langsam ungeduldig und frage bei Bill nach. "Schon auf dem Schiff" lautet seine Antwort. Anfang Juni kommt dann endlich ein Anruf aus Hamburg mit der Ankündigung, dass meine Lieferung in wenigen Tagen in Wien eintreffen wird. Eine Woche später stehe ich im Lager der Spedition vor einer mächtigen Sperrholzkiste. Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zugleich, denn noch nie habe ich ein so großes Packerl bekommen. Nach einer zweistündigen Entmumifizierung steht sie nun da die Chang Jiang - prachtvoll, majestätisch und bei näherer Betrachtung doch etwas russisch-chinesisch. Der Holzhaufen im Hintergrund verstärkt den feierlichen Eindruck dass sie einen weiten Weg zurückgelegt hat. Aber noch fährt sie nicht. Es fehlen Treibstoff und Batterie.  Mein alter Freund, Leidensgenosse und zeitgleicher Empfänger einer OHV-Beiwagenmaschine, hat eine Fachwerkstatt kontaktiert, die eine erste technische Überprüfung vor der eigentlichen Typisierung durchführen soll.
Die passende Batterie findet sich rasch, ein halber Kanister Treibstoff hinein und man höre und staune: ein sanfter Tritt auf den Kickstarter und - aller Unkenrufe zum Trotz - schon läuft der chinesische Saurier. Der Motor knattert fröhlich und sauber, die Verbrennungswerte lassen sich problemlos auf das geforderte Limit herunterschrauben.
Nun folgt der Canossagang zur Magistratsabteilung 46. Beim ersten Anlauf gibt’s zunächst ein paar Auflagen aber keine Spur einer pessimistischen Grundhaltung.
ImageDie Bremsen gehören nachgestellt, eine Fernlichtanzeige wird gefordert, die Kennzeichenbeleuchtung muss versetzt werden, Rückstrahler und ein paar technische Daten fehlen noch.  Ratlosigkeit angesichts der fernöstlichen Papiere, ein Sachverständiger soll Herkunft und Baujahr bestätigen. Mit dem Gutachten bewaffnet erscheine ich ein weiteres Mal vor der Behörde. Der Prüfer erweist sich nun geneigt, die gewünschte Zulassung zum Straßenverkehr auszustellen. Mit den Transportkosten, Zoll und dem ganzen Papierkrieg hat sich der Preis des exotischen Importprodukts zwar verdoppelt, aber wir stehen bei etwa 4000 Euro, immer noch günstig für eine neuwertige 750er aus den 30er Jahren.
Herbst zieht ins Land, als ich endlich meine erste Ausfahrt absolvieren kann. Der größte Schwachpunkt wird sogleich spürbar: die Bremsen sind nicht von dieser Welt. Ein gebührender Sicherheitsabstand zu vorausfahrenden Verkehrsteilnehmern erscheint ratsam. Die Chang Jiang ist keine Rakete - das haben wir uns auch nicht erträumt, ihr Fahrverhalten gereicht aber durchaus zur Freude. Sie wirkt etwas schwerfällig, doch mit einer Portion Zivilcourage lässt sie sich recht vernünftig bewegen. 24 Tuning-PS sind nicht gerade viel gegenüber 185 kg Trockengewicht, dafür geizt sie nicht mit Drehmoment. Beschleunigungswerte lassen sich ermitteln, jedoch wollen wir hier nicht damit prahlen. Mit etwas Geduld erreicht man eine respektable Reisegeschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde.  Unterm Strich ist der Gesamteindruck überaus positiv. Auch die Passanten zeigen sich angetan von dem urtümlichen Kraftrad. Manche halten es für eine Harley, einige Kenner erahnen doch die deutschen Wurzeln. Der rote Stern am Tank gibt allerdings Rätsel auf. Bei der Probefahrt hat die Chang ein paar Schrauben von sich gebeutelt. Ich schätze, im Winter werde ich mich doch noch ein paar Stunden mit ihr beschäftigen müssen.
 
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