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Mittwoch, 17. August 2022
Automuseum Prototyp Drucken E-Mail
Geschrieben von Ronald Ritter   

Heft bestellen - Prototyp: die private Umsetzung eines neuen Konzeptes für ein Automuseum

Das im Frühjahr 2008 in Hamburg eröffnete Oldtimer-Museum PROTOTYP hat sich als private Initiative in kurzer Zeit eine hervorragende Reputation erarbeitet und viel Beachtung gefunden. Das liegt nicht zuletzt am innovativen Ausstellungskonzept, das die rührigen Eigentümer in einem ehemaligen Industriegebäude am Rande der Speicherstadt in der Hafen-City verwirklicht haben.

Text & Photos: Ronald Ritter

 

ImagePROTOTYP nur als Automuseum zu bezeichnen, würde den Machern nicht gerecht werden. Insbesondere handelt es sich nicht um ein Museum, das sich auf die Präsentation von Prototypen spezialisiert hat, wie viele auf Grund des Namens glauben.  Dies versuchen die Initiatoren und Besitzer Schmidt und König bereits mit dem Untertitel "PERSONEN. KRAFT. WAGEN" deutlich zu machen. Was steckt also hinter PROTOTYP?
PROTOTYP versteht sich als Prototyp eines modernen Automobilmuseums, das deutlich mehr zeigt als "nur" frühe Nachkriegs-Renn- und Sportwagen. Neben den Fahrzeugen werden die Menschen, die diese Fahrzeuge konstruiert und eingesetzt haben, in den Mittelpunkt gestellt.  Obwohl Nachkriegsdeutschland dringendere Fragen zu beantworten hatte, gab es eine Reihe von Persönlichkeiten, die sich der sportlichen Weiterentwicklung ihrer automobilen Träume widmete. Genau das macht die PERSONEN aus, die ihre ganze KRAFT in traumhafte WAGEN steckte. Damit dreht sich vieles um Fahrzeuge auf Basis des Käfers und damit der frühen Porsche,
aber nicht alles.
Lassen Sie uns jedoch der Reihe nach erzählen: Schon während des Studiums begeisterte sich König für einen restaurierungswürdigen Porsche 356. Trotz des arbeitsintensiven Zustandes des Fahrzeuges reichte das studentische Budget nicht für den Kauf, weshalb er auf die Idee kam, seinen Kumpel Schmidt mit ins Boot zu nehmen. Selbst später, als weitere Oldies die Sammlung erweiterten, gab es keinen Gedanken an eine Trennung.  Vielmehr wurde gemeinsam die Idee eines besonderen Museums geboren, das es in dieser Form bisher noch nicht gab. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der angehende Architekt König Hobby und Beruf miteinander verband und seine Diplomarbeit dem Thema "PROTOTYP Museum" widmete. Gleichzeitig ergänzten sich die beiden, da der Kaufmann Schmidt immer die finanzielle Basis im Blick hatte und Wirtschaftlichkeitsrechnungen und Business-Pläne beisteuerte.
Ausstellungen von Fahrzeugsammlungen, unter welchem Motto auch immer, gab und gibt schon viele. Damit wollten sich die Herren nicht zufrieden geben. So stellt bereits das Ausstellungsgebäude ein erstes Highlight dar. Das Backsteingebäude mit seinem einzigartigen Innenskelett mit gusseisernen Stützen und Gelenkträgern wurde vor etwas mehr als 100 Jahren erbaut und steht heute unter Denkmalschutz. Ursprünglich beherbergte es eine Produktion von Gummiteilen für die junge Automobilindustrie, später wurden Grafiken für die Automobilwerbung entworfen.  Somit ist der historische Bezug zu PROTOTYP schon gegeben.
ImageDie Fahrzeuge selbst werden so präsentiert, wie es ihrer Art entspricht. Deshalb zeigen sich die Pretiosen dem Besucher nicht frisch gestylt, sondern in Ehrfurcht ergraut, mit Steinschlägen und Rempeleien, die von den Renn- und Rallyepisten dieser Welt erzählen. Der Zustand darf schlicht als authentisch angesehen werden. Dies ist einer der Verdienste des Kurators, der die beiden Eigentümer mit Rat und Tat hingebungsvoll unterstützt.  Und dieser Kurator ist nicht Irgendwer, sondern ein altbekannter und ausgewiesener Experte der Szene: Martin Schröder hat bereits vor Jahrzehnten das bekannte Unternehmen Schröder & Weise mitgegründet. Nach dem Ausscheiden im eigenen Haus lässt er seine profunden Kenntnisse und hervorragenden Verbindungen nun PROTOTYP zu Gute kommen.
So haben die Macher von PROTOTYP nicht nur schöne und teils bekannte Fahrzeuge zusammengetragen, sondern auch die zugehörigen Informationen, Hintergründe und Geschichten zu den jeweiligen Fahrzeugen. Und damit diese Informationen nicht in irgendwelchen Archiven verstauben, wurden sie digitalisiert, um dem Besucher gleich auf mehrere Arten präsentiert zu werden. Einerseits gibt es im Boden bei den Fahrzeugen eingelassene Monitore, die die jeweiligen Zeitdokumente in Endlosschleifen abspielen.  Andererseits wurde eine digitale Bibliothek eingerichtet, in der der geneigte Besucher in alten Fotoalben, Büchern und Schriftstücken blättern kann. Damit kann jeder Besucher für sich selbst entscheiden, wie viel Informationen und Zeit er den einzelnen Exponaten widmen möchte.
Schnell stellten die PROTOTYP-Herren bei den Recherchen zu ihren Fahrzeugen fest, dass sich die eigenen Emotionen und Motivationen in ähnlicher Weise bereits bei den Erbauern und Konstrukteuren ihrer Pretiosen eingestellt hatten. Als Ferry Porsche den kleinen, sportlichen Reisewagen, den er suchte, nicht finden konnte, baute er ihn kurzerhand selbst: der Porsche Nr. 1 war geboren.  Dies war möglich, da er nach dem Krieg Lizenzzahlungen mit VW für den von seinem Vater entwickelten Käfer vereinbarte und sich gleichzeitig das Recht vorbehielt, auf VW-Teilen aufbauend einen eigenen Sportwagen zu bauen.
Daher geht PROTOTYP mit einer Reihe von Exponaten die Anfänge von Porsche als Sportwagenhersteller.  So gibt es ein 356 Aluminium-Coupe aus Gmünder Produktion ebenso zu bestaunen, wie das älteste noch bekannte 356 Coupe aus Stuttgarter Produktion. Ein seltenes 356 Gläser Cabrio, potente 356 A Carrera und C Carrera 2 sowie ein 718 RS 60 komplettieren derzeit die historische Porsche-Sammlung. Dazu gesellen sich noch einige neuere Stücke wie 914, 911 2,7 RS oder 996 GT3 RS . Da jedoch mehr Fahrzeuge als Ausstellungsfläche vorhanden sind, werden die Exponate der Dauerausstellung immer wieder ausgetauscht.
ImageAuch andere Konstrukteure erkannten das Potential, das im Käfer steckte und bauten ebenfalls ihre eigenen Rennwagen auf der VW-Basis. Als Beispiele dürften der Österreicher Otto Mathé und der Deutsche Petermax Müller gelten, denen im PROTOTYP ebenfalls gebührender Platz eingeräumt wird. Darüber hinaus zeigt das Museum weitere Fahrzeuge auf Käferbasis, deren Erbauer manchmal gar nicht bekannt sind. Dies gilt z.  B. für ein aerodynamisch optimiertes Fahrzeug mit Glasfaserkarosserie, das auf den ersten Blick nichts mit einem Käfer gemeinsam hat. Erst bei genauerer Betrachtung wird die Basis erkannt.
Zudem erkannten die Verantwortlichen schnell, dass das Ingenieurbüro Porsche schon vor dem Bau der eigenen Autos zahlreiche wichtige automobile Erfindungen gemacht hatte, die intensiv von anderen Herstellern übernommen wurden. Dazu gehören natürlich auch die Auftragskonstruktionen von Ferdinand Porsche, wie die Vorkriegs- Rennwagen der Auto Union. Ein rekonstruiertes Holzmodell, über dem die Aluminiumkarosserie des Typ C-Rennwagen gedengelt wurde, zeugt ebenso von diesen Entwicklungen wie auch ein hölzernes Windkanalmodell des späteren Mercedes T80 Hochgeschwindigkeitswagens.
Eine Vitrine mit zeitgenössischen Modellautos zeigt, welche Ausstrahlung der damalige Wettbewerb von Mercedes und Auto Union um die Krone des Automobilsports bis in die Kinderzimmer hatte. Selbst ein früher Vorläufer der heutigen Flipper, der dem Themenkomplex "Geschwindigkeitsweltrekord" gewidmet ist, kann im PROTOTYP bestaunt und getestet werden.  Apropos testen: in einem zum Fahrsimulator umgerüsteten Porsche 356 Speedster kann jeder Besucher seine fahrerischen Fähigkeiten im Umgang mit Oldtimern selbst überprüfen.
In der in das Museum integrierten gläsernen Werkstatt, in der auch die fahrbereiten Exponate gepflegt werden, lässt sich die Arbeit der Restauratoren bestaunen. Derzeit werden dort der DVD (Delfosse Versuchsbau Düsseldorf) von Curt August Delfosse aus dem Jahr 1947 und der Porsche 904 GTS von Jean-Louis Schlesser aufbereitet.
Ein kleiner Kinoraum mit historischen Porsche-Werbefilmen und eine Audio-Box runden das Programm ab. In letzterer können die ebenfalls digitalisierten Motorengeräusche einer Reihe faszinierender Motorsport-Pretiosen ausgewählt und angehört werden. Parallel dazu lassen zeitgenössische Original-Plakate der wichtigsten Rennen die vergangenen Jahrzehnte wieder lebendig werden.
ImageNeben der beschriebenen Dauerausstellung mit teilweise wechselnden Exponaten bietet PROTOTYP auch immer wieder Sonderausstellungen zu bestimmten Themen an. So wurde am 14. Oktober 2009 mit einer Vernissage die Sonderausstellung "100 Jahre Bernd Rosemeyer" eröffnet, die noch bis Mitte 2010 zu sehen sein wird. Parallel widmet sich PROTOTYP in der Zeit vom 28. November 2009 bis zum 31. März 2010 mit der Sonderausstellung "24/77" dem Mythos des 24h-Rennens von Le Mans. Für die zweite Jahreshälfte 2010 planen die Herren König, Schmidt und Schröder mit ihren Mannen den gesamtdeutschen Rennsport nach dem Krieg mit all seinen Besonderheiten, wie z. B. den Rennsport-Interzonenpass, wieder aufleben zu lassen. Damit bietet PROTOTYP schon alleine mehrere Gründe, um den Ausspruch "Hamburg ist eine Reise wert" wahr werden zu lassen.

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