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Mittwoch, 17. August 2022
Mercedes-Benz Flügeltürer Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang M. Buchta   

Heft bestellen - Mercedes-Benz Flügeltürer - Alles was Flügel hat fliegt...

Autos mit Flügeltüren sind, zumindest vom Image her, etwas besonderes. Wolfgang M. Buchta durfte zwei Generationen davon fahren und Ulli Buchta hat das Abenteuer photographisch dokumentiert ...

 

ImageDie Daimler AG, wie die Muttergesellschaft von Mercedes heißt, steht derzeit gut da. Die Modellpalette ist breit - vom Smart bis zum Maybach, von der A- bis zur S-Klasse und die Nutzfahrzeuge sind auch keine Ladenhüter. Die Milliarden- Gräber des "Weltkonzern", den der glücklose Jürgen Schremp bauen wollte - AEG, DASA und Chrysler ist man glücklicherweise wieder los geworden und die Firma konzentriert sich auf das, was sie kann - gute Autos bauen.
Das war nicht immer so. Ende der 40er Jahre war die Mercedes-Benz AG der (ehemals) größte Hersteller von Militärfahrzeugen und Flugmotoren, der Inhaber des vermutlich größten zerstörten Werksgeländes und hielt sich mit Reparaturarbeiten für die Alliierten über Wasser.
Als sich Rennleiter Alfred Neubauer den Bau eines Rennsportwagen wünschte beschied ihm der Vorstand, dass er mit vorhandenen Komponenten aus dem "Konzernregal" auszukommen habe.  Spontan wollte der aufbrausende Neubauer daraufhin seinen Rücktritt einreichen, befand aber schlussendlich, dass ein Kompromissfahrzeug vielleicht doch besser als gar kein Motorsport sei.  Das Resultat ging, zumindest nach dem Verständnis des deutschsprachigen Raums als "Sportwagen des Jahrhunderts" in die Geschichte ein - der Mercedes 300 SL Flügeltürer war geboren.
Um den 300 SL, der, nebenbei bemerkt, wirklich ein ganz tolles Fahrzeug ist, ranken sich Geschichten und Legenden - Karl Kling und der Geier bei der Carrera Panamericana, Siege in Le Mans und am Nürburgring, ...
Und dann natürlich die Geschichte des (Alt)-Österreicher Max Hoffmann, der Mercedes dazu überredete, aus dem Rennwagen einen Serienwagen für die Reichen und Schönen der 50er Jahre - Juan Peron, Juan Manuel Fangio, Herbert von Karajan, Sophia Loren, Gunter Sachs, ... - zu machen.
ImageBesonders sollte man erwähnen, dass die berühmten "Flügeltüren" oder "Gullwing Doors" im Englischen damals kein Modegag waren, sondern technische Notwendigkeit. Der Gitterrohrrahmen des 300 SL erlaubte nur kleine Öffnungen, die konventionelle Türen ausschlossen. So musste eben auch ein Teil des Dachs zum Ein- und Aussteigen herangezogen werden.
In Büchern und Zeitschriften wird immer das problematische Fahrverhalten heraufbeschworen, die Autoren drohen mit der "Pendel-Schwingachse" und in mehr als einem englischsprachigen Artikel kommt das Wort "unforgiving" vor. Wie fährt sich diese Autolegende nach mehr als 50 Jahren aus heutiger Sicht?
Nun, solange man es nicht übertreibt - und wer will das schon mit einem 500.000-Euro-plus Automobil - fährt sich der Flügeltüre (fast) wie ein modernes Auto. Aus heutiger Sicht sind die Fahrleistungen (ca. 220 km/h und ca. 10 Sekunden auf 100) respektabel, aber nicht Angst einflößend.
Wird man (sinnvoller Weise auf der Rennstrecke) dann übermütig, kann es dann schon passieren, dass die "Pendel-Schwingachse" die Räder einknicken lässt, was den Wagen zum dramatischen Schlingern bringt und eventuell sogar zu einem Dreher verhilft - solange genügend Platz vorhanden ist, alles kein Problem.
Und ja, natürlich ist der Flügeltürer heiß und etwas klaustrophobisch (Kurbelfenster? Klimanlage?  Sie scherzen mein Herr, wir sind schließlich ein verkappter Rennwagen!).
ImageFazit: Tolles, liebenswertes Auto mit Macken, pardon, Charakter. Der 300 SL Roadster bietet Frischluft, "ordentliche" Türen und ein verbessertes Fahrwerk - aber er hat keine Flügeltüren.
Womit wir nahtlos zur Flügeltür als modisches Accessoire kommen. Supersportwagen schmücken sich gerne mit Flügeltüren, sogenannte Autoveredler statten alles vom Golf bis zum Hummer damit aus und auch der Erfinder der Flügeltüre, wurde mehrmals "rückfällig".
Als Ende der 60er Jahre Mercedes einen neuen Supersportwagen, den leider nie in Serie gegangenen C 111, präsentierte (mit Vierscheiben- Wankelmotor, 350 PS, 300 km/h Spitze) war dieser nicht nur in zeitgeistigem Orange gehalten sondern hatte auch, erraten, Flügeltüren.
Bekanntlich kehrt der Täter immer an den Tatort zurück, und so tranferierte Mercedes im September 2009 auf der IAA mit dem Mercedes SLS ("Sport Leicht Super"), die Linie des 300 SL / 300 SLR der 50er Jahre gekonnt in die Gegenwart, natürlich mit Flügeltüren.
Während beim Vorgänger, dem SLR McLaren, Mercedes noch auf die Expertise von Rennwagenbauer McLaren zurückgegriffen hatte, durfte diesmal Konzerntochter AMG in Affalterbach zeigen, was sie konnten.
Bis dahin hatte AMG "nur" wunderbare Hochleistungsmotoren gebaut, und diese in diverse Mercedes-Modelle - von C-Klasse bis S-Klasse, eingepflanzt. Der SLS ist das erste komplette Auto von AMG.
Der Rohrrahmen besteht, ebenso wie die Außenhaut, aus Aluminium. Jede der beiden Flügeltüren wiegt nur 18 kg und dank konsequentem Leichtbau begnügt sich der SLS mit einem Leergewicht von 1.620 kg (der SLR war um rund 150 kg schwerer gewesen). Die komplette Karosserie wird übrigens bei Magna Steyr in Graz gefertigt und (inkl. Türen) komplett lackiert an AMG geliefert.
ImageDank "Frontmittelmotor" (d. h. der ganze Motor liegt hinter der Vorderachse) beträgt die Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse 47 zu 53 Prozent.
Apropos Motor: Der 6.3 Liter Sauger liefert 571 PS die über ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe auf die Hinterachse wirken. Und wie die Kräfte wirken: 3,8 Sekunden auf 100 und eine Spitze von 317 km/h sprechen eigentlich für sich.  Dabei darf man sich den SLS nicht als rohes Monster vorstellen. Wer will kann damit gemütlich (Automatikmodus!) zum Supermarkt tuckern und das gesamt Kofferraumvolumen von 176 Liter mit Bierdosen, Brezel und Erdnüssen auffüllen.
Oder man kann es wie Bernd Mayländer machen, und mit dem SLS Safety Car so Gas geben, dass sich die Formel-1-Boliden anstrengen müssen, mitzukommen. Anzunehmen, dass Mayländer dabei die Schaltwippen am Lenkrad und das Fahrprogramm "Sport+" verwendet.
Und wie fährt sich der geflügelte Traum im realen Leben? "Echt guat!" fasst die Sache zwar treffend zusammen, lässt aber an Details zu wünschen über, also versuchen wir es so: Öfter als zwei oder dreimal wird man sich an den Flügeltüren den Kopf wohl nicht anhauen, dann hat man die richtige Demutshaltung herausgefunden.
Sitzt man einmal drinnen, wird‘s gemütlich, fast möchte man sagen kuschelig. Die Mercedes Werbung spricht davon, dass der Innenraum "Elemente aus der Gestaltung von Flugzeug-Cockpits" verwendet. Nun, ich persönlich bin noch nie in einem so bequemen Flugzeug gesessen.
ImageDank Klimaanlage sind thermische Probleme wie beim Urvater (beim Fahrer, nicht beim Motor) auszuschließen und die Übersichtlichkeit ist, sagen wir einmal, O. k. - also wagen wir uns in den Straßenverkehr.
Problemlos, problemlos, problemlos - natürlich verleitet der Wagen zum schnelleren Fahren, schneller als erlaubt ist, aber bevor man in kritische Situationen kommt, ist man wohl schon Führerschein und Wagenschlüssel los. Aus eigener Erfahrung wissen wir zu berichten: Die Polizei ist freundlich und interessiert und begnügt sich mit technischen Erklärungen und der minimal möglichen Strafe.
Die Lenkung ist wunderbar direkt (2,5 Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag), die Beschleunigung phänomenal, die Straßenlage exzellent und auch im Grenzbereich (oder besser gesagt das, was wir Normalsterbliche dafür halten) bleibt der SLS gutmütig und kontrollierbar - ein echtes Supercar (ein Ferrari 599 ist nur geringfügig schneller) ganz ohne Supercar-Allüren.  Kurz, ein würdiger Nachfolger seines Urahnen aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts - liebenswert, leistungsstark und zu einem Bruchteil des Preises.
Denn der SLS ist verglichen mit seinen Vorgängern preislich eine echte Okkasion. Schlug sich der SLR mit rund 500.000 zu Buche (Sondermodelle konnten auch schon einmal das Doppelte kosten) und sucht man einen 300 SL Flügeltüre unter einer halben Million vergeblich, so gibt‘s den SLS, sofern man einen ergattern kann, ab EUR 214.000 (Preise in Österreich).
Und 2015 soll der Mercedes SLS AMG E-Drive auf den Markt kommen - 4 Elektromotore zu je 130 PS ... Freut euch schon heute auf die Zukunft des Automobils!
 
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