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Freitag, 27. Januar 2023
Spielzeugautos aus Österreich Drucken E-Mail
Geschrieben von Marco Annau   

Heft bestellen - Spielzeugautos aus Österreich - Made in Austria

Fragt man Sammler alter Spielzeugautos nach Stücken "Made in Austria" dann erhält man meistens folgende Antwort: "Da gab‘s nix" Und selbst die weltweit größten Spezialisten wissen zu dem Thema fast gar nichts. Oder doch etwas?

Text & Photos: Marco Annau

 

ImageEin paar Langzeitsammler kennen noch die Blechjeeps von MIRO oder die IGRI Stadtbahngarnitur.  Doch dann wird es in diesem Sammelgebiet duster und selbst die weltweit größten Spezialisten, wie zum Beispiel Paolo Rampini einer ist, der schon unzählige Publikationen zum Thema Modellautos veröffentlicht hat, weiß zu dem Thema fast gar nichts. Oder doch etwas?
Als begeisterter Sammler alter Automodelle fernab von Schuco und Co. bin ich wegen meinem Forschungsdrang zwangsläufig über die Werke von Rampini gestolpert. Rampini zeigt in seinem "Golden book of modelcars 1900-1970" zwar eine Igri Limousine und kennt die Igri Stadtbahn aber in seinem "Golden book of toycars" ordnet er das österreichische Bakelitmodell Aero Minor von HSW einem tschechischen Hersteller zu. Na hören Sie mal!?!?
Da mich die unbekannten und seltenen Autos am meisten anziehen, sind mir im Laufe von 25 Jahren intensivem Sammeln immer wieder Österreicher untergekommen, die eine prickelnde Neugierde geweckt haben. Zunächst einmal die spannende Erkenntnis: es gab doch was und zwar einiges! Umso überraschender war die Einsicht, dass gerade in den schwierigsten Jahren 1946 bis 1955 eine ganze Reihe von Firmen Spielzeugautos hergestellt haben.
Da war einmal IGRI mit der schon erwähnten Stadtbahn, einem Fuhrwerk und einer ganzen Flotte von Blech/Bakelitautos. Die Fahrzeuge haben eine Blechbodenplatte, Bakelitkarosserie, Lenkung und teilweise Uhrwerke. Die Autos sind stilisiert, aber mit deutlichen Merkmalen zeitgenössischer Hersteller, wie Buick, Fiat, Büssing, Chevrolet. Die Firma wurde 1947 in Wien gegründet und schloss ihre Pforten wieder 1949.  Die Firma Artus, ebenfalls in Wien hatte 1947 eine einfache Blechlimousine "Baby M47" im Programm, lackiert mit Uhrwerk und unlackiert ohne Uhrwek. Es gab den Baby auch noch mit Grill.
Ein anderer österreichischer Hersteller hat das "FAMOS" Blechauto gebaut, mit "patentiertem Antrieb". Sowohl auf der Schachtel, als auch am Auto war die maximale Anzahl der Schlüsselumdrehungen aufgedruckt (bei Überdrehung folgte ein Unglück unbestimmten Grades).
ImageEs gab also Blech, Bakelit, Plastik, Holz und auch ein Gussmodell ist mir untergekommen.  Bei diesem Modell handelt es sich um das legendäre Steyr 55 Baby. Es enspricht in seiner Machart zeitgenössischen Produkten von amerkanischen Herstellern wie Arcade oder Hubley, also im Eisengussverfahren. Es besitzt die typische Stromlinienform, freistehende Stoßstangen und hat geprägte Gussräder.
Wer hat es gefertigt, wo wurde es gemacht?  Was tun, wenn nichts auf die Herkunft unseres vermeintlichen Österreichers hinweist? Was uns hier bleibt sind Vermutungen, Instinkt und Sammlerlatein. Bei Modellen mit starkem Österreich- Bezug, wie bei dem Steyr ist die Sache noch einfach, aber wie siehts mit anderen Autos aus? Eine typisch österreichische Herstellungsart dieser Jahre war es, die Karosserie aus Blech, die Räder aus Holz zu fertigen. Offensichtlich war es schwer einen Zulieferer für passende Blech-, bzw.  Gummi/Blech-Räder zu finden. Die Modelle waren mit den damals erhältlichen Lacken einfach, meist mit Pinsel lackiert oder schabloniert.  Lithographien sind mir keine bekannt und deuten auf ein anderes Land hin. Noch ein "Made in austria"-Hinweis könnten damals gängige Motive sein. Durch das Ende des Krieges und der amerikanischen Besatzung sind unzählige Jeeps übrig geblieben und auf unseren Straßen unterwegs gewesen. Sie wurden auch von der Zivilbevölkerung genutzt. Es gab Anleitungen, wie man aus so einem Jeep ein familientaugliches Auto baut oder sogar ein Landgerät. So haben auch einige Spielzeugmacher sich des Jeeps angenommen und sogar zivile Fahrzeuge gefertigt. Taucht ein altes, unbekanntes Jeepmodell in Österreich auf, dann stehen die Chancen gut, daß es auch hier gefertigt sein könnte. Am bekanntesten sind jedoch die Militärjeeps und GMC Trucks von MIRO, gefertigt um 1948. Der Kenner weiß sogar noch von welcher Besatzungszone das einzelne Modell erzählt.
ImageVielleicht in der Hoffnung über amerikanische Kontakte einen Export in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen, vielleicht aus purer Freude an der Abbildung der damaligen Realität, amerikanische Vorbilder standen jedenfalls hoch im Kurs. Die Wiener Firma WIKO fertigte den 1949er Plymouth mit Elektroantrieb. Die Firma HSW wiederum den tschechischen Aero Minor aus Bakelit mit Uhrwerk. In Groß war er neben dem Tatra 600 eines der wenigen Autos, welche man in Österreich überhaupt gegen Devisen erwerben konnte.
Waren es nun Firmen oder Einzelpersonen, Werkstätten oder Heimwerker? Sogar wenn Spielzeug gut beschriftet ist, lässt sich mitunter kaum mehr die Geschichte des Herstellers eruieren. Ein Beispiel dafür bietet PROXIMA, welche in Vorbildwahl Herstellungsland und Hersteller ganz klar war: "STEYR, MADE IN AUSTRIA, PROXIMA"- na eben! Trotzdem lässt sich keinerlei Hintergrundinformation zu diesem Hersteller finden. Anders wiederum GOWI: einer der ganz wenigen der noch bis vor kurzem Spielzeug für Kleinkinder hergestellt hat und sich jetzt mit seinem Konkursverfahren beschäftigt. Ende der fünfziger Jahre entstanden bei GOWI Puch-500 -Modelle aus Plastik, mit Blechfelgen und Federung.  GOWI hat über Jahrzehnte unsere Sandkästen geprägt, mit Bereitstellung von adequaten Schaufeln, Kübeln und Sandformen.
Durch mein "Made in Austria"-Faible habe ich auch Holz lieben gelernt. So gab es unter anderem ein Holz-Modell des legendären Wiener Autobusses "Fross Büssing" von dem im Original kein einziger Bus überlebt hat. Der letzte Bus wurde in den frühen sechziger Jahren verschrottet.  Er war seit den späten zwanziger bis Ende der fünfziger Jahre Teil des Wiener Stadtbildes. Derselbe Hersteller dieses Spielzeugs hat auch einen Anker-Brot-Werbe-Lkw erzeugt, leider wieder kein Herstellervermerk.
ImageSogar am Zweirad Sektor lässt sich etwas finden: so kam unser Igel Freund MECKI auf einer Puch MV 50 daher, das im Volksmund zärtlich genannte "Postlermoped". Das Modell ist gelungen, massstabsgetreu und detailliert.
Wie wir wissen, ist Österreich ein Land der Modelleisenbahner.  Dies und gute Produkte haben einigen Herstellern auch international die Türen geöffnet. Die Modellautofreunde waren eher in der Minderzahl und wenn dann wollte man lieber einen Schuco oder Co. Die heimischen Hersteller haben offensichtlich kein Land gegenüber der hereinströmenden Konkurrenz aus dem Ausland gesehen oder keine Nische gefunden. So ist über die Jahre jede Art der Spielzeugautoherstellung in Österreich versiegt. Erst Roco hat Anfang der sechziger Jahre den Auftakt zu einer kommerziell breiten Herstellung von Spielzeugautos eingeläutet, andere sind später dazugekommen. In den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg hat es eine bunte Spielzeug Herstellerszene gegeben, viele Motive und Standpunkte. Man hat sich von der schrecklichen Vergangenheit distanziert und zum Spielzeug für Kinder gewandt. All den Stücken aus dieser Epoche haftet ein unwiderstehlicher Charme an, der von den Begrenzungen und Hoffnungen seiner Zeit erzählt.
Spielzeugautos österreichischer Hersteller der frühen Nachkriegszeit sind vergessen, aber sind sie auch verloren? Hiermit möchte ich den Beweis antreten, das es noch viel zu entdecken gibt!

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