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Donnerstag, 26. November 2020
Luftfahrtgeschichte - Transatlantik Drucken E-Mail
Geschrieben von Alexander Korab   

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Wem gelang der erste Flug über den Atlantik? Nein, es war nicht Charles Lindbergh. Er schaffte 1927 den ersten Alleinflug von New York nach Paris ohne Zwischenlandung. Der große Teich wurde bereits acht Jahre früher von den Briten John Alcock und Arthur Whitten Brown überflogen.

Text & Photos: Alexander Korab

ImageIm Westen Irlands am äußersten Rand von Europa liegt das kleine Städtchen Clifden. Hier kann man nicht viel mehr machen, als die karge Moorlandschaft zu bewundern oder in einem Pub bei einem Glas Guinness die täglichen Regenschauer abzuwarten. Zu den wenigen Sehenswürdigkeiten der Region zählt ein bizarres Denkmal an der Küste, ein mächtiges Flugzeugleitwerk, das mitten in der Einöde in den Himmel ragt. Es erinnert an den ersten Transatlantikflug im Jahre 1919.
Das Abenteuer begann bereits 1913 als Lord Northcliffe 10.000 Pfund für die erste Überquerung des Atlantischen Ozeans non-stop mit einem Flugzeug stiftete. Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg sollte das Kunststück gelingen.  Am 18. Mai 1919 hob ein Sopwith-Doppeldecker bei St.John in Neufundland ab. An Bord Harry Hawker und K. Mackenzie Grieve. Auf halbem Weg wurde das Flugzeug vom Dampfschiff "Samnanger" gesichtet. Per Funk sendete man ihre Position in alle Welt. Gleichzeitig war auch der Frachter "Glen Devon" mit einer zweimotorigen Vickers Vimy im Laderaum auf dem Weg nach St. John. Der Funkspruch entmutigte Alcock und Brown, zwei britische Flieger, die sich ebenfalls Hoffnungen auf das hohe Preisgeld gemacht hatten und sehnsüchtig auf die Ankunft des Frachtschiffs warteten. Zu diesem Zeitpunkt wußte noch niemand, dass die Sopwith bereits erhebliche Probleme mit der Kühlung hatte. Am 25. Mai kam die Meldung von der Notwasserung der Maschine und der Rettung der Piloten durch die holländische "Mary".
Mittlerweile war auch das Vickers-Flugzeug in Neufundland angekommen. Nach dem Zusammenbau wurden erste Testflüge durchgeführt.  Auch Admiral Mark Kerr bereitete sich mit seiner Handley Page auf den langen Flug vor, was die Spannung erhöhte. Für den 12. Juni hatte das Vickers-Team den Start geplant, allerdings war in der Nacht davor bei einer Probelandung das Fahrwerk gebrochen. Die Reparatur dauerte zwei Tage. Der 14. Juni war stürmisch und Alcock wollte noch zuwarten. Doch das Gerücht ging um, Kerr würde am Nachmittag abfliegen.  Es bliess eine derart raue Briese, dass die Vickers Vimy am Boden vertäut werden mußte. Ein Seil beschädigte eine Treibstoffleitung, die man in aller Eile austauschte. Inzwischen nahmen die Flieger ihre letzte Mahlzeit in Amerika ein. Ehe Brown in die Maschine kletterte, sagte er noch zu den Journalisten: "Wenn dieser Wind anhält, sind wir in 12 Stunden in Irland!" Um 16.12 Uhr (GMT) hob die Vickers Vimy in Richtung Osten ab und verschwand bald aus dem Blickfeld der Zuschauer.
ImageAlcock und Brown waren beide erfahrene Flieger.  Captain John Alcock nahm schon 1913 am Flug Manchester-London teil. Zu Beginn des 1. Weltkriegs diente er bei der Entwicklungsabteilung des Royal Naval Air Service. Er wurde auf der griechische Insel Lemnos stationiert und stellte dort einige Langstreckenflugrekorde auf. Nach einem Absturz im Golf von Saros wurde er von den Türken aufgegriffen und blieb bis zum Waffenstillstand mit England in Kriegsgefangenschaft.  Danach wurde er von Vickers engagiert und arbeitete am Projekt eines Transatlantikflugs.
Lieutenant Arthur Whitten Brown studierte am Technologie-College in Manchester. 1915 kam er zum Royal Flying Corps. Zweimal wurde er über feindlichem Territorium abgeschossen. Bei ersten Mal konnte er noch entkommen. Aber dann wurde von den Deutschen gefangen genommen und schwer verletzt dem Roten Kreuz übergeben.  Der Absturz bescherte ihm eine lebenslange Gehbehinderung. Er verblieb dennoch im Armeedienst und wurde Instuktor in Peterborough.  Die Vickers Vimy wurde im Krieg als Bomber eingesetzt. Sie war 13.3 Meter lang und ihre Flügelspannweite betrug 20,5 Meter. Mit zwei 360 PS starken Rolls Royce Eagle V-12 Motoren ausgestattet erreichte sie eine Fluggeschwindigkeit von ca. 100 Meilen pro Stunde. Mit Rückenwind erreichten Alcock und Brown bei ihrem Atlantikflug sogar 120 Meilen.
Etwa eine Stunde lang hatten die beiden noch gutes Wetter, dann tauchten sie in eine mächtige Wolkenbank ein und heftiger Schneeregen brachte die Kühlerjalousien zum Vereisen. Sie stiegen auf 11.000 Fuss aber es gelang ihnen nicht, die Wolkendecke zu durchdringen. Die Sicht war derart schlecht, dass die Meeresoberfläche bestenfalls zu erahnen war. Dann riss auch noch der Funkkontakt ab und ihre einzige Orientierungshilfe waren der Mond und die Sterne, die sie hie und da zu Gesicht bekamen.
ImageDie Kommunikation zwischen den beiden Männern war auf ein Minimum beschränkt. Es war stockdunkel und die Motoren dröhnen. Als Proviant gab es Sandwiches, Schokolade und Kaffee.  Zwei Stunden vor der Landung zeigte sich kurzzeitig die Sonne, was die Navigation erheblich erleichterte. Schliesslich kam die Küste Irlands in Sicht. Sie drehten eine Runde über den Sendemasten von Marconis Radiostation und Alcock feuerte zwei rote Leuchtraketen ab. Aber niemand schien die Vickers Vimy zu bemerken.  Dann drehten sie zum nahegelegenen Clifden ab und flogen zwei Runden über der Kleinstadt.  Endlich wurden sie entdeckt. Danach nahmen sie erneut Kurs auf die Radiostation und machten sich bereit zur Landung. Eine Moorwiese, die aus der Luft wie festes Grasland ausgesehen hatte, wurde den beiden zum Verhängnis. Das Fahrwerk versank im Torf. Das Flugzeug kippte vornüber und die Nase bohrte sich in den sumpfigen Grund. Alcock und Brown kletterten unverletzt aus der Maschine. Es war 8.40 Uhr, Sonntag 15.  Juni 1919. Die Reise über 1900 Meilen hatte 16 Stunden und 28 Minuten gedauert. Mitarbeiter der Radiostation waren die ersten beim Flugzeug.  Alcock begrüßte sie mit den Worten: "Wir kommen aus eben Neufundland, aber jetzt brauchen wir einmal ein Bad!"
Die Nachricht vom der geglückten Atlantiküberquerung verbreitete sich in Windeseile. Sowohl in Galway als auch ein Tag darauf in Dublin wurde den beiden Fliegern ein triumphaler Empfang bereitet. In London mußte die Polizei einen Weg durch die begeisterten Massen bahnen, damit Alcock und Brown das Savoy Hotel erreichen konnten, wo ihnen Winston Churchill persönlich den Preis überreichte. Von König Georg V wurden sie in den Adelsstand erhoben.
Noch im selben Jahr kam Sir John Alcock 28jährig bei einem Flug nach Frankreich ums Leben.  Sir Arthur Whitten Brown - ein scheuer und stiller Mann - konnte den Tod des Freundes lange Zeit nicht überwinden. Er verstarb 1948 im 63.  Lebensjahr.

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