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Donnerstag, 26. November 2020
Restaurierung VW T1 Bosch-Renndienst Drucken E-Mail
Geschrieben von Franz Pulkert   

Heft bestellen - Wolf im Schafspelz

Im Waldviertel haben wir ein besonders auffälliges Exemplar des VW-Bulli getroffen. Aber dieser "Bosch-Renndienst" verfügt darüber hinaus auch noch über Fahrleistungen welche den etwas abgedroschenen Vergleich durchaus rechtfertigen.

Text & Photos: Franz Pulkert

 

ImageDie Sonne lacht am blauen Nachmittagshimmel, weiße Schäfchenwolken ziehen übers Waldviertel als ich am Ottensteiner Stauseeufer entlang zu meiner Verabredung fahre. Thomas Stauderer hat mich neugierig gemacht: Ein restaurierter 1966er VW-Bulli "Bosch-Bus", mit Faltdach, Mittel- Durchstieg, ohne Limits restauriert und mit einigen Extras ausgestattet erwartet mich. Das wär doch vielleicht interessant für unsere Leser, meinte Thomas am Telephon und endlich sollen wir nun zusammentreffen. Meine Erwartungen werden voll bestätigt als mich der "Bosch-Renndienst" aus der schattigen Garage anlächelt: Ja, das schaut sehr gut aus, eine wunderschöne Restaurierung, und dann diese Farbgebung, ... alles wirklich recht beeindruckend. Naja, bis auf diese unpassenden Niederquerschnittsreifen vielleicht ... auf einem VW-Bus!? ... wer braucht sowas denn? Aber, was solls, lassen wir dem Besitzer doch die Freud.

Ein erster Rundgang. Und es gibt viel zu sehen: ob Ausklappwindschutzscheiben ("Safarifenster"), Blumenvase oder Dachreling, da wurde mit viel Aufwand liebevoll und sachkundig gearbeitet.  Bald ende ich am Beifahrersitz: "Komm," drängt Thomas, "Lass Dein Auto stehen, wir fahren gemeinsam im Bus ein Stückel, damit Du den richtigen Eindruck bekommst."
Da lass ich mich nicht lange bitten. Das Faltdach ist auf und von der etwas erhöhten Aussichtswarte, die ein VW-Bus zu bieten hat, lässt sich die Landschaft an so einem Tag herrlich genießen.

ImageDer Start erfolgt unspektakulär, nur kommt es mir etwas lange vor bis das Triebwerk warm zu werden scheint und uns ohne Ruckeln durchs Ortsgebiet hinaus auf die Böhmerwald-Bundesstraße befördert. Thomas hat viel zu erzählen als er auf der Bundesstraße langsam in Fahrt kommt: Ursprünglich wurde der Bulli als rostiger Teileträger um umgerechnet 370 Euro gekauft.  Schließlich war es die lustige, aber völlig dilettantisch (mittels Malerrolle!) angebrachte Lackierung in den frohen Bosch-Farben, welche die Frau Gemahlin zur Fürsprecherin werden zu läßt den armen Teilträger doch nicht auszuschlachten, sondern ihn in eben diesen Bosch-Renndienst- Farben zu restaurieren. Thomas erzählt etwas von mindestens x.000 Stunden, welche seine Freunde und er an Arbeitszeit reingesteckt haben als wir vor einem die Straße querenden Wasser-Rinnsal stark verzögern um nichts sinnlos einzudrecken.  Na ja, er sei jetzt fast schon froh, dass es den einen oder anderen Kratzer irgendwo am Lack gibt. Muss man halt nimmer gar so sehr aufpassen.  Nach dem Ersten tat es nimmer so weh.  Aber so ist es halt, er hat sich entschieden dieses freundliche und auffällige Auto auch wirklich zu benützen und schließlich habe er mit seiner Frau und der kleinen Tochter nunmehr schon an die 30.000 Kilometer mit dem "Renndienst" Spaß gehabt und sogar ferne Länder zu Urlaubszwecken damit bereist.

ImageFahrtest. "Sei bitte so nett und halt Dich gut fest, ich zeig Dir erstmal die Bremsen", warnt Thomas als die Straße hinter uns (und wie ich beruhigt feststelle auch vor uns - was weiß man -) verkehrsteilnehmerfrei ist. Gut jedenfalls, dass ich gewarnt bin und mich ordentlich abstütze: Beeindruckend wie sich der Bus ohne Schlingern und Ausbrechen wie von einem straffen Gummiband gehalten auf kürzestem Weg runterbremst.  Jetzt fang ich allmählich an den Sinn der "neumodischen" Reifenwahl zu verstehen: Dieses Auto braucht offenbar Sportschuhe! "Hast Du bemerkt wie stabil wir auch beim harten Bremsen geblieben sind? Keine Gefahr auszubrechen! Und so ist das auch noch jenseits von 150 ..." "150 km/h?" denke ich "bei einem VW T1 1966!?" Das Prinzip, erläutert Thomas nicht ohne Stolz, war das von Haus aus etwas Instabile am Fahrwerk eines VW-Bus nicht durch technische Schmankerln oder straffe Modifikation mit unzeitgemäßen Teilen zu beheben, sondern durch höchste Präzision, genauestes Arbeiten und "Null" Extra-Spiel an allen Gelenken. So einfach ist das!
Wieder unterwegs meint Thomas endlich: "So, jetzt passt es, lassen wir den Hintermann noch überholen ..." und fährt ein wenig rechts ran.  "Jetzt zeig ich Dir wie man den Renndienst fahren sollte. Halt Dich bitte wieder fest." Und los gehts! Aus dem Stand beschleunigen wir mühelos auf das was auf Bundestraßen halt so erlaubt ist. Nur begleitet von ein-, zweimal freundlich Kopfnicken, wenn Thomas behutsam aber bestimmt die Gänge einlegt. Das Ganze allerdings in einer Zeit von weniger als 8 Sekunden! Nun, das überrascht mich jetzt wirklich: Derartige Spurts die von einem Porsche 911 oder Golf VR6 stammen könnten fühlen sich in der Fahrerkabine eines VW-Bulli recht toll an!

ImageDas Triebwerk. Ausgangspunkt für diese fulminante Leistung ist ein Typ-4-VW-Motor wie wir ihn üblicherweise ab Ende der 60er Jahre im VW 411/412, im VW-Porsche (914) und auch im VW Typ 2 gefunden haben. Nun ist der Hubraum aber auf 2.800 ccm angehoben und das Aggregat mit allem was teuer, aber vor allem auch gut ist, ausgestattet. "Aber," und darauf pocht Thomas Stauderer, "wir haben nur Dinge verwendet, welche der damaligen Epoche entsprochen hätten. Wir haben da aber an Nichts gespart." Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: SCATKurbelwelle und SCAT-Pleuel, natriumgekühlte Auslassventile, 324°-Schleicher-Nocke, Porschegebläsesystem mit verbreiterter Hutze, Edelstahlauspuff mit Bola-Topf und so fort ... Dieser Motor entwickelt im unteren Drehzahlbereich ein Drehmoment ähnlich wie ein Tdi-Motor aber dreht bis ca. 7.000 U/min. Volle Alltagstauglichkeit ist also gewährleistet. "Ich wollte einen Motor den ich nicht jeden Winter zerlegen muss." Und der trotzdem ordentlich etwas leistet: Der "Renndienst" wurde offiziell mit 7,8 sec. bei 0 auf 100 km/h gestoppt und die klassische Viertelmeile macht er in 15,52 Sekunden.

Ich bin 2 Autos. Dieser "Renndienst" ist kein getuntes Phantom in einer Pseudo-Klassiker-Haut sondern ein liebevoll restauriertes Stück, das auch den Anforderungen von Puristen locker gerecht wird. Und, dann ist da halt auch noch ein Sportwagen versteckt! Der Bulli wurde präpariert ganz so wie es damals wohl so mancher VW-Fan mit Sportlerherz gerne getan hätte. Wenn er das technische Verständnis, gute Freunde und nicht zuletzt auch das Geld dafür gehabt hätte.
 
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