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Mittwoch, 19. Dezember 2018
Selve Automobile Drucken E-Mail
Geschrieben von Hanspeter Bröhl   

Heft bestellen - Dr. Ing. e.h. Walther von Selve und seine Automobile

Text & Photos: Hanspeter Bröhl

 

ImageWalther von Selve (1876-1948) übernahm nach dem Hinschied seines Vaters 1909 die Firma Basse & Selve mit Hauptsitz im deutschen Altena. Bis dahin hatte sich der Junior vielfach neben seinem ingenieurwissenschaftlichen Studium dem Sport gewidmet, so beteiligte er sich sehr erfolgreich im Radrennsport, später bei Motorbootrennen. Als "Volontär" verbrachte er 1897 einige Zeit in Belgien bei der Fabrique National d‘Armes de Guerre (FN). Den Doktortitel bekam Walther von Selve jedoch erst 1919 von der Technischen Hochschule Aachen für seine Arbeiten über Metalllegierungen. Die Firma Selve wurde 1861 von Hermann Selve und Carl Basse in Lüdenscheid gegründet. 1874 kam Sohn Gustav Selve in die Firma, nachdem sich sein Vater zur Ruhe gesetzt hatte.

ImageAutomobilbegeisterung von Walther v. Selve.
Angeblich fuhr er um 1900 mit einem motorisierten 3-Rad auf den Straßen, möglicherweise war dies ein französischer De Dion-Bouton. Der Hersteller in Puteaux war Abnehmer der Automobilbestandteile und Halbfertigfabrikate von Basse & Selve. Später jedoch war er mit "dem guten Stern auf allen Straßen" unterwegs. Sein Vater hatte ihm 1907 einen Mercedes Tourenwagen geschenkt, statt des D.M.G. Daimler Motoren-Gesellschaft über dem Kühler, stand "fliegender Suderlander". Suderlander kam vermutlich von Sauerland. Vorne mit starken, nach innen gewölbten Kotflügeln. Er fuhr den Wagen auch im Militärdienst und nahm an Automobilrennen teil. Er fuhr auch noch ein anderes Automobil (unbekannter Marke). 1909 fuhr er mit gutem Erfolg an der "Prinz-Heinrich-Fahrt" auf einem Opel. Dies waren jedoch nicht die einzigen motorsportlichen Veranstaltungen an denen sich Walther von Selve beteiligte. 1909 konstruierte er sein erstes Fahrzeug, allerdings kein Automobil, sondern einen Motorschlitten mit "Mittelmotor" und Propellerantrieb. 1909 stand der Motorschlitten auf der Berliner Automobilausstellung. Während der Zeit 1914-1918 wurden in den Basse & Selve Fabriken in Eisen- Nickellegierung Panzerplatten produziert und Flugmotoren hergestellt. 1918 erhielt Walther von Selve den Adelstitel Baron (Freiherr).

Eigene Automobile. 1919 (andere Angaben sprechen von Jahr 1917) übernahm Walther von Selve die Norddeutschen Automobil Werke (NAW) in Hameln. Diese bauten bis dahin ihre Colibri- und Sperber-Typen. Hier wurden anfänglich nur Bootsmotoren und Kraftwagenmotoren hergestellt. Er entschloss sich nur Selvemotoren mit Aluminiumkolben zu bauen und bezeichnete sich selbst als "Pionier" des Aluminiumkolbens. Hier in Hameln wurde nun eifrig getestet. Die ersten Automobile unter dem Namen Selve waren mehr oder weniger Prototypen. 1920 wurde ein Kleinwagen auf die Räder gestellt, welcher als Erster mit Aluminiumscheiben-Räder ausgerüstet wurde, also nicht nur Abdeckungen. In der Serie, welche gleich danach begann wurden aber meist Drahtspeichen, oder Gussspeichen verwendet, ist eher eine Ausnahme mit dem 8/32 PS Sechssitzer aus 1924. Die Motoren 6/24 PS mit 1500 ccm und 8/32 PS mit 2000 ccm, der 8/40 PS hatte 2090 ccm, später 2352 ccm als 9/40 PS wie auch die späteren Motoren wurden in Altena hergestellt und in Hameln kamen diese dann in die Fahrgestelle.
ImageKonstrukteur war Ernst Lehmann (1870-1924), welcher sich zuvor bei den belgischen Métallurgique besonders hervorgetan hatte. Lehmann war ebenfalls begeisterter Radrennfahrer gewesen und hatte vor 1900 manches Rennen mit seinem späteren Arbeitgeber geliefert. Er war auch ein guter Automobilrennfahrer mit einiger Erfahrung. Diese allein nützte ihm jedoch nichts, als er am 23. Mai 1924 im Training zum Teutoburger Wald-Rennen tödlich stürzte. Die guten Qualitäten der Selvewagen wurden in den Prospekten mit "Selve der Beste", "der Wagen für den verwöhnten Fahrer" hervorgehoben. Die Fahrgestelle wurden neben der eigenen Fabrik- Serienkarosserie Form "International", bei den Karosserieschneider Wilhelm Karmann in Osnabrück, Anhaltische Karosseriewerke in Leopoldshall, den Kruck-Werken in Frankfurt a.  M. sowie bei A. Kellner in Berlin und später in Darmstadt bei Autenrieth, meist nach den Wünschen der Kunden eingekleidet. Ab 1923 konnten auf einem Selve 8/32 "Selve Überland-Automobilfeuerspritzen", offen, oder überdachtvon Feuerwehren bestellt werden, welche schneller am Brandort waren, als große schwere Wagen, die zum Teil noch mit Vollgummi-Rädern ausgerüstet waren. Selvewagen wurden im Ausland immer beliebter, ein schönes Dankesschreiben kam aus Bombay, Indien.

ImageKarl Slevogt Nachfolger von Ernst Lehmann.
Der erfolgreiche Ingenieur Karl Slevogt (1876-1951) trat das Konstruktionserbe bei Selve in Hameln an. Nach seinem Studium trat er 1899 als Konstrukteur bei Cudell Motoren & Co in Aachen ein. Wechselte dann 1910 zu A.Ruppe & Sohn in Apolda, welche den gut verkäuflichen Piccolo herstellten, 1912 wurde der Hersteller in Apollo-Werke umbenannt. Karl Slevogt durfte hier seinen Ideen gepaart mit Erfahrungen (fast) freien Lauf lassen. So befasste er sich nach dem 1.Weltkrieg bereits mit stromlinienförmigen Rennwagen, welche er dann auch selbst, mit Erfolg pilotierte. Dazu hatte er sich schon früh mit den Plänen des Aerodynamikers Paul Jaray auseinandergesetzt. Nicht nur windschlüpfrige Rennwagen, nein auch Limousinen wurden gebaut.  So war es auch nicht verwunderlich, dass er ab 1925 auf einem "in allen Regenbogenfarben schimmernden" Stromlinien-Selve, Typ SL 40 welcher etwa 60 PS brachte erfolgreich in Deutschland Rennen fuhr. Für das internationale Klausenrennen in der Schweiz waren vier stromlinien und ein "kantiger" Selvewagen gemeldet.  Karl Slevogt war natürlich der Schnellste der Selves in den vorderen Rängen. 1925 beteiligte sich Selve auf dem internationalen Automobilsalon von Genf. Die Schweiz pflegte auch den Import der Deutschen Marke, was fast ein "Muss" war, hatte man doch 1885 in Thun die "Schweizerische Metallwerke Selve" gegründet.
ImageDie Kundschaft konnte nun aus verschiedenen Selve-Typen und Motorisierung wählen. 1925 wurden die Selve Automobilwerke AG in Hameln von einem Hochwasser heimgesucht . Ab diesem Jahr wurde auch ein 6-Zylinder mit 2850ccm der werten Kundschaft von Selve 1925/26 offeriert. Die Selvewagen waren also in der Luxusklasse angekommen. Für die Karosserien wurden die Karosseriehersteller W. Karmann und G. Autenrieth bemüht. Nun wollte aber die Zusammenarbeit mit dem Motorenlieferant Selve AG, Altena und der Selve-Automobilwerke AG in Hameln nicht mehr so richtig funktionieren.  Immer mehr reklamierten Kunden über die unzuverlässigen Motoren, was natürlich zu einer Verkaufsschwäche führte. Jede Seite schob der anderen den schwarzen Peter zu, der Streit schwellte und schwellte weiter. Der Streit gipfelte darin, dass Konstrukteur Karl Slevogt 1927 seine Wirkungsstätte verließ. Karl Slevogt war noch maßgeblich an dem Selve Typ M 6 konstruktiv beteiligt. Dieser geländegängige Typ hatte drei Achsen, welche alle angetrieben waren.  Für den Frontantrieb bediente er sich der Lizenz Voran, angetrieben durch den 6-Zylinder-3.1- Liter, welcher über ein 4-Gang-Getriebe und Vorgelege geschaltet werden konnte, brachte das 3300 kg wiegende Fahrzeug auf wenig berauschende 67 km/h Spitze und verbrauchte auf der Straße 24 Liter, im Gelände 30 Liter/100 km.  Einige dieser Mannschaftswagen sollen zwischen 1926 und 1929 gebaut worden sein und unter anderem den Weg in die US A gefunden haben.  Auf jeden Fall wurden dort begeisterte Testberichte verfasst, zurückgekommen ist jedoch keiner. Weltweit sind noch etwa 12-15 Selve- Fahrzeuge vorhanden, die Hälfte in den US A, es könnte so ein Dreiachser darunter sein, nur hat dieser sich noch nicht gemeldet. Die Aufgabe hatte Karl Slevogt mit Bravur gelöst, nur etwa 10 Jahre zu früh. Später stellte er in den 30er Jahren kleine 3-Rad-Wagen her, interessanterweise in Hameln und bemühte sich um Verbesserungen der Bremsanlagen.

ImageDer Letzte war Paul Henze. Paul Henze (1880-1966) war als genialer Konstrukteur, aber auch als rast und ruhelos bekannt. Bei seinem Einsatz für die Selve Automobil AG in Hameln brachte er jede Menge Erfahrung aus seinen bisherigen Tätigkeiten mit. Der 6 Zylinder wurde zum 3.1 Liter Selecta und in mindestens sieben Versionen angeboten, eine luxuriöser als die andere.  Frontantrieb bei Klein und Groß war das Neuste gegen Ende der 20er Jahre. Paul Henze lies ein Paar (oder paar) Fronttriebler als Prototypen bauen. Zu Serienvollendung gelangten diese jedoch nicht mehr. 1929 schloss die Selve Automobilwerke AG in Hameln ihre Tore.
Schweren Herzens trennte sich Walther von Selve von seinem Traum der Beständigkeit seiner Luxusklasse im Automobilbau. Zu viel Geld hatten die letzte Jahre verschlungen und auch die Streitigkeiten zwischen Altena und Hameln taten noch das übrige zum Schluss. Freiherr Dr.  Walther von Selve beschloss seinen Lebensabend im liechtensteinischen Vaduz. Die Firma Selve existierte jedoch weiter in Vereinigte Deutsche Metallwerke (VerDeMet, später VDM). In dieser Vereinigung stellte Selve u. a. Motoren für Feuerwehrspritzen her.
 
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