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Donnerstag, 12. Dezember 2019
Degen & Berblinger Drucken E-Mail
Geschrieben von Erich Fries   

Heft bestellen - Degen & Berblinger - Schwingenflug und Gleitflug

Das eigentliche Geheimnis des Vogelflugs ist in der Wölbung des Vogelflügels zu erblicken.
Otto Lilienthal

Text: Erich Fries

 

ImageJakob Degen. Am Anfang der Fliegerei versuchte man durch genaue Beobachtung des Vogelfluges, der Physik des Fliegens auf die Spur zu kommen. Der Nachbau der Vogelflügel, auf die verschiedenste Weise konzipiert, sollte es dem Erbauer ermöglichen, ebenfalls wie ein Vogel zu fliegen.
Jakob Degen, geboren am 27. Februar 1760 in der Schweiz, kam in der Zeit zwischen 1766 und 1770 mit seinem Vater nach Wien. Hier erlernte er das Uhrmacherhandwerk und wurde 1792 Meister.  1804 konstruierte er ein Schlagflügelflugzeug aus Schilfrohr und Firnispapier mit einer Spannweite von 6,70 Metern. Die Schwingen waren mit 3500 Klappen versehen, die sich bei Aufund Abwärtsbewegungen jeweils öffneten oder schlossen. Degen musste einsehen, dass ein Start, wie er das bei den Vögeln gesehen hatte, nicht möglich war. So kam er auf die Idee, sein Fluggerät mit einem Wasserstoffballon zu verbinden, der das Fluggerät in einen schwebenden Zustand hält. Durch Flügelschläge konnte er sowohl die Höhe als auch die Richtung des Fluges mit seinem Apparat steuern. Dies war im Gegensatz zum normalen Ballonfahren ein großer Vorteil.
Am 13. November 1808 gelang ihm auf der Feuerwerkswiese im Wiener Prater der erste gesteuerte freie Flug vor den staunenden Wienern.  Eine Vorführung am 10. September 1810 in Laxenburg vor Kaiser Franz I. brachte ihm dafür 4000 Gulden ein. 1813 in Paris wurde er allerdings nach einem missglückten Start von enttäuschten Zuschauern verprügelt. Trotz allem konnte er in der Folge auch mit einigen geglückten Flügen punkten.
Zurück im Wiener Prater konnte er ebenfalls mit interessanten Flugvorführungen auf sich aufmerksam machen. 1817 musste er jedoch seine Flugversuche aus finanziellen Gründen einstellen.

Albrecht Ludwig Berblinger (Der Schneider von Ulm), geboren am 24. Juni 1770 in Ulm, begann 1784 mit seiner Lehrzeit als Schneider und endete 1791 diese mit seiner Gesellenzeit.  Im gleichen Jahr wurde er von seiner Zunft zum Schneidermeister gewählt. Im Film "Der Schneider von Ulm" von Edgar Reitz lässt dieser den Schneider während seiner Gesellenzeit 1787- 1791 den Jakob Degen in Wien treffen. Dies ist jedoch nicht möglich, da Degen mit seiner Flugmaschinenkonstruktion erst 1804 begann.  Reitz selbst spricht in einem Interview über seinen Film von einem "Märchen". Nun stellt sich jedoch die Frage wie Berblinger zu Informationen über die Flüge von Jakob Degen kam?
Nun, Berblinger hatte sowohl 1803 bis 1808 im "Ulmischen Intelligenzblatt" als auch 1811 im "Schwäbischen Merkur" Inserate eingeschaltet.  Er konnte also durchaus mit den Medien seiner Zeit umgehen. Es ist deshalb anzunehmen, dass er durch die damaligen Nachrichten genaue Beschreibungen und Entwurfszeichnungen von Degen kannte. Es musste ihm klar sein, dass die Konstruktion mit einem Zusatzballon und den 3500 Ventilklappen an den Schwingen von Degens Flugapparat nur sehr schwer herstellbar war.
ImageBerblinger, der wie Degen ebenfalls den Vogelflug studierte, sah, wie die Vögel im thermischen Aufwind steigen konnten, ohne mit einem Flügelschlag nachzuhelfen.
So entschloss er sich, vom Prinzip des Schwingenfluges, wie dies Degen vorführte, abzugehen und sich auf den Gleitflug zu konzentrieren. Damit war er Lilienthal um 80 Jahre voraus. Seine Flugversuche am Hang des Michelberges führte er in aller Heimlichkeit aus, um nicht frühzeitig dem Spott der Bürger anheimzufallen. Dadurch wurden die Flüge von Berblinger allerdings nicht dokumentiert und daher erging es ihm so ähnlich wie manchen anderen Erfindern. Zwar gab es einen Zeugen, den Kommerzienrat Eduard Leube, der seinerzeit als Bub den fliegenden Schneider am Michelsberg gesehen hat. Allerdings war dies für eine offizielle Dokumentation zu wenig.
Die einzige Dokumentation seiner Versuche, zur falschen Zeit am falschen Ort, viel buchstäblich ins Wasser. Wer behauptet fliegen zu können, kann es ja jederzeit und überall beweisen!
So ähnlich wird die damalige Meinung ja wohl gewesen sein und Berblinger, von sich selbst überzeugt, hat sich auf das Spektakel über die Donau zu fliegen eingelassen. Heute wissen wir, dass man einen Drachenflieger aus dem Stand heraus nicht starten kann. Damit die Auftriebskräfte am Tragflügelprofil beim Start wirksam werden, bedarf es einer gewissen Strömungsgeschwindigkeit der Luft, die das Profil umfließen. Verschiedene Triebwerke, Katapulte, Seilwinden, Schleppverfahren und noch immer, das Herunterlaufen an einem Hang bei Gegenwind (Drachenfliegen und Paragleiten) sind die Antriebs- und Auftriebsverfahren um einen Flug starten zu können.
Als er am 31. Mai 1811 auf dem Gerüst stand und merkte, dass er keinen Gegenwind hatte und der Anlauf um auf die Startgeschwindigkeit zu kommen zu kurz war, da war es auch schon zu spät. Angeblich soll ihn auch noch jemand angestoßen haben, um den aufgeschobenen Start zu verkürzen. So kam es, wie es kommen musste.  Berblinger stürzte in die Donau und wurde von den bereits wartenden Donaufischern gerettet.  Dies bedeutete für ihn als Flieger das Ende. Er starb 18 Jahre später am 28. Jänner 1829 mit 58 Jahren an Abzehrung (Krebs). Seine Grabstätte ist unbekannt.
Das Drama wurde allerdings nachgestellt.
Der Ulmer Manfred Herter, selbst Segelflieger und Ultraleicht-Pilot, baute die Konstruktion von Berblinger nach. Er bewies bereits 1971 auf einem Berghang von Erbach südlich von Ulm bei einem Flug von 25 m weit, dass es mit dieser Art von Hängegleiter möglich ist. Allerdings wurde 1972 für eine Fernsehsendung über Flugpioniere diese Szene von der Herdbrücke nachgestellt, wobei sie ähnlich ausging wie beim Schneider von Ulm.
Erst 1986 überquerte der damalige Schüler, heute Testpilot und Fluglehrer, Holger Rochelt, mit einer Konstruktion seines Vaters Günter Rochelt, Konstrukteur und Designer, die Donau und kassierte das damalig ausgesetzte Preisgeld von 50.000 DM. Ihm gelang es, die über jedem Wasser bekannten Abwinde zu überwinden, welche für Berblinger eine zusätzliche Schwierigkeit bedeuten mussten.
 
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