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Dienstag, 20. Februar 2024
Benz Typ 16/50 Sport Roadster Drucken E-Mail
Geschrieben von Michael Wiedmaier   

Heft bestellen - Benz Typ 16/50 Sport Roadster - Erzkonservativ und grundsolide

Ein Benz Typ 16/50 Sport Roadster aus dem Jahr 1921 im Originalzustand

Text & Photos: Michael Wiedmaier

 

ImageDie Firma Benz & Cie. AG war nicht nur der Hersteller des ersten Benzin-Fahrzeugs der Welt, sondern ehemals auch der größte in dieser Branche. Auto-Erfinder Carl Benz legte dafür 1871 mit der Gründung seiner "Mechanischen Werkstätte" in Mannheim den Grundstock. Der Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 war der Name des ersten von Carl Benz erbauten Automobils mit Verbrennungsmotor. Das Patent für dieses Fahrzeug wurde von Benz am 29. Januar 1886 eingereicht und am 2. November 1886 erteilt. Am 3. Juli 1886 führte Benz die erste öffentliche Probefahrt in Mannheim durch.
Im Jahr 1899 wurde die Firma Benz & Co bereits in eine Aktiengesellschaft mit dem Namen Benz & Cie. AG umgewandelt. Um die Jahrhundertwende erwies sich die Produktion bei Benz bereits als erheblich und bis zum Ende des Jahres 1903 waren beachtliche 3.480 Benz- Fahrzeuge in alle Welt verkauft worden. Benz- Vertretungen gab es unter anderem in Moskau, in Singapur und in Buenos Aires. Von 40 Mitarbeitern im Jahr 1887 steigerte sich die Zahl der Beschäftigten auf über 700 Mitarbeiter im Jahr 1905. Spiritus Rektor dieser Erfolge war Carl Benz.
Gemeinsam mit dem vierzylindrigen Typ 10/30 PS war der sechszylindrige Typ 16/50 PS im Jahr 1921 das wichtigste Modell im Hause Benz & Cie. AG. Das blieb so bis zur Fusion mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft im Jahr 1926.  Der Benz 16/50 PS war eine Weiterentwicklung des Benz 21/50 PS, welcher das erste Sechszylindermodell dieses Herstellers war.
Der Benz 21/50 PS verfügt über einen Sechszylinder-Reihenmotor mit 5.340 ccm Hubraum, der 50 PS (37 kW) bei 1.650 U/min entwickelt, während der Typ 16/50 PS mit einem etwas kleineren Sechszylinder-Reihenmotor mit 4.160 ccm Hubraum ausgestattet wurde, der 50 PS (37 kW) bei 2.000 U/min bereitstellt. Die beiden PS-Angaben nennen noch nicht, so wie später bei den gebräuchlichen Steuer-PS üblich, die tatsächliche Motorleistung, sondern sie kennzeichnen die Bandbreite, innerhalb derer sich die Leistung des jeweiligen Modells bewegt.  Die Motorkraft wird vermittels einer Lederkonuskupplung an das Vierganggetriebe geleitet und gelangt von dort über eine Kardanwelle an die Hinterräder. Die zu erzielende Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 90 km/h.
ImageFür damalige Verhältnisse verfügt der Benz 16/50 Sport Roadster bereits über so fortschrittliche Features wie einen Elektrostarter oder einen Unterdruck-Förderapparat für die Zuleitung des Kraftstoffes, der mittels Nutzung des Ansaug-Unterdruckes durch den Motor das Benzin vom im Heck installierten Tank einem Zwischentank an der Spritzwand zuleitet, von wo aus das Benzin durch Schwerkraft in die beiden Zenith-Flachstromvergaser gelangt. Der Motor besteht aus zwei separaten Dreizylinderblöcken, die auf Grund ihres langhubig ausgelegten Verhältnisses von Bohrung und Hub in der Größenordnung von 80 mal 138 mm pro Zylindereinheit bereits knapp über Leerlaufdrehzahl ein enormes Drehmoment entwickeln.
Die langen Blattfedern an Vorder- und Hinterachse sind vergleichsweise komfortabel ausgelegt.  Die mittels des rechten Pedals zu betä- tigende Fußbremse wirkt auf die am Getriebe installierte Getriebebremse. Die per Hand zu bedienende mechanische Zugbremse rechts neben dem Fahrersitz wirkt auf die Bremstrommeln an den Hinterrädern. Der per Kulisse zu führende Schalthebel bedarf einer einfühlsamen, aber dennoch energischen Hand. Auf Grund des unsynchronisierten Getriebes muss stets auf die passende Schaltdrehzahl geachtet werden. Doppelkuppeln und Zwischengas sind indessen obligatorische Notwendigkeiten.
Der sonore Sound des Sechszylinders vermittelt ein angenehmes Gefühl. Trotz seiner sportiven Anmutung ist der Roadster kein typischer Sportwagen. Er animiert eher zum sanften Gleiten.  Die Fahrzeuge wurden traditionell mit an blattgefederten Starrachsen aufgehängten Holz- oder Drahtspeichenrädern versehen.  Offiziell war der Benz Typ 16/50 PS ausschließlich als Tourenwagen oder Innenlenker erhältlich.  Ein Sportmodell auf dieser Basis wurde dann erst 1923 offiziell vorgestellt, dessen unverändert großer Motor nunmehr eine Leistung von 75 PS (55 kW) bei 2.800 U/min entwickelt.  Die spätere Sportausführung hat einen um sechs mm kürzeren Radstand, ist um 200 mm kürzer, um 90 mm schmaler und um 150 mm niedriger.  Zu erreichen ist damit eine Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h.
Bereits 1925 endete die Produktion des Sportmodells, während die Standardausführung dann im Zuge der Typenbereinigung der fusionierten Daimler-Benz AG 1927 ohne Nachfolger aus der Herstellung genommen wurde.  Bei dem hier gezeigten Wagen im Originalzustand handelt es sich um ein bei Benz & Cie.  hergestelltes fahrbereites Fahrgestell mit Motor einschließlich allen anderen Technikkomponenten, das im Kundenauftrag bei dem Karosseriebauer Proberts of Newtown in Sydney mit einer eigens hergestellten Sonderkarosserie im Roadsterstil komplettiert wurde, also mutmaßlich ein Unikat ist.
Als Roadster wurde zur damaligen Zeit die offene Karosseriebauform eines zweisitzigen Sportwagens bezeichnet, der über kein festes Dach verfügte, jedoch zur Not mit einem einfachen Faltdach geschlossen werden konnte. Der praktisch nicht vorhandene Kofferraum beziehungsweise das Fehlen einer Kofferbrücke gibt darüber Aufschluss, dass der Roadster nicht für Fernfahrten konzipiert worden war, sondern in erster Linie dem Fahrspaß diente. Zum Zwecke der Gewichtsreduzierung tritt jeglicher Komfort in den Hintergrund. Allerdings hatte man unter dem klappbaren Deckel im Heck einen Notsitz untergebracht.
ImageErst später belegte man den Begriff Roadster mit einer anderen Bedeutung. In den frühen 1930er-Jahren bezeichnete der Begriff Roadster vorzugsweise luxuriöse Zweisitzer mit zumeist großvolumigen Motoren, Windschutzscheibe und Faltdach sowie einem ausklappbaren Notsitz als grundsätzlichem Bauteil.
Im Jahr 1924 bot Benz & Cie. ausschließlich die beiden Typen 10/30 PS und 16/50 PS an.  Die zwar vorhandene, aber kaum rentable Steigerung der Stückzahlen reichte für ein unabhängiges Fortbestehen des Unternehmens nicht aus, weshalb Benz & Cie. eine Kooperation in Form einer "Interessensgemeinschaft" mit dem Mitbewerber, der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG), begann.
Zunächst war die Kooperation ausschließlich auf Einkauf und Vertrieb beschränkt, aber unter Einflussnahme der Banken rückte schon bald die Möglichkeit einer Fusion in den Focus.  Die erste gemeinsame Vorstandssitzung beider Unternehmen fand am 29. Juli 1925 statt. Es wurde eine Absichtserklärung formuliert, die beinhaltete, dass Benz sich auf kleinere Modelle konzentrieren sollte, um den großen Mercedes-Wagen keine Konkurrenz zu machen.
Eine Zeit lang wurde der Typ 16/50 noch mit einem Stern am Kühler als Mercedes angeboten.  Der Vierzylinder wurde überarbeitet und erhielt neben einer auf 35 PS gesteigerten Leistung und der neuen Typenbezeichnung 10/35 auch einen modischen Flachkühler. Er blieb bis 1927 im Programm.
Als vielleicht letztes eigenständiges Projekt vor der endgültigen Fusion im Juni 1926 betrieb Benz eine Kooperation mit Edmund Rumpler, dem Schöpfer des legendären Tropfenwagens.

ImageVon Mannheim nach Sydney und retour.
Der Erstbesitzer, der das in Mannheim hergestellte Benz-Fahrgestell mit Motor 1921 in Sydney/ Australien mit einer zweisitzigen Roadsterkarosserie versehen ließ, behielt den Wagen bis zum Jahr 1928. Der neue Eigentümer, an den der Benz 1928 veräußert worden war, hatte leider keine lange Freude daran, denn er verstarb im Jahr 1929. Hier verliert sich zunächst die Spur bis zum Jahr 1967. Ein Enthusiast hatte den inzwischen 46 Jahre alten Wagen gekauft und technisch restauriert. Der neue Besitzer nahm mit dem Typ 16/50 Sport Roadster an verschiedenen Klassiker-Rallyes teil und konnte damit im Jahr 1973 sogar den Mercedes-Benz Concours d´Elegance in New South Wales gewinnen.
Ein im Berchtesgadener-Land beheimateter Unternehmer erwarb den Benz Sport Roadster im Jahr 1977, beließ ihn aber zunächst an seinem damaligen Standort in Australien.  In den 1980er Jahren kehrte der Wagen dann nach Deutschland zurück. Anfangs nahm der Eigentümer mit dem klassischen Benz zwar noch an verschiedenen Rallyes teil, suchte aber auf Grund akuten Zeitmangels schon bald nach einem guten Platz, wo der Wagen sicher untergebracht werden könnte.
Da es sich bei diesem Benz, dem einzigen bekannten Fahrzeug dieses Typs in Europa, um ein für Liebhaber der Marken Benz, Mercedes und Mercedes-Benz sehr attraktives Einzelstück handelt, wurde er zeitweise auch im damals noch existenten Sindelfinger Automobil- und Landwirtschaftsmuseum sowie im Museum für historische und aerodynamische Fahrzeuge in Mögglingen an der Ostalb der Öffentlichkeit präsentiert.
Mitte der 1990er Jahre wurde der Benz Sport Roadster erneut vorübergehend stillgelegt.  Diese Phase dauerte dann bis Anfang des Jahres 2008 an. Nach dem Tod des bayerischen Unternehmers übernahm der Geschäftsführer dessen Konzerns den Wagen. Da der Benz Sport Roadster nahezu uneingeschränkt fahrbereit ist, wenn man mal von den Eigenheiten eines fast 90-jährigen Oldtimers absieht, fährt sein derzeitiger Besitzer damit regelmäßig bei der Edelweiß Classic mit. Die Edelweiß Classic (EWC) ist eine Oldtimerrallye der besonderen Art, deren Erlöse wohltätigen Zwecken zukommen. In jedem Jahr treffen sich Freunde des Genussfahrens Ende Juni im südöstlichsten Zipfel Oberbayerns und flanieren mit sehenswerten Klassikern aus unterschiedlichen Epochen durch das Berchtesgadener und das Salzburger Land.
Technisch betreut wird das wertvolle Unikat von Manfred Huber-Perez Moreno, dem Inhaber der Oldiegarage in Ainring bei Freilassing.
 
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