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Dienstag, 20. Februar 2024
Austro Daimler 1911 - Sieg bei der Alpenfahrt Drucken E-Mail
Geschrieben von Sektion Austro Daimler   

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Schon nach dem grandiosen 3-fach Sieg bei der Prinz Heinrich Fahrt 1910 bekrittelte Direktor Ferdinand Porsche die zu flache Streckenführung in Deutschland, denn "für eine ordentliche Zuverlässigkeitsfahrt gehören unbedingt steile Alpenpässe dazu".  Nun - 1911 war es soweit, die Österreichische Alpenfahrt stand am Programm.

Text & Bilder: Sektion Austro Daimler, Verein zur Pflege und Erhaltung Österr. Daimlerfahrzeuge

 

ImageSeit dem Erfolg vom Vorjahr hat sich in der Wiener Neustädter Fabrik einiges getan - man stand plötzlich im Mittelpunkt des Interesses der gesamten Fachwelt Europas. Reporter von Fachzeitschriften gaben sich die Türklinke in die Hand und das Geschäft lief ausgezeichnet.  Grund genug für die Direktoren Porsche und Fischer, sich abermals im Motorsport mit den Internationalen Mitbewerbern zu messen. Wie schon zur Prinz Heinrich Fahrt 1910 wurden wieder 10 neu konstruierte Fahrzeuge - die Alpenwagen AD 27HP - genannt. Insgesamt 51 Teilnehmer sind am 12.Mai 1911 zur technischen Abnahme am Wiener Heumarkt erschienen.
Die Alpenfahrt war als reine Zuverlässigkeitsfahrt ausgeschrieben, d.h. die Motorhauben wurden verplombt, sodass keine Reparaturtätigkeit ohne Strafpunkte durchgeführt werden konnte. Nur die wichtigsten Nachfüllöffnungen für Wasser und Öl waren außerhalb des Motorraums verlegt worden. Zusätzlich war die Veranstaltung als "Non - Stop - Fahrt" reglementiert, ein Abstellen des Motors während der 4 Etappen wurde ebenfalls bestraft.
Sorgfältig gerüstet gingen die Teilnehmer am nächsten Morgen bereits um 7.00 Uhr früh an den Start, "um nicht in den starken Frühverkehr der Großstadt zu geraten" (1911 !). Die erste Etappe führte über Purkersdorf, Melk, Enns, Linz, Wels und dann weiter entlang des Traunsees nach Ischl und über den Pötschenpass nach Aussee. Ein Teilnehmer erreichte das Ziel nicht: Dir. Robert Siercke auf seinem Puch. Weiters wurden die 51 Alpenfahrer bereits in Purkersdorf durch eine geschlossenen Bahnschranken gebremst - den gleichen Zug begegnete man in der Nähe von Wels wieder - also schon damals ein unabsichtliches Wettrennen zwischen Eisenbahn und Automobil - in diesem Fall unentschieden!
Die zweite Etappe von Aussee nach Triest über 404km wurde am Sonntag den 14.Mai 1911 bei eisigen Temperaturen gestartet. Nicht weniger als 4 Alpenpässe mussten dabei überwunden werden. Der erste war der Tauernpass mit einer Steigung von 22%. Oben beim Tauernhaus waren die Fahrzeuge flankiert von 2m hohen Schneewänden, wie Dir. Eduard Fischer durch seine Fotografie eindrucksvoll dokumentierte.  Die nächste Herausforderung war der Katschberg.  "Steil, weich und geröllig" präsentierte sich die Fahrbahn den Teilnehmern. Fast alle Autos mussten jetzt Vollgas geben, auch die Getriebe waren für dieses extreme Teilstück übersetzt worden. Dann weiter nach Villach und über den Wurzenpass. Ein Schild fordert die Automobilisten auf, keinesfalls vor der Passhöhe stehen zu bleiben, weil ein neuerliches Anfahren als aussichtslos gilt. Auf jeden Fall erweist sich dieser Pass als "niederträchtig", wie ihn der Reporter der Allgemeinen Automobilzeitung (AAZ) damals bezeichnet. Die letzte Hürde dieser Etappe war der Predilpass rüber ins Isonzogebiet.
ImageDas Klima wurde wärmer und bei Monfalcone wurde das Meer erreicht. Die ersten Teilnehmer trafen schon um 16.00 Uhr in Triest ein, bis 20.00 Uhr waren 40 Fahrzeuge da. Der Organisator Theodor Dreher hatte ein "ordentliches Buffet mit Champagner aufstellen lassen, das sowohl Fahrzeugbesitzer als auch Chauffeure besonders erfreute". Die dritte Etappe Triest - Klagenfurth begann mit schotterigen, reifenmordenden Straßen, die ersten Räder wurden gewechselt. Der Monte Maggiore war keine große Herausforderung für die noch 40 Alpenfahrer, jedoch der ständige Fahrseitenwechsel bei Krain von rechts auf links und kurz darauf wieder nach rechts lies Otto Hieronimus (Laurin & Klement) bemerken: "und da soll es keine Unglücksfälle geben!" Am Straßenrand jubelnde Menschen in Laibach und in der Ferne waren schon die Karawanken in Sicht. Nun galt es den Loiblpass zu überwinden. Eine große Zuschauermenge hat sich auf der Passhöhe eingefunden.
Man konnte von oben ca. 6 km der Serpentinen gut einsehen und so den Kampf der Alpenfahrer lange beobachten. Als erster kam Hr. Viktor Thonet mit seinem Gräf & Stift herauf - in der letzten Kurve wollte er schalten - zögerte zu lange und der Motor starb ab - Strafpunkte!  Verschiedene Fahrer kamen in arge Nöte - die Beifahrer gossen unentwegt während der Fahrt Kühlwasser nach - andere resignierten und blieben am Straßenrand stehen. "Sehr flott fuhr das Österreichische Daimler Team mit Porsche, Fischer und Graf Schönfeld über den Pass hinauf", berichtet die AAZ. Auch Otto Hieronimus kam ohne Ventilator sehr langsam fahrend gut über den Berg. Ohne Aufenthalt strebte der Tross über den "kleinen Loibl" dem Ziel in Klagenfurth entgegen. Die Kontrolleure Theodor Dreher und Rittmeister von Umlauff walteten in der Garage Wurm ihres Amtes: 12 Fahrer waren noch strafpunktefrei, darunter 5 Austro Daimler.
Besonderes Pech hatte Alexander Graf Kolowrat (Gründer von "Sascha Film"): er hatte bereits in Triest beim Start vergessen seine "Zischhähne" zu schließen und musste vor Abfahrt nochmals die Motorhaube öffnen - Strafpunkte!  Die vierte Etappe von Klagenfurth nach Wien führte durch das Drautal nach Marburg, weiter nach Graz und über "die Ries", wo damals jährlich ein Bergrennen stattfand. Die sportlichen Grazer Automobilisten hatten sich beim "Sturmkreuz" mit Ihren Fahrzeugen aufgestellt und tauschten Grüße mit den Alpenfahrern aus. Ab Gleisdorf wurde die Straße wieder extrem schlecht. Das änderte sich nicht bis Wiener Neustadt. Als die Teilnehmer beim neuen Wasserturm auf die gepflegte Semmeringstraße trafen, fühlten sich alle wieder "wie zu Hause".
ImageBereits um 14.15 Uhr trafen die ersten Fahrzeuge beim k.k. Österreichischen Automobilklub am Kärntner Ring ein. Der Letzte schaffte es um 18.45 Uhr - 40 der 51 gestarteten Teams sahen das Ziel - davon blieben 12 Fahrer strafpunktefrei: Graf Heinrich Schönfeld, Dir. Ferdinand Porsche, Dir. Eduard Fischer, Severin Schreiber, R.  von Popovic (alle Austro Daimler), Otto Hieronimus (Laurin&Klement), Kritsch (Puch), Mr.  Bush (Daimler-Knight), Vitak (N.A.G.), Hückel und Ledwinka (Nesselsdorfer W.), und Anton Horch (Audi).
Den goldenen Teampreis und damit den Gesamtsieg gewann das Austro Daimler Team mit Dir. Ferdinand Porsche, Dir. Eduard Fischer, Graf Heinrich Schönfeld Das Trio wurde ab sofort das "Eiserne Team" genannt.  Ferdinand Porsche berichtete danach über sein bisher schwerstes Rennen der AAZ: "Unsere Alpenwagen waren gerade so wie die vorjährigen Prinz Heinrich Wagen vollkommen am Punkt. Ich bin nämlich der Ansicht, dass man in eine solche Veranstaltung entweder gut vorbereitet geht, oder gar nicht. Zuerst habe ich die Wagen sorgsam konstruiert und habe dann alles erprobt was möglich war, das rastlose Arbeiten der Motoren über viele Stunden, das Befahren aller Steigungen, ja sogar das Stehenbleiben und wieder Anfahren auf steilsten Stücken. Eine besonders scharfe Prüfung musste meine Kühlung durchmachen, denn ich habe hinter dem Kühler keinen Ventilator angebracht, sondern nur einen Ventilator am Schwungrad. Diese Anordnung wird bei lang andauernden Steigungen als ungenügend erachtet - ich habe hier den Beweis, dass dies nicht richtig ist. Ich hätte freilich auch den Wunsch, dass die Wagen nicht nur bergauf sondern auch in der Ebene geprüft werden, damit man auch ihre Schnelligkeit feststellt. Das Automobil soll ja allen Zwecken dienen und es genügt nicht allein es niedrig zu übersetzen, damit es die Berge gut nimmt - es soll ja auch immer ein Schnellfahrzeug bleiben ..."

Austro Daimler 2011 - Gedenkfahrt in den Alpen

ImageIn Anbetracht der Blütezeit der Wiener Neustädter Austro Daimler Werke vor 100 Jahren fällt es nicht schwer, für die alljährlichen Clubveranstaltungen der Sektion Austro Daimler das geeignete Thema zu finden. War es letztes Jahr die Prinz Heinrich Fahrt 1910, so konnte vom 2.  bis 4. September der Sieg der Alpenfahrt 1911 mitten in den Bergen rund um Admont würdig gefeiert werden.
Untergebracht im Schloss Röthelstein am Berghang über Admont mit der größten noch erhaltenen Rauchkuchl Österreichs konnte das Gedenkfest mit zwei Ausfahrten dementsprechend begangen werden. 20 Fahrzeuge haben ihre Teilnahme zugesagt, darunter 7 Austro Daimler und auch 7 Steyr Automobile - also ein beeindruckendes Österreichisches Starterfeld.
Um die wertvollen Fahrzeuge nicht unnötig zu strapazieren, hatte die Route wenig mit der Alpenfahrt von 1911 zu tun. Die Streckenführung beinhaltete keine steilen Pässe und auch keine besonders langen Etappen, auch auf Wertungen wird traditionsgemäß generell verzichtet. Die erste Ausfahrt führte bei Ansichtskartenwetter über den Buchauer Sattel nach St.Gallen, weiter nach Groß Reifling, Hieflau und in ein Seitental nach Radmer. Hier stand eine Besichtigung des Schaubergwerkes "Erlebnis Kupfer" auf dem Programm. Der Kupferbergbau begann dort bereits im 16. Jahrhundert und wurde um 1850 wieder eingestellt. Seit 1996 wird durch eine handvoll Einheimische das bereits verschüttete Bergwerk wieder ausgegraben - eine fürwahr verwegene Idee. Seit 2006 sind nun die alten Stollen zu besichtigen, und es wird noch weiter gegraben ... , unbedingt sehenswert!
ImageNachmittag ging es weiter durch das Gesäuse über Admont zur Burg Strechau - die Station für den Abend. Dort wartet ein Oldtimer Liebhaber, Dr. Wolfgang Boesch samt seiner charmanten Begleitung. Ein besseres Ambiente für die herrlichen Vorkriegsfahrzeuge in der liebevoll restaurierten Burg kann es eigentlich nicht mehr geben. Die hier untergebrachte Steyr Automobilsammlung sowie die Burg selbst sind einfach sehenswert und in den Sommermonaten zu besichtigen.  Einen kulinarischen Ausklang gab es im Rittersaal der Burg. Als Gast erstmals mit dabei Fr. Eveline Klein, Direktorin des Stadtmuseums, die sich über die Alltagstauglichkeit des Wr. Neustädter AD617 besonders freuen konnte.
Am zweiten Tag auf Besuch beim Vorstandsmitglied und Holzspezialist Kolomann Mayerhofer und seinem Team. Bereits vor einigen Jahren war das Vorgängerflugzeug im Stadtmuseum Wiener Neustadt 2 Jahre lang ausgestellt, der zweite Albatros steht nun kurz vor der Typisierung. Die Teilnehmer konnten den Flieger mit laufendem Motor, flankiert von den Austro Daimler Fahrzeugen, bewundern. Die letzte Etappe führte retour nach Admont. Die Veranstaltung wurde im Stiftshof mit einer Fahrzeugaufstellung beendet.
Apropos Daimlerfahrzeuge: mit dabei war ein AD Bergmeister, der einzige ADR8 in Europa, ein weiterer ADR, zwei AD 617 mit OeFFAG Karosserie (Österr. Flugzeugfabrik AG in Wr.Neustadt), ein AD 35HP aus 1918 und ein ADM 3-liter Sport mit langem Radstand.

 

 
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