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Montag, 16. September 2019
Harald Ertl Drucken E-Mail
Geschrieben von Massimiliano Lucca   

Heft bestellen - Der vergessene Held

In Deutschland unter den Rennsportfans ein Kultstatus, in Zell am See, seinem Heimatort weitgehend vergessen. Der Salzburger Harald Ertl durchlebte sämtliche Höhen und Tiefen des Automobilen Rennsport, und rettete dabei auch schon mal das Leben von Niki Lauda. Er galt als einer, der die Deutsche Rennsport Meisterschaft geprägt hat, und der den Kontakt zu seinen Fans suchte und pflegte. 1982 starb er bei einem Flugzeugabsturz. Eine Spurensuche über den in Zell am See geborenen Harald Ertl, einer der letzten "Gentlemen" des Rennsports, der dieses Jahr 60 alt geworden wäre.

Photos: Alpina Motorsport

ImageLangsam rollt der Rennwagen aus. Der Motor röchelt noch ganz kurz, gibt einen metallischen Schrei von sich, bevor er endgültig den Geist in einer blauen, nach verbranntem Öl stinkenden Wolke aufgibt. Unter der einem Fußballstadion ähnlichen Haupttribüne des Hockenheimrings kommt der goldfarbene Ensing-Ford N177 mit der Startnummer 23 zum Stehen. Der Fahrer bleibt einen kurzen Augenblick im Wagen sitzen, schüttelt dabei den Kopf, als wolle er das, was soeben passiert ist, nicht einfach so hinnehmen. Harald Ertl lag drei Runden vor Schluss auf dem sechsten Platz, hatte dabei kurz vorher den Liebling der Ferrari-Fans, Gilles Villeneuve, in einem harten, aber nie unfairen Zweikampf niedergekämpft und wollte diese Platzierung nach Hause fahren. Die ersten Punkte in der Formel 1 lagen in der Luft, der verdiente Lohn eines perfekten Rennens. Mehr noch, die gerechte Entschädigung für die allzu vielen Pechsträhnen in seiner Laufbahn in der höchsten Motorsportklasse. Drei Runden fehlten zum absoluten Glück. Aber auch an diesem Sonntag sollte er nur mit leeren Händen dastehen. So bitter die Erkenntnis auch war, umso sinnbildlicher dürfte die darauf folgende Szene gewesen sein. Als Harald Ertl aus dem Rennwagen steigt und seinen Helm abnimmt, erhob sich im gleichen Moment auf der Tribüne ein Orkan des Applauses und der Zurufe, welcher die Ovation des späteren Siegers, Mario Andretti, um Klassen überbot. Der Mann mit dem gepflegten Schnauzbart, dem eine gewisse Ähnlichkeit mit der Filmfigur des Inspektor Clouseau nicht abgesprochen werden konnte, hatte wieder einmal durch seinen beherzten Fahrstil tausende von Fans begeistert. Was ihn aber an diesem Sonntag auszeichnete, war, dass er im schlimmsten Moment seiner sportlichen Karriere in der Formel 1 – unter der Haupttribüne in Hockenheim, in seinem Heimrennen – trotz seinen bitteren Ausfalls keine Frustration aufkommen lies, sondern einfach dem Publikum zuwinkte und dabei lächelte.
Image"Mein Vater war einfach so", erinnert sich heute sein Sohn Sebastian Ertl. Seine Höflichkeit, seine Lockerheit den Dingen entgegen zu sehen, dabei aber immer ein offenes Ohr für seine Fans zu haben, dass war Harald Ertl. Er hat ihn nicht anders in Erinnerung. Es sind jedoch keine langen Anekdoten und Geschichten, an die sich der heute 30-jährige Sebastian erinnert. Es sind viel eher kleine, aber intensive Gedankenstücke aus der kurzen Zeit, die er mit seinem Vater erleben durfte. "Da gab es mal eine Szene, an die kann ich mich heute noch sehr gut daran erinnern. Ich habe einmal den Lichtschalter betätigt, genau in dem Augenblick als Papa versucht hat, im Treppenhaus eine Lampe anzuschließen." Noch heute hört er das Gebrüll von Papa Harald Ertl, nachdem er sich vom Sturz von der Leiter wieder aufgerafft hat. So richtig böse konnte der Papa nicht werden. "Kurz bevor der Unfall mit dem Flugzeug geschah, waren wir im Winterurlaub," erzählt er mit glänzenden Augen, "da haben wir etwas ganz Tolles gemacht, der Papa und ich: Wir haben im Hotelzimmer Kondome mit Wasser gefüllt, und sie dann vom Balkon aus auf den Parkplatz geschmissen!".
ImageDass sein Vater Rennfahrer war, hat er damals nur am Rande mitgekriegt. Für ihn war er einfach der coole Papa, der was mit schnellen Autos zu tun hatte. Während sein Vater um Pokale und Punkte fuhr, vergnügte sich Basti im offenen Fahrerlager mit den anderen. Es war jene Rennsportzeit, frei von jeglicher regeltechnischen, medialen und finanziellen Struktur, wie man sie heute kennt. Sie war auf eine zuschauerfreundliche Art amateurhaft, mit jener großen Portion naiven Begeisterung, die heute in fast allen Kategorien des Automobilsportes abhanden gekommen ist. Gustav Hoecker war zu jener Zeit Mechaniker und Freund von Harald Ertl. Wie kein Zweiter erinnert er sich an die Zeiten, als Harald begann, Rennen zu fahren: "Weil ab und zu kein Geld sowie keine Zeit für ausgiebige Testfahrten auf Rennstrecken vorhanden war, mussten die Abstimmungsfahrten eben in den Weinbergen von Landau über die Bühne gehen." Der Platz- und Geldmangel führte auch dazu, dass schon einmal ein Wochenende lang ein Formel 3 Rennwagen oder andere Boliden auf der Straße vor dem Haus geparkt werden mussten. Den Schritt in die Formel 1 wagte der gebürtige Zeller dennoch 1975, nachdem er in den vergangenen Jahren in anderen Rennsportklassen reihenweise Siege einfuhr. Dank den diversen Sponsorgeldern erhielt er die Chance für drei Rennen im Team von Hesketh-Ford mitzumischen. Diese Gelegenheit ließ sicher Harald Ertl nicht entgehen und fuhr bei seinem Debüt beim GP von Deutschland gleich auf den beachtlichen 8.Platz. Beim folgenden Rennen in Italien holte er sich abermals eine gute Platzierung mit dem neunten Rang. Angespornt durch die positiven Resultate und seine Sponsoren kaufte er sich für die Saison 1976 bei Hesketh ein. In diesem Jahr durchlebte Harald Ertl sämtliche Höhen und Tiefen des Formel-1-Rennsports. Auf ein paar Nichtqualifikationen folgten seine besten Platzierungen in der Formel 1. Platz sieben beim britischen GP und Platz acht in Zeltweg beim Österreich Grand Prix projizierten Hoffnungen und Jubelstimmung im Team. Pünktlich aber folgte die Untergangsstimmung: Entweder schlug der Defektteufel zu oder die kapriziöse Technik des Hesketh machte dem 28-jährigen Pinzgauer einen Strich durch die Rechnung - zusätzlich bereitete ihm die Laschheit der Hesekth-Teamführung große Mühe.
ImageIn alle dem Up and Down der Saison 1976 geschah jedoch an einem Sonntagnachmittag im August ein dramatischer Zwischenfall, der Harald Ertl endgültig ein Stück der Formel 1 Geschichte werden ließ. Schauplatz war an jenem Sonntag, dem 1.August 1976, der Nürburgring. Auf der damals schwierigsten und längsten Strecke in der Formel 1 kämpften 26 Piloten um die Punkte, als in der zweiten Runde der Weltmeister Niki Lauda im Streckenteil Bergwerk verunglückte. Nach dem Aufprall gegen eine Felswand zirkelte der rote Ferrari auf die Strecke zurück, blieb in der Mitte der Bahn stehen und fing in sekundenschnelle Feuer. Lauda, dem beim Aufprall der Helm weggerissen wurde, lag bewusstlos im Wagen, unfähig sich aus der Feuerhölle zu befreien. Ein nachfolgender Bolide krachte ungebremst in den brennenden Ferrari und schob ihn von der Fahrbahnmitte weg in die Wiese. Für ein paar Sekunden schien das Schicksal des erfolgreichsten Österreichers in der Formel1 besiegelt zu sein. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzten sich aber der Amerikaner Brett Lunger, der Engländer Guy Edwards, der Italiener Arturo Merzario und Harald Ertl auf den brennenden Boliden und holten den Schwerverletzten Niki Lauda innerhalb weniger Sekunden aus seinem Wrack. Arturo Merzario erinnert sich heute zurück, an die Sekunde bevor sie den ohnmächtigen Lauda aus dem Wagen holten: "Für einen Augenblick habe ich gezögert. Aber als ich sah, mit welcher Entschlossenheit Harald Ertl auf den brennenden Ferrari zulief, verflog auch meine Unsicherheit." Durch diese Rettungsaktion holte sich Harald Ertl, zusammen mit den anderen, den Status der Unvergesslichkeit in der Geschichte der Formel1 der Siebziger Jahre. In den Erinnerungen vieler Rennsportfans ist der Name Harald Ertl auf ewig verbunden als Retter von Niki Lauda.
ImageFür seine Fans benötigte er jedoch nie den Titel eines Helden. Für sie war Harald Ertl einfach der Rennfahrer mit dem höchsten Sympathiewert. Die Mischung aus erfolgreichem Rennfahrer, der vor allem die Deutsche Rennsport Meisterschaft prägte, und Sportler, der für seine Fans immer ein offenes Ohr hatte, handelten ihn recht schnell zum liebenswürdigen Star zum Anfassen. Aber nicht nur bei den Anhänger galt Harald Ertl als populärer Fahrer, auch die Teams wussten die sportlichen und menschlichen Eigenschaften von ihm zu schätzen. Im Schnitzer Team, wo Harald Ertl auf dem legendären BMW 320 die Meisterschaft in der Saison 1978 dominierte, erinnert man sich gerne an den gepflegten Schnauzbartträger aus Zell am See. "Er ist heute noch ab und zu präsent bei uns, vor allem bei all jenen, die ihn persönlich gekannt haben. Er hat bei vielen in den Erinnerungen Spuren hinterlassen." unterstreicht Patricia Badura, Teamassistentin des heutigen Schnitzer Motorsportteam. Dieser Funke an Sympathie sprang immer wieder auf seine Fans über. Für Roland S., der die Karriere von Harald Ertl als Fan hautnah erlebte, war das mit ein Grund für die Beliebtheit von Harald Ertl: "Für jeden Fan hatte er ein offenes Ohr, er beantwortete alle Fragen die man hatte, und dabei plauderte er oft mehr als man erwartete." Heute noch ist er von der Tatsache überzeugt, dass Harald Ertl einer der ganz wenigen Rennfahrer war, der den ehrlichen Kontakt zu seinen Fans gesucht hat, und den auch sorgfältig gepflegt hat. "Egal wo er seine Fans traf, es gab immer ein kurzes Kopfnicken oder Händeschütteln", betont er immer wieder.
ImageUmso schwerer traf die Nachricht seines überraschenden Todes am 7. April 1982 den Rennsport und seine Anhänger. Harald Ertl befand sich mit seiner Familie auf den Flug von Mannheim nach Sylt in einer Privatmaschine des Typs Beechcraft Bonanza, als der Flieger über Giessen einen Motorschaden erlitt und abstürzte. Harald Ertl starb in den Trümmern des Fliegers. Mit ihm erlagen auch sein Schwager, der das Flugzeug pilotierte, seine Schwägerin, sowie seine Nichte den tödlichen Verletzungen. Seine Frau Vera Ertl, mit der er seit ein paar Jahren glücklich verheiratet war und Sohn Sebastian überlebten wie ein Wunder den Absturz schwer verletzt.
Roland S. erfuhr die Todesnachricht im Bus auf dem Heimweg nach einem Spanienurlaub. Er war geschockt, wie gelähmt. In dem Moment konnte oder wollte er nicht begreifen, was passiert war. Viele Rennsportfans erfuhren vom Tod des liebenswerten Österreicher am Abend in den Nachrichten. Aber nicht nur Fans weinten um ein Idol. So trauerte Arturo Merzario um einen Kollegen, mit dem er auf vielen Pisten der Welt um Punkte gekämpft hat, aber mehr noch trauerte er um einen Menschen, der mit ihm unvergesslich mit der Rettung von Lauda am Nürburgring verbunden war. Als sich Arturo Jahre viele Jahre später mit Niki Lauda und den anderen Retter an jener Unglückstelle am Nürburgring wieder trafen, wurde Harald Ertl von allen sehr vermisst. Für Sebastian Ertl begann nach dem Tod seines Vaters auch eine Zeit des Begreifens: "Mein Vater war ein wunderbarer Mensch, ein toller Papa. Aber irgendwann akzeptiert man es, dass das Schicksal dir was Wichtiges weggenommen hat, auch wenn du noch ein Kind bist. Es gab dennoch eine Phase, da träumte ich oft davon, dass Papa von einer Geschäftsreise wieder nach Hause kam. Er kam aber leider nie mehr zurück". Die Traurigkeit dieser Aussage schwebt heute noch, 26 Jahre nach seinem Tod, in der Luft. Und mit Sicherheit nicht nur bei Sebastian Ertl.
 
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