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Donnerstag, 26. November 2020
Test ISO LELE 1970 Drucken E-Mail
Geschrieben von Reinhold Hirschegger   

Heft bestellen - Test ISO LELE 1970 - Mailänder Konfekt

"Der geht ja bis 320"

Text & Photos: Reinhold Hirschegger

 

ImageErinnern Sie sich noch, als Sie als kleiner Junge (gehen wir mal davon aus, dass sich Mädchen eher nicht für Autos interessiert haben) durch die Autoscheiben gespäht haben und einen Tacho erspähten, der 220 km/h anzeigte? - In den 70ern nicht gerade selbstverständlich! Jetzt das gleiche noch mal: "Gucken und - der geht ja bis 320!". Das schicke Blechkleidchen dieser automobilen Grazie wurde von niemand geringerem als Bertone geschneidert und der Name "Iso Rivolta" bürgt auch heute noch für absolute Exklusivität. Es wird Ihnen eher schwer passieren, dass Sie im normalen Straßenverkehr einem zweiten Exemplar begegnen, denn weltweit existieren nur mehr circa 94 Stück. Die hier gezeigte Lele aus der Sammlung des Schweizers Martin Aeschlimann, ist eine dieser Pretiosen.
Ursprünglich als Einzelanfertigung für einen betuchten ISO -Kunden aus Amerika konzipiert, (ein Geniestreich der ISO Company) wurde das auf der IAA in Frankfurt 1969 vorgestellte Coupé als Publikumserfolg so gefeiert, dass sich Renzo Rivolta, Chef der luxuriösen, italienischen Automarke "Iso Rivolta" dann doch zur Serienfertigung des IR 6 entschloss. Der Name Lele leitet sich übrigens von der Frau des Firmenchefs ab.

Hubraum ist durch nichts zu ersetzen - außer durch noch mehr Hubraum. Motorhaube auf: unter dem fein geschneiderten Blech des Couturiers Bertone schlägt kein 12-Ender oder zumindest ein aufwändig gebauter Achtzylinder ... sondern entweder ein profaner V8 Chevrolet Motor, Typ 327 oder, wie bei dieser Lele, ein Ford V8 Typ Cleveland 351 mit 325 SAE PS. Dieser Motor weist einen Hubraum von ca.  5768 cm³ auf. Reicht eigentlich! Die wenigen gebauten Marlboro Lele hatten noch etwas mehr an Leistung anzubieten.
Einspritzung? No, no! Ein profaner Vierfach-Vergaser von Holley oder Carter, manchmal auch vom Typ Rochester, tat es auch. Eingebaut wurde alles, was sich bereits in Großserie bewährt hatte. Der Wagen ist bestens geeignet zum schnellen und entspannten Gleiten. Kraft ist in Hülle und Fülle vorhanden und mit einem Drehmoment mit 475 Nm bei 4500 U./min gesegnet, sollte dieses ausreichen, um Steigungen jeglicher Art zu pulverisieren.

ImageNix für Warmduscher! Vorweg, dieser Bolide ist kein Sprinter, er ist ein Granturismo der alten Schule. Heutzutage versägt dich jeder pickelige, aber leichtere, GTI , bei Ampelstarts. Diese ungehobelte Art des Fahrens ist aber auch nicht das Metier der Lele, sie bevorzugt weite Landstraßen und Autobahnen.
Getriebesorten wurden auch ziemlich viele verschiedene verbaut, klarerweise auch hier der Hang zur "ausgereiften" Technik. (Vier/Fünfgang und natürlich Automatic). Das sehr selten eingebaute ZF-Fünfgang-Getriebe lässt sich im kalten Zustand eigentlich nur mit beiden Händen einlegen, im "warmen" Zustand ist es zwar noch immer hakelig, aber angenehmer zu schalten.  Die Automatik schaltet butterweich, aber es verlieren sich doch etliche PS in den Tiefen der Mechanik. Scheibenbremsen von Dunlop oder Girling rundum, hinten innen anliegend, sorgen für eine angemessene Verzögerung. (Bei Vollspeed mit 240 km/h auf nasser Fahrbahn sollten sie aber trotzdem schon einen halben Kilometer vorher bremsen!) Eine aufwändige DeDion-Achse, Sperrdifferenzial sowie ein 100-Liter-Tank für ca. 500 km Fahrvergnügen (je nach Fahrweise auch a bissl weniger), sowie wunderschöne Campagnolo-Räder runden das Exterieur ab. Die ersten Lele wurden noch mit Stahlfelgen ausgeliefert, einige wenige waren auch mit Zentralverschlussrädern ausgerüstet.  Wenn man sich darauf einstellt ein Auto zu fahren, dass eben 37 Jahre alt ist und Sie, geneigter Leser, nicht zu den Warmduschern gehören, die ohne Servo, ABS, EPS, BSE und was es sonst halt noch so gibt, nicht mehr auskommen können, dann ... ja dann ist das Fahren mit einem Iso Rivolta ein wahres Vergnügen.

ImageSi, alles in Leder! Innen schwelgt dieser Wagen geradezu in opulentem, dickem Leder, wie bei Rolls Royce dürften hier einige Kühe ver- näht worden sein. Elektrische Fensterheber und Klimaanlage sind für ein Auto dieser Preisklasse natürlich obligat. Typisch italienisch und daher nicht gerade sinnhaft in der Gegend verstreut, sind die vielen Schalter- und Hebelchen. In dem belederten Gestühl sitzt es sich auch für Fahrer mit Gardemaß sehr gut. Das Lenkrad steht eher steil und zwingt zu einer leichten Froschhaltung.  Es lässt sich aber auch über längere Distanzen relativ kommod fahren (vergleichen Sie mal einen Daytona, einen Espada oder E-Type und Sie wissen was ich damit meine).
Zu den überaus praktischen Wesenszügen der Lele gehört jedoch ihre Viersitzigkeit und somit Familientauglichkeit, denn auf der hinteren, gut geformten und großzügigen Sitzbank haben auch erwachsene Menschen durchaus angemessen Platz und Komfort. Ein gewisses Maß an Gelenkigkeit wird zwar gefordert, der Einstieg nach hinten wird über die breiten Türen aber erleichtert und der tiefe Kofferraum mit einer Zuladung von 380 kg erlaubt es auch einer Familie, Gepäck mit auf die Reise zunehmen. Zwei Golfpacks gehen sowieso locker rein.

ImageMailänder Konfekt. Obwohl der Wagen damals schon vom Preis her der absoluten Luxusklasse angehörte und sich mit Kalibern vom Schlage eines Ferrari, Maserati und Lamborghini durchwegs messen konnte, muss bedacht werden, dass gerade bei Kleinserien ein gewisser Hang zum Primitiven bestand, (ich erinnere mich, dass man bei meinem ISO GT Dünnbleche von Fischkonserven im Armaturenbrett eingebaut hatte. Natürlich war davor edles Leder ...) was Sicherheit und Detailarbeit anbelangt, denn man war damals bei weiten nicht so anspruchsvoll wie heutzutage. Auf der Plusseite wiederum steht neben der reichlich vorhandenen Leistung und der wunderbar eigenwilligen Form der 70er die relativ problemlose und kostengünstige Wartung der Mechanik und Beschaffung der meisten mechanischen Komponenten, die gerade bei einem Auto der damaligen Exotenklasse keineswegs selbstverständlich war und auch heute noch ist. Wenn Sie sich nun also einen GT der alten Schule wünschen, der Exklusivität in einem schon fast künstlerisch gebautem Bertone-Kleid sein Eigen nennt, gepflegtes Reisen lieben, sportliche Eleganz mit dem "gewissen italienischen Flair", Luxus zu einem absolut leistbaren Budget suchen und sich zudem über die vielen bewundernden Blicke der anderen Verkehrsteilnehmer und Passanten freuen können ... dann lieber Leser, kann ich Ihnen diese Lele mit reinem Herzen empfehlen.
 
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