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Mittwoch, 28. Oktober 2020
Oldtimer Transporte Drucken E-Mail
Geschrieben von Jörg Gläser   

Heft bestellen - Oldtimer Transporte

Im Dezember stehen Oldtimer still - und der Osterhase hilft dem Weihnachtsmann bei den Geschenken.

Text & Photos: Jörg Gläser

 

ImageViele Freunde des alten Blechs halten im Dezember still. Die Saison für Oldtimer ist vorbei, das Wetter grauslich, die Garagen meist kalt, die Weihnachtshektik greift um sich und die Familie erwartet Hilfestellungen. So überbrückt man als Oldtimerbesitzer/in die Monate Dezember und Jänner, damit es dann ab Februar wieder losgehen kann mit den Vorbereitungen auf die neue Saison.
Soweit mein Glaube und (Vor-)Urteil über die österreichische Oldtimerszene.
Als Transporteur des wunderbaren Ladegutes "Oldtimer" stellte ich mich also auf einen besinnlichen Dezember und ruhigen, frostigen Jänner ein. Wunderbare Zeit um liegen gebliebene Büroarbeit zu erledigen, den Transporter zu pflegen und die Fahrerwirbelsäule wieder zu strecken. Kaum gedacht war es aber passiert.  1. 12. Da steht doch ein wunderschöner Pick up in Holland, gekauft bei einer Versteigerung in New York, der unbedingt zu seinem neuen Besitzer nach Wien will. Also geht es los, die erste Tagesetappe bis nach Duisburg. Am nächsten Tag dann weiter nach Rotterdam. Beim Beladen des Autos bekomme ich Szeneapplaus von Passanten, die hin und weg sind wegen des schönen Ford Pickups aus den 30er Jahren. Leider nicht meiner. Es geht wieder zurück nach Wien mit einem Übernachtungsstopp in Nürnberg. Bei der Übergabe an den Besitzer am Samstag, den 3. 12. sehe ich, drei Wochen vor Weihnachten, die ersten strahlenden Augen im Dezember von Käufer und Ehefrau.
Am Montag, den 5. 12. hole ich einen Rolls Royce südlich von Wien ab und soll ihn nach Laa/Thaya zum Service bringen. Da auch die längste Ladefläche einmal ein Ende hat, habe ich zuvor gebeten den Silver Cloud abzumessen. Der Auftraggeber misst nach - es geht sich aus. Allerdings muss sich die "silberne Wolke" danach über Nacht ausgedehnt haben. Beim Einladen steht das Auto um 10 cm hinten raus.  Glücklicherweise hat der Planenaufbau Spielraum - ein bisserl was geht immer. So kommt der Rolls Royce doch ohne irgendeine Verschmutzung in Laa an.
ImageAm 6. 12. geht es Richtung Sillengy in Frankreich.  Ein Schweizer Oldtimerhändler hat dort das Lager für seine EU-Fahrzeuge. Übernachtung in Annecy, am nächsten Tag Abholung eines Aston Martin DB2 aus den 50er Jahren und einiger Ersatzteile für die noch notwendige Restauration. Das Wetter ist herrlich, das frankophile Herz lacht und ich mache mich auf hunderte Kilometer Umweg, um die Schweiz hinter mich zu bringen, da der Kunde und ich uns die Zollbürokratie des Nicht-EU-Landes Schweiz ersparen wollen. Ankunft in Wien am 8.12. um 04.00 Uhr früh. Übergabe des Fahrzeuges dann am Nachmittag nach einer ordentlichen Schlafpause.
Vor lauter Freude bittet mich der Kunde gleich am nächsten Tag einen Jaguar E-Type nach Budapest zu bringen. Originalfarbe des ETyps ist rosa! Ich freue mich einen geschlossenen Aufbau zu haben, auch wenn dieser E-Type das einzige noch existierende Fahrzeug mit der originalen rosa Farbe ist.
Ein ruhiges Wochenende kündigt sich an, vielleicht sollte ich es für die Weihnachtseinkäufe nützen. Ein guter Gedanke, wie sich später herausstellt.  Am 12. 12. bekommt mein LKW neue Bremsen spendiert, die Oldies sollen ja schließlich heil ankommen. Meine Freunde in Trumau schrauben im Akkord, bei der Fahrt nach Hause bin ich froh angeschnallt zu sein, so überrascht bin ich von den neuen Verzögerungsmöglichkeiten.  Leider machen sich hässliche Geräusche aus dem Motorraum bemerkbar. Der Transporter bekommt eine Ruhepause am 13. 12., denn am 14. ist der Transport eines Porsches 911 aus den 90ern in die Südsteiermark angesagt. Der glückliche Empfänger des Porsches entpuppt sich als Vespafan und zeigt mir seine wunderschön restaurierten Objekte. Da stehen zwei Herren jenseits der 50 und schwärmen wie die Buben.  Ich fahre übrigens in Wien im Alltag eine Vespa 150 Sprint Veloce Baujahr 1975. Das ist mein Oldtimer.
Auf der Heimfahrt werden die Geräusche so unangenehm, dass von unterwegs ein Notruf an die Werkstatt abgesetzt wird. Am Stadtrand von Wien wird der eigene PKW eingeladen und es geht gleich weiter nach Oberösterreich in die Werkstatt. Das Auto wird auf der "Intensivstation" aufgenommen und ich trete die Fahrt nach Hause mit dem mitgenommenen PKW an.
Am 19. 12. ist der Patient abholbereit, zwar nicht zur Gänze genesen, aber betriebssicher und frisch serviciert.
Am 20. 12. geht es nach Radstadt, diesmal nicht in Sachen Oldtimer, sondern ein 3er BMW hat eine gebrochene Vorderradaufhängung und soll in die Werkstatt nach Alland/Nö gebracht werden.  Von Wien bis Radstadt sinkt die Temperatur von plus 7 Grad auf minus 13 Grad. Der BMW ist tief eingeschneit und springt natürlich auch nicht an. Mit Hilfe einiger kräftiger Salzburger Naturburschen lässt sich aber auch das alles lösen.
ImageEin ähnliches Schicksal hat auch ein Morgan Aero8, der auch nicht mehr anspringen will und am 21. 12. nach Trumau zu Kössler-Hammerschmid in Pflege gegeben wird.
Der Besitzer möchte zu Saisonbeginn seinen Moggie wieder genießen. Bei Abholung empfängt mich eine polnische Haushälterin, die kein Wort deutsch versteht und den Morgan verteidigt wie einen Goldschatz. Mit der internationalen Sprache von Händen und Füßen klappt es schließlich und ich kann den Morgan mitnehmen.  Am 22. 12. geht es nach Linz, der amerikanische Ford Pickup wird zur Typisierung vorgeführt - und besteht alle Prüfungen. Der neue Besitzer hat ganze Arbeit geleistet. Auf der Rückfahrt höre ich von den Staus auf der A4 Richtung Ungarn im Verkehrsfunk und freue mich, dass mich das nicht betrifft. Zu Hause angekommen beginne ich mich langsam auf Weihnachten einzustimmen. "Könnten Sie heute noch nach Budapest kommen?" Ich werde zur Weihnachtsfeier der Mitarbeiter einer österreich-ungarischen Fabrik eingeladen, um am nächsten Tag den Jaguar XJ6 des Fabrikanten nach Wien zu bringen. Also sattle ich die Pferde und mache mich auf den Weg. Und stehe im Stau auf der A4. Alle fahren an diesem Donnerstag bereits nach Hause. Bulgarien, Rumänien und Ungarn müssen bis zu diesem Tag menschenleer gewesen sein. Ich brauche über 5 Stunden von Wien nach Budapest, mehr als 2 Stunden länger als sonst. Bei meiner Ankunft um 22.30 Uhr ist die Weihnachtsfeier schon fast vorbei, das Essen ist jedoch herrlich, die Müdigkeit auch.
Dann heißt es noch den Jaguar aufladen, Weiterfahrt ins Hotel. Die Sicht beträgt keine 10 m und es ist spiegelglatt. Warum bin ich nicht Bibliothekar geworden?? Am nächsten Morgen geht es zeitlich los. Wir fahren entlang der Donau auf der ungarischen, dann slowakischen, dann wieder ungarischen Seite. Durch den Nebel arbeitet sich die Sonne durch, die Bäume sind dick mit Raureif bedeckt, herrlich! Bin ich froh, dass ich nicht Bibliothekar geworden bin. Der Kunde bittet mich noch 4 Winterreifen für den Jaguar in Klosterneuburg abzuholen und alles zu einer Reifenwerkstätte in den 17. Bezirk zu bringen, auch das wird erledigt. Service ist schließlich das was den Unterschied macht. Wir treffen uns zum Abschluss bei einem echten Wiener Wirt in der Vorstadt zum "Fluchtachterl". Frohe Weihnachten!
ImageAm 28. 12. geht es wieder Richtung Köln, am 29. nach Rotterdam, wo ein Ford Mustang Coupe aus den 60ern, gekauft in den USA, abzuholen ist. Die Spedition rückt das Auto nicht heraus, da irgendwelche Gebühren nicht bezahlt sind. Telefonate hin und her, meine Kreditkarte glüht, und schon geht es mit dem Mustang nach Wien. Rückfahrt mit Übernachtung in Offenbach/Frankfurt. Am 30. 12. gibt es wieder einen glücklichen Oldtimerbesitzer, der sein Auto zuvor nur im Internet gesehen hat. Die Freude ist groß, dass das Auto in natura genauso schön ist wie auf den Bildern.

Fazit dieses Dezembers:
- 10.472 km unterwegs,
- 1152 Liter Diesel verbrannt und durch den Partikelfilter ausgepufft,
- 10 glückliche Oldtimerbesitzer
- 1 Anfrage eines bekannten Ex- OR F-Managers für den Transport seines Jaguar XK150 ins Salzkammergut (im Sommer 2012)
- weiterhin unerledigte Büroarbeit
- wie sich im Jänner herausstellte ein kaputter Zweimassenschwung am LKW
Es ging übrigens im Jänner weiter mit Fahrten nach Deutschland, England, Ungarn und Dänemark.
Oldtimer stehen also im Winter nicht still, genauso wenig hilft der Osterhase dem Weihnachtsmann bei den Geschenken.
 
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