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Mittwoch, 28. Oktober 2020
Nissan Sunny 1984 Drucken E-Mail
Geschrieben von Jürgen Splet   

Heft bestellen - Nissan Sunny 1984

Denn die einen steh'n im Dunkel - und die anderen im Licht ...
... doch du siehst nur die im Licht steh'n - die im Dunkeln siehst du nicht ...


Text & Photos: Jürgen Splet

 

ImageDiese Textzeile aus der Dreigroschenoper lässt sich auf viele Bereiche anwenden - und nicht zuletzt auch auf unser Hobby. Da gibt es Fahrzeuge, die schon bei Erscheinen als zukünftige Klassiker hochgejubelt werden - andere erarbeiten sich diese Würde im Laufe von Jahrzehnten durch spezielle Ereignisse oder Eigenschaften - und dann bleibt das Heer der Typen, die zwar als Neufahrzeuge teilweise sogar Markterfolge sind - aber in weiterer Folge im Meer der Recyclingbleche verschwinden und maximal als Rohstoff zu ewigem Leben gelangen ...
Dass dies meist gerade die Typen sind, die in braver Durchschnittlichkeit den größten Anteil an der allgemeinen Mobilität hatten, ist eine traurige Fußnote in ihrer Geschichte - und so verzerren auch die Starterfelder heutiger Oldtimerveranstaltungen in zunehmendem Maße die quantitative Geschichte der Massenmobilität - von manchen Luxusfahrzeugen gibt es beinahe noch die komplette Stückzahl, von vielen Familienschaukeln oft nicht mal mehr die Erinnerung daran. Wie war das denn so ... in den 50ern war alles sehr einfach - wenige Firmen am Markt mit jeweils sehr überschaubarer Modellpalette - ich saß am Mittersteig im 5. Stock beim Fenster und erkannte beinahe alle Pkw am Motorgeräusch - speziell die Opels, deren Reparaturwerk gleich am Nebengrundstück war. In den 60ern war es schon etwas komplizierter - mehr Modelle pro Hersteller und auch ein paar neue Importe - und mit den 70ern und der Marktöffnung für die Japaner war es dann überhaupt vorbei mit dem Lauschangriff - es bestand auch kein Interesse mehr am Hören - ich fuhr da schon selbst damit und lauschte mit Hingabe dem Motorgeräusch im Innenraum - damals noch wirklich hörbar - kein 5. Gang bei den meisten Fahrzeugen bedeutete ordentlichen Lärm bei 120!
Ja, die Japaner - die zogen damals in die Neuwagenszene ein - und irgendwann kam es in den letzten Jahren zutage, dass nicht nur wir, sondern auch die Fahrzeuge älter geworden waren - und jetzt sogar die Japaner Oldies sein dürfen.  Ein Frevel, an dem heute noch viele knabbern - und ein scherzhalber geäußertes "Reisschüssel" ist noch die harmloseste Bezeichnung für dieses Übersee-Altblech.
ImageDie Mechanismen, nach denen einige Typen etwas sein durften und andere nicht, sind undurchschaubar.  Da ist ein Toyota oder Madza durchaus akzeptiert, Honda geht auch noch - speziell die kleinen Cabrios - aber Mitsubishi? Oder Datsun - bzw. Nissan? Der ZX - ok - aber sonst ... von den kleineren Herstellern einmal ganz zu schweigen, die oft schon an den Geschäftsgebarungen der frühen Importeure scheiterten ...

Soweit die Vorgeschichte ... und nun zum Grund dieser Betrachtungen - einem Datsun/Nissan Sunny Coupé.  Und das kam so: Vor Jahren gab mir der Mechanikermeister meines Vertrauens den Tipp, dass eine seiner Kundinnen ein Sissy-Moped verkaufen wolle - ob ich Interesse habe ... Das wäre jetzt eine eigene Geschichte - die Kurzversion lautet: ich zog den Roller in schönem Originalzustand an Land - und so bleibt er auch - unrestauriert!  Im letzten Spätsommer dann - ein Anruf einer Dame - ob ich der Herr bin, der da vor Jahren von ihrer Mutter ... das Moped - ich wisse schon ... in Stammersdorf ...
Langsam begann mein Bioarchiv zu arbeiten und mir dämmerte, mit wem ich da sprach - der Tochter der Dame von damals. Und dann stellte sie die unheilschwangere Frage: "Sammeln Sie auch alte Autos?" Nun weiß der geneigte Leser ja, was der Durchschnittsverbraucher unter einem alten Auto versteht - aus jetziger Sicht maximal Mitte der 90er und mit allen Attributen des Verbrauchs beladen. Dementsprechend vorsichtig war meine Antwort - ich tat es Radio Eriwan gleich und entgegnete: "Im Prinzip ja!"
Dann rückte die Anruferin langsam mit dem Grund des Gespräches heraus: Ihr Auto, welches ihr im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen war, wurde nicht mehr als verkehrssicher eingestuft und der Mechaniker riet ihr dringend zum Kauf eines Neuwagens - nun, das kennt man ja, nicht alle Angehörige der reparierenden Zunft stehen der Erhaltung positiv gegenüber! Die Frage nach der Art des Wagens und auch dem Baujahr blieb relativ vage beantwortet - es müsste ein Datsun-Coupé sein - aus den 80ern. Wenig Kilometer, gerade mal über 100.000 (da sind japanische Autos gerade mal richtig eingefahren, ich weiß, wovon ich rede ...) und es wäre doch ewig schade ...
Ich wappnete mich in Gedanken und überlegte hektisch, wie ich dieses Ansinnen höflich abwehren könnte - da kam das nächste Argument: Sie habe bisher niemand gefunden, der den Wagen kaufen UND erhalten wollte - alle Interessenten wollten ihn als Ersatzteilträger - und ihr ginge es doch darum, dass er weiterlebt - und sie würde ihn mir sogar schenken ... Wohlgemerkt: Die Dame kannte mich nicht, hatte mich nie gesehen, ich hatte auch nach dem Mopedkauf keinen Kontakt mehr mit der Mutter gehabt - was machst da?!?
ImageNachdem sie mir nicht wirklich sagen konnte, woran es beim Fahrzeug denn nun krankte und welche Schäden den Mechaniker zu seiner Meinung bewogen - laut ihrer Aussage lief der Wagen klaglos - vereinbarten wir, dass sie einmal nach Gaweinstal kommen solle - und dann sähen wir weiter.
Der Tag des Besuches nahte und ich wälzte in meinem Archiv Unterlagen aus den 80ern - ich hatte da ein ganz spezielles Modell im Auge, welches mir damals relativ gut gefiel.  Und dann - ein warmer Samstag Nachmittag (kann man sich derzeit bei -10° gar nicht recht vorstellen) - die Glocke schellte und vor dem Haus standen: zwei Autos und zwei Damen - die Mutter fuhr nach wie vor ihr eigenes Fahrzeug und war gleich mitgekommen, damit die Tochter auch irgendwie heimkommt. So entwickelte der weitere Ablauf eine gewisse Eigendynamik ... mit dem Ergebnis, dass eine Jause und einige - durchaus tränenreiche - Worte später der Datsun bei uns in der Einfahrt blieb. Ein Coupé mit viel Glas und Baujahr ‘84.

"Was tun", sprach Zeus, "die Götter sind besoffen ..." Ich sollte den Wagen abmelden ...  und er hatte noch ein Pickerl bis 2/12 ... ..also dazumelden zum Alltagskombi und mal sehen!
Ein paar kürzere Touren in die Umgebung absolvierte der Wagen ohne murren - das Fahren mit dem Wagen machte sogar ziemlich Spaß (das Cockpit ist eine Zeitreise in die frühen 80er - rote Armaturen!!!) und so wurden wir übermütig - der geplante Besuch unserer Freunde in Tarnow/Polen sollte mit dem Datsun erfolgen!  Alle Mitbringsel verstauen und ab ging‘s ... und er schnurrte über die March Richtung Slowakei.  Alles ging gut - bis zur Autobahn - dort fuhr ich dann konstante 130 - und nach 15 Minuten ging plötzlich die Temperatur hoch und es rauchte - ab zur Raststelle und nachschauen!  (Was ich damals nicht wußte - bei dem geht mit der Zündung auch der Ventilatormotor aus, nicht so wie bei "modernen" Fahrzeugen, die laufen nach ...) So gesehen war das Motorabstellen kontraproduktiv zur Abkühlung ... die Dampffontäne war entsprechend! Aber danach wussten wir, dass a) Der Kühler innen sehr rostig war - es gibt keinen dunkelbraunen Frostschutz - und b) der Kühlerverschluss nur eine steinharte Dichtung hatte - mit Rissen. Die 200 km Landstraße hatten das System wenig gefordert - wir hielten uns daran und kamen ohne weitere Probleme (außer 1x Wasser nachfüllen) bei den Freunden an.
Großes Hallo - die kannten den Wagen natürlich noch nicht - und am nächsten Tag war große Inspektion. Der Wagen gefiel ihnen auch - und den Vogel schoss die Betätigung der hinteren Ausstellfenster ab: zwei Hebel an der Konsole hinter dem Handbremshebel, Landeklappenhebeln gleich - und mit deren Hilfe werden die Fenster betätigt! Noch nie gesehen, so was.  - Echt "geil" ;-) Über den dortigen Aufenthalt gibt es wenig zu sagen - ein Ausflug mit kleiner Oldie-Gruppe, wo wir Passagier spielen durften - und am Sonntag noch ein Besuch im Tarnower Zentrum - es war kalt und somit die Kühlung unterfordert.
Die Rückfahrt war in technischer Hinsicht eintönig - regelmäßig anhalten, Wasser nachfüllen - weiterfahren ... Wir kamen gut heim, wenn wir auch schon etwas nervös waren - die Intervalle wurden enger ...
ImageEine Woche später der Besuch bei einem Freund nahe Stockerau - ok, das ist nicht weit, fahren wir nochmal mit dem Datsun ... anspringen tut er ja absolut problemlos und für 40 km reichte die Kühlung allemal.
Es war ein kalter, etwas nebliger Abend mit viel Feuchtigkeit in der Luft. Ich dachte bei mir: "Na, das Licht vom alten CX war jedenfalls besser ... Bei der Heimfahrt wurde ich immer unruhiger - sooo schlecht war das Licht wieder auch nicht gewesen, was war los? Ladekontrolle leuchtet nicht - aber die LEDs der Uhr auch nicht mehr.
Nun, die letzten Kilometer von Ernstbrunn über Ladendorf nach Gaweinstal war uns sehr mulmig zumute - es wurde immer dunkler und ich war mit einem Ohr im Motorraum, Zündaussetzer erwartend. Aber: wir kamen gut daheim an - mach das mal mit einem modernen Wagen, dessen Elektronik eine Mindestspannung benötigt!  Laut Voltmeter hatte ich noch 8 Volt an der Batterie - ich verneige mich in Ehrfurcht vor dieser japanischen Zündspule!  Das war Anfang Dezember - seither steht er unter Dach - die Batterie vorsorglich aufgeladen, aber nicht mehr im Einsatz - sozusagen als absoluter Notnagel.
In 14 Tagen läuft der Überziehungsrahmen des Pickerls ab - und wie geht dann die Geschichte weiter? Ich weiß es nicht! Aber irgendwie hätte er es sich verdient weiter zu existieren - als einer von jenen, die nicht im Licht stehen ...
Sagt mir eure Meinung!
 
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