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Mittwoch, 8. Dezember 2021
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Geschrieben von Thomas Villinger   

Heft bestellen - Österreichische Verkehrsgeschichte - O(h)Busse!

Ferlach, Kärnten, August 2008: Traurig stehen sie da, die letzten noch erhalten gebliebenen Obusse vom Obusbetrieb 1 (1943-1976) aus Innsbruck; - es gibt sie tatsächlich noch, - Wahnsinn!

Photos: Kreutz, Müller, Villinger

ImageEin angestrengtes Sinnieren lässt mich das Laden der Kompressoren hören und das leise und kraftvolle Anziehen der Elektromotoren spüren. Der Geruch der betagten Oberleitungsbusse ist nun leider nur mehr zu erahnen; - kein Wunder, nach gut 30 Jahren seit ihrer Ausmusterung.
An der Stelle möchte ich den Visionären der Nostalgiebahnen Kärnten danken. Sie haben verkehrsgeschichtlich interessante Fahrzeuge erhalten und das in einer Zeit, in der man sich nur zu gerne von allem Alten, lieber früher als später trennte.
Durch ihre einzigartige Straßenbahnen- und Bussesammlung mit Exponaten aus ganz Österreich zeigen sie, wie vielfältig die öffentliche Personenbeförderung bei uns war. Zu tun gibt es noch genug. Unzählige unrestaurierte Busse, Obusse und Straßenbahnen warten auf den "errettenden Kuss" aus dem Dornröschenschlaf. Hier findet sicher jeder Österreicher ein Fahrzeug, mit dem er seinerzeit mitgefahren ist oder das er vom Vorüberfahren kennt; - ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle, sowohl im Museum in Ferlach im Rosental südlich von Klagenfurt als auch auf www.nostalgiebahnen.at.
Nun zur Geschichte der Obusse, welche Herr Kreutz aus Innsbruck in seinem längst vergriffenen Buch minuziös gegliedert beschreibt. Herr Kreutz schreibt mittlerweile an seiner 3. überarbeiteten Ausgabe.
ImageInnsbruck Anfang der 1940er Jahre: Laufende Fahrplankürzungen infolge Treibstoffmangel schränken den Autobusbetrieb in Innsbruck sehr ein und so beschließen die Innsbrucker Verkehrsbetriebe 1941 die Errichtung von 3 Oberleitungsbuslinien; Linie A: Hötting - Amras; Linie B: Reichenau - Pradl; Linie C: Wiltenberg - Arzl. Der Fuhrpark soll 18 Busse der Normgröße 1 umfassen (Wagenlänge 9040 mm, Radstand 4250 mm, vorne und hinten Doppelbereifung).
1942 wird mit den Fahrleitungsarbeiten begonnen und wegen Materialknappheit werden Abstriche gegenüber dem ursprünglichen Entwurf (Verkürzung der einzelnen Strecken) gemacht. Da aufgrund der Kriegswirren mit den bestellten 18 Henschel-Obussen nicht mehr zu rechnen ist, weist die "Bedarfsgesellschaft" den IVB (Innsbrucker Verkehrsbetriebe) gebrauchte italienische Obusse zu.
ImageIm November 1943 kommen 5 zweiachsige Obusse der Marke Breda Bj.1936 aus Rom nach Innsbruck. Die Wagen sind ziemlich abgenutzt; - die 3-teiligen Übersetzfenster verursachen großen Lärm und werden durch Gummidichtungen etwas verbessert. Durch Schneematsch verursachte Feuchtschlüsse, durch die sich Fahrgäste über die Metallgriffe elektrisieren konnten, waren nur schwer in den Griff zu bekommen. Die Wagen erhalten elektrische Heizungen und Dachscheinwerfer, um bei nächtlichen Bügelentgleisungen das Einhängen der Stromabnehmer zu erleichtern.
Im Dezember 1943 erhält Innsbruck 4 weitere, aber ebenfalls gebrauchte FIAT-Obusse aus Livorno. Diese sind technisch sehr interessant; - der Antrieb erfolgt über zwei nebeneinander liegende Elektromotoren, welche über zwei Kardanwellen über jeweils ein Winkelgetriebe ein Hinterrad antreiben. Der Differentialausgleich wird durch eine verschieden hohe Stromaufnahme der Motoren erreicht. Für die Geschwindigkeitsregelung sind druckluftbetätigte Schütze zuständig. Ein dem Fahrpedal nachgeschaltetes Selbstregulierventil verhindert ein zu rasches Aufschalten.
ImageDie Luftangriffe im Dezember 1943 und Jänner 1944 verzögern den Ausbau des Fahrleitungsnetzes erheblich.
Im April 1944 wird die erste Obuslinie Linie C eröffnet. Ein weiterer Luftangriff zerstört die neu errichtete Obushalle am Fuße des Bergisels (nahe der strategisch wichtigen Brennerbahnlinie); - mit dem Einsetzen der Bombardements wurden die Busse in die Schottergrube im Stadtteil Arzl auf der anderen Talseite geschafft, so dass die Busse unbeschädigt blieben.
Vier weitere, fast neue FIAT-Obusse werden der Tiroler Landeshauptstadt aus San Remo zugeteilt. Sie unterscheiden sich von den ersten durch die äußere Form und der doppelten Motorleistung. Im Juni 1944 wird die Linie A, die Strecke vom Stadtzentrum auf den höher gelegenen Stadtteil Hötting eröffnet. Hier dürfen nur die mit elektrischer Bremse ausgestatten BREDA-Fahrzeuge eingesetzt werden.
ImageIm August 1944 nimmt auch noch die letzte Obuslinie, die Linie B, ihren Betrieb auf. Da die Obusse keine Unterstellmöglichkeit mehr haben, werden Standplätze festgelegt, auf denen sie "übernachten".
Durch die insgesamt 22 Luftangriffe auf Innsbruck kam der Obusbetrieb immer wieder zum Erliegen.
Im Mai 1945 konnte nach dem Einmarsch der Amerikaner endlich mit den Aufräumungsarbeiten begonnen werden. Am 17. September konnte die Linie A als erste Obuslinie den Verkehr wieder aufnehmen.
1946 kommt der Verkehr neuerlich gänzlich wegen Reifenmangels zum Erliegen. Nach einer Lieferung von Vollgummireifen können fünf Obusse wieder in Betrieb gehen. Die Materialbeanspruchung durch den einerseits schlechten Straßenzustand und der Überbeanspruchung der Karosserien durch die geringe Federwirkung andererseits, war enorm; - Ausfälle waren die Folge.
Ab Mai 1947 können schließlich nach einer Reifenzuteilung wieder alle Obusse normal verkehren.
Image1949 werden zum ersten Mal österreichische Fahrzeuge der Marke Gräf & Stift mit 120 PS Doppelkollektormotoren geliefert. Diese Obusse waren gemäß österreichischer Normen schmäler und niedriger als die italienischen Pendants. Die Gräf & Stift waren nicht so robust und wesentlich lauter. Das Überdruckventil des Kompressors neigte zum Abfrieren, wonach man es samt Ansaugtopf kurzerhand in den Fahrgastraum verlegte. Das mechanische Nockenschaltwerk ergänzte die Geräuschkulisse.
Im April 1950 wird der letzte Obus angeliefert. Im November 1951 fährt die Linie C in der Hauptverkehrszeit mit einem Lohner-Anhänger. Vor den Olympischen Winterspielen 1964 sollten seitens der IVB neue Obusse angeschafft werden. Da aber von Seiten der Stadt die Fahrleitungen als störend empfunden werden, wird beschlossen den Obusbetrieb auslaufen zu lassen. 1968 sind die FIAT-Busse nur mehr für max. 30 km/h zugelassen.
Image1971 endet der Obus-Verkehr auf der Linie B und Linie C. Die Linie A wird noch bis zum 29. Februar 1976 als Obus geführt.
Damit sind die Obusse aus dem Stadtbild Innsbrucks vorerst verschwunden, bis sie 1985 im Obusbetrieb 2 wieder kommen sollen, um schließlich 2006 endgültig von der Bildfläche zu verschwinden.
 
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