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Mittwoch, 17. August 2022
85 Jahre Mille Miglia Drucken E-Mail
Geschrieben von Hans Jürgen Ginter   

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1927 startete zum ersten Mal das mittlerweile legendäre Straßenrennen im oberitalienischen Brescia, über die Distanz von 1000 Meilen (über 1600 km)

Text: Hans Jürgen Ginter
Photos: Petra Wurst, Brühl

 

ImageWir schreiben das Jahr 2012. In Oberitalien, unweit des Gardasees, herrscht an diesen warmen Tagen im Mai Ausnahmezustand.  Die Straßenverkehrsordnung ist nahezu außer Kraft. Die Gesetzeshüter drücken beide Augen zu und haben doch, durch ihre Präsenz und gute Organisation, alles mühelos im Griff, wie es scheint. Liebhaber von Oldtimern und hochkarätigen Sportwagen bevölkern mit ihren röhrenden Karossen die Straßen. Überall, zu Tausenden, - angereist aus der halben bekannten Welt.
Innerorts wimmelt es, vor und in den Restaurants, auf den Terrassen und Parkplätzen, nur so von Enthusiasten des automobilen Kulturgutes.  Italien, an sich schon Land emotionaler motorisierter Lebensfreude ist, mitnichten, der wohl einzig mögliche Austragungsort für ein Spekataculum Traditionale dieses Genres.- Die fünfte Jahreszeit in Italien beginnt. Es ist Mille Miglia.
Die in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai gefahrene Mille Miglia, wurde erstmals 1927 als Straßenrennen ausgetragen. Vier motorsportbegeisterte Herren hatten diese Veranstaltung ausgelobt, mit dem Gedanken, ihre Heimatstadt Brescia zur Motorsporthauptstadt Italiens, werden zu lassen.
Gefahren wurde das Rennen über eine Distanz von 1000 Meilen, auf offiziellen, nicht abgesperrten Straßen.
Ein Vollgasrennen mit vollem Risikobewusstsein und Adrenalinkick, das die Massen anzog.  Es ging auch 30 Jahre lang gut. Bis 1957 das kam, was kommen musste. Ein Fahrer schleuderte mit seinem Ferrari von der Strecke. Er, sein Beifahrer und mehrere Zuschauer, kamen dabei ums Leben. Dieser tragische Unfall bedeutete schließlich auch das Aus für dieses, über alle Maßen gefährlich gewordene, Rennen. Gefährlich geworden deshalb, weil aufgrund der fortschreitenden technischen Entwicklungen im Fahrzeugbau, die Leistung der Autos und damit auch die gefahrenen Geschwindigkeiten, extrem in die Höhe schnellten. In diese Endzeit der Mille Miglia fällt auch der bis heute ungebrochene Streckenrekord, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 160 km/h, aufgestellt von Stirling Moss im Mercedes 300 SLR. Wohlgemerkt, Durchschnittsgeschwindigkeit!
Jeder kann sich annähernd ausrechnen, welche Höchstgeschwindigkeiten dabei erreicht wurden, auf schmalen Landstraßen, inmitten des regulären Verkehrs.
ImageGenau 20 Jahre lang geriet dieses einst so beliebte Autorennen in Vergessenheit. Erst 1977 wurde es, diesmal als sportliche Oldtimerrallye, wiederbelebt und findet seitdem jährlich, ununterbrochen, ganz traditionell, statt. Wer nun denkt, das ehemalige gewagte Vollgasrennen sei zu einer Sonntagsfahrt für ältere Herren mutiert, der irrt gewaltig. Nach wie vor ist die Mille eine anspruchsvolle, sportliche Herausforderung, die, zwar entschärft und mit geringfügigen Streckenkorrekturen, den Piloten noch immer alles abverlangt. Und ihr Beliebtheitsgrad wächst noch immer, von Jahr zu Jahr. So konnte für 2012 ein weiterer Rekord bei der Mille Miglia verbucht werden. Mit 1355 Bewerbern aus 25 Ländern, konnte die Kommission zur Vergabe der 375 Startplätze, die höchste Zahl an Bewerbungen in der Geschichte der Mille Miglia entgegennehmen.
Für die Teilnahme gelten besondere Bedingungen.  Ausschließlich Fahrzeuge die einst bei der orginalen Mille Miglia, zwischen 1927 und 1957, bereits einmal am Start waren, sind heuer auch startberechtigt. Ein nicht zu übersehendes Nenngeld in Höhe von 7.260,- Euro muss im Voraus überwiesen sein, um eine Startnummer zugeteilt zu bekommen.
Etwas Glück spielt auch eine gewichtige Rolle, angesichts des Verhältnisses von Bewerberzahl zu der Zahl der zu besetzenden Startplätze.  In jedem Fall wird so ein Teilnehmerfeld garantiert, das qualitativ hohen Ansprüchen an Mensch und Maschine, gerecht wird.
Unter den Startern sind stets prominente Persönlichkeiten und wertvolle Autos zu finden, die schließlich vom Start- und Zielpunkt Brescia aus, die über 1600 km nach Rom und zurück, umjubelt von weit über einer Million Zuschauern an den Straßenrändern und Ortsdurchfahrten, unter die Räder nehmen. Der Tross der Rennfahrer wird zudem auf weiten Teilen der Strecke von regelrechten Schlachtenbummlern, in oft ebenfalls hochwertigen Klassikern oder Sportwagen, begleitet. Dieser durchaus legale Tatbestand vieler Automobilisti sorgt natürlich für ein Verkehrsspektakel der besonderen Art und ist emotional kaum zu überbieten. Die Stimmung ist atemberaubend, der Geruch von Benzin und heissem Öl liegt in der Luft.
Durch die engen Gassen der durcheilten Dörfer weht ein Hauch von verbranntem Gummi und an vielen markanten Streckenabschnitten, haben sich Fans regelrecht eingerichtet. Am Streckenrand stehende, hochgebockte "Mille Rennwagen" an denen Mechaniker, von denen nur die Beine unter dem Auto hervorschauen, oft stundenlang werkeln, um ihre Piloten wieder auf die Strecke und ins Rennen schicken zu können, ist kein seltenes Bild. - Nichts ist mit der Mille vergleichbar.
Auch im Umfeld der Mille Miglia, besonders in Brescia und Ferrara oder auch Rom, ist die Promidichte hoch. Schließlich zählt dieser Event zu den Exklusivsten in der Oldtimerszene. Mittendrin fühlt man sich um jahrzehnte zurückversetzt, genießt die Atmosphäre die so einmalig ist. Wir waren in diesem Jahr mit einem Redaktionsteam dabei, haben Eindrücke und Bilder für euch gesammelt, unvergessliche Eindrücke.
ImageAm Start war auch ein Mercedes 300 SLR Rekordwagen (mit Startnummer 278) mit dem Sir Stirling Moss 1955 den sensationellen Streckenrekord von 157,62 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, herausfuhr. Dieser Hochleistungs Rennsportwagen, mit für damalige Verhältnisse, astronomischen 310 PS, wurde diesmal von Ex-Rennfahrer Jochen Mass, artgerecht ausgeführt.
Auch Sir Stirling Moss, fuhr die MM 2012, in einem Jaguar C-Type (Startnummer 197), und zeigte, das auch 83-jährig, mit ihm zu rechnen ist. Aus Österreich schickten sich gleich mehrere Teams und Fahrer an, sich in die "Ewigen Liste" der MM-Starter einzutragen. Allen voran, ebenfalls in einem Jaguar C-Type, Startnummer 199, der bekannte Starkoch Johann Lafer, gefolgt von der Startnummer 305, einem weiteren Jaguar mit österreichischer Besatzung, namentlich Albert Fellner und Peter Preis.
Die beiden ließen ihren schwarzen XK 120 FHC Baujahr 1953, laut umjubelt und mit sichtlichem Vergnügen, richtig fliegen.
Ein deutsch/österreichisches Team bildeten van Hüllen/Schüssel in einem DB 300 SL Flügeltürer, Bj. 1955. Einen wunderschönen offenen Lancia B 24 S aus Bj. 55 (Nummer 248) steuerten ein österr./ital. Doppel, Harald Berger/Carutti und fanden viel Beifall. Aus dem Baujahr 1948 stammt ein besonders rarer Sportwagen, der rote Cisitalia 202 SC, der hier mit der Startnummer 117, von zwei Piloten aus Österreich, Georg Geyer und Franz Steinbacher, eindrucksvoll vorgeführt wurde. Mehr aus einem Bauchgefühl heraus als aus Ortskenntnis, hatten wir unseren ersten Standort in der Ortsdurchfahrt Sirmione-Colombare, am Südufer des Gardasees, gefunden. Unsere Wahl hätte kaum besser ausfallen können. Schon der Blick von der Durchgangsstraße direkt auf den See, dazu die flanierenden Oldies mit ihren winkenden Passagieren, übertraf unsere Vorstellungen. Als wir Position bezogen hatten, stand der Start der Mille Miglia 2012 im etwa 30 km entfernten Brescia unmittelbar bevor. Die erste Etappe des Rennens über knapp 250 km bis Ferrara, begann noch bei Tageslicht und wurde in ihrem Verlauf zur Nachtetappe. Als die Dunkelheit bei klarem Himmel hereinbrach, röhrten die ersten Oldtimer heran. Der Jubel der Menschenmenge, die die Straße rechts und links säumten, war unbeschreiblich, emotional, erzeugte Gänsehaut. Bei jedem Überholmanöver, teils dreispurig nebeneinander gefahren, innerorts, vibrierte die Luft, angesichts der Anfeuerungskaskaden der Tifosi.  Ein Meer bunter Fahnen und Wimpel tauchte die abendliche Szenerie in eine volksfestähnliche Atmosphäre.
ImageDie Rennteilnehmer selber winkten euphorisch ihrem Publikum zu, ließen die Motoren aufheulen, präsentierten sich in bester Rennmanier.  So auch der bekannte Fernsehkoch Horst Lichter, der in einem roten Ferrari 750 Monza (Nummer 327) mit infernalischem Sound, nichts anbrennen ließ und wohl auch gegen seinen Freund und Kollegen Johann Lafer (im Jaguar) um die bestmögliche Position kämpfte.
Egal, ob nun Rennfahrer oder Zuschauer, dabei sein bei der Mille Miglia ist ein Erlebnis der besonderen Art. Für uns war es das erste, aber nicht das letzte Mal. Viele Starter bei der MM sind Wiederholungstäter, können sich dem Flair nicht wieder entziehen, besonders dann nicht, wenn sie die Mille auch noch erfolgreich oder als Sieger, absolvierten. So wie das italienische Ehepaar Guiliano Cane und Lucia Galliani mit ihrem BMW 328 Mille Miglia Roadster (Nummer 99), die in der Vergangenheit schon zehnmal die Mille Miglia gewinnen konnten und in diesem Jahr Zweite wurden. Gewinner des diesjährigen Rennens wurden zwei Argentinier, Claudio Scalise und Daniel Claramunt, mit ihrem raren Alfa Romeo 6 C 1500 Grand Sport Baujahr 1933 (Startnummer 68). Auch weiterhin führt die Marke Alfa Romeo die Liste der meisten Mille-Siege an. Als dritte Sieger erreichte heuer das italienische Team Giovanni Moceri und Tiberio Cavallierie in einem Aston Martin Le Mans, Baujahr 1933, mit der Startnummer 61, das Ziel in Brescia.
Indes darf sich aber jedes gestartete Team als Gewinner fühlen. Dabei sein ist bekanntlich alles, und das gilt in ganz besonderem Maße für die einzigartige Mille Miglia.
Unglaublich reizvoll dürfte es wohl sein, könnte man die Mille Miglia in ihrem gesamten Geläuf dokumentieren. Dazu bedarf es aber eines schnellen Fahrzeugs, einem Navigator wie jene, die im Copilotensitz der Rennautos sitzen und einer akribischen Planung, gepaart mit reichlich Kondition und Stehvermögen, um ohne Schlaf drei Tage durchzuhalten. Kurz gesagt: Teilnehmerbedingungen.
Teilnehmen und Dokumentieren?
Quasi Berichterstatter und Rennfahrer in Personalunion? Eine Idee die uns nicht mehr los lässt ...
 
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