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Mittwoch, 17. August 2022
Sammler Alois Samohyl Drucken E-Mail
Geschrieben von Fritz Ehn   

Heft bestellen - Sammler Alois Samohyl - Die Motorräder des Herrn S.

Es war eine der erstaunlichsten Begegnungen mit einem Sammler in der vollen Pracht seiner Sammlerherrlichkeit, die ich je hatte.  Ein Mann, in dem die volle Bandbreite der Leidenschaft des Jagens, Erlegens, Heimtragens, Aufbewahrens und schlussendlich des Wiedererrichtens alter Motorräder lodert.

Text & Photos: Fritz Ehn

 

ImageEs war eine der erstaunlichsten Begegnungen mit einem Sammler in der vollen Pracht seiner Sammlerherrlichkeit, die ich je hatte. Ein Mann, in dem die volle Bandbreite der Leidenschaft des Jagens, Erlegens, Heimtragens, Aufbewahrens und schlussendlich des Wiedererrichtens alter Motorräder lodert.
Gut, Alois Samohýl jun. hatte einen sehr guten Grundstock von seinem Vater. Alter Autoadel aus Zlin in Tschechien, genauer gesagt in Mähren.  Dazu darf ich anmerken, dass erstens die Mährer uns Österreichern in der Qualität des gemütlichen Zusammensitzens, Schmähführens und Leeren von vollen Bierhumpen näher stehen als die Böhmen, die eher dem taffen Schaffen und dem Kohlemachen unserer Deutschen Nachbarn anhängen und zweitens dass die scheinbar betuliche Art der Mährer wie das Beispiel des Alois S. zeigt, reiche Früchte trägt.
Alois Samohýl sen. wie der Vater hieß, war schon zu kommunistischer Zeit mit Automobilen eng verbunden. Er führte in Gottwaldov wie Zlin damals hieß, die Geschäfte der staatlichen "Motortechna", die nicht nur die skodas der Bevölkerung zuteilte, sondern er war auch mit dem damaligen Importeur von Skodas in Österreich, der Firma Tarbuk zugange. Sein zweites "Standbein" war die Ausstattung von Filmfirmen mit Oldtimern. Und war damit immer wieder in Österreich gern gesehener Gast.

Samohýl und die frühen Jahre der Österr. Oldtimerszene. Erinnerungen an die Zeit des damaligen ÖMVC werden wieder wach. Ja, damals 1966 war dies der einzige "Oldtimerclub" in Österreich mit einem mächtigen Sponsor, dem ÖRO P Ableger BV Aral, dem die große Jahresrallye um den "Martha Donaupokal" immer viel Geld wert war. In diesem Jahr hatten mich die damaligen Vorstandsmitglieder Dr. Herbert Schoeller und Dr. Helmut Krackowizer "angeworben" die Motorradsektion des ÖMVC aufzubauen.
ImageAufmerksam waren die Herren auf mich geworden, wegen meiner Veröffentlichungen in der Clubzeitung des damaligen Motorradclubs Donaustadt namens "Trialing", wo ich eine Kolumne über alte Motorräder schrieb. Auch meine Mitarbeit bei der ersten Motorradzeitung Österreichs nach dem Ableben des Magazins "Motorrad" im Jahr 1962, namens "Moped und Motorrad", herausgegeben von einem kleinen Wiener Verlag, hatte mich in jener absolut motorradabstinenten, ja geradezu motorradfeindlichen Zeit als verhaltensoriginellen Motorradliebhaber geoutet.
Nun, Alois Samohýl senior war immer mit feinen Vorkriegswagen da. Jener Ware also, die in der damaligen Oldtimerszene, die vom wortund sprachgewaltigem Übervater Heinrich "Henry" Goldhann dominiert wurde, überhaupt wahrgenommen wurde. Da waren Austro Daimlers, Stoewers, Kompressor Mercedes und Steyr Klausensport, vielleicht noch allenfalls ein Alfa 6C geduldet. Alles andere wurde mit dem nonchalant hingeworfenen Verdikt "Pissrotunde" (runde blecherne öffentliche Öl-Urinoirs) oder "Kiloware" (Massenposten bei Briefmarkensammlern) bedacht.
Viele Sammler kamen damals aus dem Ostblock zu uns. So erinnere ich mich an einen, der als Schleppwagen einen Jaguar SS 100 hatte, am Hänger eine OHV Renn- Douglas. Er ging dann nach Amerika. Der erlös der beiden Fahrzeuge ermöglichten ihm den Start in die Freiheit. Ganz anders lief hingegen die Sache bei Samohýl. In der damaligen Tschechoslowakei hatten historische Fahrzeuge für das Regime keinerlei Bedeutung, sie waren wertlos. Erst wenn sie wieder im Straßenverkehr mitfahren konnten, waren sie für das sozialistische Volkswohl interessant. So wurde gar manches seltene alte Automobil mit Skoda- oder Wolgateilen aufbereitet und überlebte so, schwer gezeichnet und im Mark verhunzt die kommunistische Ära. Doch Samohýl sen. wusste um den Wert historisch korrekter Fahrzeuge, zu denen er infolge seines Geschäftes in großer Zahl kam. Und da er sich wie bereits erwähnt auch ziemlich frei bewegen konnte, kam so manches rare Stück nach Österreich. Manches wurde auch gegen anderes, durchaus Modernes getauscht. So wurde beispielsweise in den Siebzigerjahren aus einem Tatra 87 eine neue Honda CB 750 - sicherlich eine der ganz wenigen, die offiziell in der CSSR fuhr.

ImageHerr S. liebt alte Motorräder. Alois Samohýl jun. hat diese Zeit, wie er mit erzählte, ebenso wie seine Brüder als heranwachsender Jungendlicher erlebt. Er übernahm vom Vater den Vornamen, das Geschäft und die Leidenschaft für alte Automobile. Der Name Samohýl war und ist untrennbar mit Automobilen der Sonderklasse, von den Bugattis der Elisabeth Junek bis Mercedes SS K, von Laurin & Klement bis Horch verbunden. Und Samohýl junior ist im Autogeschäft zu Hause. Er vertritt in seinem Konzern die Marken VW, Audi, Skoda, Mercedes, Land Rover, Hyundai, Fiat und Volvo.
Seine Autoleidenschaft ist ungebrochen und er beschäftigt Heerscharen von Restauratoren, die seine Autos von Grund auf restaurieren. Doch das ist eine andere Geschichte.  Doch er trägt ein Gen in sich, das man nur als totale Motorradnarretei bezeichnen kann. Motorradleidenschaft ist, wie der Bilderbogen beweist, zu wenig gesagt. Er ist ein viel beschäftigter Mann und kann sich bedauerlicher Weise nicht nur seiner Leidenschaft widmen. Und er zeigt diese Sammlung auch nicht öffentlich her.
Ein Freund und ich hatten die rare Gelegenheit die Refugien des Alois S. betreten zu dürfen.  Das erste seiner Refugien ist der Oberstock über der Mercedes-Verkaufshalle. Ein heller, lichtdurchfluteter Raum in dem seine wichtigsten Schätze stehen. Dorthin zieht er sich zum Zweck neuerlicher Impulse und Inspirationen zurück.  Egal welches Fahrzeug er seinem Besucher zeigt, die innere Spannung ist da. Das Wissen um die History des Bikes, die Freude an der Jagd, wie er zu dem Stück kam - und dass es nunmehr ihm gehört, all das strahlt sein ganzes Wesen aus. Natürlich ist ihm so wie inzwischen jedem ernsthaften Sammler, das original erhaltene Exemplar mit Patina und Jahresringen lieber als das blitzblank neu aufgebaute Stück. Alois S.  hat natürlich den Blick für außergewöhnliche Stücke, Kiloware verdankt er lediglich seinem Streben nach einer "Full Hand"-Sammlung. Der Bogen der Motorräder spannt sich von der ältesten in Sammlerkreisen bekannten original erhaltenen Laurin & Klement Maschine von 1900 bis zu den schnellen Bikes der Achtziger- und Neunzigerjahre. In diesem Raum hat er sie in der Unruhe des Getriebenen zusammengestellt.  Gruppenweise, einzeln, neu dazu gekommene und auch irgendwie dazwischen welche. Dann klafft wieder eine Lücke - ja diese Böhmerland steht jetzt ein paar Wochen auf einer Ausstellung im Stadtzentrum. Wie? Welche Ausstellung?

ImageNur wenige Stücke sind öffentlich ausgestellt. Alois S. fährt uns ins Zentrum in ein Einkaufszentrum vis a vis der ehemaligen Bata-Schuhfabrik.  Die gesamte Architektur, die den Krieg unbeschadet überstanden hat ist im strengen 4,80 Meter Raster von Le Corbusier angelegt. Ebenso wie die Bata Fabrik, an deren Hauptgebäude in den vier Ecken je einen 4,8 mal 4,8 Meter großer Aufzug untergebracht ist. Und in einem dieser Aufzüge hatte der Firmenchef sein Büro, so dass er immer unterwegs und vom Schreibtisch aus mitten im Geschehen war.
Die Ausstellung ist gegen einen kleinen Obolus während der Öffnungszeiten des Einkaufszentrums zu besichtigen. Alles erstklassig restaurierte Stücke, in leuchtenden Farben mit glitzerndem Chrom. So wie es das Publikum mag.  Nach dem Rundgang ist Alois S. ein wenig mit sich uneinig, zögert, rafft sich auf. "Na dann zeige ich euch noch das Depot - da sind aber in erster Linie Autos". Wir fahren ein paar Minuten an den Stadtrand, elegante Gegend, eine moderne Villa in Hanglage. Wir fahren in die Garage, alles voll mit Autos, vom Skoda bis zum VW, in allen Verwesungszuständen, dazwischen Motorräder, detto. Wracks. Teile. Mit dem Lastenaufzug geht es über fünf Geschosse. Voll mit mobilem Material.
Erschlagen von der unglaublichen Fülle der Fahrzeuge fahren wir zurück ins Hauptwerk.  Der Abschied steht bevor. Noch ein Raum, der alles in den Schatten stellt. Alles voll mit Motorrädern und Teilen. Die letzte Reserve des Sammlers für die nächsten Jahrzehnte.
 
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