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Mittwoch, 28. Oktober 2020
Veteranenwesen in Österreich Drucken E-Mail
Geschrieben von Peter Reisch   

Heft bestellen - Veteranenwesen in Österreich - Er baute Autos!

Die "Spinner" - Oldtimersammler, einst verspottet heute im Trend ...

Ein Rückblick in die Urzeit des österreichischen Veteranenwesens von Peter Reisch

  ImageWir wären heute reicher an technischem Kulturgut in Österreich, hätte man sie nicht zu lange, ja viel zu lange gemeinhin als "Spinner" abgetan, die Oldtimersammler!  Ich habe das Wort "Spinner" noch gut im Ohr und als Kind gehört, als mein Vater Max Reisch in den 1950er Jahren wieder einmal einen Veteranenfund für seine Sammlung angeliefert bekam.  Hinter seinem Rücken haben sie sich an die Stirn getippt, denn er war eine Respektsperson mit der man es sich nicht verscherzen wollte.  Max Reisch hat 1952 im Automobil- und Touringclub Tirol die Sektion "Historische Kraftfahrzeuge" gegründet und war aufgrund seiner internationalen Kontakte zur Fahrzeugindustrie ein gesuchter Ansprechpartner der kleinen Gruppe von Idealisten, welche sich damals ernsthaft um die Erhaltung und Rettung alter Fahrzeuge sorgten.  Sie kamen damals manchmal nach Tirol, die "Spinner", alle angesehene Herren, wie die bekannten Journalisten Erich Schmale und Henry Goldhann, der Bankier Herbert von Schoeller, der Motorradprofessor Helmut Krackowizer oder Autohistoriker wie Heinrich von Nauheim und Hans Seper.
Von einer Veteranen-Szene, wie wir sie heute kennen, war in Österreich weit und breit noch nichts zu sehen, alte Autos wurden nach dem Krieg entsorgt, aber die Sammler der ersten Stunde ergatterten doch noch einiges, was sie retten konnten. Oft in letzter Minute, noch öfters kamen sie jedoch zu spät. Es war den Menschen der Wirtschaftswunder-Zeit in den Nachkriegsjahren unmöglich beizubringen, dass sie die alten "Tschesn", "Kraxn" oder "Gratten" nicht einfach wegwarfen oder zum Verschrotter brachten.
Die Plätze der Gebrauchtwagen- und Altmetallhändler waren für uns ein Paradies, für manch eine Kostbarkeit (aus heutiger Sicht) wollte der Schrotthändler nur den "Kilopreis", für das Freimachen des "Alteisens" verlangte er noch etwas von dem "Spinner" extra und rieb sich insgeheim die Hände einen Trottel gefunden zu haben.  Ein verstecktes Grinsen der Umstehenden war garantiert und das gleiche Grinsen fand man dann wieder zu Hause vor, bei den Gaffern, die das Abladen kommentierten. Spott und Hohn mussten die Enthusiasten allerorts erwarten und auch ertragen.
Aber es gab auch erhebende Momente! Glücklich, fast spitzbübisch lächelt Max Reisch auf einem Foto von 1951, welches ihn mit seiner neuesten "Beute" zeigt, ein Adler von 1912. Damals haben sich die wenigen Sammler ihr Insiderwissen geteilt und Henry Goldhann sah diesen Wagen in Zwettl stehen, hatte aber keinen Platz.  Um jene Zeiten besser zu verstehen sei der Verkäufer zitiert, Herr Berger aus Zwettl schrieb: "Der Preis des Wagens ist ungefähr 600.- bis 800.- Schilling, der bestimmt nicht zu hoch ist, da ja genug wertvolles Metall daran ist." (25. 4.  1951) Der Wagen wechselte für 600.- Schilling den Besitzer, die Bahnfracht nach Tirol kostete 900.- Schilling, heute zeigt uns dies die damalige Wertrelevanz. Der Oldtimer wurde dann dem Freund S. untergejubelt, denn der hatte eine freie Baracke.
ImageÜberhaupt war die Unterbringung damals ein größeres Problem, als heute. Es gab kaum Garagen, entsprechend der geringen Anzahl der Autobesitzer vor dem 2. Weltkrieg. Auch waren bei weitem noch nicht alle Kriegsschäden beseitigt, die Bevölkerung hatte mit dem Wiederaufbau mehr als genug zu tun. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Veteranen-Sammler größte Schwierigkeiten hatten ihre Fahrzeuge unterzubringen.  Man stieß allerorten auf Unverständnis und es brauchte Engelszungen, um Freunde und Verwandte zu überreden, dass sie Platz zur Verfügung stellten für ein Hobby, das es bei uns noch gar nicht gab. Heute weiß jedes Kind was ein Oldtimer ist und Platz ist auch vorhanden.
Das Restaurieren war in dieser Urzeit des Veteranenwesens im Nachkriegs-Österreich auch ein Kapitel für sich. Nicht nur Geld, sondern Kenntnisse in Fremdsprachen-Korrespondenz waren Voraussetzung zur Pflege internationaler Verbindungen. Denn die Engländer und Franzosen waren uns weit voraus. Dort gab es schon Betriebe, welche sich mit der Teilebeschaffung beschäftigten, diese Länder hatten bereits aktive Veteranenclubs, und auch Fachmagazine. Es mussten jedoch auch heimische Handwerker gefunden werden, die noch die alten Künste des Wagenbaus beherrschten, Stellmacher hieß dieser Beruf der Autosattler, Wagner und Radmacher, ein Beruf welcher schon so gut wie ausgestorben war, viele gute Männer waren im Krieg gefallen. Aber dank der damaligen Bemühungen um das Veteranenwesen gibt es heute solche Spezialisten wieder.
Und 1960 tat sich etwas! Der renommierte Wiener Renn-Verein hat meinen Vater (und die Hand voll anderen "Spinner") zu einer Wettfahrt für Autoveteranen eingeladen, um das "kümmerlich blühende Hobby" zu größerem Bekanntheitsgrad zu führen.  1962 wurde von dieser kleinen Gruppe von Sammlern der Österreichische Motor-Veteranen- Club in Wien gegründet, Erich Schmale war deren Gründungspräsident, nach drei Jahren hatte man schon 49 Mitglieder.
Image1965 schrieb Henry Goldhann, auch "Doyen der österreichischen Oldtimer-Sammler" genannt, eine interessante "Bilanz" mit prophetischem Blick in die Zukunft:
"Zum Abschluss noch ein kurzer Überblick über die in Österreich in Privatbesitz vorhandenen Autoveteranen. Der älteste Wagen dürfte ein Peugeot 1898 sein. Ihm steht ein Ultramobil 1902, ein deutscher Lizenzbau des bekannten amerikanischen Oldsmobile, altersmäßig nicht weit nach.  Beide Fahrzeuge sind komplett, doch nicht restauriert.  Im Aufbau befindet sich ein De Dion-Bouton 1904.  Das wären, meines Wissens, die einzigen »Antiques«.  Ihnen folgt eine Anzahl »Edwardians«: Stoewer 1908, Laurin & Klement 1908, der schon erwähnte Renault gleichen Baujahres, Austro Daimler 1910, Audi 1913, Austro Fiat 1919 und vielleicht noch der eine oder andere, der irgendwo »im Verborgenen blüht«. Die Zahl der »Vintage Cars« in Österreich kann mit rund 15 bis 20 angenommen werden. Am aussichtsreichsten wäre eigentlich, die »Classics« in Österreich »fashionable« zu machen, denn hier verfügen wir über einige recht interessante Stücke, weil mehrere Austro-Daimler, Steyr 220, einen Alfa Romeo mit Kompressor, einen Maybach, zwei Kompressor- Mercedes, einen Talbot-Darracq, einen Rolls Royce, einen Steyr XVI usw., von denen sogar die meisten angemeldet sind. Hier, glaube ich, müsste man einhaken, wenn der Autoveteranen-Sport auch in Österreich populär gemacht werden soll, denn eine Rallye mit Autos dieser Kategorie wäre schon jetzt möglich."
Rund 15 Jahre nach Kriegsende ging es den Österreichern wirtschaftlich wieder viel besser, damit auch den Oldtimersammlern. In den 1970- er Jahren zählte man schon eine ansehnliche Anzahl von Veteranenclubs, Privatsammlungen wurden zu Museen. Die heimische (Erdöl-) Wirtschaft begann Veranstaltungen finanziell zu unterstützen und in Salzburg wurde 1974 der erste "Oldtimer Grand Prix" für Veteranenmotorräder von Helmut Krackowizer organisiert, ab 1976 auch für historische Automobile. Gerne erinnere ich mich an die Ehrenrunde am Salzburgring mit dem Asien-Steyr von Max Reisch.
ImageDas ist nun auch schon über 30 Jahre her, die Oldtimerszene ist seit 1945 innert 20 Jahren den Kinderschuhen entwachsen und den Sammlern der ersten Stunde wird nun Anerkennung entgegengebracht, die verspotteten Enthusiasten von damals sind zu achtbaren Bewahrern von technischem Kulturgut geworden. Heute würde es niemanden mehr einfallen sich an die Stirne zu tippen und "Spinner" zu murmeln.  Es war ein langer, für viele oftmals auch ein beschwerlicher Weg ...
 
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