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Donnerstag, 26. November 2020
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Geschrieben von Wolfgang Pensold   

Heft bestellen - Technisches Museum Wien - "Unter dem Losungsworte Krieg und Technik"

"Unter dem Losungsworte Krieg und Technik"
Diese Themenschau zum Ersten Weltkrieg präsentiert das Technische Museum Wien bis 3. Mai 2015.

Text: Wolfgang Pensold
Photos: Technisches Museum Wien

  ImageMit vereinten Kräften will Kaiser Franz Joseph den Krieg, den er im Juli 1914 durch die Kriegserklärung an Serbien zum Ausbruch gebracht hat, durchstehen. Eine Phrase, hinter der sich letztlich eine desaströse Ausbeutung der Gesellschaft verbirgt. Für den jahrelang dauernden Krieg sind neben den kämpfenden Soldaten vor allem die Produktionskapazitäten der Landwirtschaft und der Rüstungsindustrie entscheidend.  Arbeiter und Bauern müssen genügend Lebensmittel, Munition und Waffen produzieren, damit die Front hält. Intensiv wird deshalb der Zusammenhalt von Front und Heimat in der Propaganda beschworen.
Die Themenschau "Unter dem Losungsworte Krieg und Technik" widmet sich dem Phänomen Krieg in seiner Gesamtheit. Sieben Stationen werfen Schlaglichter auf verschiedene Bereiche der Gesellschaft, die in den Krieg hineingezogen werden. Dabei geht es auch um das Technische Museum selbst, das 1914 fertig gestellt wird. Ludwig Erhard, erster Direktor des Hauses, will dem kriegsbedingten "Ausfall zahlreicher Sammlungsgegenstände" begegnen, indem er "einzelne Gruppen durch kriegstechnische Darstellungen unter dem Losungsworte "Krieg und Technik‘" zu vervollständigen ankündigt: "... denn das Technische Museum ist berufen die kriegstechnischen Großtaten der österreichischen Industrie der Mitwelt eindrücklich vor Augen zu führen und den kommenden Geschlechtern als Vorbild dauernd zu erhalten."
Erhard will also, dass sein Haus eine patriotische Aufgabe erfüllt und mithilft, die Bevölkerung bei den Fahnen zu halten. Er bemüht sich deshalb Ausstellungsstücke zusammenzutragen und so gelangen eine Reihe von Objekten mit unmittelbarem Kriegsbezug in die Museumssammlungen.  Durch sie wird der Blick auf die Geschichte des Weltkriegs zum Blick auf die Geschichte des Museums selbst.

An die Front. "Die Kriegsbegeisterung ist in Österreich fast ebenso groß wie der Hass gegen Serbien und Russland", heißt es in einer zeitgenössischen Chronik aus dem Sommer 1914: "Die ganze Mobilisierung vollzieht sich glatt und ruhig, jeder weiß wohin er gehört. Das Publikum spricht die Mannschaften an, drückt ihnen die Hand und beschenkt sie mit Geld und Zigaretten.  Überall herrscht das gleiche Bild: freudige Gesichter bei Offizieren und Soldaten, Begeisterung im Volk."
Für die jungen Soldaten ist die Front ein unbekannter, romantisch verklärter Ort. Sie ziehen in den Krieg, wollen sich im Kampf gegen den Feind, den sie nicht kennen, bewähren und ruhm- und siegreich bald wieder heimkehren.  Viele Zivilisten sehen dies in ähnlich verklärter Weise.
Tatsächlich erweist sich die Front als entmenschlichte Zone, als vom Trommelfeuer systematisch zerstörtes und verbranntes Land, als eine Qual für den Körper und ein Martyrium für die Seele.  Aus unzähligen Geschützen regnen Granaten auf die Soldaten nieder. Mit Flammenwerfern werden Schützengräben geräumt. Giftgas dringt selbst in die geschützteste Stellung. Beim Sturmangriff treffen die Soldaten auf tödlich dichte Maschinengewehrgarben des Gegners und auf stromgeladene Stacheldrahtverhaue.  Die meisten der oft noch sehr jungen Soldaten geraten weitgehend ahnungslos in diese unerbittliche Todesmühle, in der sie zu Millionen umkommen.

ImageNachschub für die Materialschlachten. Unersättlich verlangen die Fronten nach Nachschub an Soldaten, Waffen und Munition. Einem gigantischen Förderband gleich, hat das wichtigste Massentransportmittel der Zeit, die Eisenbahn, eine ununterbrochene Versorgung sicherzustellen, um die riesigen Materialschlachten am Laufen zu halten. Im Materialkrieg zeigt sich deutlich, dass jene Partei den Krieg gewinnen wird, die schneller mehr Nachschub aufbieten kann. Ihrer großen Transportkapazitäten wegen wird die Eisenbahn Teil der Kriegshandlungen.  Bezeichnend dafür ist die imposante Salcano- Eisenbahnbrücke über den Isonzo, die 1906 als Rekordbauwerk errichtet und zehn Jahre später von ihren österreichischen Erbauern selbst gesprengt wird, um den Vormarsch italienischer Truppen zu behindern.
Die k.u.k. Eisenbahn kann im Übrigen schon nach kurzer Zeit den Nachschub nicht mehr ausreichend sichern.
Der Einsatz des Automobils ist noch von geringer Bedeutung. Von militärischer Seite weist man ihm Aufgaben im Meldedienst zu, als schnellerer Melder, immer abhängig freilich von befestigten Wegen. Nachdem die k.u.k. Armee anfangs kaum Autos besitzt, befriedigt sie ihren Bedarf durch Requirierungen. Die "Allgemeine Automobil-Zeitung" schreibt:
"Gleich nach dem Ausbruch des Krieges war unsere Heeresverwaltung bemüht, sich automobilistisch so gut auszurüsten, als es die Umstände verlangen. Tag für Tag waren die Kommissionen beschäftigt, aus dem großen Reservoir des Privatautomobilbesitzes das kriegsbrauchbare Material herauszusuchen. Es fand sich niemand, der gegen die Requirierung seines Automobils Einspruch erhoben hätte, die eiserne Notwendigkeit drängte alle egoistischen Gedanken zurück und es ist wohl bezeichnend, dass viele Automobilbesitzer ihre Automobile freiwillig dem Staate zur Verfügung stellten."
Tatsächlich bringt die Requirierung von Autos, vor allem aber jene von Reifen, den privaten Automobilverkehr zum Erliegen.
Zum Nachschubtransport dienen Lastwagen mit Anhänger, die ein Vielfaches von Pferdefuhrwerken transportieren können, oder aber straßentaugliche Lastzüge mit einem Vielfachen der Kapazität der Lastwagen. Der von Ferdinand Porsche in Wiener Neustadt für die "Österreichische Daimler-Motoren-Gesellschaft" konstruierte Lastzug besteht aus einer von einem Benzinmotor angetriebenen Zugmaschine und zehn Anhängern, von denen jeder zweite durch einen Radnabenelektromotor angetrieben wird, welcher den Strom vom Benzinmotor der Zugmaschine erhält. Solche Lastzüge können auf Straßen eingesetzt werden, oder aber, mit entsprechenden Rädern versehen, auch auf Schienensträngen.  Neben den Weiten des Raums nimmt die Kriegsmaschinerie auch die Lüfte in Beschlag.  Als sich die Armeen am Boden in endlosen Schützengräben eingraben, werden mit Hilfe von Flugzeugen in großer Höhe fotografische Aufnahmen vom Feindgebiet gemacht. Anhand dieser Aufnahmen planen die Generäle in den rückwärtigen Kommanden ihre weiteren Angriffe.  Es folgen oft stundenlange Trommelfeuer der Artillerie und danach neuerliche Luftaufnahmen, um die Zerstörungswirkung der Granaten abzuschätzen. Blut und Tod zeigen die Bilder aus der Vogelperspektive nicht.
Knapp nach Kriegsende erhält das Technische Museum vom Fliegerarsenal der k.u.k. Luftfahrttruppen Flugzeugmotoren und sonstige Bordinstrumente für seine Sammlung. Letzten Endes kommt man unter mysteriösen Umständen sogar zu einem ganzen Doppeldeckerflugzeug des Typs Aviatik-Berg, das man laut den Verbotsbestimmungen des Friedensvertrags des Jahres 1919 eigentlich gar nicht besitzen darf.

ImageDie Rüstungsindustrie. Eugen Alt, Autor eines Buchs mit dem Titel "Der Krieg im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik", reiht die Wissenschaft in das Arsenal moderner Waffen ein, denn der Weltkrieg ist auch ein Krieg der Ingenieure, die sich in der Entwicklung von Zerstörungstechnik gegenseitig überbieten. Alt irrt lediglich darin, der moderne Krieg habe nicht die Vernichtung des Feindes zum Ziel.  Ganz im Gegenteil, eröffnet die Wissenschaft der Vernichtung völlig neue Dimensionen: im Giftgas etwa, im Maschinengewehr und in den vielfältigen Artilleriegeschützen. Eisen- und Stahlwerke sowie Pulverfabriken, die unaufhörlich Waffen und Munition produzieren, erweisen sich als ebenso bedeutsam wie Armeen.
Infolge der Seeblockade der Alliierten werden in Deutschland wie in Österreich-Ungarn jedoch bald Rohstoffe knapp. Das zur Munitionsherstellung nötige Salpeter, das bislang aus Chile importiert wurde, wird nun synthetisch hergestellt.  Dazu errichtet der Staat 1915 in Blumau am Steinfeld eine Fabrik zur Erzeugung von Salpetersäure aus Ammoniak. Die chemische Industrie landet damit einen wichtigen Sieg über die Blockadeschiffe der Alliierten. Ein Modell dieser Fabrik gelangt als Geschenk der Baufirma ins Technische Museum.
Hinsichtlich der Sammlung kriegswichtiger Metalle ist in Wien ab November 1914 die "Metallzentrale A.G". tätig. Zunächst versucht sie Metalle wie Kupfer, Blei, Aluminium, Nickel, Zinn und Zink im Ausland zu bekommen, danach auch im Inland durch Ankäufe zu staatlich festgesetzten Preisen sowie durch Requirierungen.  Die Metallzentrale warnt, der Mangel an Kupfer könne zur Katastrophe im Krieg führen, sollten nicht die nötigen Maßnahmen getroffen werden. In der Folge werden Metallteile aus Betriebsanlagen ausgebaut - so liefern diverse Elektrizitätswerke ihre Kupferkabel ab und ersetzen sie durch Eisendrähte; es werden jedoch auch Lettern aus Buchdruckereien sowie Kirchenglocken und kupferne Kirchendächer eingeschmolzen.  Noch nicht einmal eröffnet, gerät sogar das Technische Museum in Gefahr, sein neues Kupferdach wieder zu verlieren.
Eine begehrte Beute sind auch die aus massivem Kupfer bestehenden Druckwalzen der Kattundruckereien.  Sie werden gegen Exemplare mit Eisenkern ausgetauscht. Bis September 1917 beschafft die Metallzentrale im In- und Ausland mehr als 100.000 Tonnen an kriegswichtigem Metall.
Ebenfalls schon im Herbst 1914 wird auch die Bevölkerung aufgefordert, bestimmte Metallgegenstände zum Einschmelzen in den Rüstungsfabriken abzuliefern. Im Rahmen der so genannten "Patriotischen Kriegsmetallsammlung" werden Küchenmörser aus Messing gegen solche aus Eisen getauscht. Aus den zahlreichen abgelieferten Objekten wählen Experten jedoch einige tausend kunsthistorisch wertvolle aus, die dem Schmelzofen entgehen und zu Werbezwecken in einer Ausstellung gezeigt werden. Nach dem Krieg gelangen hunderte dieser Objekte über Vermittlung des so genannten Militärliquidierungsamts ins Technische Museum.

Der Beitrag der Heimat. Die Finanzierung des Krieges erfolgt weitgehend über Kriegsanleihen - also letztlich durch die Bevölkerung. Für die Bewerbung der Kriegsanleihen entstehen zahlreiche Plakate, die in großer Auflage gedruckt und an öffentlichen Plätzen affichiert werden.  Doch der Krieg nimmt kein Ende, verschlingt immer mehr Geld und Güter. Bald ist der Alltag der Bevölkerung ebenfalls von Mangelwirtschaft gekennzeichnet. Mit Lebensmittelmarken werden die wichtigen Nahrungsmittel rationiert, für manch andere wie Kaffee werden Ersatzstoffe entwickelt. Darüber hinaus sollen die Menschen sich den verfügbaren Nahrungsmitteln zuwenden.  Propagiert wird dies in einer Ersatzmittel-Ausstellung im Wiener Prater. Dort zeigt der "Kriegswirtschaftsverband der Kartoffeltrocknungsindustrie" unter anderem das Modell einer Kartoffeltrocknungsanlage sowie eine Reihe von Gläsern mit Proben verarbeiteter Trockenkartoffeln.  Das Modell der Trocknungsanlage gelangt nach dem Ende der Ausstellung im September 1918 ins Technische Museum.
Die fortschreitende Verelendung der Bevölkerung gipfelt in Hungersnöten und in zahllosen Hungertoten. Die Gefallenen der Heimatfront sind zumeist Alte, Frauen und Kinder. Gegen das Verhungern regt sich Widerstand, vor allem bei Frauen, die um das Leben ihrer Kinder kämpfen.  Ihre Streiks und Demonstrationen gegen das harte Kriegsregime tragen letztlich dazu bei, den Zusammenbruch und das Kriegsende herbeizuführen.  Der Krieg hinterlässt neben Millionen Toten ungezählte Invalide. Arm- und/oder Beinamputierte werden mithilfe von Prothesen notdürftig instand gesetzt und so zumindest für den Produktionsprozess wieder "verwendbar" gemacht. Der Museumsgründer Wilhelm Exner richtet eine Prothesenwerkstatt ein, deren Erzeugnisse von Kriegsversehrten hergestellt werden.  1917 gehen zahlreiche Prothesen-Exponate, die zuvor in Ausstellungen gezeigt wurden, in die Sammlung des Technischen Museums ein.

ImagePatriotische Propaganda. Patriotische Musik begeistert die Menschen, wie dies in den Tagen des Kriegsausbruchs vielerorts zu erleben ist. Ohne Zweifel bildet die Musik eines der wichtigsten Mittel zur mentalen Mobilisierung.  Volksfeste mit Militärmusikkapellen zielen auf eine patriotische Berauschung ab, um die Bevölkerung kriegswillig zu halten. Marschmusik macht den Soldaten das Marschieren leichter, reißt sie mit auf dem schweren Gang ins Ungewisse.  An der Front dient Musik auch als Trostspender, sei es beim gemeinsamen Musizieren im Lager während der Kampfpausen oder beim Feldgottesdienst.
Zur Aufrechterhaltung der Kampfmoral haben die großen Zeitungen österreichische Siege würdig zu beschreiben. Dasselbe gilt für die Fotografie im Krieg.
Illustrierte und Kino-Wochenschauen haben die Leistungen der Armee buchstäblich ins rechte Licht zu rücken, wie es in einer "Vorschrift für die bildliche Berichterstattung im Kriege" heißt. Siegessichere Bilder sollen die Bevölkerung zuversichtlich stimmen. Not, Tod und Elend sind aus demselben Grund kaum zu sehen.  Dafür sorgt die Zensur. Das Kriegsarchiv zensuriert Fotos und Filme, das Kriegsüberwachungsamt die großen Wiener Zeitungen.
Anstößige Passagen müssen aus dem fertigen Spaltensatz herausgestemmt werden: vor allem Berichte über Niederlagen oder über die hungernde Bevölkerung. Die Arbeiter-Zeitung erscheint regelmäßig mit weißen Zensurflecken.

Post aus dem Felde. Das Kriegsüberwachungsamt ist neben der Presseüberwachung und der Telegrafen- und Telefonzensur auch für die Zensur des Postverkehrs zuständig. Vornehmlich durch Offiziere vorgenommen, soll die Zensur der Briefe aus dem In- und Ausland verhindern, dass militärische Geheimnisse nach außen dringen.  Doch werden faktisch auch österreichfeindliche Äußerungen sowie Kritik am Militär und an der Kriegsführung verfolgt und unterdrückt.  Der Postverkehr ins feindliche Ausland wird gänzlich eingestellt.
Die tariffreie Feldpost hilft, den Kontakt zwischen den Soldaten an den Fronten und den Angehörigen daheim aufrechtzuerhalten. Sie wird natürlich auch zensuriert. Karten werden gelesen, Briefe geöffnet, Pakete kontrolliert. Den ordnungsgemäß vorgenommenen Zensurakt besiegelt ein roter Stempel mit dem Wortlaut "Überprüft". Anstößige Stellen werden geschwärzt, vordergründig, um Spionage zu unterbinden, aber natürlich auch, um Kritik an der Kriegsführung zu unterdrücken.

Verbindung halten: die Telegrafie. Die moderne Nachrichtentechnik erlaubt den Kommandierenden, ihre Armeen von zentraler Stelle aus - oft von weit hinter den Fronten - zu dirigieren.  Die Drähte des elektrischen Telegrafen und des Telefons werden bis in die vordersten Stellungen gezogen, um Verbindung zu halten. Am 22. Mai 1916 erobern österreichische Soldaten bei Valmorbia einen Feldtelegrafen der italienischen Armee. Ort und Datum der Erbeutung sind im Deckel eingeritzt. Der Telegraf befindet sich heute im Technischen Museum.
Über Telefon und Telegraf hinaus ist auch Funk im Einsatz. Die deutsche Firma Telefunken entwickelt und baut Funkgeräte für die deutsche und für die österreichisch-ungarische Armee.  An den Fronten bedient man sich hauptsächlich tragbarer Funkstationen, die gegenüber ihren drahtgebundenen Vorläufern einige Vorzüge aufweisen. Ein Problem besteht allerdings: der Feind kann den Funkverkehr mithören. Es wird daher in verschlüsselter Form gefunkt. Auf österreichischer Seite ist Hauptmann Andreas Figl damit befasst, einen Abhör- und Entschlüsselungsdienst für auswärtigen Funkverkehr aufzubauen.
Es gelingt ihm, die Funkschlüssel der Italiener zu brechen und ihre Befehle zu entschlüsseln.  Nach dem Krieg untersucht eine italienische Kommission die schwere Niederlage ihrer Truppen in der zwölften Isonzo-Schlacht und stellt dabei fest, dass die Österreicher alle wichtigen italienischen Befehle mitlesen konnten.  Am Kriegsausgang ändert dies freilich nichts.
 
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