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Donnerstag, 11. August 2022
Sammlung Boesch Burg Strechau Drucken E-Mail
Geschrieben von Alexander Korab   

Heft bestellen - Sammlung Boesch Burg Strechau - Thema "Steyr"

Die Sammlung Boesch auf Burg Strechau.

Text & Photos: Alexander Korab

  ImageIrgendwann, irgendwo, irgendwie fängt man sich den Virus ein.
Eines Tages hat man - vielleicht nur einer plötzlichen Laune gehorchend - einen Oldtimer in der Garage stehen. Nicht selten kommt noch einer hinzu, manchmal noch einer und noch einer.  Ehe man sich‘s versieht, hat man eine kleine Sammlung angelegt. Dr. Wolfgang Boesch spricht liebevoll von einem "Sammelsurium" und meint damit die diversen Automobile, die sein Vater in den 60er und 70er Jahren zusammengetragen hat. Angefangen hat es mit einem Tatra 57. Nach und nach kamen Fahrzeuge aus aller Herren Länder hinzu. Vor etwa 10 Jahren fiel die Entscheidung, den Steyr-Schwerpunkt auszubauen und der Kollektion damit ein klares Profil zu verleihen.
Letztlich ist es der Traum jedes Sammlers, seinem Fuhrpark einen würdigen Rahmen zu verleihen. Was gibt es schöneres, als nach dem Abendessen noch einen Blick in die eigene, nur wenige Schritte entfernte Garage zu werfen.  Für die Sammlung Boesch bot sich die Burg Strechau an, welche unübersehbar auf einem Berggipfel unweit von Rottenmann thront.  Strechau wurde im 11. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs der ursprünglich aus zwei Festungen bestehende Komplex zu einer der größten Burgen der Steiermark zusammen. 1909 wurde Strechau von Adolf Boesch erworben, musste jedoch 1926 wieder veräußert werden und kam Ende der 70er Jahre neuerlich in den Besitz der Familie, oder genauer gesagt der Boesch Privatstiftung.
ImageTeil der mittlerweile vorbildlich restaurierten Burganlage ist ein massiver, mehrgeschossiger Speicher, der als Museum adaptiert wurde. Dort sind nun 18 Steyr-Automobile der Sammlung Boesch untergebracht sowie ein Leihexponat.  "Steyr-Personenkraftwagen von 1920-1941", der Titel einer seit 2. Mai dieses Jahres öffentlich zugänglichen Dauerausstellung ist durchaus gerechtfertigt. Etwa 50 Kilometer Luftlinie entfernt vom einstigen Produktionsstandort findet man in Strechau eine beinahe lückenlose Typenkollektion vom Steyr II bis zum seltenen Modell 630 vor.
Die Erfolgsgeschichte von Steyr begann vor 150 Jahren als Waffenschmiede und erreichte im 1.  Weltkrieg einen vorläufigen Höhepunkt. Ab 1894 stellte man auch Fahrräder her und 1916 wurden erste Vorbereitungen für eine Automobilproduktion getroffen - eine Entscheidung, die Steyr zwei Jahre später, als die Waffenproduktion im großen Stil zusammenbrach, ein Überleben sichern sollte. 1920 kam der Steyr II , eine Konstruktion des legendären Hans Ledwinka, auf den Markt. Das so genannte "Waffenauto" war - wie auch alle späteren Modelle mit vier oder sechs Zylindern - äußerst robust und für Bergfahrten bestens geeignet. Aufgrund der hervorragenden Maschinenausstattung konnte Steyr bis auf Elektrik und Gummiteile alle Fahrzeugkomponenten selbst herstellen.
Image1929 wurde Ferdinand Porsche in den Vorstand der bis dahin florierenden "Steyr-Werke AG" berufen.  Er bekleidete diesen Posten nur bis 1930 und dürfte an der Überarbeitung des Steyr XX und der Konstruktion des Steyr XXX beteiligt gewesen sein. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise vermochte selbst ein Professor Porsche nicht von der österreichischen Automobilindustrie abzuwenden. Ein Fortbestand konnte nur durch die Kooperation von Steyr mit der "Austro Daimler-Puchwerke AG" ermöglicht werden. Im Bürgerkriegsjahr 1934 kam der zukunftsweisende, aerodynamisch gestylte Steyr 100 heraus und wenig später der Typ 50, das berühmte "Steyr-Baby". Der revolutionäre, von Karl Jenschke entworfene Kleinwagen war zusammen mit dem Nachfolger des Typs 55 das erfolgreichste Modell von Steyr. Bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs wurden in überschaubaren Stückzahlen auch luxuriöse, sechszylindrige Fahrzeuge der Typen 220 und 630 hergestellt.
Von letzterem Modell haben gerade einmal vier Stück überlebt und ein von Gläser eingekleidetes Cabriolet ist heute das Prunkstück der Sammlung Boesch. Nach 1945 durften in Österreich für einige Jahre keine Autos gebaut werden und Steyr verlegte seine Aktivitäten auf den Bau von Traktoren und Lastkraftwagen.  Erst 1957 erschien wieder ein österreichisches Auto, der in Graz gebaute Puch 500 der Steyr-Daimler-Puch AG, doch das ist eine andere Geschichte ...
Image"Weniger ist mehr", meint Wolfgang Bösch und hat mit viel Gefühl und Sinn für Ästhetik eine schlicht-elegante Form der Präsentation gewählt. Automobile und Anschauungsmaterial sind fein säuberlich von einander getrennt.  Informatives, Prospekte, Schautafeln, Kleinexponate und zwei Originalmodelle aus der Steyr-Entwicklung finden sich im Zwischengeschoß.  Hier erfährt man auch, dass Steyr über ein weltweites Repräsentantennetz verfügte und sogar in die entlegensten Regionen exportierte.
Fast alle Steyr der Sammlung sind fahrbereit und werden auch regelmäßig bewegt. Die schmale Straße hinauf zur Burg ist ein Kriterium für Wolfgang Boesch: "Diesen Anstieg sollte ein Steyr mühelos bewältigen."

Information: www.burg-strechau.at
 
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