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Freitag, 6. Dezember 2019
Karoclub Austria Gipfelsieg am Stuhleck Drucken E-Mail
Geschrieben von NG Mylius   

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"Versunken, tief im chinesischen Meer, versunken nur, nicht ertrunken", der Gipfelsieg 2014 am Stuhleck, in einem Meteoritenkrater, tief in Bayern. Frei nach André Hellers Traum.

Text & Photos: NG Mylius

  ImageWer's nicht kennt, das Stuhleck: kaum 100 km von Wien entfernt, 1783 m hoch, über der Waldgrenze, unmittelbar darunter eine bewirtschaftete Schutzhütte. Den Winter über gehört's zur Skiregion Semmering, kann aber auch über eine Forststraße erreicht werden. Und das tut seit 1988 – einmal mehr, einmal weniger – der www.karoclub.at mit seiner Ausfahrt "Gipfelsieg am Stuhleck". Stets im Oktober, manchmal im Schnee, manchmal bei Sonne, oft in erfrischendem Nebel. Der Gipfelsieger wird meist eingeladen, die Fahrt im nächsten Jahr zu veranstalten. Die wird dann sportlich oder wissenschaftlich, volksbildnerisch oder touristisch, je nach bevorzugtem Interessensgebiet des jeweiligen Veranstalters ausgelegt. Auch dessen Wohngebiet spielt eine Rolle, das Stuhleck ist schon einmal ins Weinviertel verlegt worden oder es kam eine Donaufähre zum tragen. Als ehemaliger Markenclub des "Messerschmitt Kabinenrollers" aus Regensburg besteht im KaRo Club Österreich eine traditionelle Verbindung zu Freunden aus Deutschland. So kam es, dass heuer das "Stuhleck" in einen nahezu kreisförmigen, flachen Krater fiel: in das Ries (von der alten römischen Provinz Rhaetia!) rund um Nördlingen, mit seinen schmucken Fachwerkhäusern und dem gotischen Daniel. Der ist ein weithin sichtbarer Wegweiser, ein aus den erfrischenden Kraternebeln hoch aufragender Kirchturm. Solch ein flaches Ries unterscheidet sich auffällig von der hügeligen Landschaft der Schwäbischen und Fränkischen Alb rundherum. Es misst 24 km im Durchmesser und ist vor 14 bis 15 Millionen Jahren durch den Einschlag eines Steinmeteoriten entstanden. Der hatte nur 1½ km Durchmesser! Naturgemäß fällt in einer flachen Landschaft eine Anhöhe von etwa 450 m auf. Sie ist unbenamst, liegt bei Hohenaltheim, im sog. "Geopark Ries" und wird von einem Holzkreuz überragt: der bei der sonntägigen "Wertungsfahrt" zu besiegende Gipfel! Allerdings ein Gipfel mit Besonderheit, befinden sich doch auf ihm auch noch Konstruktionsreste von einem Thingplatz! Vermutlich einmal Teil des Thing-Kults der NSDAP im dritten Reich der letzten Dreißigerjahre. Geplant waren damals zwischen 200 und 400 Thingstätten, auf landschaftlich stimmungsträchtigen Plätzen, umgeben von Wäldern, an Gewässern, in Hügel oder natürliche Felsen eingebettet. Fertig gestellt wurden nur etwa 60. Es ist also ein verhältnismäßig neuer Thingplatz, der nichts mit den alten Thingstätten aus germanischer Zeit zu tun hat. So eine, beziehungsweise die Reste davon, gibt es tatsächlich in der Gegend auch noch: in Hohenaltheim, im Ort selbst, gleich neben der Johanneskirche.
ImageDas tat man früher gern, christliche Kultstätten neben alten germanischen zu errichten. Beim neuen Thingplatz im Geopark begnügte man sich mit einem Kreuz. Ein Merkmal aller Thingplätze sind kreisförmig angeordnete Steinsitze. In Anlehnung daran ist daraus im "Geopark Ries" ein gepflasterter Rundkurs geworden. Mit Kleinwagen gut befahrbar, überhaupt wenn sie nur geschoben werden. Und das taten die Gipfelsieganwärter der Reihe nach, aufgeteilt in fünf Teams, so schnell als möglich. Etwa 20 Fahrzeuge standen zur Verfügung, jedes Team schob ihr leichtestes, der oder die Leichteste lenkte. Natürlich! Rundenlang, eines nach dem anderen. Das schnellste Team war Gipfelsieger 2014 – vorausgesetzt es sind auch noch eine Tankfüllung lang alle Passierkontrollen angefahren und alle der üblichen Fragebogenfragen richtig beantwortet worden. Alles ohne Zeitdruck, bunt gemischt mit Kaffee und Kuchen, mit einem blind zu fahrenden Slalom, mit der Besichtigung eines Gesteinsstücks von unserem Mond, der Fürst Wallersteinschen Brauerei und einer Dampflokomotive, die mit eigener Kraft in ihre Garage Remise gefahren wurde; ihre Schienen davor werden noch verlegt werden. Es gab auch hoch gelegene Höhleneingänge, die nur zu Fuß erreichbar waren, aber auch malerische, per Kleinst- und Kleinauto erreichbare Burghöfe mitsamt Gaststätten voll bester Speis und gut gekühltem Trank. Sprach man letzteren zu, so kühlten währenddessen die Motore unserer luftgekühlten Kleinen wieder ab. Leider. Sie und ihre Heizungen hatten vorher, beim Anstieg die Passagiere schön gewärmt! Aufgefallen unter den Teilnehmern war ein herrlich anzusehendes, restauriertes Dreirad in Rosa, ein japanischer Leichtlastwagen der Marke "Mazda K360", Baujahr 1960. Ein gleicher hat voriges Jahr, bei der Bruce Weiner Auktion in Madison, Georgia, US A, einen Hammerpreis von $ 25.300 erzielt: hinter der 2-sitzigen Kabine sitzt ein 2-Zylinder-4-Takt-V-Motor, 346 cm³,11 PS, luftgekühlt, E-Starter, Antrieb per Kardanwelle und Differential in der Starrachse, 2 Hinterräder. Vorn geschobene Schwinge an 2 Kurzarmen, das Lenkrad dreht die gesamte Konstruktion mitsamt dem Kotflügel. Knapp 3mlang, wiegt 485 kg, geht 65 kmh. Auffallend war auch eine Anregung für Cabriotransporteure. Clubmitglied Beat Menzi hatte für seinen Heimweg in die Schweiz über seinen Rovin eine abnehmbare Blechhaube gestülpt, wieder so ein Eigenbau dieses ideenreichen Konstrukteurs.
ImageDient dem Schutz des dünnen Verdecks vor dem Fahrtwind beim Hänger Fahren. Übrigens sein Rovin D2, Bj. 1947 (glaub' ich) stammt aus der ehemaligen Fabrik von Luxuswagen namens Delaunay-Belleville bei Paris (heißt es). Dementsprechend (behauptet Beat, und der muss es wissen!) besitzt sein Rovin alles, was gut und teuer war – und noch immer ist: vom wassergekühlten 2-Zylinder-Boxermotor mit 425 cm³, 10 PS, Retourgang und E-Starter bis zu den Alufelgen, die hinten bereits an Spiralfedern hängen. Ein richtiger, 300 kg leichter, und keine 3 m langer Leckerbissen unter den Kleinstwagen, nur gekauft wurde er – außer in der reichen Schweiz – kaum. Das ist eben so, bei Leckerbissen, die nicht zum VW mutierten! Oder was rauskam, als niemand mehr Motorräder oder Motorroller kaufte und deren Produ zenten anfingen, Auto zu bauen: vergleiche den 3er-Prinz von NSU und den "Steyr Puch Mod. FIAT"! Vergessen wir das bekannt nette FIAT Gesicht, vergleichen wir allein Hecke und Formen! Kein Vergleich! Das kleine Puchwerk hat schneller regiert als die großen NSU Motorenwerke, hat den eigenen Entwurf verworfen und flugs die Karosserie von einem Autobauer, sprich FIAT genommen. War billiger, italienisch, schöner und sicher besser. Siehe auch beispielsweise die Krämpfe beim Janus von Zündapp, einem anderen Motorradbauer, der sich auch diversifizieren wollte und dann zusperren musste! Und dazu war das "Puch Schammerl" auch noch einen oder ein paar Monate vor dem Prinz fertig. 1957 war's. Bis NSU seinen Prinz so weit hatte, dass er als 4er-Prinz, mit dem rundum unterhalb der Gürtellinie verlaufende Karosseriefalz à la Chevrolet Corvair befriedigende Verkaufszahlen erreichte, sollten Jahre vergehen. 1961 war's. Interessant war auch die Gestaltung der Fahrt selbst, mit einem wertungsfreien "Vorspiel" als Stadtführung in Nördlingen am Freitag und mit genauso unbewerteten "Nachspielen" am Sonntag: Aperitif am Parkplatz unten und gemeinsamer Mittagstisch in der Harburg hoch oben. Der Tag, der allein zählte, war der Samstag mit seiner Preisverteilung: es gab 4 Gipfelkreuze. Für jeden Wagen im siegreichen Team eines. Teamwork. Einzelwertung gab es keine. Da jedoch "zufällig" in jedem Team zumindest ein Fahrzeug mit österreichischer Besatzung mitfuhr, war die Wahrscheinlichkeit gewährleistet, dass der Gipfelsieg 2015 wieder irgendwie nach Hause zurückkommen wird. Und das, obwohl man heuer mit Hans Rosenthal getrost sagen konnte: "Das war Spitze!" – trotz einer Gipfelhöhe von nur 450 m. Gelt Paul!
 
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