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Mittwoch, 17. August 2022
Die Rote Fahne Drucken E-Mail
Geschrieben von Manfred Loy   

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Eine rote Fahne ist, sofern sie im Wind flattert, für viele Leute ein erfreulicher Anblick, quasi ein -Eyecatcher. Es gab Zeiten und Länder, da liefen -bestimmte Menschengruppierungen begeistert hinter geschwenkten roten Fahnen her. „Seitenblicke“ präsentierte vor kurzem einen hervorragenden Künstler, der seit nahezu 60 Jahren bei seinen Auftritten abergläubisch an einem roten Tuch, als Stecktuch hängt.

Manfred Loy war beim "London to Brighton Run" und hat auch photographiert

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In England wurde die rote Fahne im 19. Jahrhundert, genaugenommen von 1865 bis 1896 zweckentfremdet. Der staatlich verordnete „Red Flag Act“ besagte nämlich, dass vor jedem „gefährlichen Monstrum“ wie Dampfwagen oder Lokomobile, in weiterer Entwicklung Fahrzeuge auch mit Benzin oder Strom angetrieben, ein Mann mit einer roten Fahne herlaufen müsste, um mit dieser die Bevölkerung zu warnen. Damit schaffte diese Regelung ein Geschwindigkeitslimit von maximal 4 Meilen und trotzdem starben in Großbritannien im Jahr 1875 1.589 Menschen in der Folge von Straßenverkehrsunfällen mit Dampfwagen und Lokomobilen. Da sich aber der technische Fortschritt nicht länger knebeln ließ, wurde im November 1896 dieses Gesetz gekippt. Aus diesem Anlass organisierten Automobilfreunde am 14. November 1896 erstmals den London-Brighton-Run.


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Aber nicht nur auf der Insel gab es Blockierer der technischen Entwicklung, im schweizerischen Kanton Graubünden waren Autos von 1900 bis 1925 verboten.
1927 kam eine englische Tageszeitung, vielleicht aufgrund mangelnder Schlagzeilen im nebeligen Herbst, auf die Idee, diesen als 1896 getätigten „Emancipation Run“ London - Brighton wieder aufleben zu lassen. Und so kam es, dass bis heute ins 21. Jahrhundert, mit kriegsbedingten Unterbrechungen, dieser „London to Brighton Commemoration Run” alljährlich für Automobile, auch dampfbetrieben, einschließlich bis Baujahr 1904 durchgeführt wird.
Um an den aktuellen London - Brighton Veteran Car Run‘s teilzunehmen, ist eine Zertifizierung der Teilnehmerauto durch englische VCC (Veteran Car Club) Juroren unabdinglich. Ein allgemein gültiger FIVA-Pass, der sogar als Eintrittskarte zur Mille Miglia gilt, sofern das Bewerbsauto in der Liste der startberechtigten Autos gelistet ist, hilft bei der Teilnahme am LBVCR gar nichts. Auf der Insel ticken die Uhren eben anders.
Da ein begeisterter österreichischer Sammler aus dem Salzburger Flachgau, nennen wir ihn einfachhalber Andi, gleich fünf ANCETRE Automobile, nach aktueller FIVA-Klassifizierung, gebaut vor 31. 12. 1904 in seiner Garage stehen hat und verständlicherweise an dem LBVCR mitmischen möchte, hat er kurzerhand ein Team dieser VCC-Juroren zur Baujahrs-Begutachtung auf seine Kosten nach Salzburg eingeladen. Das Datierungs-Team bestand aus: Prof. Howard- Hodson für Cadillac, Patrick Hamphill für Oldsmobile Curved Dash und Dr. Jane Hodson als Secretary of VCC, alle kommen aus der Gegend von Cambridge. Denen standen an einem ausnahmsweise schönen Augusttag 2014 in grüner Wiese gegenüber:
Cadillac Type A 1903 und Cadillac Type B 1904


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Oldsmobile Typ R 1902 / Oldsmobile Typ R 1903 / Oldsmobile Typ 6C 1904, alle mit dem geschwungenen Brett, typisch für die erste Erfolgsgeneration dieses Herstellers.
Es war für mich ein Vergnügen, hatte ich in den siebziger Jahren beruflich viel mit englischen Technikern zu tun, den Leuten bei ihrer akribischen Arbeit zu zusehen. Das Datierungs-Team geht nach strengen Regeln vor, die eine möglichst objektive Baujahrszuordnung der Fahrzeuge erlaubt.
Das ganze Procedere bestand aus dem Vermessen der einzelnen Modelle, wobei akribisch Rahmenweite, Radstand, Spurweite, Räder in eine eigene, vom VCC vorgegebene Checkliste, eingetragen wurden. Dazu kamen als Ergänzung jede Menge Bilder, locker an die 100 Aufnahmen pro Auto, die nach einem vorgegebenen Schema archiviert werden. Die Datierung erfolgt nicht nur nach Motor- oder Fahrgestellnummern, sondern zusätzlich anhand des Gesamtbildes. Da natürlich bei so einem alten Automobil die genaue Geschichte nicht nachvollziehbar ist, kann durchaus das eine oder andere Teil aus dem Jahr 1905 stammen, solange es glaubwürdig ist, dass das Auto grundsätzlich authentisch ist.
Dies alles hat Andi und mich überzeugt, dass die Angelegenheit sehr ernst genommen wird. Letztendlich haben die Prüfer pro Auto mehr als eine gute Stunde aufgewendet, um über die fünf vorgestellten Autos ein genaues Bild zu bekommen. VCC-Secretary Dr. Jane Hodson hat die ganzen Unterlagen erstellt und gebündelt. Diese werden dann im idyllischen Ashwell, gelegen in der Grafschaft Hertfordshire, in der VCC-Bibliothek unter dem Kurator Jessamine Court, in der alle nur erdenklichen Informationen gesammelt werden, die über Veteranenautos verfügbar sind, nach Vergleichen mit baugleichen Modellen ausgewertet. Nur so kommt man zu einer authentischen Baujahrsbeurteilung. In wenigen Wochen werden die Zertifikate zur Verfügung stehen und einer Teilnahme beim LBVCR steht dann nichts mehr im Weg.
An Ort und Stelle gab es anschließend nun mal ein erfrischendes Bad in Andis Pool und die Gattin von Andi, Jocelyne, servierte, es war mittlerweile „teatime“ geworden, „some sweets and cake“. Vor meiner Verabschiedung beim VCC-Team übergab ich die damals im August aktuelle Austro Classic mit dem Titelbild MG Magnette, gleichzeitig mit dem Versprechen, ihre vorzügliche genaue Arbeit in einer der nächsten Ausgaben von Austro Classic der österreichischen Oldtimer-Leserschaft näher zu bringen.
Der VCC gibt somit ein klares Bekenntnis ab, einzigartig in Europa, wie wichtig eine umfangreiche Dokumentation und Datensammlung, dieser auch „horseless carriage“ genannten Automobile für nachkommende Generationen ist. Möglich ist alles, denn Automobile sind imstande unendlich lange zu leben. Das haben sie, vorausgesetzt sorgfältiger Pflege, uns Menschen voraus. Dabei bleiben sie bei guter Behandlung so jung wie an ihrem ersten Tag wie z. B.: 445 gemeldete Starter beim LBVCR, wobei die Fahrer aller Automobile wesentlich jünger als ihre Auto sind.


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Szenenwechsel: „Smoke On The Water“, nein wir sind nicht in Montreux am Genfer See, sondern in London. Erstes Wochenende im November: so könnte man die Aussicht über dem Serpentine titulieren. Über den im Hyde Park 1730 künstlich angelegten See hängen dicke Nebelschwaden, oder sind es die Rauchschwaden von Dampfmaschinen und Benzinmotoren, denn ganz in der Nähe werden die Motoren der 414 zum Start erschienenen Teilnehmerwagen angewärmt., bzw. angeheizt. Im wahrsten Sinn des Wortes, denn es befinden sich unter dem Gros der benzingetrieben Vehikel sogar 15 außergewöhnliche Dampfauto.
„Sun rising“, 6:56 Start der ersten Schnauferl- Gruppe, mit der Startnummer 1 das älteste Auto, ein Truchutet aus dem Jahr 1888, mit einem 4-pferdigem 2-Zylinder Motor. Gleich vorweg, über der Westminster Bridge bekam der Fahrer bereits erste technische Probleme, die soweit führten, dass er das Ziel im 60 Meilen entfernten Seebad Brighton nicht erreichte. Der zweitälteste Wagen ein Peugeot Vis-a-Vis Bj. 1895, angetrieben von einem 2-Zylinder-Motor in Twin Bauart war da schon wesentlich erfolgreicher. Er erreichte mit 359 anderen Teilnehmern die Zielankunft am Madeira Drive, wobei mit 16:30 praktischerweise gleichgestellt mit Sonnenuntergang, der letzte Teilnehmer durchgewunken wird. Im Dampfauto der Marke Salveson Bj. 1896 mit der Start Nr. 3 herrscht während des ganzen Tages Schwerstarbeit vor, geschätzte 10 Säcke Kohle hat der rußgeschwärzte Beifahrer bis zur Ankunft in Brighton verheizen müssen.
Selbstverständlich sind am Start einige mir bekannte Mitglieder des „Allgemeinen Deutschen Schnauferl Club“ vertreten: Karl Behlau mit seinem Peugeot 1899, Wolfgang Auge auf Renault 1901, Werner Brungs und sein De Dion Bouton 1901, der ASC-Präsidiumsbeauftragte für Messingauto, Wolfgang Presinger, ist mit einem Covert 1903 unterwegs. Covert eine Konstruktion aus USA hat eine äußerst aufwendige Motorkühlung, der Zylinder ist luftgekühlt, der Zylinderkopf im Gegensatz dazu mit Wasser (Thermosyphon) umspült.
Andi hat zur Teilnahme drei Autos genannt, zwei Oldmobile Typ R 1902 / 1903 und den Cadillac Typ A 1903. Den 02 steuert er selber, den 03 sein Freund Rainer P, der gleichzeitig den Trailer für drei Autos zur Verfügung stellte und den Cadillac Alexander, Andis Sohn. Kurz vor Abreise des Trosses stellt sich heraus, Alexander ist unvorhergesehen beruflich verhindert und so bleibt der Cadillac in der Garage, also ist der Trailer nur zu zwei Drittel beladen. Für Andi ein Wink des Schicksals, wie sich später herausstellen sollte.
Mit seinem Oldsmobile Typ R / 1902 Start Nummer 113, einige Startnummern später mit der Nr. 180, Oldsmobile gleicher Typ R / 1903 folgt auch sein Freund Rainer der Stecke nach Brighton. Insgesamt scheinen 29 Modelle des Typs Oldsmobile Curved Dash in den Starterlisten auf. Kein Wunder, denn Curved Dash Mobile waren in den ersten 5 Jahren des vorigen Jahrhunderts in Amerika, bevor Henry mit seiner Lizzie die Menschheit auf Räder stellte, der bestverkaufte Typ. Pro Jahr verließen etwa 4000 Automobile das Herstellerwerk, das als der Oldsmobile mit dem „geschwungenen Spritzbrett“ als erster Großserienwagen in der Automobil-Geschichte vermerkt ist. In einer Broschüre die von „Olds Motor Works“ als eine Art Betriebsanleitung herausgegeben wurde, ist unter anderem zu lesen: „Glauben Sie nicht, dass unser Motor mit einer Mischung von Wasser und Benzin zu gleiche Teilen zu betreiben ist. Das ist ein Fehler“. Die Fabrik ging also von der Farmer Mentalität ihrer Kundschaft aus und schrieb auch weiter: „Fahren Sie mit Ihrem Oldsmobile am ersten Tag nicht gleich 100 Meilen weit. Sie würden mit einem neu gekauften Pferd keine 10 Meilen fahren, ehe Sie es kennengelernt haben“.
Eine zweite Armada einer ebenso berühmten Auto-marke war mit 24 Modellen am Start: -Cadillac. Unter anderem ein uns bekanntes Gesicht, Prof. Howard Hodson mit der Startnummer 359 / 1904 am Steuer seines eigenen Cadillacs. Gleich im ersten Produktionsjahr1903 konnte Cadillac in USA mit dem zweiten Zulassungsrang, exakt 2.497 Stück des Modells Typ A seine Marktrepräsentanz festigen. Oldsmobile war mit 3.924 Einheiten im gleichen Jahr Marktführer, den dritten Platz, 1.708 Autos -hatte Ford mit seinem ebenfalls als Typ A bezeichneten Wagen für sich beansprucht. Zum großen Schlag im Verkaufswettbewerb holte Henry aber erstmalig im Jahr 1909 aus, da verkaufte er 13.840 T-Modelle! Diese drei Marken waren bereits vor mehr als 100 Jahren Basis für die späteren Global Player im Automobilgeschäft: General Motors und Ford.
Da Andi seine Oldsmobile gewissenhaft mit bestem englischen 5-Sterne-Benzin betankt hatte, liefen beide Curved Dash wie ein Uhrwerk. In Streatham war sein erster Routine-Stopp zum Öl-Nachfüllen und wie geplant schloss auch hier sein zweiter Curved Dash mit Rainer am Steuer auf und es wurde auch bei diesem Schmier-Öl ergänzt.
Beim „Official Checkpoint in Crawley“ getarnt als Coffee-Stop gönnten sich 113 und 180 eine kurze Pause, um anschließend folgende Hügelketten „Hammer Hill - Burgess Hill und Clayton Hill“ in Angriff zu nehmen. Diese Hügelketten können sich für schwache Motoren schon mal zu Bergen auswachsen. Viele Leser kennen ja sicher auch die Geschichte vom Engländer, der auf einen Hügel stieg und von einem Berg herunterkam. Die großvolumigen Olds-Einzylinder mit einem Hubraum von knapp 1600 ccm liefen also problemlos mit dem zweiten, den direkten Gang über die Steigungen, lediglich beim letzten, dem Clayton Hill musste in den ersten Gang geschaltet werden, da die Steigung kein Ende zu nehmen schien.
Sehr gut über die Steigungen kam das mit leisem Zischen auffallende „Steam Car Salveson“ mit seiner zweizylindrigen Dampfmaschine. Allerdings waren im Bereich der Hügel, also kurz vor der Zielankunft in Brighton bereits 8 Kohlensäcke verheizt. Die Fahrer, der hier bereit gestellten modernen Assistenz-Schleppfahrzeuge, hatten dabei lediglich die Aufgabe, die leeren Kohlensäcke einzusammeln


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Andi war also ziemlich flott unterwegs, obwohl er mir versichert, darauf verzichtet zu haben, bei Rot über die Kreuzungen zu fahren. Bei seiner Ankunft mit der Startnummer 113 am Madeira- Drive, der leicht angestaubten, nostalgisch anmutenden Seepromenade in Brighton, an der der Bürgermeister im Schmucke seiner amtstragenden Goldkette jeden Teilnehmer einzeln abwinkte, waren erst maximal 25 Teilnehmer im Preston Park im Ziel abgestellt. Leider haben auch heuer wieder einige Teilnehmer die Verkehrsregeln missachtet und sind wirklich verantwortungslos gefahren. Im Gegensatz zur Mille Miglia, bei der Missachtung aller Verkehrsregeln unter den Titel „forza, forza“ von der italienischen Polizei und dem Publikum eingefordert wird. Eigentlich schade, es geht hier auf der Insel doch nur darum, vor Sonnenuntergang in Brighton anzukommen. Es gibt keine Zeitwertung oder sonstige Sonderprüfungen und so gesehen hat Andi Österreich würdevoll vertreten. Am Ende des Runs haben die gemütlichen Pubs in Brighton die Salzburger Crew unter anderem mit „New Castle Brown“ für alle Mühen entschädigt.
Am Freitag vor dem LBVCR findet traditionsgemäß im Auktionshaus Bonhams eine Versteigerung für bereits VCC-gedatete Automobile statt. Zahlungskräftige Enthusiasten können also in letzter Minute ein Teilnahmefahrzeug, allerdings zu stolzen Preisen, ersteigern und sich anschließend gleich zum LBVCR anmelden. Weil Andi ein sparsamer Typ ist, nutzte er die Gelegenheit seines freien Platzes im Trailer und hat bei dieser 2014er Bonhams-Versteigerung prompt einen Peugeot Typ 26 Bj. 1899 erstanden.
Für den Start beim 2015 LBVCR steht ihm somit ein neues interessantes Schnauferl zur Verfügung. VCC-Dating ist bei diesem Auto bereits erfolgt, schade, die englischen VCC-Dating Experten für die Marke Peugeot hätten Andi sicher gerne im Salzburger Land besucht.
Nachsatz: Sehe ich für das 21. Jahrhundert ein grünes Fähnlein am Horizont auftauchen?

 
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