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Donnerstag, 26. November 2020
Eisen auf immerdar Drucken E-Mail
Geschrieben von Christian Spatt   

Heft bestellen - Eisen auf immerdar

Einst lebte an der schwarzen Lacke nahe dem Leopoldsteinersee ein Wassermann. Während er gewöhnlich in der Grotte hinter dem Tümpel saß, kam er manchmal hervor, um sich in der Sonne zu wärmen. Es ging die Kunde, dass Wassermänner große Schätze besitzen würden, so machten sich einige Männer daran, diesen mittels einer List zu fangen.


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Als Köder wurden ein wohlriechendes, gebratenes Stück Fleisch und ein Krug mit Wein neben den Tümpel gelegt, und daneben Kleidungsstücke für den Wassermann. Um seiner trotz glatter, glitschiger Haut habhaft zu werden, waren die Kleider innen mit Pech beschmiert.

Der Wassermann, nicht uneitel, beobachtete den Köder eine Weile, bis er sich sicher fühlte, Wein und Braten genoss und die Kleider anlegte. Der Wein tat alsbald seine Wirkung und der Wassermann schlief ein mit schwerem Kopf.

Auf diesen Augenblick wartend stürzten sich die Anwohner auf den Wassermann, fesselten ihn und brachten ihn triumphierend in die nahe gelegene Siedlung Innerberg, das heutige Eisenerz.

Seiner ausweglosen Situation gewahr werdend als die Gruppe an den Rand der Ansiedlung kam und der Blick auf die Gebirge über dem Dorf fiel begann der Wassermann zuerst um sich zu schlagen, konnte aber mit Mühe gebändigt werden. In diesem Moment des Sammelns sprach der Wassermann schließlich die entscheidenden Worte:


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„Wählt! Einen goldenen Fuß, ein silbernes Herz oder einen eisernen Hut. Gold für 10 Jahr, Silber für 100 Jahr, oder Eisen auf immerdar!“

Die Einwohner überlegten nicht lange „Eisen auf immerdar“, worauf der Wassermann augenblicklich auf den Berg direkt über dem Dorf deutete.


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Nunmehr sind wir im Jahr 2015 Die Welt hat sich gewandelt. Wir sahen aus einer Ansiedlung weniger Menschen im 13. Jahrhundert ein stolzes Zentrum des Bergbaus werden.
Wir sahen eine ganze Region in der Steiermark, die vom Erz, das ihr der Berg gab, lebte.

Wir sahen feudale Herrscher kommen und gehen, wir sahen eine Hochburg der Sozialdemokratie.


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Wir sahen aus einem Dorf zur Jahrhundertwende mit 6.500 Einwohnern ein Städtchen mit über 12.00 Einwohnern knapp nach dem Krieg werden.
Wir sahen, wie sich der graue Schleier des Verfalls mit dem Niedergang der Bergbauindustrie seit den 70ern über die Gemeinde legte und das Städtchen auf eine Größe unter jener zur Jahrhundertwende schrumpfte (4.500 im Jahr 2014).

Wir sahen Menschen, die aus der Region flüchteten, da der einstmals große Arbeitgeber die Menschen nicht mehr ernähren konnte. Und wir sehen jetzt neue Zeiten, Enthusiasmus, Fröhlichkeit und Begeisterung.
Eisen auf immerdar. Eisen wird jetzt an den Berg gebracht. Eisen in Form von Motorrädern. Eisen, das im Rahmen dieser 4 Tage auch vielfach dem Berg geopfert wird. (Wir von Austro Classic wollten uns dieser Tradition nicht verschließen und haben mit unserer Gold Wing besonders viel Eisen im Gepäck gehabt.)


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Eisenerz hat sich endgültig gewandelt. Aus der Bergbaustadt wurde eine Stadt, die auch vom Tourismus lebt, welche die Möglichkeiten für Wanderer und Bergsteiger nutzt. Man hält die Tradition hoch, zeigt sie stolz, ohne an ihr zu ersticken.

Der graue Schleier im finsteren Tal ist einer Vielfalt von Farbe gewichen. Das Rot vom Berg, das Orange der Motorräder, so sie denn von KTM sind, das Blau-Gelb der Husqvarnas, das pulsierende Treiben von 1850 Startern und derer Entourage, all das strahlt in bunten Farben und pulsierender Geräuschkulisse.


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Das Leben ist zurückgekehrt.

Wie weit Veranstaltungen wie das Erzbergrodeo, die jetzt mit der 21. Ausgabe bereits ein Kontinuum des örtlichen Jahreskalenders darstellen, diese Entwicklung getrieben haben, oder aber nur davon profitiert haben, lässt sich aus der Entfernung nicht sagen. Aber geschadet hat es den Beteiligten in keinem Fall.

Das Rodeo 2015 Das Erzbergrodeo geht ins dritte Jahrzehnt. Voriges Jahr, die 20. Jubiläumsausgabe fand bei prächtigem Winterwetter statt (der Prolog wurde im Schnee gefahren), heuer präsentierte sich der Erzberg von seiner sommerlichsten Seite.

Das bedeutete vor allem Staub, Hitze, Party. Vermutlich war der Erzberg an diesem Wochenende der größte Campingplatz Europas. Wenn man so will, wurde hier über 4 Stockwerke campiert, die Menge der Camper und Vorzelte war schier unüberschaubar. Und die Staubschicht tat ein Übriges die Anzahl zu einer Masse zu verschmelzen. Als Goodie für die Camper gab es aber in den meisten Fällen sensationelle Aussicht, maximal 20 m vom Zeltplatz entfernt. Der Terrassenanordnung sei es gedankt.


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Rodeo ist eigentlich eine ziemliche Untertreibung. Wenn man sich jetzt nicht gerade auf den Calgary Stampede bezieht, dann wird das Wort Rodeo dieser Veranstaltung nicht gerecht.
An den 4 Veranstaltungstagen finden mehrere Rennen im Rennen statt, mit dem Hare Scramble am Sonntag als Höhepunkt.

Das erste, vielleicht wichtigste Rennen ist jedoch bereits das um die Nennung. 1850 Startplätze sind verfügbar, eine dreiviertel Stunde lang, dann ist es vorbei mit den Nennungen. Ausgebucht, voll, finito, zu, Nennschluss. Eigenartige Vorstellung, dass der wichtigste Bewerb am grünen Tisch mit Tastatur stattfindet.


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Die Publikumsbewerbe starteten am Donnerstag mit dem Kärcher Rocket Ride, ein erster Vorgeschmack auf die schwierigsten Bergauf-Passagen. Man muss sich das wie ein Rennen von Motorradfahrern vorstellen, die die Fassade eines Hauses nach oben fahren und sich dabei mit Körben von Steinen bewerfen. Über 3 Terrassen geht es für jeweils 6 Fahrer im K.o.--Modus nach oben, ein ordentlicher Vorgeschmack auf das, was am Sonntag auf die Fahrer wartet. Am Ende hatte heuer ein Österreicher die Nase vorn, Ossi Reisinger konnte sich durchsetzen, nicht zum ersten Mal, nach 2011.


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Freitag und Samstag waren die Tage des Staubs.


Prolog: 2 x 1.850 Fahrer x 13 km x 1 Tonne Staub pro Kilometer. Gefühlt. Staub, der sich sammelt im Kessel um das Startgelände.

Die beiden Prologtage haben den Vorteil, dass man als Zuseher mehr sieht. Sofern man was sieht. Staub und so ...

Die Prologstrecke ist so angelegt, dass man als Zuseher von ausreichend vielen Plätzen einen guten Überblick hat, und dass man technisch schwierige Passagen trotzdem hautnah erleben kann. Und alles im Grunde zu Fuß erreichbar. Dazu kommt, dass durch die schiere Menge an Fahrern und die Dauer über den ganzen Tag natürlich auch quantitativ mehr zu sehen ist.
Aber am Ende blieben von den über 1800 Fahrern 500 über, die am Sonntag den Hare Scramble in Angriff nehmen durften.


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Der Hare Scramble 2015


Als wir das Startgelände erreichten, lag die berühmte Ruhe vor dem Sturm über dem Berg. Der unfassbare Staub der Vortage hatte sich gelegt und die Sonne tauchte das Areal in grelles, unwirkliches Licht. An den Rändern der Terrassen standen tausende Zuseher, aber die Geräusche wollten nicht in den Kessel vordringen.


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Am Ende, als die Startaufstellung komplettiert war, senkte sich endgültig erwartungsvolle, gespannte Ruhe über den Kessel, unterlegt nur durch einen Teppich von Gemurmel und drei Blasmusiker, die für kurzfristige Zerstreuung sorgten.

Als dann Hannes Arch zu seinem letzten Überflug über die Reihen der Starter ansetzte, war es mit einem Schlag vorbei mit der Ruhe. In Reihen zu je 50 Fahrern brüllten die Motoren auf und begann die Hetzerei hin zur ersten Kurve und den ersten Anstieg. Hier zeigte der Staub wieder seine Wirkung. Es entstand der Eindruck, als würde ein Basilisk aus Staub über die Piste rasen, an dessen Spitze einzelne Motorräder die Krallen bildeten.

Die Tragik der Zuseher ist, man sieht derartig viele Streckenabschnitte, die absolut unfahrbar aussehen, aber für die Besten der Besten nicht einmal ein Zucken darstellen, und dann stellt der Abschnitt Downtown ein absolutes KO-Kriterium dar. Und als unbefangener Zuseher weiß man nicht, warum. Man kann nicht nachvollziehen, warum die Besten der Besten hier eine Stunde oder mehr liegen gelassen haben. Die Sonderprüfungen sind im Grunde so angelegt, dass es keine Frage ist, wie schnell der einzelne Fahrer sie schafft, sondern ob diese überhaupt bewältigt werden können. Das Rennen als solches war einfach und kompliziert zugleich. Am Beginn lief (fast) alles nach Plan. Vorjahressieger Jonny Walker setzte sich ab, die Mitfavoriten in Schlagdistanz. Einzig der 5-fache Champ Taddy Blaszusiak wurde ein Opfer des ersten Anstiegs, der ihn abwarf.


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Im Laufe des weiteren Bewerbs konnte sich Walker immer weiter absetzen, jedoch bei Carl‘s Dinner kippte der Bewerb, Gomez und Jarvis kamen immer näher und konnten letztlich Walker überholen.
Es spielten sich auch die üblichen sportlichen Dramen ab, Lars Enöckl und Manuel Lettenbichler beispielsweise mussten disqualifiziert werden, da sie aufgrund der Hitze (und bei Enöckl auch aufgrund des geplatzten Getränkebeutels) in Carl’s Dinner die Helme abnahmen und trotzdem weiterfuhren. Ein weiteres bedauernswertes Schicksal ereilte Wade Young, der das Ziel erreichte, aber aufgrund eines nicht passierten Checkpoints disqualifiziert wurde.

Soweit lief alles normal also, ja und dann, dann kam eben Downtown.


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Feucht, im Wald, rutschig und ausreichend steil. Diese Mischung, die eigentlich so spektakulär nicht aussah, sollte das undenkbare denkbar machen. Eine Passage, die nicht zu bewältigen war, von Fahrern, die im bisherigen Rennverlauf die Schwerkraft außer Kraft setzen konnten.

Es drohte ein Hare Scramble ohne Zieleinlauf.

Verschärfend war dieser Abschnitt eine No-Help-Zone, die Fahrer waren also tatsächlich auf sich gestellt.

Die Uhr tickte gnadenlos, Zielankunft bis 16:00, guter Rat wurde zunehmend teurer. Nachdem die Zeit immer knapper wurde gab es nur mehr 2 Optionen: Alle oder keiner.

Die 5 Fahrer (Gomez, Jarvis, Lettenbichler der Vater, Walker, Young an der Spitze einigten sich also auf ein „Alle“, gemeinsam schafften sie, die Motorräder durch den Wald nach oben zu hieven und das Rennen gerade noch in der Zeit gemeinsam zu beenden. Eine Absprache mit den Teams und der Rennleitung machte es möglich, dass es 4 Sieger gab (Young ja leider disqualifiziert). Der sportliche Wert letzten Endes war, dass die Fahrer den heurigen Hare Scramble absolviert haben, und den sollte man nicht kleinreden oder unterschätzen. Die Streckenplanung für das Erzbergrodeo 22 ist aber vermutlich mit einer kleinen Notiz versehen.

Ein kleiner Tusch zum Ende, das 4er-Podium ein imposanter Anblick, die Sieger des Hare Scramble 2015 (in alphabetischer Reihenfolge):

Alfedo Gomez Cantero (ESP, Husqvarna)
Graham Jarvis (GBR, Husqvarna)
Andreas Lettenbichler (GER, KTM)
Jonny Walker (GBR, KTM)
Honorable mention insbesondere für Andreas Lettenbichler, der es nach gefühlten 20 Versuchen im 21. Erzbergrodeo endlich geschafft hat, dieses Rennen zu gewinnen.


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Nachbetrachtungen, die erste Vielleicht noch ein paar Worte zu den an den Start gegangenen Herstellern:

Neben dem Platzhirsch KTM wären noch Husqvarna, Beta, Sherco und Husaberg in nennenswerter Stückzahl dabei, aber sonst findet man eigentlich keinen mehr in diesem Segment. Honda, Yamaha, Suzuki, Kawasaki, Gas findet man nur, wenn man danach sucht.

Nachbetrachtungen, die zweite Leider ereignete sich während des Rennens ein tödlicher Unfall eines Zusehers. Genauere Umstände sind nicht bekannt, zumindest nicht mit einer Sicherheit, die über Spekulation hinausgeht. Unser Mitgefühl jedenfalls an die Angehörigen des Verunglückten.

Nachbetrachtung, die dritte Als brave Reporter vor Ort mussten wir ja auch irgendwie vor Ort kommen. Stilistisch treffsicher haben wir uns für eine Honda Gold Wing entschieden, dankenswertereweise zu Verfügung gestellt von Honda Österreich.


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Quasi unser Beitrag zum Motto „Eisen auf immerdar“, und davon mehr als ausreichend.

Die einzige kleine Schwäche der Gold Wing, nämlich nicht Hare Scramble tauglich zu sein, wurde mehr als wettgemacht auf dem mehr als gemütlich absolvierten Weg in die Steiermark und in das Nachtquartier im Hotel Oma.

Und letztlich gab es an diesem extra langen Wochenende auch mehr als genug Möglichkeiten, die Vorzüge dieses Motorrades zu genießen. Nicht nur der Präbichl, auch Wildalpen, Seeberg, Pogusch wurden bewältigt.
Am Sonntagabend, nach mehreren anstrengenden Tagen im Staub des Erzberges konnten wir dann auch die ultimative Stärke der Gold Wing nutzen, entspanntes, aber doch recht flottes Bewegen von A nach B, wobei A und B durchaus weiter auseinander liegen dürfen als bei anderen Motorrädern, und trotzdem nichts auf dem Weg dazwischen zu versäumen.

Ach ja, und Stau? Welcher Stau? Am Ende ist die Gold Wing immer noch ein Motorrad, das die Vorteile im dichten Stop and Go nicht schlechter als kleine, wendigere Asphalthüpfer ausspielen kann.

Am Ende eines langen, heißen, staubigen Wochenendes hatte uns der Alltag wieder, und das zu einer Zeit, zu der Nachwuchsreporter noch ohne schlechtes Gewissen bei der Erziehungsberechtigten #2 abgeliefert werden können.

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