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Sonntag, 8. Dezember 2019
Die abenteuerliche Geschichte des Ferrari 250LM #5899GT Drucken E-Mail
Geschrieben von Karl Manschein   

Heft bestellen - Die abenteuerliche Geschichte des Ferrari 250LM #5899GT

1964 suchte man bei Ferrari einen Nachfolger für den erfolgreichen 250 GTO Sportwagen. Das Ergebnis war der Ferrari 250 Le Mans. Es war der erste Ferrari-Mittelmotorsportwagen für die Straße.

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Wie es sich jahrelang bewährt hatte, wollte der Commentatore seinen neuen Sportwagen nicht werkseitig bei Rennen einsetzen, sondern die Autos an Privatfahrer verkaufen.


Eigentlich war der 250LM ja keine echte Neukonstruktion, sondern ein 250P-Rennsportwagen mit aufgesetztem Dach! Der Name 250LM ist übrigens nur für den ersten gebauten Wagen #5149GT zutreffend, er wurde von einem 3.0 Liter V12 angetrieben. Die Roten aus Maranello führten damals in ihrer Typenbezeichnung immer die Kubatur eines Zylinders. Außer dem Prototyp hatten alle anderen LM ein 3.3-Liter-Ferrari-Herz und müssten somit eigentlich 275LM heißen! Auch mit der Sportwagen-Homologation klappte es nicht. Trotz aller Tricks und Finessen scheiterte Ferrari daran der F.I.A. den 250LM als Grand Tourismo unterzuschieben, da niemand daran glaubte dass er wirklich die dafür erforderlichen 100 Exemplare bauen wolle.

So musste der LM in der Prototypen-Kategorie starten und sich mit weitaus stärkeren Wagen messen. Es entstanden ja auch wirklich lediglich 32 Exemplare. Trotzdem war das Auto im Rennsport sehr erfolgreich.


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Den größten Erfolg für Typ 250LM erreichten Jochen Rindt und Masten Gregory 1965 beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Sie siegten mit dem Wagen des North American Racing Team von Luigi Chinetti. Sie pilotierten damals Chassisnummer #5893GT.

Eine ganz besonders abenteuerliche Geschichte- widerfuhr aber dem Ferrari 250GT mit der Chassisnummer #5899GT. Das Auto wurde 1964 an die Scuderia Filipinetti in die Schweiz ausgeliefert. Georges Filipinetti war ein rennsportverrückter Unternehmer und Ferrari-General-importeur für die Schweiz mit Sitz in Bern.

Gleich das Prämierenrennen konnte #5899 für die Scuderia Filipinetti gewinnen. Man schrieb den 30. August 1964 als Ludovico Scarfiotti beim Sierra Montagna-Bergrennen die Konkurenz deklassierte.

Damals auch auf Ferrari 250LM am Start, und auf Rang 17 im Ziel, der Wiener Gotfrid Köchert! Dabei handelt es sich um #5909GT das Auto mit dem später auch Jochen Rindt einigemale unterwegs sein sollte (zusammen mit -Fagioli am Nürburgring 1964 oder am Flugplatz Zeltweg 1965 zum Beispiel). Jochen beschwerte sich damals übrigens über das seiner Meinung viel zu große Lenkrad des Ferrari. O-Ton Rindt: „Des Lenkradl passert vü‘ besser in an LKW“.


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Nino Vacarella siegte mit #5899 am 6. 9. 1964 bei der Coppa Inter Europa in Monza. Beim 1000 km Rennen von Paris waren Scarfiotti und Jean Guichet mit #5899GT am Start. Die beiden schieden mit ihrem Ferrari durch einen Unfall aus.

Am 11. 4. 1965 belegte Peter Ettmüller mit dem Wagen beim Curd Barry Gedenkrennen in Wien Aspern den 2. Platz.

Danach verkaufte Filipinetti den Ferrari an den schweizer Hobbyrennfahrer Werner Bieder-mann. Biedermann bestritt 1965 die Berg-rennen St. Ursanne Les Rangiers und Mitholz Kandersteg ohne groß in Erscheinung zu treten.


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Am Weg zum Engelberg Bergrennen verunfallte Biedermann schwer. 250LM #5899 war ein Totalschaden!

Jetzt kommt der Schweizer Hans Illert ins Spiel.

Dieser Mann ist schuld daran, dass mir das Auto auf alten Fotos aufgefallen ist und mich seither fasziniert! Illert kaufte die Havarie, verkürzte den Rohrrahmen und setzte die Karosserie eines Porsche 906S auf das Fahrgestell.

Mit diesem Zwitter starteten 1966 Herbert Müller, Heini Walter und Hans Illert selbst unter der Flagge „Squadra Tartaruga“ bei diversen Rennveranstaltungen. Hans Illert bestritt die Bergrennen St. Ursanne, Montana Crans, Mitholz Kandersteg und Eigenthal. Wobei er in Mitholz und Eigenthal der schnellste am Berg war und siegte!

Am 2. 10. 1966 erschien Hans Illert mit dem Ferrari, der eigentlich aussah wie ein Porsche in Österreich! Beim Flugplatzrennen in Tulln/Langen-lebarn belegte er den 2. Platz.


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Am 16. 10. 1966 pilotierte Herbert Müller das „Pschistrat“ beim Donaupokalrennen in Wien Aspern auf den 4. Platz.

1967 war der eigentümliche Ferrari ein bestauntes Exponat bei der Zürich Racing Car Show. Im gleichen Jahr war Illert beim int. ADAC-Rennen am Norisring am Start ohne sich klassieren zu können, beim Bergrennen Schwarzenberg Bodele konnte er aber einen weiteren Sieg einfahren.

 In St. Ursanne und Turckheim-Trois saß Heini Walter am Steuer von #5899GT, in Ollon Villars wieder Hans Illert.

Im August 1967 kaufte der Schweizer Pierre -Sudan das Auto und siegte damit beim Flugplatzrennen Innsbruck.

1968 kaufte David Piper den Motor von #5899GT für eines seiner Autos. Der Rest landete in Wien bei der Autoreparatur-Handels & Verwertungs-GmbH. Vienna. Dahinter stand Stefan Sklenar, Unternehmer, Werkstattbesitzer, Zuhälter und Rennfahrer aus Leidenschaft. Stefan Sklenar bestritt Rennen von 1961 bis 1974!

Denzel WD Sport, Triumph TR4, Mercedes 250SE, Lola T70, March 717 Can Am und eben der „komische Ferrari“ 250LM #5899GT waren nur einige seiner Renngeräte!

Am Flugfeld Aspern war er 1965 sogar mit einem Chrysler Straßenkreuzer, mit dem er sonst seine „Bordsteinschwalben“ am Wiener Gürtel herumkutschierte, am Start!

Sklenar machte die Ferrari/Porsche-Zwitter mittels eines Ersatzmotors aus einem Straßen-Ferrari wieder einsatzfähig und startet am 29. 6. 1969 beim 200 Meilen Rennen am Norisring, wo er in beiden Läufen jeweils am 11.Rang ins Ziel kam. Beim Rennen Hockenheim wurde er Zweiter!

Im gleichen Jahr belegte er den 10. Platz beim Preis von Tirol am Flugplatz Innsbruck.


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Irgendwann danach verunfallt #5899GT abermals, das Auto hatte ja angeblich damals auch eine Straßenzulassung - das schwer havarierte Auto stand jetzt bei Sklenar am Schrottplatz!

Für kleines Geld kaufte ein Schweizer Garagist den Ferrari und schickte einen seiner Verkäufer nach Wien, um ihn abzuholen. Der aber beschloss jedoch #5899GT für sich zu behalten was ihn den Job kostete und viel Ärger einbrachte.

Rob de la Rive Box, ein Schweizer, der sein Geld mit dem Handel hochwertiger Automobile verdient, fand den Ferrari später in einer Gras-Trocknerei und kaufte ihn.

#5899GT wurde weitervermittelt an den Ferrari-Sammler Peter Shouwenburg. Shouwenburg suchte, fand und kaufte in England auch den Originalmotor von 250GT #5899. Er restaurierte den Wagen aber nicht selber, sondern verkaufte das Projekt 1977 an den Engländer Eric Stewart. Ihr kennt ihn alle - es handelt sich um den Rock- und Pop-Sänger Rod Stewart. Mr. Stewart ließ den Ferrari wieder in Originalzustand restaurieren, verlor aber später die Freude daran!

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In einer Zeit wo historische Rennsportwagen als Kapitalanlage gesehen werden kommt es vor, dass ein solches Automobil rund um den Erdball „gehandelt“ wird. #5899GT ging 1981 an einen Sammler aus Deutschland, 1984 in die USA, 1990 nach Japan (zwei verschiedene Eigner), 1995 wieder nach England, 1997 in die USA und schließlich 2006 wieder in die Schweiz!

Heute „lebt“ #5899GT wieder in seiner ursprüng-lichen Heimat in der Garage eines Sammlers. Der Wagen wird jetzt, und wurde auch schon seit 2007 vom Vorbesitzer, artgerecht gehalten! Bei historischen Rennveranstaltungen darf er wieder das tun wofür er gebaut worden ist: Rennen und siegen!

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