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Dienstag, 17. Oktober 2017
Puch P 800 – a la Charta Drucken E-Mail
Geschrieben von Hannes Denzel   

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Am 27. Oktober 2012 wurde von der FIVA (Fédération Internationale des Véhicules Anciens), dem Oldtimer-Weltverband, die Charta von Turin verabschiedet. In diesem weltweit anerkannten Grundsatzpapier wird empfohlen, wie man generell mit Oldtimern  umgehen soll. Betont wird auch die kulturelle Bedeutung historischer Fahrzeuge.

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Ein Artikel der Leitlinien beschäftigt sich mit dem Thema „Verfahren“ und unterscheidet zwischen Erhaltung, Konservierung, Restaurierung und Reparatur. Angeraten wird eine Vorgehensweise, bei der möglichst viel der gelebten Substanz erhalten wird, und die Patina nicht zerstört werden soll. Demnach beginnt eine Restauration mit der Planung nach sorgfältigem Studium historischer Aufzeichnungen und beinhaltet eine lückenlose Dokumentation der gemachten Arbeiten. Historisch korrekte Materialien und Arbeitstechniken sollen benutzt, und möglichst nur Originalteile verwendet werden. Sind Um- und Neubauten notwendig, dann sollen die mit einem Markierungssystem gekennzeichnet werden (zB NB für „newly built“, gefolgt vom Datum) und reversibel sein. Die entfernten Originalteile sollen zusammen mit dem Fahrzeug aufbewahrt werden.


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Die Vorgaben der Charta verstehen sich als Referenz, nicht als Gesetz. Und auch wenn in der Charta von „mechanischen, nicht schienengebundenen Fahrzeugen“ die Rede ist, so hatten die Ersteller doch primär Automobile im Fokus. Dass die Leitlinien aber auch für Zweiradveteranen durchaus sinnvoll sein können, zeigt die Flut an Repliken, veredelnden Umbauten oder nachpatinierten Neuteilen, die in betrügerischer Absicht angeboten werden, wie man heutzutage immer häufiger erfahren muss. Besonders hochpreisige Renngeräte und rare Juwelen, die seinerzeit nur in kleiner und kleinster Auflage gebaut wurden sind davon betroffen. Raritäten wie die 800er Puch, von der im Zeitraum zwischen  1936 und `38 nur exakt 550 Stück entstanden sind. Die schwere Vierzylinder ist der Traum jedes Puchsammlers, und davon gibt es in unserer Alpenrepublik viele. Sehr viele. Mehr jedenfalls als damals 800er gebaut wurden, selbst wenn alle überlebt haben sollten.


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Glücklich schätzen kann sich also jeder, der einen dieser Elefanten in seinem Zweiradzoo beheimatet, besonders wenn der sich noch in authentischem Originalzustand befindet. Oder sich wieder in den von der FIVA gewünschten Zustand retten lässt, wie es bei der hier vorgestellten 800er der Fall ist: ein Sammler aus OÖ  hat sie schon vor vielen Jahren aus der Schweiz nach Österreich „heimgebracht“. Wie sie ins Käseland gekommen ist, weiß man nicht, auch über ihre Geschichte ist nichts erwähnenswertes bekannt. Comicnerds würden vermuten, sie habe als Dienstfahrzeug von Batman oder „the Flash“  gedient, sie war nämlich in mattes Mitternachtsschwarz getunkt, ihren Tank zierte statt des Puch-Flügels ein dreifach gezackter Blitz. Schön anzusehen war sie nicht gerade, aber auffällig genug, um als Leihgabe bei der vom Motorrad Veteranenclub Attnang Puchheim organisierten Puch-Ausstellung anlässlich der Classic Expo 2012 in Salzburg als Leihgabe hergezeigt zu werden. Dort beschäftigte sich MVCA Obmann Hans Preuner intensiver mit dem Pseudo-„Bat-Bike“ und entdeckte einerseits, dass die Maschine weder Rahmen- noch Motornummer trägt, und dass sich unter dem „Tarnlack“ vermutlich noch der Originallack befinden könnte – die rot/weiße Beschneidung schimmerte jedenfalls durch. Als der Besitzer von seiner Absicht erzählte, die 800er fachgerecht restaurieren lassen zu wollen, war Preuner Feuer und Flamme – und bekam den Auftrag. Den er aber nur unter der Bedingung annahm, die Restauration als Projekt unter den Vorgaben der Charta von Turin durchführen zu dürfen.


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Gesagt, getan. Was sich einfach anhört – es muss doch viel einfacher sein, ein Fahrzeug im Ist-Zustand zu erhalten als es komplett neu aufzubauen, oder? – gestaltete sich in der Praxis dann doch ein wenig anders als gedacht. Schon das Entfernen der Decklackierung und Freilegen des Originallacks wurde zum nahezu unendlichen Geduldsspiel. Passende Lösungsmittel gab es keine, Preuner musste Schicht um Schicht in „Klingen-Schabertechnik“ abtragen. Vorsichtig natürlich um das Darunterliegende nicht zu beschädigen. Der Auspuff erwies sich als nicht mehr brauchbar, aus einer zweiten ebenfalls desolaten Anlage wurde ein passabler Ersatz „zusammengeflickt“. Die Teilesuche gestaltete sich auch als schwierig, einige wenige Fragmente mussten deshalb neu angefertigt werden, sie wurden dementsprechend mit „NB“ gekennzeichnet.


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Auch im Motor herrschte Chaos und es floß eine Menge Schweiß, bevor der sich wieder an die viertaktende Arbeit machen konnte: viele Ersatzteile mussten beschafft, verbaut oder überarbeitet werden. Die Nockenwelle war nicht mehr zu retten, hier dreht sich jetzt ein Nachbauteil. Die Kurbelwelle wurde geschliffen und wieder verwendet, ebenso die Ventile. Originale Ersatzteile kamen in Form der Kolben, Pleuel- und Hauptlager hinzu. Das Getriebe bekam einen „neuen“ Zahnradsatz aus Altbestand,  auch ein passender Scheinwerfer ließ sich auftreiben. Alle Kabel wurden neu verlegt, und zwar aus einem Altbestand mit Leinengewebe.


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Weil auch die in der Charta geforderte Dokumentation erstellt wurde, weiß Preuner, dass exakt 818 Arbeitsstunden für die Restauration angefallen sind, dazu kommen 90 Fahrstunden über insgesamt 5000 Kilometer für die Ersatzeilbeschaffung. Ein gewaltiger Aufwand, dafür gibt es jetzt wieder eine weitere 800er Puch, von der man sagen kann, sie habe weitgehend im Originalzustand überlebt.


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Wer sehen will, wie das Innenleben dieser 800er aussieht, oder von anderen überlebenden Puch Vierzylindern lesen möchte - oder wer sich davon überzeugen will, dass es in der Pionierzeit noch hubraumstärkere Vorfahren dieses Elefanten gab – dem sei das im Verlag Brüder Hollinek erschienene Buch „aufbewahrt und wiederbelebt – Puch Motorräder 1900 - 1940“ empfohlen. Natürlich geht es darin nicht nur um die „großen“ Puchs, fast alle vor dem zweiten Weltkrieg erschienen Typen werden in vielen farbigen Abbildungen und Texten portraitiert. Info: www.Hollinek.at .

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