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Sonntag, 25. Juni 2017
Gummi auf Rädern Drucken E-Mail
Geschrieben von Martin Winterle   

Heft bestellen - Gummi auf Rädern

Von Gummibändern (nicht Gummibärchen!) über Dichtungen bis hin zu Autoreifen – Gummi ist elastisch, formbar und langlebig. Gummi ist ein Universalgenie, es kommt nur drauf an, was man draus macht. Warum nicht gleich ganze (Spielzeug-) Autos. Tatsächlich waren die ersten, in den späten 1950er Jahren, von TOMTE LAERDAL in Stavanger, Norwegen hergestellten Modelle aus – Gummi. Auf der Suche nach neuen Materialien  war der, eigentlich in der Plastikbranche, angesiedelte Betrieb, auf Gummi gekommen. Es wurden fünf relativ große Automodelle in 1:30 bzw. 1:24 hergestellt. Solche größeren Ausführungen wurden auch später, nicht nur von Tomte Laerdal, aus Vinyl hergestellt. Sie sind teilweise teure Sammlerstücke geworden. Echte Gummiautos sind sehr selten zu finden und daher gesucht. Sie waren kein kommerzieller Erfolg und das weiche Material befriedigte nicht. Um 1963 stellte Tomte Laerdal daher mit grandiosem Erfolg auf Vinyl (Polyvinylchlorid, PVC) als Rohstoff um.

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Das Synonym – Gummiauto – aber blieb haften, breitete sich wie Kletten auf alle gleichartigen Produkte der dazugekommen Mitanbieter aus. Selbst wenn diese von Anfang an Vinyl als Material einsetzten. Vinylautos wurden in der Zeit von 1963 bis etwa 1980, teilweise in Millionenauflagen hergestellt. Sie endeten, mangels Nachfrage, zeitgleich mit den meisten anderen klassischen Spielzeugautos aus Zinkdruckguss bzw. Plastik.


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In der Kinderzeit der mittlerweile 50+ Generation waren Fachgeschäfte die Adressen für die Beschaffung des alltäglich Wichtigen. Neben dem Kreisler, der Drogerie, dem Kleidergeschäft natürlich auch der Haushaltswarenladen. Dieser führte für Kinder neben Plastikspielzeug für den hauseigenen Sandhaufen (den Strand von Jesolo kannte nur die im Küchenkastenfenster eingeklemmte, halbvergilbe Ansichtskarte), auch etwa 10 cm große Spielzeugautos. War der Hersteller Tomte Laerdal, so wurden sie in einer bunten Schachtel zu 18 Stück angeboten. Kamen sie von Vinyl Line, so war ein größerer, runder, durchsichtiger Plastikbehälter der Anziehungspunkt schlechthin. War dieser magische Plexiglasturm noch einigermaßen voll, konnte die Illusion, noch ein grünes oder gar ein seltenes weißes Teil daraus hervor zaubern zu können, um Sekunden länger aufrechterhalten werden, als bei einem noch so einladenden Präsentationskarton, der auf den ersten Blick bereits nur noch rote, orange oder gelbe Autos offerierte. Dafür aber bereits mit einigen leeren Feldern daran erinnerte, wieder einmal zu spät gekommen zu sein. Mitte der 1960er Jahre kostete ein Stück bei uns 5,- Schilling, in Deutschland lediglich 50 Pfennige. Das war vor einem halben Jahrhundert genau der Grenzwert, den meine Großmutter als Mitbringsel ohne besonderen Anlass akzeptierte. So durfte ich fallweise ein solches – Gummiauto – wie sie es nannte, aussuchen. So ein Auswahlverfahren konnte sich, wegen der schwerwiegenden Entscheidung, zeitlich gewaltig in die Länge ziehen. Diese Spielzeuge waren universell einsetzbar. Bei gutem Wetter auf selbstgebauten Straßen aus Sand und auf Waldboden genauso wie im Winter unter dem Küchentisch in Verbindung mit Garagen und Häusern aus Tischlerholzabfällen. Letztere wanderten in steter Gleichmäßigkeit in den Sparherd, wenn ich mit aufräumen nicht schnell genug war.


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Unter längerem Druck verformten sich die Modelle gern und übermäßiges Sonnenlicht bleichte sie aus. Die Plexiglasscheiben der Cabrios gingen eigene Wege und die Zapfen der Anhängerkupplungen hielten auch nicht ewig. Wirklich ärgerlich sind aber abgetrennte Köpfe der Besatzungen. Solche Exemplare gehören in den Müll. Sie sind weder sammelwürdig noch für spielende (Klein)Kinder geeignet. Bei diesen sind sie heute übrigens wieder genau so beliebt, wie vor 25 Jahren bei deren Vätern und diese hatten die bunten Gummiteile ja schon von der Generation zuvor geerbt.


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Interessant gestaltet sich die Forschung nach Herstellern, Modellen, Farbvarianten, Vorlagemodellen, Abarten und Bauzeiträumen. Die fünf wichtigsten Produzenten sind schnell aufgezählt:

TOMTE LAERDAL aus Stavanger, Norwegen produzierte etwa von 1958 bis 1978.

GALANITE aus Löddeköpinge, Schweden produzierte etwa von 1966 bis 1979.

AK STELCO / VINIL LINE aus Fürth, Deutschland produzierte etwa 1968 bis 1979.

NP NORDDEUTSCHE PLASTIK aus Hamburg, Deutschland produzierte von? bis ?

MINIFLEX aus Hongkong produzierte meist nur Nachgüsse von etwa 1965 bis 1977.

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Diese wurden im Maßstab 1/42 bis 1/45, die LKW Modelle in 1/50 bis 1/60 gegossen. Von Stelco / Vinyl Line gab es auch 1zu43 große Laster. Etwa größengleich mit den Vorlagemodellen, da diese ja als Negativform zur Verfügung standen. Das Farbenangebot war abgesehen von gelb, orange, rot und blau – diese Farben, in den unterschiedlichsten Nuancen – boten alle Hersteller an, unterschiedlich. Vor allem was die Seltenheit angeht. Ein grünes Tomte Laerdal Modell ist selten, eines von Vinyl Line dagegen überhaupt nicht. Kommt ein weißes oder cremefarbiges Tomte Laerdal Teil einem Albino unter den Hirschen gleich, ist diese Farbe bei anderen Produzenten bestenfalls nur nicht häufig zu finden.

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Modelle in grau, lila, violett und (dunkel)blaugrün sind z.B. von Vinyl Line nichts Besonderes. Bei allen anderen Herstellern aber sehr wohl. Eine interessante farbliche Ausnahme stellt das Tomte Laerdal Feuerwehrauto Nr. 4 dar. Auch wenn die Basis in Gelb oder Blau gepresst war, wurde anschließend ein Teil der Auflage in Rot nachbehandelt. Ein Feuerwehrauto hat nun einmal rot zu sein – pasta!

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Auch als Werbeträger sind sie aus dem skandinavischen Raum bekannt. Materialbedingt rieben sich diese Lackaufdrucke aber beim Spielbetrieb bis zur Unkenntlichkeit ab. Es gibt auch Ausführungen mit bemalten Scheiben, Figuren u. Stoßstangen.

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 Die Originale zu den Druckformen lieferte alles, was in der Spielzeug Autobranche Rang und Namen hatte: Corgi Toys, Dinky Toys, Spot-on, Matchbox, Solido, Norev, Tekno usw. Für Sammler und Kenner ist es ein Leichtes, die passenden Verbindungen herzustellen. Aber es existieren auch abweichende Größen, was auf überarbeitete Gussnegative schließen lässt. So gibt es beispielsweise den Mercedes Benz 180 von Tomte Laerdal Nr. 9 in 95x39mm bzw. in 90x35mm. Er basiert auf dem wunderschönen Tekno Modell Nr. 723.


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Wer die Modelle aller fünf Hersteller sammelt, hat, wenn die Sammlung einigermaßen komplett ist, etwa 130 verschiedene Modelle zusammen getragen. Multipliziert man diese nun mit den einfachen Grundfarben – gelb, orange, rot und blau – so kommen Ca. 500 Stück zusammen. Wer es schafft, auch grüne, graue, violette, weiße bzw. creme farbige Gummiteile noch sein eigen zu nennen, kann locker stolze 600-700 Exemplare besitzen. Da sind aber Modifikationen, Abarten und Gusszufälligkeiten noch nicht berücksichtigt. In den hohlen Formen der Modelle kann man nach Zahlen, Beschriftungen und Hieroglyphen aller Art suchen. Das kann spannend wie graben in einem altrömischen Gräberfeld sein!


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Die Miniflex Modelle sind Plagiate von Tomte Laerdal und anderen Herstellern. Ihre Konturen sind erheblich weniger exakt gegossen als bei den Originalen und das Material verformt sich leicht. Die einzelnen Produzenten verbauten unterschiedliche, aber überwiegend schwarze, Rädertypen auf Edelstahlachsen. Es wurden aber auch, speziell bei den sog. Großmodellen rote, gelbe und andersfarbige Räder montiert.

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Die Beschaffbarkeit auf Flohmärkten, Modellautobörsen und im Internet ist keine Hexerei und führt auch nicht zwangsläufig zum wirtschaftlichen Ruin. Wer für ein normal farbiges Modell in guten und kompletten Zustand (Scheiben, Kranhacken, Figuren müssen in Ordnung sein), mehr als 5,- Euro pro Stück zahlt, ist selbst schuld. Sonderfarben und Großmodelle kosten natürlich teilweise erheblich mehr. Sie sind es aber auch wert. Wobei wir beim Preis wieder bei der magischen Zahl – 5 – angekommen währen. Nur das unsere heutige 5 exakt dem 13,7603 fachen unseres ehemaligen Schillings von damals entspricht.


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Während es Liebhaber für diese Spezies weltweit gibt, dürfte sich der harte Sammlerkern nördlich von Deutschland und Holland in Richtung Skandinavien befinden. Von dort kommen die Modelle ja her und wurden damals auch, in bei uns unbekannten, geplisterten Sets von 2 – 5 Modellen mit Figuren, Tankstellen, Verkehrszeichen usw. als Zubehör ausgeliefert.

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Die durchsichtigen Scheiben der Cabrios können farblich einen Stich ins blaue, orangebraune oder grüne haben. Sollte diese fehlen, ist dies kein Beinbruch. Mit einem intakten Modell als Muster beim Gummiwaren Fachhändler vortanzen, Stärke und event. Tönung vergleichen, um ein Kleingeld ein Reststücke mitnehmen. Daheim Scheibengröße ausmessen, mit Cutermesser heraustrennen, beim Vinylauto mit Stichel die Scheibenführung wegen möglicher Reste ausputzen. Nun gleichzeitig das Modell hinten und vorne nach unten durchbiegen, ein Tropfen Klebstoff in die Fassungsrinne geben, Ersatzscheibe eindrücken, beide Fahrzeugenden anschließend nach oben drücken, kurz halten – fertig.


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Die absolut für Waschmaschinen und Geschirrspüler tauglichen Spielzeuge lassen sich in diesen auch am besten reinigen. Die hohlen Innenräume der Karosseriekörper sind geradezu ein Paradies für Verschmutzungen von historischen Kaugummiresten bis hin zu versteinertem Meeressand. Diesen ist mit Zahnstocher, Geduld und WC-Reiniger beizukommen. Nach gründlicher Reinigung sind die bunten Spielzeuge auch für Kleinkinder und deren Großväter wieder spieltauglich.


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Sind Modelle verzogen so kann man folgendes probieren: mit starkem Gummiband oder Packschnur in die Gegenposition überspannen und ab in den Geschirrspüler. Den Vorgang event. 1-2mal wiederholen. Schadet nicht, hat aber schon gute Resultate gebracht. Das heimliche Mitsieden beim Kartoffel oder Würstel kochen, würde zwar denselben Effekt ergeben, die Hausfrauen schätzen das aber verwunderlicherweise nicht sonderlich (Erfahrungswert).


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Sollten die Figuren ein kopfloses Dasein fristen, ab in den Sondermüll damit. Nur im Fall einer seltenen Farbe kann versucht werden, schichtweise den Rest des Torsos mit einem Skalpell heraus zu schälen. Das Resultat sollte sich als Belegexemplar eignen.



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Die Vinylautos sind die einzige Spezies unter den Spielzeugautos, welche keinerlei Ansprüche an die Art der Aufbewahrung stellen. Sie sind in einer Schuhschachtel genau so glücklich wie in der Spielkiste. Ihr tatsächlicher Reiz geht von ihren bunten Farben, den spielerischen Erinnerungen und ihren lebensgroßen Vorbildern, gleichermaßen aus. Wie diese sind auch die Vinylautos heute Old- oder wenigstens Youngtimer, und damit Sammelns wert geworden.

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