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Donnerstag, 26. November 2020
Bugatti Preziosen im Schwarzwald unterwegs Drucken E-Mail
Geschrieben von Jürgen Schelling   

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Einige Spaziergänger in Kirchzarten bei Freiburg, im idyllischen Dreiländereck Deutschland, Schweiz und Frankreich gelegen, trauten ihren Augen kaum: Jede Menge Oldtimer, die man normalerweise nur aus dem Museum kennt, kamen ihnen auf der Landstraße entgegen. Alle Oldies gehören einer besonders berühmten Marke an – es sind Klassiker von Bugatti, dem französischen Luxus- und Sportwagenhersteller aus dem elsässischen Molsheim. Dort fand Mitte September das diesjährige Bugatti-Festival in Erinnerung an den 1881 in Mailand geborenen Autobauer Ettore Bugatti und seine legendären Fahrzeuge statt. Ein Großteil der in Molsheim versammelten Bugatti-Besitzer nahm die Einladung von Martin Waltz an, dem Chef des Oldtimer-Museums Volante, einen Ausflug auf eigener Achse in den Schwarzwald zu unternehmen und einen Zwischenstopp in Kirchzarten einzulegen.

 

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Dort sorgten mehr als 40 Klassiker im Wert von etlichen Millionen Euro vor dem Volante für großes Staunen bei den Zaungästen. Der Parkplatz vor dem Museum war so kurzzeitig für einige Stunden der wohl wertvollste Fahrzeug-Parkplatz der Welt. Unter die Oldtimer hatte sich auch ein Bugatti-Youngtimer gemischt: 1987 hatte der italienische Unternehmer Romano Artioli die Bugatti-Rechte gekauft und zwei Versionen seines Supersportwagen EB 110 bis 1995 produziert, bevor das Unternehmen pleiteging. Einer dieser EB 110 aus den frühen 1990er-Jahren war im typischen Bugatti-Blau zu sehen. Dieser Supersportwagen mit über 500 PS und vier Turboladern wurde allerdings in Italien und nicht im Elsass gebaut.

Besonders beeindruckend für die Zuschauer waren einige der geparkten Bugatti Typ 35 aus den 1920er-Jahren. Mit diesen offenen Renn- und Straßensportwagen begründete der französische Autobauer seinen legendären Ruf. Der Fahrzeugtyp war auch der erfolgreichste Rennwagen seiner Ära. In Kirchzarten konnten sowohl Fahrzeuge bestaunt werden, die fast in den Neuzustand restauriert waren. Einige unberührte Exemplare des Typs 35 stellten ihre beeindruckende Patina aber ebenfalls zur Schau. Diese nahezu unrestaurierten Exemplare ließen die Zuschauer so quasi eine Zeitreise in eine längst vergangene Automobil-Ära vor 90 Jahren erleben. Aber auch herrlich elegante Coupés oder Limousinen von Bugatti mit einem Design, das an die Art-déco-Ära erinnerte, waren in Kirchzarten zu sehen. Insgesamt wurden zwischen 1909 und 1956 nur rund 8700 Bugatti gebaut, von denen noch etwa 1500 existieren sollen.

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Für Volante-Museumschef Martin Waltz besonders von Interesse war auch ein seltener Bugatti mit spezieller Vanvooren-Karosserie. Bugatti bot in den 1930ern anders als andere Luxuswagenhersteller dieser Zeit für die eigenen Chassis auch vier selbst entworfene Karosserietypen an. Das in Kirchzarten gezeigte Bugatti-Sportcabriolet mit Vanvooren-Aufbau ist daher ein absolut seltenes Exemplar. Waltz ist Experte für die Fahrzeuge des Pariser Nobel-Carrossiers Vanvooren und beherbergt in seinem Volante-Museum die weltgrößte Sammlung dieser Unikate. Der ehemalige Kutschenbauer stattete vor allem in den 1930er-Jahren Luxuswagen von Bugatti, Hispano-Suiza, Delage, Rolls-Royce und Bentley mit seinen individuell angefertigten Karosserien aus. Die Teilnehmer des internationalen Bugatti-Festivals, darunter Österreicher, Schweizer, Niederländer, Deutsche und Franzosen, hatten zuvor in Molsheim an den 1947 verstorbenen Firmengründer erinnert. Ettore Bugatti war ein absolutes Multitalent: Er hatte nicht nur Autos konstruiert, in seiner Fabrik entstanden auch Luxuszüge für die französische Eisenbahn oder Rennboote. Was nur wenige wissen: Bugatti ging 1936 auch unter die Flugzeugkonstrukteure. Sein zweimotoriges Rennflugzeug P100 entstand als Prototyp und sollte einen Geschwindigkeitsrekord mit errechneten 800 km/h erreichen. Zwei 450 PS starke Motoren treiben in der P100 jeweils einen der beiden gegenläufigen Propeller an, die Maschine ist extrem aerodynamisch geformt und sieht trotz der beiden Triebwerke aus wie ein einmotoriges Flugzeug. Durch die Kriegswirren gelang es nicht mehr, die Maschine zum Fliegen zu bringen. Erst 2015 ging ein originalgetreuer Nachbau dieses Bugatti-Flugzeugs in den USA die Luft. Tragischerweise stürzte der Pilot und Mitbegründer des Projekts gut vier Wochen vor dem Bugatti-Festival im Sommer 2016 mit der einsitzigen Maschine im Rahmen des dritten Erprobungsfluges ab und kam dabei ums Leben.
Mit einer Reminiszenz an den genialen Konstrukteur und Designer in Form eines Fahrzeugkorso fand das Treffen im süddeutschen Kirchzarten ebenso wie im französischen Molsheim seinen gebührenden Abschluss.

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