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Freitag, 19. April 2019
Besuch der alten Dame Drucken E-Mail
Geschrieben von Andreas Oberweger   

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Eine österreichisch-schottische Kurzgeschichte ganz ohne Bezug zu Friedrich Dürrenmatt.

Vielleicht erinnern Sie sich, werte(r) LeserIn, an meine Geschichte Ende des Jahres 2011, als ich Ihnen berichtet habe, wie „Sie“ aus England nach Österreich übersiedelt ist. „Sie“ ist eigentlich ein Rover 16HP Saloon Baujahr 1947, den ich damals aus England importiert habe. Seither haben wir viel gemeinsam erlebt, waren Aufputz bei Hochzeiten, haben recht erfolgreich an zahlreichen Rallyes teilgenommen, waren gemeinsam auf Urlaub und haben bei den internationalen Rover-Treffen und auf Messen im wahrsten Sinne des Wortes geglänzt. Das ist aber eine andere Geschichte.


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Es muss Ende 2014 gewesen sein, als mich der sprichwörtliche Hafer gestochen hat und seither ist mir ein Vorhaben nicht mehr aus dem Sinn gegangen: Back to where it all began! Zurück zu den Ursprüngen sozusagen. Ja, man muss dazu schon ein wenig verrückt sein und es muss sich „auszahlen“, ein solches Unterfangen zu starten. Ich dachte, es zahlt sich aus! Immerhin war mein Rover 16 Erstbesitz und das Privatauto des Earl of Home (sprich Hium), Abgeordneter zum Britischen Unterhaus und späteren Premierminister Alexander Douglas-Home. Der ehrenwerte Herr aus der Upperclass ist zwar bereits 1995 gestorben, aber da gibt’s noch den „Junior“, David Douglas-Home, der als kleiner Bub das Auto gesehen und genutzt haben muss und der noch im Familiensitz wohnt. Was liegt also näher, als einem Mitglied des britischen Hochadels einen Brief zu schreiben und anzufragen, ob es nicht vielleicht ein Familienfoto mit Auto gibt und dass man gerne aus gegebenem Anlass auf einen Tratsch vorbei kommen würde? Nichts! Und siehe da, es kam eine Antwort und ein Foto vom Foto.


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Dass es dazu erst mit einem Jahr Verzögerung gekommen ist und ein paar Mitreisende abgesprungen sind, sei nur am Rande erwähnt, aber im Sommer 2017 war es dann endlich soweit …

Habe ich Sie jetzt so lange mit meiner Einleitung fesseln können, dass ich jetzt zur eigentlichen Geschichte wechseln kann? Gut, dann los!

Mein Rover 16 und ich wollten zusammen mit der besten aller Ehefrauen zurück nach Schottland, genauer nach Coldstream, ganz genau zum Familiensitz The Hirsel fahren, Urlaub machen und eine Tasse Tee mit dem Earl of Home trinken.


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Kurzes Zahlenspiel: 2017 minus Baujahr 1947 = 70 Jahre. Distanz rund 1.800 km je Richtung + Rundreise ergibt ca. 5.000 km. Ein bisschen viel für drei Wochen und einen erholsamen Urlaub! Also An- und Abreise bis Ijmuiden (NL) auf dem Anhänger, von dort Fähre nach Newcastle (GB) und dann auf eigener Achse weiter. Ich verrate es vorweg, es waren dann doch noch 1.340 Meilen oder 2.200 km, die wir in 14 Tagen in Schottland unter die Räder genommen haben. Für einen Rover, „One of Britain’s Fine Cars“ und uns eine Kleinigkeit ;-).


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Genauso langweilig wie private Urlaubsfotos können Reiseberichte sein, weshalb ich Sie, werte LeserInnen, nur im Telegrammstil einmal quer durch Schottland mitnehme: Newcastle – Coldstream (der Earl war nicht daheim, die Fotos aber schön) – Edinburgh – Falkirk – St. Andrews – Dundee – Braemar – Inverurie – Lossiemouth – Inverness – Cromarty – Strathpeffer – Loch Torridon – Invergarry – Fort William – Killin – Loch Katrine – Luss – Dunoon – Glasgow – Gretna Green – Newcastle war im Groben unsere Route. Geben Sie’s in einen Routenplaner ein und Sie werden sehen, welche Highlights der Geschichte und der Gegenwart sich da wie Perlen auf der Schnur aneinander reihen:


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Edinburgh, eine schöne, altmodische Stadt, in der nicht nur die königliche Yacht Britannia glänzt, die Firth of Forth Brücken, jede für sich ein technisches Meisterwerk, das Schiffshebewerk in Falkirk genauso wie der Helix Park und die Kelpies-Skulpturen. Übrigens, Schottlands Nationalgericht Haggis ist weit schmackhafter, als sein Ruf vermuten lässt. In Form von „Bonbons“ als Vorspeise schmecken Schafsmagen und andere Innereien einfach gut. Dann haben wir die Epoche gewechselt und haben St. Andrews mit seiner Universität (und dem Golfplatz) besucht, haben der Queen Mum einen Besuch in Glamis Castle abgestattet, wollten als echte Österreicher natürlich in Glenshee Schi fahren, waren ein wenig enttäuscht von Balmoral, weil man das Schloss kaum von innen sieht und haben dann selbst in Pittodrie House königlich genächtigt. So wie Haggis gehören auch der Whisky und die Schafwollprodukte untrennbar zu Schottland, wobei wahrscheinlich der Single Malt die größte Fangemeinde hat. Trotz größter Anstrengungen bei Glenlivet gehören wir aber immer noch nicht dazu, viel eher aber zu denen, die Harris Tweed und gewachste Baumwolle als Klimazone und Wetterschutz schätzen. Apropos Wetter! Ja, auf unseren Urlaubsfotos gibt’s (auch) Regen und Wolken – einmal für drei Stunden Regen in zwei Wochen und die meiste Zeit sonnig mit nur leichter Bewölkung bei 15 bis 20° und wenig Wind. Von wegen „liquid sunshine“!


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So wie die alten Gemäuer gehört auch die technische Geschichte zu Schottland. Immerhin hat hier die industrielle Revolution mit der Erfindung des Webstuhls begonnen. Die Überbleibsel dieser Zeit sind besser greifbar, als die Geschichte von Nessie und dem Highlander, aber beide ziehen sicher mehr Touristen an, als das alte Eisen industrieller Denkmäler.

Bisher hatte unser Rover bestens durchgehalten und je weiter wir nach Norden gekommen sind, desto besser waren die Straßen, zumindest was die Geometrie der Schlaglöcher betroffen hat. Aber in Cromarty mussten wir aufgeben, uns der Technik nach einer halben Stunde warten geschlagen geben. Auf der Fähre nach Balnapaling finden zwei Autos Platz und die waren leider schon vor mir da – also warten, bis das Schiff wieder zurück ist. Und der Knick zwischen dem Ufer und der Auffahrtsklappe ist einfach zu steil für uns, der Rover sitzt nicht nur mit dem Auspuff auf, während die Vorderräder auf dem Schiff und die Hinterräder an Land sind. Dass die Wellen das Schiff auch kräftig bewegen, bewegt mich dazu, den Rückwärtsgang einzulegen und das Abenteuer abzubrechen, bevor etwas gröber schief geht.


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Unserer Tradition, auf jeder Reise eine Fähre zu benutzen, folgen wir dann später in Corran, nach einer wunderbaren Runde um Loch Eil und einem Blick auf den Glenfinnan Viaduct, der spätestens nach den Abenteuern von Harry Potter im Hogwarts Express weltweit bekannt geworden ist.

Bleiben wir noch ein wenig bei der Technik. In den schottischen Highlands übt die Airforce den Tiefflug und es darf einen nicht überraschen, wenn urplötzlich im Rückspiegel des Autos (!) ein Jet oder eine Herkules auftaucht, ohne zu blinken rechts, links oder oben überholen und genauso schnell zwischen den Gipfeln verschwinden, wie sie gekommen sind. Wenigstens die Spitfire im Kevingrove Art Museum in Glasgow hängt still von der Decke.


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Damit kürze ich schon zum Ende der Reise ab. Glasgow – eine vielseitige, moderne Metropole, die alleine schon einen Besuch wert ist. Uns hat sie jedenfalls von Anfang an in ihren Bann gezogen, nicht nur wegen der ausgestellten Rover im Riverside Museum. Hier endet auch der Bogen der britisch/schottischen Geschichte, von der Unberührtheit der sagenumwobenen Natur, von den historischen Gemäuern und den Royals über die Vorreiterrolle bei der Technisierung unserer Gesellschaft bis hin zum modernen Teil einer Europäischen Gemeinschaft.

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 70 Jahre nach seiner Auslieferung, 70 Jahre nach der Verwendung durch einen sehr pro-europäischen britischen Premierminister (der konservativen Partei) ist (m)ein Rover 16 wieder „daheim“ auf der Insel gewesen, hat uns sicher und zuverlässig durch moderne urbane Bereiche und auch durch abgelegene Gegenden gebracht, hat uns Zeitzeugen und Beiläufigkeiten eines wunderschönen Landes gezeigt. Ich bin stolz, mit meinem Rover kleiner Teil dieser Geschichte zu sein und freue mich schon auf das nächste Abenteuer, das wir gemeinsam erleben dürfen.

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