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Samstag, 24. August 2019
Der Hundertjährige, der nicht aus dem Fenster sprang, sondern über die Alpen fuhr ... Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Prochazka   

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100 Jahre BUICK E-6-45 – das musste im Rahmen einer Ausfahrt über die Alpen gefeiert werden. Der Start der Tour – die alljährliche Pässefahrt der Oldtimer Vereinigung Internationaler Pässefahrer war in Hinterglemm – unser Treffpunkt im Hotel Alpine Palace der Familie Wolf.

Aufgrund seines Alters durfte der Buick in der Rezeption des Hotels abgestellt werden (auf Teppichboden weich und nicht dem Gewitter ausgesetzt …). Er wurde vom Hotelpersonal gereinigt und erhielt nach dem Abendessen einen vergoldeten Lorbeerkranz – und das schon, bevor wir die ersten wirklichen Berge überwunden hatten! – daher kommt vermutlich das Wort „Vorschusslorbeeren“ …

Während die Fahrt über Kaprun nach Gerlos eher den Schwierigkeitsgrad einer Operettenouvertüre darstellte, ging es ab Gerlos dann ans „Eingemachte“: Zunächst von Gerlos runter ins Zillertal – bei nur zwei Bremsen auf den Hinterrädern und ca 1,8 Tonnen Gewicht, eine Aufgabe, die nur mit innerer Ruhe bewältigbar ist – done! Und jetzt begann die Herausforderung: in einem Fahrtag über Innsbruck, den Reschenpass und den Umbrailpass nach Bormio ins nächste Hotel zu kommen. Zunächst durch Innsbruck – da ich keine Autobahnvignette hatte – durch Innsbruck Stadt! Eine wirkliche Herausforderung für den alten Herren – stop and go – stop and go, und so weiter – aber der Motor hat nicht gekocht … ich war zart genug mit meiner Fahrweise. Weiter über den Reschenpass – nachdem der Buick vollgetankt war (Benzin UND Wasser) – kein Problem. Wirklich Pause war keine drinnen – hatte noch den Umbrail (2.650 m) zu bewältigen über eine 12 km lange Passstraße mit einer durchschnittlichen Steigung von 12%. Beim Stausee mit der versunkenen Kirche bei großer Hitze daher nur einen „Pitstop“ eingelegt und Wasser gekauft. An der Schweizer Grenze wollte ich meinen Reisepass hervor holen, der Zöllner aber meinte – ich sei sicherlich kein Terrorist, sondern ein Masochist – mit so einem Fahrzeug den Umbrail befahren zu wollen, und plötzlich war ich auf der Passstraße auf den Umbrail. Ich hatte weder voll getankt, noch Wasser in den Kühler nachgefüllt – das sollte sich bald rächen. Nach ca. 10 km starker Steigung mit nur kurzen „Verschnaufpausen“ für die Kühlertemperatur, erreichte ich einen Almboden in etwa 2.500 m Seehöhe – bereits mit Aussicht auf den Passübergang – nur noch wenige Kehren entfernt! Da kochte der Buick dann wirklich – aber wie: Er dampfte über das Überlaufrohr! Warten war angesagt. Das war die Antwort für mein „schleißiges“ Verhalten gegenüber dem 100-Jährigen. Nach der Abkühlphase holte ich Wasser aus dem nahen Bach und füllte den Kühler wieder voll. Der Motor ließ sich trotz abkühlen nicht starten; die eingebaute elektrische Benzinpumpe schaffte es nicht, Benzin vom fast leeren Tank nach vorne zu pumpen. Zum Glück fuhren auf dieser Tour auch stärkere und etwas modernere Fahrzeuge mit. Walter Kuba, unser Reiseleiter, half durch kurzes Anschleppen und der Motor lief wieder. Die Abfahrt nach Bormio verlief problemlos. Nach 320 km und 10 Stunden reiner Fahrtzeit (ich ernährte mich von einem Schokoriegel und lauwarmem bzw. heißem Wasser …) erreichte ich etwas „ausgetrocknet“ das Ziel in Bormio. Und wieder gab’s eine 100-Jahrfeier im Hotel – „bella machina cento anni“ – es wurde ausgiebigst gefeiert.


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Der nächste Tag war fahrtechnisch einer der leichteren Sorte – der landschaftlich wunderschöne Mortirolopass und der Aprica Pass wurden befahren. Viele Fotos geschossen und mittags gab’s Pizza und Vino rosso de la Casa am Aprica Pass. Während der Rückfahrt nach Bormio fiel mir das ungleiche Bremsverhalten auf – nein – es war nicht der gute Vino rosso de al Casa – nein, es war wie ich dann am Abend feststellen musste, Öl in der rechten Bremstrommel, als nur begrenzte Bremswirkung von Fuss- und Handbremse! Und das vor dem wohl schwierigsten Teil der Tour. Es standen am nächsten Tag ca. 300 km Fahrt am Programm und insgesamt vier Passstraßen der schwierigeren Kategorie (Gaviapass, Tonalepass, Seiser Alm, Grödner Joch …). Zeit für einen Aufenthalt in der Werkstatt war da keine.

ABER: Ein Kriegsveteran wie der Buick gibt nicht auf! Die Geschichte meines E-6-45 war schon vor der Entstehung des E-6-45 eine Turbulente: Die von mir gefahrene Type E-6-45 war ursprünglich eine für die russische Armee als Lastwagen vorgesehene Type – stärkerer Motor, größerer Rahmen und „NONSKID“-Reifen, mit welchen man auch durch „Gatsch“ fahren können sollte, ohne stecken zu bleiben (grau mein Freund ist alle Theorie und grün der Baum des Lebens). Der Aufbau sollte in Russland hergestellt werden. Freunde in den USA haben mir dann auch einen Kilometertacho mit russischer Schrift geschenkt – eines der Überbleibsel von den seit 1915 laufenden russischen Aufträgen für Buick LKW (Lieferumfang waren pro Jahr etwa 1.300 LKW). Der Tacho funktioniert auch noch heute besser als der bei Übernahme eingebaute Meilentacho.

Die Oktoberrevolution aber hatte den Auftrag „obsolet“ gemacht – das Zarenreich hatte aufgehört zu existieren, der Krieg gegen Österreich wurde beendet. So wurde das Fahrzeug der US Army – Motor Division of California – zugeteilt. Bei der Restauration einer Türe habe ich so einen Aufkleber am Holzrahmen beider Vordertüren gefunden.


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Bereits 1916 wurden Buick-Fahrzeuge mit einem Sanitätsaufbau ausgestattet und an die britische Armee ausgeliefert. Da die Amerikaner in den letzten Kriegsmonaten die Italienische Armee am Isonzo massiv unterstützten, dürfte mein Buick an der vorletzten und letzten Isonzoschlacht als Sanitätswagen teilgenommen haben. (Sonst wäre der Krieg am Isonzo wohl anders ausgegangen.) Der Buick als Sanitätsfahrzeug war jedenfalls verletzten amerikanischen und britischen Offizieren vorbehalten. In der Bücherei des Buick Heritage Clubs in Hershey habe ich dann bestätigt bekommen, dass die für Russland vorgesehenen Fahrzeuge tatsächlich an der italienisch-österreichischen Front als LazarettTransportwagen eingesetzt waren.

Und – man glaubt es nicht – im Schloss Miramare fand ich bei einer der Touren ein Photobuch, in welchem ein (mein?) Buick als Sanitätslastwagen im Frühjahr 1918 fotografiert war.

Bei der Neulackierung haben wir am Blech am Rahmen auch die zugelöteten Montagelöcher für den Sanitätsaufbau gefunden. Dass dieses Fahrzeug im Einsatz an der Front gewesen ist, zeugt ein Einschussloch im Motor: Bei der Motorüberholung 2010 wurde der Motorblock in ein Säurebad gesteckt und das löste die seinerzeit provisorisch vorgenommene Reparatur auf. Das Einschussloch kam zum Vorschein. So war es eben bei derartigen Zwischenfällen: Wenn man weiterfahren wollte (vor allem wenn einem der Feind im Nacken saß), dann musste man improvisieren: Brot wurde mit einem Benzin-Wassergemisch getränkt und ins Loch gestopft – die übliche Vorgangsweise bei lecken Tanks „und sonstigen Lecks“ zur damaligen Zeit. Das Material wurde durch Trocknen steinhart und hat lange Jahre gut gedichtet … in meinem Fall 92 Jahre!


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Aber zurück zur Tour – ich wagte die Fahrt über den Gaviapass und die Talfahrt war dann weniger dramatisch als befürchtet. Denn eine Talfahrt war aufgrund der engen und nicht gerade mit einem tollen Belag ausgestatteten Straße ohnehin nur im Schritttempo möglich.

Weiter ging’s über den Tonale nach Trento und dann über die Autobahn nach Bozen. Da der Mendelpass nach den schweren Unwettern der vorangegangenen Nacht gesperrt war, musste ich die Autobahn nehmen. Wenn man in einer halbwegs brauchbaren Zeit bis Bozen kommen sollte, dann war ein Durchfahren von Ortschaften auf der SS1 mit vielen Kreisverkehren eine zu große Zeitverschwendung. Immerhin hatte ich noch 170 km und zwei Pässe, darunter das Grödner Joch vor mir. Die Fahrt auf der Autobahn war ein neue Erfahrung: für die anderen Verkehrsteilnehmer – wer legt sich schon mit einem Buick an? Meine Reisegeschwindigkeit lag bei ca. 65 km/h, maximal 70 km/h, die der LKW-Kolonnen bei ca. 75 km/h. Man stelle sich eine Verkehrsdichte wie auf der Südosttangente vor, aber nur zweispurig – eine Spur mit einer fast geschlossenen LKW-Kolonne und eine Spur PKW, unterbrochen von LKW, die andere LKW mit einem Geschwindigkeitsunterschied von 2–3 km/h überholten. Der Buick und ich haben überlebt. Vor allem italienische und polnische Trucker waren vom Buick begeistert – beim Überholen blitzten die Kameralichter der Handykameras oder man sah ein Handy in einer ausgestreckten Hand. Die Urlauberkolonne in den PKW dürfte mich eher als Verkehrshindernis gesehen haben.


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Nach 80 km – endlich – Abfahrt von der Autobahn und rauf ging’s nach Kastelruth und über die Seiser Alm – wiederum ein heißer Tag und aufziehendes Gewitter. Diesmal war ich klüger. Getankt wurde neben Benzin auch Kühlerwasser und Vino rosso de la casa (gegessen hab’ ich auch was) und dann stellten wir uns der Herausforderung: Das Grödnerjoch!

Es gab insgesamt drei Gegenverkehrsabschnitte – und ich war für eine Durchfahrt in einem zu langsam. Bei ca 10% Steigung musste ich das Fahrzeug anhalten und wieder anfahren und das nach beinahe 300 km Fahrt, aufziehendem Gewitter und einer öligen Bremse. Wir erreichten aber den Kolfuschgerhof noch vor Beginn des Gewitters.

Den nächsten Tag verbrachte ich in einer Werkstatt in Alta Badia – Reinigung der Bremstrommel vom Getriebeöl, reinigen des Notabflusses für Öl – und Nachstellen der Ventile, denn mit verstellter Ventileinstellung ließ sich das Fahrzeug nicht starten, außer man findet sportliche Menschen, die die 1,8 Tonnen anschieben.

Die Fahrt über den Felbertauern zurück nach Hinterglemm (wo der Anhänger und das Zugfahrzeug standen), verlief problemlos – es war regnerisch und auf den Straßen wenig Urlauberverkehr. Dort erfolgte die Verladung des Buick und ab ging’s „huckepack“ in die Heimat, wo sich mein treuer Gefährte erholen konnte.


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Woher kam eigentlich das Buick-Konzept – Verlässlichkeit und Power? Der Gründer, David Dunbar Buick war ursprünglich im Installationsgeschäft tätig und hat dort zahlreiche Entwicklungen nicht nur erfunden, sondern auch erfolgreich umgesetzt. Buick und sein Ingenieur – Walter Marr – begannen in etwa ab 1898 Benzinmotoren zu entwickeln. Am Beginn der Entwicklung waren diese für den Einbau in Rennbooten vorgesehen und wurden auch als Stationärmotoren verwendet. 1901 entstand dann das erste „Buick Automobile“ mit einem sehr kräftigen Einzylindermotor. Mit dem patentierten Konzept „Valve in Head Engine“ Einzylindermotor gelang dann ein technischer Durchbruch und ein deutlicher Vorteil gegenüber dem Mitbewerb. Im Jahr 1903 wurden bereits 37 Fahrzeuge produziert. Mit Hilfe von Billy Durant, dem Gründer von General Motors, konnte genügend Geld aufgestellt werden und der Erfolg von Buick war damit gesichert. Ab 1906 nahm Buick regelmäßig und auch sehr erfolgreich an Rennen teil. Buick-Autos waren bekannt für ihre Qualität, ihre Stärke und vor allem für ihre Zuverlässigkeit. Im Buick Bulletin wurde regelmäßig über die Zuverlässigkeit von Buick-Fahrzeugen durch deren Benützer berichtet.

Und mein Baujahr 1918? Nach dem WWI ist über den weiteren Verbleib des Buick E-6-45 nichts Genaues bekannt. Er dürfte noch einige Jahre in Kalifornien im Einsatz gestanden sein, allerdings ohne Sanitätsaufbau und später dürfte er in einem Motormuseum in den USA gelandet sein.


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Der Buick kam 1982 über England per Luftfracht nach Österreich und wurde hier typisiert. Seit 2001 ist er in meinem Besitz und wurde nach Einstellarbeiten am Motor so weit getrimmt, dass sowohl die „Route Napoleon“ über die französischen und Schweizer Alpen, als auch die „Grande Route des Alpes“ mit dem Fahrzeug erfolgreich bewältigt werden konnten.

In den letzten 18 Jahren habe ich mit dem Buick mehr als 50.000 km zurück gelegt und bis auf einen Lagerbruch am Katschberg, der dann zu einem umfangreichen Motorservice führte, immer wieder den Weg nach Hause gefunden.

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