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Sonntag, 8. Dezember 2019
Zukunft war bereits gestern: Mr. Houdinas „American Wonder“ Drucken E-Mail
Geschrieben von Halwart Schrader   

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Wie bedauerlich, dass wir nicht Zeuge der Präsentation so mancher Erfindung wurden, die unseren Großeltern ein ungläubiges Staunen bescherte. Wie zum Beispiel ein Automobil, das sich vor 95 Jahren wie von Geisterhand durch das Verkehrsgewühl der Fifth Avenue im Zentrum von Manhattan fortbewegte – ohne dass jemand am Volant saß.

Am technischen Fortschritt

 
interessierte Amerikaner, die das an jenem Sonntagmorgen nicht mit eigenen Augen gesehen hatten, erhielten eine Vorahnung auf die autopilotierte Zukunft in der November-Ausgabe 1925 des Elektronik-Magazins Radio News, in der sie erfuhren, was der Reporter Herndon Green über ein „Radio-controlled Automobile“ zu berichten hatte.

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„Auf Knopfdruck konnte man vom zweiten Wagen aus die Hupe im ersten ertönen lassen …“

 
Begleitet war Herndon Greens Artikel von zwei Photos und einem Schaltplan, aus dem hervorging, wie die Fernsteuerung per Radiowellen bei dem American Wonder genannten Auto – es war ein in Milwaukee zugelassener 1925/26er Chandler Modell 6-65 – funktionierte. Die Technik kam von der Firma Houdina Radio Control Co. Der Elektrotechniker Francis P. Houdina und der Autohändler Achen aus Milwaukee hatten das Experiment gemeinsam erarbeitet. Der Erfinder hatte zuvor in einem kleinen Ort namens Kaukauna im fernen Wisconsin gelebt und gearbeitet, zwei Autostunden von Milwaukee entfernt. Für Houdinas Geschäft, erst im Januar 1925 in New York eröffnet, war das Projekt eine brillante Reklame.

Houdinas Demonstration fand am 12. Juli 1925 auf der New Yorker Fifth Avenue und dem Broadway statt; eine bessere Bühne als diese auch sonntags stark belebten Verkehrsadern in der City hätte es nicht geben können. Zwei Sender und zwei Empfänger auf verschiedenen Kurzwellen ließen das sorgfältig präparierte, mit Batterien und Gestängen bewährte sowie über und über verkabelte „Wunderauto“ starten, fahren, lenken und bremsen. Es war ein offener Tourer mit einer großen, rhombusförmigen Richtantenne. Die Distanz zum Operateur mit seinem Schaltkasten in einem hinterher fahrenden Wagen betrug rund zehn Meter.

„Auf Knopfdruck konnte man vom zweiten Wagen aus auch die Hupe im ersten ertönen lassen, das Licht ein- und ausschalten, die Kupplung betätigen und die Getriebegänge wechseln …“ Elf verschiedene Operationen waren programmiert.

Wie die New York Times zu berichteten wusste, habe es allerdings Beinahe-Kollisionen mit einem Feuerwehrwagen und mit dem Gefährt eines Milchmanns gegeben. Auch touchierte der ferngelenkte Chandler ein Fahrzeug, das mit mehreren Fotografen besetzt war. In ein paar weiteren Städten wie etwa in Boston – die Presse sprach in euphorischer Übertreibung von einer „transcontinental tour“ – gab es ebenfalls „Driverless“-Vorführungen, so im Dezember 1926, als die Firma Achen Motors in Milwaukee den von Houdina präparierten Chandler als „Phantom Car“ präsentierte. Eine letzte Demonstration fand im Juni 1932 zur Belustigung von Farmern und Viehhändlern auf einem Bauernmarkt in Fredericksburg, Virginia, statt.

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Ärger mit Harry


Einige Wochen nach der Broadway-Show im Juli 1925 erschien der berühmte, ebenfalls in New York lebende Magier und Entfesselungskünstler Harry Houdini im Labor seines Fast-Namensvetters und wiederholte seine bereits schriftlich geäußerte Aufforderung, Houdina möge seine Arbeit unter einem anderen Namen vermarkten, was dieser brüsk ablehnte. Daraufhin soll es zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen sein, bei der einiges Mobiliar und eine elektrische Tischlampe zu Bruch gingen … Der Zauberkünstler Houdini, Sohn ungarischer Emigranten, befürchtete Namensverwechslungen zu seinen Ungunsten. Houdina verklagte den Magier und dessen „schlagfertigen“ Begleiter Oscar Teale wegen Hausfriedensbruchs, doch es kam zu keinem Prozess, weil Houdina es versäumt hatte, zum Gerichtstermin zu erscheinen. Ganz von selbst, und zwar auch auf Umfeldeinflüsse selbsttätig reagierend und nicht allein durch menschliche Fernlenkung agierend, fuhr Houdinas American Wonder also nicht. Ein ähnliches Fahrzeug, ein im Auftrag der Armee mit Fernlenkung versehenes Dreirad, war in Dayton, Ohio, bereits 1921 entstanden, und nach dem Krieg waren es abermals die Amerikaner, die sich mit einem elektrischen „Auto-Guide-System“ dem autonomen Fahren schon dicht näherten: Spulen an den Vorderrädern eines GM-Versuchswagens nahmen Signale von Kabeln im Straßenbelag auf und hielten das Auto in der Spur. Bei General Motors hatte man 1939 die ersten Versuche in dieser Richtung unternommen und sie 1954–1960 fortgesetzt.

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Realitätsnahe Prognosen?


„So wird man in Zukunft überall reisen“, indem nämlich der Wagen auf einen Fahrer verzichten kann, hieß es in einem General-Motors-Werbefilm 1958. Nur weil sie eine Weile zurück liegt, ist diese Prognose keineswegs als Schnee von gestern abzutun. Im Gegenteil, sie erlebt jetzt, nach gut 60 Jahren, eine von Applaus begleitete Reaktivierung. Denn nun gehört die Gegenwart endlich der Vergangenheit an, die lang erwartete Zukunft hält – zum wiederholten Male – Einzug und mit ihr die Erwartung an eine ganz neue, uns noch tiefer ergreifende „Freude am Fahren“ – nein: am Gefahrenwerden durch intelligente Roboter. Der uns, so ganz nebenbei, auch noch ein Kaffeetscherl im Fond serviert und einen Strudel-to-go dazu.

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