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Samstag, 17. April 2021
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Geschrieben von Alexander Trimmel   

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FEI – Vorwärts in die Zukunft – Der brasilianische „Frontmotor-DeLorean“ von 1970

s ist dem fortschrittlich visionär denkenden Jesuitenpriester Roberto Sabóia de Medeiros zu verdanken, dass es die „FEI“ gibt. Dabei meine ich jedoch nicht die Automarke, deren Name von ebendort übernommen wurde, sondern die 1946 von ihm in Form einer Stiftung gegründeten „Faculdade de Engenharia Industrial“ in São Paulo, einer Schule für angewandte industrielle Wissenschaften, mit deren Hilfe Brasilien vom reinen Agrarland zur florierenden Industrienation aufsteigen sollte.

Nach nur zehn Jahren Aufbauarbeit gewann die „Industrielle Revolution“ Brasiliens, vor allem unter dem brasilianischen Präsidenten Juscelino Kubitschek, so richtig an Fahrt. Autohersteller, wie International Harvester, Willys Overland, General Motors, Chrysler, Ford, VW, DKW, Simca, Alfa und viele andere entdeckten Brasilien als Absatzmarkt und bauten Fabriken.


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Der Automobilsektor nahm eine immer wichtigere Rolle in der industriellen Entwicklung des Landes ein. Dank einer Landspende von Lavinia Gomes, der Frau des damaligen Bürgermeisters von São Paulo, konnte in den 1960er-Jahren ein neues Ausbildungszentrum der FEI, der „São Bernardo do Campo“, gegründet werden, welcher sich ausschließlich mit der Technologie und Entwicklung von Fahrzeugen beschäftigte. Einer der schillerndsten Schlüssellehrer der FEI war Rigoberto Soler Gisbert. Der gebürtige Spanier wanderte in den 50er-Jahren nach Brasilien aus. Davor war er beim staatlichen spanischen Automobilhersteller ENASA beschäftigt, der unter dem Namen „Pegaso“, vor allem LKWs und Busse herstellte. Gemeinsam mit Wifredo Ricart, dem ehemaligen Leiter der Entwicklungsabteilung von Alfa Romeo, entwarf er dort Sportwagen, die nicht nur die Leistungsfähigkeit der Marke in alle Welt hinausposaunen sollten, sondern auch zur innovativen Fortbildung der eigenen Mitarbeiter dienten.

Genau dieses Konzept übernahm Soler zur Ausbildung seiner Schüler der FEI, wo er ab 1968 als Leiter der neu geschaffenen Abteilung für Fahrzeugstudien und -forschung tätig war. Als seine Aufgabe galt es, den kreativen Geist und die kollektive Arbeit der Studenten zu fördern, diese zu strukturieren und in handwerklich Geschaffenes umzusetzen. So zeichnete er für einige der mutigsten und originellsten Projekte verantwortlich, die jemals im Bereich Kraftfahrzeuge in Brasilien konzipiert wurden.

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Sein erstes Schulprojekt von 1968, den FEI X-1, ein propellergetriebenes Amphibienfahrzeug mit einem Rumpf aus Holz, Renault-Gordini-Technik und Joystick zur Bedienung des hinteren Lenkruders, stellte er in nicht mehr als zwei Monaten Arbeitszeit mit seinen Schülern funktionsfähig auf die Räder. Gebremst wurde das Gefährt durch Umkehr der Propellerblätter. Zugegeben, dieses Fahrzeug war von einer möglichen Serienreife meilenweit entfernt, erweckte jedoch bei Regierungsvertretern mächtiges Aufsehen, um in FEI-Projekte und neue Technologien zu investieren.   

Der FEI X-3 hingegen war da schon aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Wie bei den berühmtesten italienischen Karosserie-Denglern bauten die Studenten eine Holzform, über welche Stahlbleche mittels schweißtreibender Handarbeit in Form gehämmert wurden. So fortschrittliche Sicherheitskomponenten wie integrierte Überrollbügel und Knautschzonen konnten von den Studenten in die nur 110 cm hohe Karosserie integriert werden. Für die Herstellung der beiden Stoßstangen verwendeten sie Aluminium, während Türen und Hauben aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestanden. Die Türen öffneten, wie beim ehrwürdigen Mercedes 300 SL, möwenschwingenartig nach oben. Ein weiteres Detail aus längst vergangener Benz-Le-Mans-Tradition stellte die Luftbremse auf dem Dach des Prototyps dar, die sich bei Betätigung der Fußbremse fast senkrecht gegen den Wind stemmte.


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Obwohl der eigentliche Entwurf vorsah, den X-3 in Monococque-Bauweise auszuführen, verwarf man dieses Konzept, zugunsten einer Stahlrahmen-Konstruktion und mittragender Karosserie. Á la Lamborghini Miura, wie die Schüler stolz betonten. Als erstes brasilianisches Auto wurde der FEI X-3 einem Test im Windkanal des „Instituto Tecnológico da Aeronáutica“ unterzogen. Nicht nur, um dessen Windschlüpfrigkeit festzustellen (Cw-Wert 0,32), sondern hauptsächlich um die Wirkung des längs als halbes Flügelprofil ausgebildeten flachen Unterbodens zu testen. Der X-3 war eines der ersten Straßenautos, die den Venturi-Effekt nutzten, um unter dem Fahrzeug eine vertikal nach unten gerichtete Kraft, den sogenannten Abtrieb, zu erzeugen. Sechs kleine Rechteckscheinwerfer flankierten einen schmalen Kühlluftausschnitt in der vorderen Stoßstange, die Heckleuchten fanden ihren gut sichtbaren Platz in den hochgezogen hinteren Seitenflanken.

Bei der eigentlichen Technik des Autos konnten aus finanziellen Gründen keine weitreichenden Experimente eingegangen werden. So stammte ein Großteil der verwendeten Teile von einem in Brasilien gebauten Dodge Dart. Der ursprünglich 198 PS starke Motor wurde, dank höherer Verdichtung und beidseitig außenliegender Doppelrohrauspuffanlage, auf stattliche 215 Pferdestärken aufgemotzt. Ein handgeschaltetes Dreiganggetriebe diente zur Kraftübertragung. Auch das Fahrwerk, mit Torsionsstabfederung vorne und starrer Hinterachse, entsprach dem Dart, wenngleich auch hinten Schraubenfedern anstatt der antiquierten Blattfedern ihren Dienst taten. Die vorderen Trommelbremsen des Dodge wichen ATE-Scheibenbremsen, hinten blieb alles beim Alten.


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Die Sitzposition befand sich im FEI X-3 nahezu über der Hinterachse. Auch der Motor wanderte, zwecks besserer Gewichtsverteilung, im Chassis weit nach hinten. Eine vollständige Instrumentierung platzierte man in einer ausladenden Mittelkonsole. Kühlbare, mehrfärbig gescheckte Ochsenhautledersitze erinnerten ein wenig an Brasiliens Agrarkultur.

Als 007-Feature ersetzten die Studiosi ein obligates Handschuhfach durch eine mondäne herausnehmbare Tragtasche, um sämtliche Geheimaufzeichnungen zu sichern. Eine geplante 8-mm-Kamera, die Fahraufnahmen liefern sollte, fiel dem Zeitdruck zum Opfer.

 Als Rigoberto Soler Gisbert 1970 den gelben FEI X-3 von seinem Entstehungsort, dem „São Bernardo do Campo“ zur siebten brasilianischen „Automobile Show“ in die Ausstellungshalle des „Parque do Anhembi“ chauffierte, kannte die Begeisterung der Bevölkerung keine Grenzen. Selbst der Präsident, Emílio Garrastazu Médici, war von dem 240 km/h schnellen Gaucho-Flitzer hingerissen. Solers Ziel, optimale Aufmerksamkeit zu erregen, hatte sich vollends erfüllt.


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1972 wurde der FEI X-3, nun zu Ehren der Schulgründerin „Lavinia“ genannt, nochmals auf dem „Salao do Automóvel“ präsentiert. Ein Studententeam machte sich in Tag- und Nachtarbeit daran, das Auto ein wenig „ziviler“ zu modifizieren. Der ochsige Innenraum fiel einfachem schwarzen Skai zum Opfer. Die grellgelbe Lackierung wich einer grün-weiß-goldenen. Danach verschwand der X-3 viele Jahre lang in den FEI-Katakomben.

Bis man das Auto 2004 wiederentdeckte und es abermals als Studentenprojekt, nun unter der Leitung von Professor Ricardo Bock, heranzog. Diesmal stand die fachgerechte Restaurierung auf dem Stundenplan. Als das Auto noch im selben Jahr bereits zum dritten Mal am Salon von São Paulo stand, erinnerte man sich mit großer Freude, welch mutiges Auto vor mehr als 30 Jahren an einem brasilianischen College ausgetüftelt werden konnte.

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