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Samstag, 17. April 2021
Völkerverständigung durch Oldtimer Drucken E-Mail
Geschrieben von Wolfgang Brandstetter   

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Wolfgang Brandstetter über eine vertrauenschaffende Liebhaberei

März 2015 Eine österreichische Regierungsdelegation, der ich als Justizminister angehöre, fährt unter Führung von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer auf Staatsbesuch nach China.

Das Programm ist sehr dicht, im Vorfeld wird mir mitgeteilt, dass ich vier Stunden Zeit für eine Besichtigung in Peking hätte. Das Außenministerium schlägt den Besuch eines Zoos mit Pandabären vor.

Ich habe jedoch einen anderen Wunsch. Die alte chinesische Staatslimousine „The Red Flag“, von der ich seit Jahren ein reizvolles Modell besitze, hätte ich gerne einmal im Original gesehen, und das müsste in Peking ja wohl möglich sein.

Mein Ansinnen stößt jedoch auf größte Skepsis bei meinen eigenen Mitarbeitern. Die Besichtigung eines alten Autos wird als nicht adäquat eingestuft, und man sagt mir, dass auch die Einschätzung der Beamten im Außenamt ähnlich wäre. Ich solle doch besser die Pandabären besichtigen, damit hätte die chinesische Seite sicher mehr Freude.


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Diese Reaktion weckt meinen Widerspruchsgeist, und ich bestehe erst recht auf die Oldtimer-besichtigung. Meine Argumente, dass die „Red Flag Limousine“ für die chinesische Identität ähnlich bedeutsam sei wie der Pandabär und es in Schönbrunn bereits Pandabären gäbe, während die chinesische Staatslimousine in ganz Europa nirgendwo zu sehen sei, überzeugen die Beamten nicht. Nur widerwillig leiten sie meinen ungewöhnlichen Wunsch an die chinesische Seite weiter, voller Skepsis und in Erwartung einer eher zurückhaltenden Reaktion.

Plötzlich die Wende. Meine Beamten berichten von einer überschwänglich positiven Antwort der chinesischen Seite. Man sei sehr erfreut darüber, dass ein österreichischer Minister Interesse an der alten und traditionsreichen chinesischen Staatslimousine zeige. Man würde mir daher gerne anbieten, nicht nur eine solche Limousine, sondern gleich mehrere davon in einem Museum in Peking zu besichtigen, wo sich auch andere klassische Fahrzeuge aus chinesischer Produktion befänden.

Meine Mitarbeiter zeigten sich mittlerweile von diesem Plan so begeistert, dass man direkt glauben hätte können, es wäre ihre Idee gewesen. Sie war jedenfalls ein Volltreffer.


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Neben intensiven Gesprächen mit der chinesischen Staatsspitze, bei denen sich unser Bundespräsident sehr konsequent für die Interessen österreichischer Unternehmen einsetzte, die Urheberrechtsverletzungen durch Kopien ihrer Produkte in China beklagten, eher schwierigen bilateralen Gesprächen mit der chinesischen Justizministerin über Todesstrafe und Menschenrechte und einem Vortrag vor erfrischend interessierten Studenten einer Universität in Peking über die Grundrechte in der EU, bekam ich von den chinesischen Behörden die einmalige Gelegenheit, das etwas außerhalb gelegene Automobilmuseum zu besichtigen, in dem die gesamte Geschichte der Fahrzeugproduktion in China anhand aller wesentlichen Produkte dargestellt wird.

Im Zentrum dabei erwartungsgemäß die Geschichte der „Red Flag“-Staatslimousine, die mir mit fachkundiger Führung erläutert wurde. Dabei durfte ich sogar in einer Stretchversion dieser Luxuslimo Platz nehmen, so wie einst die höchsten Staatsgäste und Funktionäre.

Interessant auch zu sehen, wie man die „Red Flag Limousine“ ab den 60er-Jahren entwickelte, nachdem man in den 50ern noch auf russische „Zil“-Limousinen zurückgriff, von denen eine – als „Geschenk Stalins“ tituliert – im Museum zu sehen ist.

Das Auto war in der Folge eine chinesische Eigenentwicklung, auf die man dort nach wie vor so stolz ist, dass man bis heute Limos unter diesem Namen und von verschiedenen Größen und Varianten produziert, mit moderner Technik, aber im „Retro-Look“ mit den charakteristischen Chromringen um die Scheinwerfer. Mit diesen Luxuslimos wurden wir im Rahmen des Staatsbesuchs auch chauffiert.

Ich kann den Stolz der Chinesen auf ihre Luxuslimousine sehr gut verstehen. Und dieses Verständnis und mein Interesse für dieses Fahrzeug öffnete mir so manche Tür, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wäre.


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Das Museum bietet darüber hinaus viel Interessantes über die anderen chinesischen Autos, die nicht nur den höchsten Amtsträgern vorbehalten waren, wie Honqui und Shanghai, die Militärfahrzeuge sowie die Motorräder, die ja teilweise auch bei uns bekannt sind.

Eine besondere Entdeckung war für mich ein offensichtlich aus Österreich stammender Austin A35, von dem man mir aber nicht sagen konnte, wie er seinen Weg nach China und in das Museum fand (sachdienliche Hinweise bitte an die Redaktion).

Oldtimer schaffen Sympathie und Vertrauen, auch in der Politik, wo das sehr hilfreich sein kann. Das hat nichts mit Naivität gegenüber den oft harten Fakten zu tun, denen man sich stellen muss. Aber jede Möglichkeit, einen konstruktiven Dialog auch über stark gegensätzliche Standpunkte zu führen, ist gut, und die Oldtimer waren da immer sehr hilfreich.

Ich glaube, dass man Oldtimerfreunden grundsätzlich einen Vertrauensvorschuss geben kann. Wo man schraubt, da lass Dich ruhig nieder …

 So gesehen ist es interessant, wenn auch aktive Politiker Oldtimer hegen und pflegen, das korreliert zumeist mit hohem Vertrauen und großer Wertschätzung. Dafür gibt es gute Beispiele in Österreich, über die Austro Classic demnächst berichten wird.

Auf internationaler Ebene ist gerade jetzt interessant zu wissen, dass der amerikanische Präsidentschaftskandidat Joe Biden einige schöne Oldtimer besitzt (Studebaker, Corvette Sting Ray), die er auch gerne selbst fährt.

Von Präsident Donald Trump ist nichts dergleichen bekannt …

Noch ein kleiner Tipp für Außen- und Bundeskanzleramt: Sollte es dazu kommen, dass Joe Biden Österreich als Präsident einen Besuch abstattet, dann wird man ihm gewiss Salzburg und die Drehorte des Films „Sound of Music“ zeigen wollen, das ist ein Klassiker wie der Besuch der Pandabären in China. Ich bin mir aber sicher, dass man Biden mit dem Besuch des Porsche-Museums in Mattsee, des Manro-Museums nahe Salzburg oder des Koller-Museums am Heldenberg nahe Wien mehr Freude machen würde. Und bei Letzterem könnte man die Lippizaner in ihrem Sommerquartier gleich auch noch besuchen.

PS: Auch unser Altbundespräsident Heinz Fischer konnte sich für einen bestimmten Oldtimer begeistern. Aber das ist eine andere Geschichte, demnächst in der AC.

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